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Woher kommt der Krebs? 20 Jahre Nachdenken über eine Krankheit, die immer häufiger wird

May 31, 2026 | 50 min | Science
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Junge, von Krankheit gezeichnete Frau mit kahlem Kopf sitzt nachdenklich auf einem Felsen im dunklen Wald

Über die Gifte in unserem Essen, das umgeschriebene Erbgut, das Geschäft mit der Angst und die simple Tatsache, dass kein Nahrungsergänzungsmittel der Welt eine Zigarette oder das Glas Wein wieder gutmacht

An einem Donnerstag im Mai schickt mir ein guter Freund, ein Mediziner aus Niederbayern, einen Artikel aus dem Spiegel. 5 Seiten, Heft 22, der Titel eine Frage, die ich mir seit über zwanzig Jahren stelle, und zwar fast täglich. Wo kommt er her, der Krebs? Auf den Fotos eine Frau, glatzköpfig, gezeichnet von der Chemotherapie, wie sie von der Besuchertribüne der Pariser Nationalversammlung auf die Abgeordneten hinunterschreit, sie seien die Verbündeten des Krebses. Eine Reportage über die Weinregionen Frankreichs, über Pestizide, über Menschen, die buchstäblich in den Rebzeilen wohnen und früh erkranken. Ich lese sie zu Ende und lege das Heft beiseite. Dann passiert etwas, das ich aus zwei Jahrzehnten kenne und trotzdem jedes Mal mit Staunen erlebe. Ein Bild, das ich seit Jahren im Kopf trage, dreht sich um 90 Grad und plötzlich passt alles ineinander.

Ich bin kein Mensch, der an Zufälle glaubt, wenn die Zahlen etwas anderes sagen. Und die Zahlen sagen seit Langem etwas, das die meisten lieber nicht hören. Krebs gab es immer. Das ist belegt, an Knochen, an Mumien, an antiken Schriften, der Krebs ist kein Kind der Moderne. Was ein Kind der Moderne ist, das ist seine Häufigkeit. In Frankreich, dem Land aus der Reportage, hat sich die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen zwischen 1990 und 2023 verdoppelt, auf 433.136 Fälle, ein Plus von 98 Prozent bei den Männern und 104 Prozent bei den Frauen (Santé publique France, 2023). Bevor jetzt jemand triumphierend mit dem Finger wedelt: Ja, der größte Teil dieser Verdopplung ist schlichte Demografie, wir werden mehr und wir werden älter, und der Anteil, der wirklich auf ein gestiegenes Erkrankungsrisiko zurückgeht, liegt bei den Männern bei 20 Prozent und bei den Frauen bei 47 Prozent. Aber genau dieser Rest ist der Punkt. Ein knapp halbierter Risikozuwachs bei Frauen über 3 Jahrzehnte ist kein Rauschen. Das ist ein Signal.

Dass der Krebs uralt ist, lässt sich an Knochen ablesen, die Jahrtausende in der Erde lagen. Paläopathologen haben Tumorspuren an ägyptischen Mumien gefunden, der griechische Arzt Hippokrates prägte den Begriff karkinos, den Krebs, weil die Geschwüre mit ihren Ausläufern ihn an die Beine eines Krebstiers erinnerten. Der Krebs war also schon da, als noch niemand ein Pestizid kannte, als der Zucker ein Luxus für Könige war, als die Luft nichts enthielt außer Rauch von Holzfeuern. Wer behauptet, der Krebs sei eine reine Erfindung der Moderne, der irrt, und ich will diesen Irrtum nicht nähren. Was sich geändert hat, ist nicht das Ob, sondern das Wie oft. Eine Krankheit, die früher ein seltener Begleiter des hohen Alters war, ist zu einem Massenphänomen geworden, das auch Junge, auch Kinder, auch jene trifft, die nach allen Regeln vorbildlich leben. Genau diese Verschiebung von selten zu häufig ist es, die nach einer Erklärung verlangt, und genau diese Erklärung liefert das Alter allein nicht.

Dieser Beitrag fasst zusammen, was ich in über zwanzig Jahren in diversen Ordnern gesammelt habe, gut strukturiert, wissenschaftliche Veröffentlichung neben wissenschaftlicher Veröffentlichung. Er ist keine ärztliche Beratung und ersetzt keinen Arztbesuch. Er geht vor allem der Entstehung von Krebs nach und kaum der Behandlung, und das hat einen Grund, auf den ich später komme, einen Grund, der mit meiner tiefen Abneigung gegen ein bestimmtes Geschäftsmodell zu tun hat. Was jetzt kommt, ist die ehrlichste Bestandsaufnahme, die ich geben kann. Was hatte der Homo Sapiens vor 50.000 Jahren, das wir heute nicht mehr haben? Und was hat er heute, das er damals nicht hatte? Die Antwort auf beide Fragen ist dieselbe, und sie ist unbequem.

Ich gehe die Sache so an, wie ich jeden Fall angehe, an dem ich je gearbeitet habe. Nicht von der Schlagzeile her, sondern von der Spur. Der Spiegel hat eine Aktivistin und eine Weinregion, das ist die Schlagzeile. Mich interessiert die Spur darunter, die Kette von Belegen, die man vom kranken Menschen rückwärts bis zur Ursache verfolgen kann, und an welcher Stelle diese Kette reißt, weil die Daten fehlen. Ich gehe Punkt für Punkt vor, vom Acker über den Teller, die Haut, die Lunge, bis hinein in die Zelle und schließlich in das Erbgut, das wir weitergeben. Und an jedem Punkt trenne ich, so gut ich kann, das Belegte vom Vermuteten, denn nichts ist gefährlicher als ein Wissenschaftler, der seine Hypothese für einen Beweis hält.

Was die Erdbeere verschweigt, während sie so gesund aussieht

Beginnen wir da, wo der Spiegel beginnt, beim Essen. Die Reportage beschreibt das Extremszenario, Menschen am Rand der Weinberge, hundertfach erhöhte Wirkstoffkonzentrationen in der Raumluft während des Spritzens, DDT im Boden, ein halbes Jahrhundert nach dem Verbot. Das ist eine Belastung in einer Größenordnung, die mit dem, was im Supermarkt liegt, nicht zu vergleichen ist. Und trotzdem führt genau diese Reportage zur richtigen Frage für den Rest von uns, die wir nicht in Margaux zwischen den Reben wohnen. Was ist eigentlich in dem, was wir täglich essen?

Die beruhigende Antwort zuerst, denn sie stimmt ja zur Hälfte. Die europäische Lebensmittelbehörde untersucht jedes Jahr Tausende Proben, zuletzt 13.246 im koordinierten Programm, und 70 Prozent davon waren frei von nachweisbaren Rückständen, 28 Prozent lagen innerhalb der erlaubten Grenzwerte, nur 2 Prozent darüber. Bei Glyphosat waren sogar 97,9 Prozent unter der Nachweisgrenze (European Food Safety Authority, 2025). Das klingt nach Entwarnung. Das ist auch eine Entwarnung, solange man die Frage stellt, die das Prüfsystem beantwortet. Diese Frage lautet: Überschreitet ein einzelner Stoff seinen einzelnen Grenzwert? Sie lautet nicht: Was macht die Summe von 8 verschiedenen Rückständen, jeder einzeln brav unter seiner Schwelle, über Jahrzehnte, jeden Tag, in einem einzigen Körper?

Diesen zweiten Effekt nennt man den Cocktaileffekt, und er ist kein Hirngespinst aufgebrachter Bürgerinitiativen. Die europäische Gesetzgebung selbst verlangt seit Jahren, kumulative Effekte zu berücksichtigen, sobald die Methoden dafür reif sind. Übersetzt heißt das: Man weiß, dass das Problem existiert, man hat es ins Gesetz geschrieben, und man hat es bis heute nicht gelöst. Die Grenzwerte, die maximalen Rückstandsmengen, werden Stoff für Stoff festgelegt. Eine Paprika kann 8 verschiedene Wirkstoffe tragen, jeder davon legal, und niemand hat je getestet, was diese 8 gemeinsam in dir anrichten. Das ist der Knackpunkt, und es ist ein gewaltiger.

Hier liegt der Hund begraben, und zwar tief. Es gibt Höchstmengen, wie viel und welche Pestizide in unserem Essen sein dürfen. Aber selbst wenig, selbst deutlich unterhalb dieser Grenze, ist schon zu viel, wenn es täglich kommt, lebenslang, im Gemisch. Der Grenzwert ist eine politische und technische Größe, er sagt, was machbar ist, ohne die Landwirtschaft lahmzulegen. Er sagt nicht, was sicher ist. Diese beiden Dinge werden ständig verwechselt, meistens absichtlich.

Man muss verstehen, wie so ein Grenzwert überhaupt zustande kommt, dann verfliegt der letzte Rest an Beruhigung. Die Behörden ermitteln in Tierversuchen jene Dosis, bei der gerade noch kein Schaden sichtbar wird, und teilen sie dann durch einen Sicherheitsfaktor, üblicherweise hundert. Das klingt vorsichtig, und für einen einzelnen Stoff ist es das auch. Nur beruht die ganze Rechnung auf zwei Annahmen, die in der Realität nicht halten. Die erste Annahme lautet, der Mensch nehme immer nur einen Stoff auf einmal auf. Die zweite lautet, die Wirkung steige brav mit der Dosis, sodass eine kleine Dosis eine kleine Wirkung habe. Beide Annahmen sind bei hormonell wirksamen Substanzen falsch, denn manche entfalten gerade bei niedrigen Dosen eine Wirkung, die bei hohen wieder verschwindet, weil die Hormonrezeptoren des Körpers nun einmal nicht linear arbeiten. Ein Grenzwertsystem, das von Linearität und Einzelstoffen ausgeht, ist gegen genau die Stoffe blind, die uns am meisten Sorge machen sollten. Das ist keine Verschwörung, das ist schlicht die Grenze einer Methode, die für eine einfachere Welt gebaut wurde.

Und dann ist da die Sache mit dem Waschen, die so vielen ein gutes Gewissen schenkt. Es gibt zwei grundverschiedene Arten von Pestiziden. Die einen sitzen außen auf der Schale, die wäschst du zu einem Teil ab, und Schälen hilft noch mehr. Die anderen sind systemisch, die Pflanze nimmt sie über Wurzel und Blatt auf und transportiert sie in jede einzelne Zelle. Glyphosat gehört dazu, viele moderne Fungizide auch. Die sitzen nicht auf der Erdbeere, die sitzen in der Erdbeere. Da kommst du mit keinem Wasserstrahl der Welt heran. Und ausgerechnet die Erdbeere hat keine Schale, sie ist vollständig porös und nimmt diese Mittel besonders willig auf. Deshalb steht sie seit Jahren zuverlässig an der Spitze jeder Belastungsliste, zusammen mit Trauben, Paprika, Pfirsichen und Blattgemüse, also genau den Dingen, die wir roh essen, weil sie ja so gesund sind.

Selbst das vielbeschworene Natronbad, das durch die sozialen Medien geistert, löst das Grundproblem nicht. Es stimmt, eine leicht basische Lösung beschleunigt den Zerfall mancher Oberflächenrückstände, und eine Studie aus Massachusetts hat das an Äpfeln gezeigt, mit Thiabendazol und Phosmet (Yang et al., 2017). Aber das wirkt eben nur auf der Oberfläche, und es braucht 12 bis 15 Minuten, nicht die 5, die jeder Ratgeber empfiehlt. Was innen sitzt, holt dir kein Bad heraus. Bei der Erdbeere sitzt das Problem innen.

Jetzt kommt der Gedanke, der mir gestern im Supermarkt kam, vor einem riesigen Kühlregal voller Smoothies. Mein erster Gedanke, ganz Otto-artig: Oh, wie gesund. Mein zweiter Gedanke, eine Sekunde später: Lass den Fruchtzucker mal beiseite, was für Obst wird hier wohl verarbeitet? Das Ergebnis dieses Gedankens könnt ihr euch denken. In einen Smoothie wandert nicht die makellose Vorzeige-Erdbeere aus dem Werbespot. In einen Smoothie wandert die Masse, das Aussortierte, das billig Eingekaufte, und zwar in komprimierter Form, 5 Früchte in einem Schluck. Wer sich gesund trinkt, trinkt unter Umständen ein Konzentrat aus genau dem, was er zu vermeiden glaubte, garniert mit einer Zuckermenge, auf die ich gleich noch zu sprechen komme.

Und das Glyphosat, sagt der aufmerksame Leser, ist doch jetzt für die Vorernte verboten? Richtig. Seit der Wiederzulassung Ende 2023 ist die Behandlung der Pflanze kurz vor der Ernte, dieses Totspritzen zur Reifesteuerung, in der EU nicht mehr erlaubt. Nur ist der Stoff längst im System. Er ist im Boden, er ist im Bodenleben, er ist im Kreislauf, und er taucht zuverlässig in Mehl, in Brot, in Nudeln auf, gemessen, dokumentiert, meist unter dem Grenzwert, aber eben da. Die Spaghetti, die du kaufst, kommen aus Hartweizengrieß, und Weizen ist eine der am intensivsten behandelten Kulturen überhaupt. Der Dosenfisch in der Tomatensoße, die Herkunft auf der Dose, die Anbaubedingungen nicht. Das Restaurant, das mit frischem Gemüse kocht, kauft beim Großhändler, der kauft, wo es günstig ist. Du hast keine vollständige Kontrolle. Niemand hat sie, der nicht selbst anbaut.

Das Gift kennt keine Berufsgruppe, und die Reben sind der Beweis

Wer jetzt einwendet, das sei alles Panikmache, dem halte ich die Menschen entgegen, die am dichtesten dran sind. Wenn die These vom Gift im Essen falsch wäre, dann dürfte ausgerechnet bei den Erzeugern nichts auffallen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die französische PestiRiv-Studie, im September 2025 veröffentlicht, ist die erste ihrer Art in dieser Größe. 265 Standorte in 6 Weinregionen, 2.688 Teilnehmer, davon 1.946 Erwachsene und 742 Kinder, 56 verschiedene Substanzen gemessen (ANSES, 2025), in Urin, in Haaren, in der Raumluft, im Hausstaub, im selbst angebauten Gemüse. Das Ergebnis ist so nüchtern wie eindeutig. Wer innerhalb von 500 Metern zu den Reben wohnt, trägt signifikant höhere Pestizidwerte im Körper als Menschen, die mehr als einen Kilometer entfernt leben. Bei Erwachsenen wie bei Kindern, und die Kinder zwischen 3 und 6 Jahren traf es während der Spritzsaison am stärksten. Das Fungizid Folpet fand sich in rund 62 Prozent der Luftproben. Die Studie sagt ausdrücklich, sie habe nicht die Gesundheitsfolgen messen wollen, sondern nur die Belastung. Sie liefert also die eine Hälfte der Gleichung, die Dosis. Die andere Hälfte, die Wirkung, liefern die großen Kohortenstudien an Landwirten, und die zeigen seit Jahren erhöhte Raten an bestimmten Lymphomen, an multiplem Myelom, an Prostatakrebs. Der Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und erhöhtem Krebsrisiko bei Landwirten und Winzern darf inzwischen als etabliert gelten.

Das ist die Logik des Sentinels, des Wächters im Bergwerk. Früher nahm man einen Kanarienvogel mit unter Tage, weil er auf giftiges Gas reagierte, bevor der Mensch etwas merkte. Die Erzeuger sind unsere Kanarienvögel. Was bei ihnen früh und deutlich auftritt, kommt bei uns später und verdünnter an, aber es kommt aus derselben Quelle.

Die Frau aus dem Spiegel, deren Geschichte das Heft trägt, hat genau das am eigenen Körper erlebt. Zweimal Brustkrebs, der zweite kurz vor ihrem 50. Geburtstag, Operation, Bestrahlung, 7 Monate Chemotherapie. Danach begann sie zu recherchieren, sie wühlte sich durch Statistiken, durch das nationale Kinderkrebsregister, das in Frankreich jedes Jahr 1.800 Kinder unter 15 und 450 Jugendliche neu erfasst. Sie sah Freunde an Hirntumoren sterben, Teenager in ihrem Umfeld an Leukämie erkranken, und sie stellte dieselbe Frage, die ich seit zwanzig Jahren stelle. Im Juli 2025 saß sie auf der Besuchertribüne des Pariser Parlaments, gerade aus der Chemo, das Hirn wie im Nebel, wie sie selbst sagte. Abgestimmt wurde über die Wiederzulassung eines Insektizids, das in Frankreich seit Jahren verboten war, ein Gesetz, das obendrein die unabhängige Aufsichtsbehörde beschneiden sollte. Über 1.200 Forscherinnen und Forscher hatten dagegen protestiert, 2 Millionen Menschen eine Petition unterschrieben. Das Parlament stimmte trotzdem dafür. Da stand sie auf, glatzköpfig, gezeichnet, und schrie hinunter, die Abgeordneten seien die Verbündeten des Krebses. Dann ging der Parlamentsbetrieb weiter wie üblich. Aus ihrer Wut wurde eine Bewegung mit einem Namen, der so kalt ist wie treffend, Cancer Colère, Krebszorn. Ich teile diesen Zorn nicht in seiner heißen Form, das werdet ihr noch sehen, aber ich verstehe, woher er kommt.

Glukose, der älteste Hunger und der Treibstoff, den die Zelle liebt

So weit das, was von außen in uns hineinkommt. Jetzt zu dem, was wir freiwillig hineinschütten, und hier wird es metabolisch interessant. Eine Krebszelle braucht zum Wachsen vor allem zwei Dinge, und das eine davon ist Zucker.

Im Jahr 1924 beschrieb Otto Warburg etwas Merkwürdiges (Warburg, 1924). Krebszellen verbrennen Glukose und scheiden Milchsäure aus, und zwar selbst dann, wenn reichlich Sauerstoff vorhanden ist, obwohl der Sauerstoffweg eigentlich viel effizienter Energie liefert. Warburgs eigene Erklärung, die Mitochondrien seien kaputt, war falsch, das wissen wir heute. Die meisten Krebszellen haben funktionierende Kraftwerke. Der wahre Grund ist subtiler und unheimlicher. Die rasende Zuckerverbrennung liefert der Zelle nicht in erster Linie Energie, sie liefert ihr Bausteine, Bausteine für neue Erbsubstanz, für Zellwände, für all das, was eine Zelle braucht, die sich pausenlos teilen will (Vander Heiden et al., 2009). Der Tumor verbrennt Zucker nicht, weil er Energie braucht, sondern weil er Material zum Wuchern braucht. Dieser Hunger ist so verlässlich, dass die moderne Krebsdiagnostik ihn direkt nutzt, im PET-Scan bekommt der Patient radioaktiv markierten Zucker gespritzt, und der Tumor leuchtet auf, weil er gieriger schluckt als alles andere im Körper.

Daneben steht das Insulin. Wer ständig Zucker nachschiebt, hält den Insulinspiegel chronisch oben, und Insulin ist zusammen mit seinem Verwandten, dem Wachstumsfaktor IGF-1, einer der stärksten Wachstumsbefehle, die der Körper kennt. Dieser Signalweg, vom Insulin über mehrere Stationen bis zu einem zentralen Schalter namens mTOR, ist der Anabolismus in Reinform, der Befehl zu bauen, zu vermehren, zu wachsen. Chronisch erhöhte Insulinspiegel sind mit einem erhöhten Risiko für Darm-, Gebärmutter-, Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs verknüpft. Man muss kein Biochemiker sein, um zu ahnen, dass ein Dauerbefehl zum Wachsen für eine Zelle, die ohnehin schon falsch wächst, keine gute Nachricht ist.

Jetzt die Evolution. Der Homo Sapiens vor 50.000 Jahren kannte Zucker als seltenen Glücksfall, eine wilde Beere im Spätsommer, einmal im Jahr ein Bienenstock, Süße verpackt in Fasern und obendrein nur zur rechten Jahreszeit. Sein Stoffwechsel ist über Jahrmillionen auf genau diese Knappheit geeicht. Raffinierter Zucker war bis vor wenigen Jahrhunderten ein Luxusgut, um 1700 lag der Pro-Kopf-Verbrauch in der Größenordnung von knapp 2 Kilogramm im Jahr. Im Jahr 2000 erreichte er in den USA über 68 Kilogramm (Stanhope, 2016), und der Maissirup, dieser besonders billige flüssige Zucker, kam erst in den 1970er Jahren dazu (Goncalves et al., 2019). Wir füttern einen steinzeitlichen Stoffwechsel mit der Zuckermenge eines Industriezeitalters. Das ist, als würde man einen Ofen, der für ein Holzscheit am Abend gebaut wurde, rund um die Uhr mit Benzin betreiben und sich dann wundern, dass etwas durchbrennt.

Der Homo Sapiens kannte keinen raffinierten Zucker. Er kannte aber auch keine synthetischen Gifte. Beides für sich ist schon ein Problem. Beides zusammen, das ist die eigentliche Geschichte.

Und hier muss ich einen Denkfehler ausräumen, der so verbreitet ist, dass ihn fast jeder für gesichertes Wissen hält. Die Wissenschaft sagt, je höher der Body-Mass-Index, desto höher das Krebsrisiko, und das stimmt sogar, für dreizehn Krebsarten ist der Zusammenhang mit Übergewicht gut belegt, von der Speiseröhre über den Darm bis zur Gebärmutter (Lauby-Secretan et al., 2016). Klingt einfach, klingt logisch. Nur denkt diese simple Gleichung einen Schritt zu kurz. Um einen hohen BMI zu erreichen, muss ich viel essen, und wenn das, was heute als Nahrung durchgeht, mit Giften durchsetzt ist, dann nehme ich mit jedem Kilo Übergewicht auch mehr von diesen Giften auf. Der hohe BMI ist dann nicht nur über seine Hormone und seine Entzündungsbotenstoffe ein Risiko, er ist auch ein Marker dafür, dass jemand schlicht mehr von der belasteten Industrienahrung in sich hineingeschaufelt hat. Was hingegen erwiesenermaßen schützt, ist das Gegenteil dieser Völlerei. Wer selten und unregelmäßig isst, wer dem Körper Pausen gönnt, der schaltet einen uralten Reinigungsmechanismus an, die Autophagie, bei der die Zelle ihren eigenen Müll abbaut und recycelt. Über das Fasten und diese Selbstreinigung habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Hier genügt der Hinweis, dass der Daueresser seinen mTOR-Schalter dauerhaft auf Wachstum stellt, während der, der fastet, ihn herunterfährt und der Zelle Zeit zum Aufräumen gibt. Der Steinzeitmensch hatte diese Pausen nicht freiwillig, sondern weil das Mammut nicht jeden Tag vorbeikam. Wir haben sie abgeschafft und nennen das Fortschritt.

Der Stress, der das Immunsystem leise abschaltet

Über das Essen und den Zucker reden alle. Über den nächsten Faktor reden weniger, und ich halte ihn für unterschätzt, gerade weil er so unsichtbar wirkt. Der chronische Stress.

Akuter Stress ist nichts Schlimmes, im Gegenteil, er hat den Steinzeitmenschen vor dem Säbelzahntiger gerettet. Das Problem ist die Dauer. Wenn der Körper über Jahre im Alarmzustand bleibt, dann passiert etwas Tückisches mit dem Stresshormon Cortisol. Kurzfristig dämpft Cortisol Entzündungen, das ist seine Aufgabe. Langfristig aber werden die Immunzellen taub für sein Signal, sie entwickeln eine Resistenz, und das Ergebnis ist paradox, hohe Cortisolspiegel und gleichzeitig eine schwelende, chronische Entzündung im ganzen Körper. Diese stille Entzündung ist einer der verlässlichsten Wegbereiter für Krebs, sie aktiviert Schaltkreise in der Zelle, die das Wachstum fördern und den programmierten Zelltod bremsen.

Gleichzeitig drückt der Dauerstress jene Truppe herunter, die eigentlich für die Krebsabwehr zuständig ist, die natürlichen Killerzellen. Diese Zellen patrouillieren durch den Körper und erkennen entartete Zellen, bevor sie zum Tumor werden, sie sind die Immunpolizei gegen den Krebs. Stresshormone setzen diese Polizei auf Schmalspur. Bei metastasiertem Brustkrebs etwa sagt ein abgeflachter Tagesrhythmus des Cortisols eine kürzere Überlebenszeit voraus. Das ist keine Esoterik, das ist messbare Immunologie.

Und es reicht weit zurück, bis in die Kindheit. Studien zu belastenden Kindheitserfahrungen, zu Missbrauch, Vernachlässigung, dem frühen Verlust eines Elternteils, zeigen einen Zusammenhang mit dem Krebsrisiko im Erwachsenenalter, mit einem Risikoaufschlag in der Größenordnung von 16 bis 30 Prozent bei den schwersten Belastungen (Hu et al., 2021). Der Mechanismus läuft wieder über die Epigenetik, frühe Traumata schreiben Marker an Stressgene, die ein Leben lang nachwirken. Das Tröstliche daran, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu, diese Marker sind teilweise umkehrbar. Bewegung, Ernährung, soziale Bindung, all das verschiebt die Schalter messbar zurück, innerhalb von Wochen bis Monaten. Der Körper ist kein unabänderliches Schicksal. Er ist ein lernendes System.

Der schöne Mensch im Solarium und die Frage, der niemand ausweicht

Lasst mich von einem Menschen erzählen, den wir alle kennen. Er lebt vorbildlich, trinkt angeblich nur Wasser aus der Flasche, isst viel Obst und Beeren, treibt Sport, und dann entwickelt er Krebs, und alle schütteln fassungslos den Kopf. Wie kann das sein, der hat doch alles richtig gemacht. Genau hier sitzt der Denkfehler, und er ist ein doppelter.

Erstens das Obst und die Beeren, über die wir gerade gesprochen haben. Wer sich überwiegend von pflanzlicher Frische ernährt, nimmt unter Umständen mehr von der systemischen Last auf, nicht weniger, weil schlicht die Menge an belastetem Material steigt. Das ist keine Aufforderung, Gemüse zu meiden, das wäre absurd. Es ist eine Aufforderung, die fromme Gleichung aufzulösen, nach der viel Obst automatisch viel Gesundheit bedeutet. Steve Jobs, einer der berühmtesten Veganer der Welt, starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Vegan zu sein bedeutet nicht, dass dich der Krebs verschont. Es bedeutet manchmal nur, dass du von dem, was heute giftig an unserer Nahrung ist, eine größere Portion abbekommst.

Eine ehemalige Nachbarin von mir, noch keine 50, hat gern getrunken und geraucht. Von der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bis zu ihrem Tod vergingen 3 Monate. Bei ihr würde man sagen, sie habe Risikofaktoren gehabt, Alkohol ist ein gesichertes Karzinogen der höchsten Kategorie, Tabakrauch ebenso. Beim Veganer Jobs würde man sagen, reines Pech. Und genau dieser Reflex, die Schuld zuerst beim Lebenswandel des Einzelnen zu suchen, ist das, was die Aktivistin aus dem Spiegel so wütend gemacht hat. Sie sagt, man solle aufhören, die Schuld immer zuerst beim Kranken zu suchen, und stattdessen das größere Muster sehen. Da hat sie recht. Es ist zu viel Gift in der Welt, das ist eindeutig.

Beim Alkohol lohnt sich ein genauerer Blick, weil hier eine bequeme Lebenslüge unserer Gesellschaft sitzt. Über Jahrzehnte hieß es, ein Gläschen Rotwein am Abend sei gut fürs Herz, und Millionen Menschen haben diese Botschaft dankbar als Freibrief genommen. Die neuere Forschung hat diese These zertrümmert. Es gibt keine sichere Menge Alkohol, was die Krebsgefahr betrifft, die Risikokurve beginnt beim ersten Schluck zu steigen. Alkohol ist für mindestens 7 verschiedene Krebsarten mitverantwortlich, vom Mund über die Speiseröhre und die Leber bis zur Brust. Der Mechanismus ist gut verstanden, beim Abbau entsteht Acetaldehyd, ein Stoff, der das Erbgut direkt schädigt. Ich trinke seit Jahren keinen Tropfen mehr, und das ist eine bewusste Entscheidung, keine Askese. Der Alkohol hält den modernen Menschen funktionsfähig in seinem Hamsterrad, er ist das gesellschaftlich verordnete Betäubungsmittel nach Feierabend, und genau deshalb wird er geduldet, während andere Substanzen verboten sind. Das ist ein Thema für sich, aber es gehört in jede ehrliche Aufzählung der Dinge, die wir uns freiwillig antun.

An dieser Stelle eine persönliche Sache, und ich schreibe sie als persönliche Wahrnehmung, nicht als Studienlage. Ich habe vor über zwanzig Jahren gesehen, wie mein Vater zum ersten Mal an Prostatakrebs erkrankte. Und ich habe damals etwas gelesen, das mir logisch erschien, nämlich dass die Häufigkeit des Prostatakrebses mit dem Alter steigt, während gleichzeitig der Testosteronspiegel mit dem Alter fällt. Wenn Testosteron der Brandbeschleuniger wäre, für den ihn alle hielten, dann dürfte es diesen Zusammenhang nicht geben. Also begann ich zu substituieren, gegen den ausdrücklichen Rat meiner Freunde und meiner Ärzte, die mir alle ein erhöhtes Prostatakrebsrisiko prophezeiten. Ich tat es trotzdem, weil die Zahlen für mich eine andere Sprache sprachen. Heute bin ich 56, mein PSA-Wert liegt bei 0,4, und ich habe nicht einmal eine vergrößerte Prostata. Ich weiß innerlich, dass ich recht hatte. Beweisen im strengen Sinn kann ich es nicht, und ich behaupte ausdrücklich nicht, dass Testosteron vor Krebs schützt.

Was ich sagen darf, ist, dass die alte Angst auf erstaunlich dünnem Eis stand. Sie geht zurück auf eine Arbeit aus dem Jahr 1941, an einer Handvoll Männer mit bereits metastasiertem Krebs (Huggins & Hodges, 1941), ausgezeichnet mit dem Nobelpreis und über Jahrzehnte zu einer Gewissheit aufgeblasen, die die Daten nie hergaben. Neuere Arbeiten zeichnen ein anderes Bild, das sogenannte Sättigungsmodell besagt, dass der Rezeptor in der Prostata schon bei niedrigen Testosteronmengen abgesättigt ist (Morgentaler & Traish, 2009) und mehr Testosteron oben drauf kaum noch etwas bewirkt. Die große TRAVERSE-Studie von 2023, mit über 5.000 Männern, fand im Behandlungsarm 5 bösartige Prostatabefunde gegenüber dreien unter Schein (Bhasin et al., 2023), ein statistisch bedeutungsloser Unterschied. Eine gepoolte Auswertung von 18 Studien fand überhaupt keinen Zusammenhang zwischen dem körpereigenen Testosteronspiegel und dem Erkrankungsrisiko (Roddam et al., 2008). Ehrlich bleibt: Niemand hat einen Mann untersucht, der mit Anfang 30 anfängt und 25 Jahre durchläuft, das ist mein Fall, und der liegt außerhalb der untersuchten Daten. Und das familiäre Risiko durch meinen Vater verdoppelt meine Wahrscheinlichkeit ohnehin, ganz unabhängig vom Testosteron. Ich beobachte mich also weiter. Aber ich bereue keinen Tag.

Und der schöne, gegrillte Mensch im Solarium? Mit dem habe ich, ehrlich gesagt, kein Mitleid, und ich sage das so direkt, weil ich es so meine. Wer sich mehrmals die Woche unter die Röhre legt oder in der Sonne röstet, weil er meint, dann besser auszusehen, der trifft eine Wahl. Der Homo Sapiens vor 50.000 Jahren hat sich nicht gegrillt, um auszusehen wie eine überreife Tomate. Ich meide die Sonne, und wenn ich rausgehe, nehme ich den höchsten Lichtschutz, ein Präparat aus der Apotheke meines Freundes. Womit wir beim nächsten Punkt wären, denn auch diese Creme ist nicht das, was sie zu sein vorgibt.

Was wir uns auf die Haut schmieren, und warum Europa 1.700 Stoffe verbietet und Amerika elf

Wir cremen, wir sprühen, wir parfümieren. Deo, Eau de Toilette, Tagescreme, Sonnenschutz, jeden Morgen, jahrzehntelang, auf die größte Oberfläche, die wir haben, die Haut. Was glaubt ihr, was da drin ist, und vor allem, was glaubt ihr, wohin das geht?

Es geht hinein. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat es selbst untersucht und festgestellt, dass die organischen Filter aus dem Sonnenschutz binnen Stunden im Blut auftauchen, und zwar weit über jener Schwelle, ab der man toxikologisch genauer hinschauen muss. Oxybenzon erreichte Spitzenwerte von 258 Nanogramm pro Milliliter, mehr als das Fünfhundertfache der Bedenklichkeitsschwelle (Matta et al., 2020), und blieb tagelang nachweisbar. Macht euch das einmal klar. Ihr cremt euch ein, um euch vor dem Hautkrebs zu schützen, und tragt damit einen Stoff auf, der durch die Haut wandert, ins Blut geht und dort tagelang zirkuliert, ein Stoff, dessen Langzeitwirkung niemand wirklich kennt. Die europäische Aufsicht hat darauf reagiert und die erlaubte Konzentration drastisch gesenkt. Ob das Krebs verursacht, ist offen, die Datenlage ist hier ausdrücklich dünn. Was nicht offen ist, ist die schiere Allgegenwart, dieser Stoff ist im Urin von fast 97 Prozent der untersuchten Menschen nachweisbar. Ich sage nicht, lasst den Sonnenschutz weg, das wäre fahrlässig. Ich sage, wählt mineralische Filter, die auf der Haut bleiben, statt der organischen, die hineinwandern, und wundert euch nicht, dass selbst die Schutzmaßnahme ihren eigenen Beipackzettel verdient hätte.

Bei den Haarglättern ist das Signal schärfer. Eine große amerikanische Langzeitstudie an fast 34.000 Frauen fand bei häufigen Nutzerinnen chemischer Glättungsmittel eine Verdopplung des Gebärmutterkrebsrisikos, sauber gerechnet als Verhältnis von 1,80 (Chang et al., 2022). Der Grund liegt vermutlich darin, dass diese Mittel beim Erhitzen Formaldehyd freisetzen, und Formaldehyd ist ein gesichertes Karzinogen der höchsten Kategorie. Man stelle sich das vor, ein Schönheitsritual, das beim Föhnen ein Karzinogen ausdünstet, direkt unter die Nase und an die Kopfhaut. Beim Talkumpuder hat die internationale Krebsforschungsagentur die Einstufung 2024 verschärft, auf wahrscheinlich krebserregend für den Menschen (International Agency for Research on Cancer, 2024), ein Puder, das Generationen von Müttern ihren Babys auf den Po geklopft haben. Bei Parabenen und Aluminium dagegen, den beiden Schreckgespenstern der sozialen Medien, ist die Beweislage erstaunlich dünn und widersprüchlich, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Hier zeigt sich übrigens das ganze Elend der Debatte, die Stoffe mit dem schärfsten Signal sind die unbekannten, während sich die Empörung an 2 Verdächtigen abarbeitet, bei denen wenig dran ist.

Der eigentliche Skandal ist nicht der einzelne Stoff, der eigentliche Skandal ist die Lücke. Die europäische Kosmetikverordnung verbietet rund 1.700 Substanzen. Die amerikanische Behörde verbietet, je nach Zählweise, etwa 11. Tausendsiebenhundert gegen 11. Das ist kein Tippfehler. Und niemand hat je gezeigt, dass die Amerikaner mit ihren 11 gesünder fahren, es ist schlicht ein anderes Verhältnis von Industrie zu Regulierung. Wer sich nach all dem noch wundert, dass die Krebszahlen steigen, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Ich wundere mich nicht.

Die saubersten Menschen aller Zeiten, frisch lackiert und gründlich vergiftet

Jetzt kommt mein Lieblingsthema, weil es so schön zeigt, wie eine gute Absicht in ihr Gegenteil kippt. Wir sind die saubersten Menschen, die je gelebt haben. Nur bedeutet sauber leider nicht, dass irgendetwas davon richtig ist. Ich habe Freunde im Bekanntenkreis, die duschen morgens und abends, jeden Tag, sommers wie winters, und sie tun das im festen Glauben, etwas Gutes zu tun. Das ewige Waschen und Duschen ruiniert die Haut, diese dünne, lebendige Barriere, die uns seit jeher gegen die Welt abdichtet. Ich betone es noch einmal, weil es der rote Faden ist: Wir stecken in einem Körper, der vor über 50.000 Jahren entworfen wurde, und dieser Körper ist nicht dafür gebaut, zweimal am Tag mit lauwarmem Wasser ausgespült und danach mit billiger Feuchtigkeitscreme zugeschmiert zu werden.

Und dann geht es ja erst richtig los. Die Frauen rasieren sich, die Männer rasieren sich, erst der Rasierschaum, dann hinterher der Alkohol mit allerlei Stoffen gegen den Rasierbrand, also gegen genau die Reizung, die das Rasieren selbst erst verursacht hat. Man fügt der Haut einen kleinen Schaden zu und behandelt ihn mit einem zweiten, chemischen Schaden. Die ganze Reinigungsmanie türmt sich dann zu einem Ritual, das einem antiken Tempeldienst alle Ehre machen würde. Erst drei verschiedene Shampoos, je nach Tageslaune, dann die Pflegespülung, dann die Anti-Falten-Salbe, dann die Pflegepackung, und das Ganze am besten eine Stunde einwirken lassen, gern unter Rotlicht, damit sich der ganze Segen so richtig schön tief in den Organismus einbrennt. Ich male mir das gern bildlich aus, der moderne Mensch, der sich unter der Wärmelampe selbst lasiert wie ein Sonntagsbraten, in der festen Überzeugung, dabei sei er gerade besonders gesund.

Unser Organismus arbeitet rund um die Uhr, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, das ganze Jahr, über Jahrzehnte, bei vielen Menschen inzwischen fast ein ganzes Jahrhundert lang. Und in dieser ganzen Zeit setzen wir ihn pausenlos einem Gemisch aus all dem aus, von außen über die Haut, von innen über Mund und Lunge. Dann wundert man sich, wenn man Krebs bekommt. Mich wundert es nicht.

Die dreckige Luft am Mittleren Ring und das Gas aus dem bayerischen Granit

Es ist nicht nur das Essen und nicht nur die Creme. Es ist auch die Luft, und hier wird es für jeden konkret, der schon einmal in einer Großstadt an einer Hauptverkehrsachse gewohnt hat. Wer in München am Mittleren Ring lebt und Tag für Tag den Feinstaub einatmet, atmet ein Karzinogen der höchsten Kategorie ein, das ist keine Übertreibung, sondern die Einstufung der internationalen Krebsforschung.

Der Feinstaub, die winzigen Partikel unter zweieinhalb Mikrometern, erhöht das Lungenkrebsrisiko messbar, und zwar auch bei Menschen, die nie geraucht haben, um rund 18 Prozent pro 10 Mikrogramm zusätzlicher Belastung (Hamra et al., 2014). Lange dachte man, das funktioniere über das direkte Auslösen von Mutationen. Eine bemerkenswerte Arbeit in Nature hat 2023 gezeigt, dass der Mechanismus subtiler ist, der Feinstaub weckt über einen Entzündungsbotenstoff schlummernde, bereits vorgeschädigte Zellen auf (Swanton et al., 2023). Er ist nicht der Funke, er ist der Wind, der die Glut entfacht. Und die europäische Umweltagentur stellte 2024 fest, dass 95 Prozent der Messstationen über dem gesundheitsbasierten Leitwert der Weltgesundheitsorganisation liegen. Fast überall, wo gemessen wird, atmen wir zu viel.

Dann ist da etwas, das die wenigsten auf dem Schirm haben, gerade hier in Bayern. Radon, ein radioaktives Edelgas, das aus dem Boden aufsteigt, geruchlos und unsichtbar, und sich in Kellern und Erdgeschossen sammelt. Es ist nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs und die häufigste bei Menschen, die nie geraucht haben. In Deutschland gehen schätzungsweise 2.800 Lungenkrebstote pro Jahr auf Radon zurück (Bundesamt für Strahlenschutz, 2024), und 19 Prozent davon entfallen auf Nieraucher. Bayern, mit seinem granitischen Untergrund im Osten, gehört zu den Hotspots des Landes. Das Tückische daran: Ein Radontest für die eigenen vier Wände kostet wenig, und wer einen erhöhten Wert findet, kann mit vergleichsweise simplen baulichen Mitteln gegensteuern. Es ist eine der wenigen Krebsursachen, der man mit einem Schraubenzieher und etwas Lüftung beikommt. Kaum jemand tut es.

Ich erspare euch die vollständige Liste der unsichtbaren Mitbewohner, aber zwei verdienen einen eigenen Absatz, weil sie so neu und so allgegenwärtig sind. Die PFAS, im Volksmund die Ewigkeitschemikalien, sind eine Familie von mehreren Tausend Industriestoffen, die in beschichteten Pfannen, in wasserabweisender Kleidung, in Pizzakartons, in Löschschäumen stecken. Sie heißen Ewigkeitschemikalien, weil ihre chemische Bindung so stabil ist, dass die Natur sie über Jahrhunderte kaum abbaut. Eine von ihnen, die PFOA, ist seit 2023 von der internationalen Krebsforschung als gesichert krebserregend für den Menschen eingestuft (International Agency for Research on Cancer, 2023). Das Tückische ist die Durchdringung, diese Stoffe sind im Blut von nahezu jedem Menschen auf diesem Planeten nachweisbar, im europäischen Trinkwasser hat man Grenzwerte einführen müssen, weil sie längst überall im Wasserkreislauf angekommen sind. Der Homo Sapiens vor 50.000 Jahren hatte kein einziges Molekül davon im Körper. Wir haben sie alle.

Das Mikroplastik ist der zweite Neuankömmling, und hier muss ich besonders ehrlich sein, weil die Studienlage zum Krebs noch dünn ist. Was man weiß, ist beunruhigend genug. Im Jahr 2024 fanden italienische Forscher in den verkalkten Gefäßablagerungen von Patienten in über der Hälfte der Fälle Mikroplastik, vor allem Polyethylen, und diese Patienten hatten in den folgenden Jahren ein mehr als vierfach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall (Marfella et al., 2024). Das ist ein Befund über das Herz-Kreislauf-System, nicht über den Krebs, und ich verkaufe ihn auch nicht als Krebsstudie, das wäre genau die selektive Darstellung, die ich verabscheue. Aber dass Plastikpartikel inzwischen in unseren Blutgefäßen, in der Plazenta, im Hoden gefunden werden, sollte uns nicht kaltlassen. Wo ein Fremdkörper chronische Entzündung auslöst, ist der Weg zum Krebs erfahrungsgemäß nicht weit. Das Bild ist auch ohne harten Beweis schon beunruhigend genug. Wir leben in einer chemischen Suppe, die es vor 50.000 Jahren nicht gab.

Die Tiere lügen nicht, und sie machen sich auch keine Sorgen

Jetzt kommt das Argument, das mich seit Jahren am meisten überzeugt, und es ist eines, das die ganze Litanei vom stressigen Lebensstil mit einem Schlag erledigt. Wenn Stress und Lebenswandel die Hauptursache wären, warum erkranken dann immer mehr Tiere an Krebs, und das in jungen Jahren?

Ein Hund, der älter als 10 Jahre wird, stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 50 Prozent an Krebs (Adams et al., 2010). Bei manchen Rassen, etwa dem Golden Retriever, liegt der Anteil in einer großen amerikanischen Untersuchung bei 65 Prozent (Kent et al., 2018). Ein Tier hat keinen 8-bis-18-Uhr-Hamsterrad-Job, keine Existenzangst, keine Steuererklärung, kein zerrüttetes Verhältnis zur Schwiegermutter. Was es hat, ist dieselbe Luft, dasselbe Wasser und dasselbe industriell gefertigte Futter aus derselben belasteten Lieferkette wie wir. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass in diesem Futter Bioäpfel von einem idyllischen Hof landen. Da landet, was übrig ist, Karotten, Äpfel, Getreide, das Zeug, das die Norm gerade noch erfüllt.

Noch deutlicher wird es in der freien Natur, denn dort liefert die Industrie unfreiwillig die saubersten Experimente, die man sich denken kann. Im Black River in Ohio trugen Grundfische, die Braunen Katzenwelse, vor der Schließung einer Kokerei in 39 Prozent der Fälle Lebertumoren. Nachdem die Kokerei dichtmachte und die Schadstoffe im Sediment um 99 Prozent fielen, sank die Tumorrate auf 10 Prozent (Baumann & Harshbarger, 1995). Die Belugawale im Sankt-Lorenz-Strom, jahrzehntelang einer der am stärksten mit Industriegiften belasteten Wasserwege, trugen Krebs in rund 27 Prozent der untersuchten erwachsenen Tiere, der höchste je für eine Walart berichtete Wert (Martineau et al., 2002). Diese Tiere haben keinen Burnout. Sie haben Gift im Wasser. Im Hudson River, vollgepumpt mit jahrzehntelang eingeleiteten Industriechemikalien, hat ein kleiner Fisch namens Tomcod sogar eine genetische Veränderung entwickelt, die ihn gegen das Gift widerstandsfähig macht (Wirgin et al., 2011), eine Evolution im Zeitraffer, ausgelöst durch puren chemischen Druck. Wenn ein Fisch innerhalb weniger Generationen seinen Bauplan umschreibt, um ein menschengemachtes Gift zu überleben, dann sollte uns das zu denken geben über das, was diese Gifte mit Bauplänen anstellen, auch mit unserem.

Und der Hund schließt den Kreis zu uns, denn er teilt unsere Wohnung, unseren Rasen, unsere Luft, unser Wasser. In einer Studie hatten Hunde, deren Halter ihren Rasen mit bestimmten Unkrautvernichtern behandelten, ein deutlich erhöhtes Risiko für ein bösartiges Lymphom (Hayes et al., 1991), und der Wirkstoff ließ sich Tage später im Urin der Tiere nachweisen. Bei einer bestimmten Rasse stieg das Blasenkrebsrisiko auf rassetypischen, herbizidbehandelten Rasenflächen auf mehr als das Vierfache (Glickman et al., 2004). Der Hund ist der Kanarienvogel im Wohnzimmer. Wenn er früh erkrankt, sollten wir nicht über seinen Stress reden, sondern über seine Umgebung, denn es ist unsere.

Meine These, und ich nenne sie eine These, weil ich kein Otto sein will

Jetzt komme ich zu dem Punkt, an dem ich weiter denke, als die Datenlage mich trägt, und ich sage das ausdrücklich, weil genau diese Ehrlichkeit den Unterschied zwischen einem Wissenschaftler und einem Otto Sapiens ausmacht. Meine Überzeugung, gereift über zwanzig Jahre, lautet: Der genetische Code des Homo Sapiens hat sich verändert. Er wurde umgeschrieben, hin zu mehr Anfälligkeit, und wir geben das an unsere Kinder weiter.

Ich bin davon überzeugt. Ich halte es für die einzige Erklärung, die das ganze Bild zusammenhält, den Menschen vor 50.000 Jahren neben den von heute gestellt, die Tiere, die Kinder, die früh erkranken. Wir werden von Generation zu Generation empfindlicher, und nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern von Tier zu Tier. Etwas in unserem Bauplan hat nachgegeben unter der Last von Strahlung, Giften und einer Umwelt, für die wir nie gebaut wurden.

Am stärksten überzeugen mich dabei die Kinder. Ein Erwachsener mag sich seinen Krebs durch Jahrzehnte des Rauchens, des Trinkens, der schlechten Ernährung selbst herangezüchtet haben, da kann man noch von Lebenswandel reden. Ein Kind hat keinen Lebenswandel. Ein Kind, das mit 5 Jahren an Leukämie erkrankt, hatte keine Zeit, irgendetwas falsch zu machen. Und doch steigen die Kinderkrebsraten, weltweit, um knapp 1 Prozent pro Jahr, in Frankreich erfasst das Register Jahr für Jahr Tausende neue Fälle bei Minderjährigen. Bei den unter Fünfzigjährigen insgesamt ist die Zahl der früh auftretenden Krebserkrankungen zwischen 1990 und 2019 weltweit um 79 Prozent gestiegen (Zhao et al., 2023). Wenn der Lebenswandel die Hauptursache wäre, dürfte das bei Kindern nicht passieren. Es passiert aber. Das ist für mich der Fingerzeig, dass etwas vor dem Lebenswandel liegt, etwas, das schon im Bauplan steckt, mit dem das Kind zur Welt kommt.

Die offizielle Datenlage, und das ist die kurze Fußnote, die ich der Ehrlichkeit schuldig bin, geht ein Stück mit mir und bleibt dann stehen. Dass Umweltgifte epigenetische Marker umschreiben, also die Schalter, die bestimmen, welche Gene an und welche aus sind, ohne den Buchstabencode selbst zu ändern, ist im Tierversuch über mehrere Generationen belegt. Beim Menschen ist eine solche Prägung über eine Generation gesichert, der niederländische Hungerwinter hat es gezeigt (Heijmans et al., 2008), und für die Enkelgeneration ist sie angedeutet, eine große schwedische Auswertung fand sogar einen Zusammenhang zwischen der Ernährung des Großvaters und der Krebssterblichkeit der Enkel (Vågerö et al., 2018). Was nicht in Studien steht, ist der kumulative Teil meiner These, dass also jede Generation messbar anfälliger zur Welt kommt als die vorige. Dafür gibt es kein Methylom-Datenset. Da bin ich der Beobachter, der weiterdenkt, und ich stehe dazu.

Ist der Krebs heilbar, und warum ich lieber anständig essen gehe

Damit zur Behandlung, und hier wird meine Haltung schroff, das weiß jeder, der mich kennt. Meine Abneigung gegen die Pharmaindustrie ist kein Geheimnis. Für mich ist das in weiten Teilen Kommerz, und das Schlimme ist, dass unsere Medizin und unsere Krankenkassensysteme das übernehmen und daran zu ersticken drohen. Da sagt jemand, nimm dies, und dann, halt dich fest, lebst du vielleicht ein paar Tage, Wochen, mit Glück Monate länger. Um welchen Preis?

Ich habe zu viele Freunde gehen sehen, die nach meiner festen Überzeugung nicht am Krebs starben, sondern an seiner Behandlung. Und ja, ich sage offen, wenn ich diese Diagnose bekomme, dann mache ich hier meine Dinge fertig, gehe noch einmal anständig essen, und das war's dann. Das ist meine Haltung, für mich, für niemanden sonst. Diesen Satz schreibt der Mensch George, nicht der Wissenschaftler, und er ersetzt keine ärztliche Beratung.

Versteht mich nicht falsch, ich verteufle nicht die Forscher, die an Heilung arbeiten, und ich verteufle erst recht nicht die Ärzte, die am Krankenbett ihr Bestes geben. Was mir aufstößt, ist die Maschinerie dahinter, ein System, in dem ein Medikament zugelassen wird, weil es das Leben im statistischen Mittel um ein paar Wochen verlängert, und in dem diese paar Wochen dann zu einem Durchbruch erklärt werden, während über den Preis dieser Wochen, das Erbrechen, der Haarausfall, die zerstörten Schleimhäute, die Bettlägerigkeit, vornehm geschwiegen wird. Ein Geschäft, das mit der Verzweiflung der Kranken seine Margen macht und die solidarisch finanzierten Kassen an den Rand des Ruins treibt. Über diese vergessene Seite der Medizin, über das, was Heilung eigentlich bedeuten müsste, habe ich an anderer Stelle geschrieben, und ich werde es wieder tun. Hier soll der Hinweis genügen, dass ich zwischen der Wissenschaft, die ich liebe, und dem Geschäft, das sich an sie geheftet hat, sehr genau unterscheide.

Was mich wirklich auf die Palme bringt, ist die Mechanik der Angst, die dahintersteht. In Deutschland gibt es nun ein Lungenkrebs-Screening per Niedrigdosis-Computertomographie für langjährige Raucher. Klingt fürsorglich. Ich schüttle nur lachend und verwirrt den Kopf, denn das wird uns um die Ohren fliegen. Wer lange genug und genau genug sucht, der findet bei fast jedem irgendetwas in der Lunge, einen Schatten, einen Knoten, eine Auffälligkeit. Ein New Yorker Rechtsmediziner hat mir einmal gesagt, bei praktisch jedem Achtzigjährigen, den er auf dem Tisch habe, finde er Krebs in der Prostata. Der Mann ist nicht daran gestorben, er ist mit achtzig an etwas anderem gestorben, und der Krebs saß einfach da. Der Homo Sapiens ist gar nicht darauf ausgelegt, so alt zu werden. Wenn die Zelle sich oft genug teilt, macht sie Fehler, und irgendwann ist immer irgendwo ein Tumor, der niemandem je geschadet hätte.

Wer suchet, der findet. Diese alte Wahrheit ist in der Krebsvorsorge ein doppelschneidiges Schwert. Mach deine Darmspiegelung, mach jedes Jahr deine Blutuntersuchung, am besten einen kompletten Körperscan, und dann ist alles gut. Nur ist eben nicht alles gut, denn jeder Befund führt sofort zur Maschinerie, zur OP, zur Chemo, zur Bestrahlung, auch dann, wenn der Tumor dich überlebt hätte. Die Medizin hat dafür sogar einen Begriff, die Überdiagnose, das Entdecken und Behandeln von Tumoren, die nie Beschwerden gemacht hätten. Beim Prostatakrebs ist das ein bekanntes Problem, viele Männer sterben mit ihrem Prostatakrebs und nicht an ihm, aber sobald er gefunden ist, beginnt die Behandlung mit all ihren Nebenwirkungen, Inkontinenz, Impotenz, und das für einen Tumor, der vielleicht nie etwas getan hätte. Das Lungenscreening per Niedrigdosis-CT, das in Deutschland nun für langjährige Raucher kommt, wird dasselbe Muster wiederholen, da bin ich sicher, jeder zweite wird irgendeinen Schatten haben, und dann beginnt die Spirale aus Folgeuntersuchung, Biopsie, Angst.

Und wer bezahlt diesen Irrsinn, Jahr für Jahr? Die Strahlung gibt es obendrein gratis dazu, im physikalischen Sinn. Ein einziges dieser Niedrigdosis-CT bringt dich auf etwa 1 bis 2 Millisievert (Rampinelli et al., 2017), das entspricht in etwa der kosmischen Strahlung von 15 Hin- und Rückflügen über den Atlantik. Nach 10 Jahren jährlichen Screenings hast du je nach Geschlecht 9 bis 13 Millisievert angesammelt, also die Dosis von weit über hundert solcher Flüge, freiwillig, für die bloße Suche nach etwas, das dir vielleicht nie etwas getan hätte. Und dann das Geld. Nehmen wir an, so eine Untersuchung kostet nur 500 Euro, als Privatpatient lege ich eher das Doppelte hin, und das multipliziert mit Millionen Rauchern und Exrauchern, Jahr für Jahr, in einer Zeit, in der unser solidarisch finanziertes System ohnehin schon an allen Ecken kracht. Du suchst nach einem Tumor, der dich vielleicht überlebt hätte, und bezahlst die Suche gleich zweimal, mit Geld und mit Strahlung.

Und es kommt der psychologische Bumerang dazu. Der Mensch, der sich täglich vor dem Krebs fürchtet, der von Vorsorge zu Vorsorge hetzt, der befeuert über genau jenen Stresspfad, der das Immunsystem dämpft, womöglich das, wovor er davonläuft. Chronischer Stress drückt die natürliche Krebsabwehr der Killerzellen herunter, das habe ich weiter oben beschrieben, und es schließt sich hier zum Kreis. Die Angst ist nicht nur Lebensqualität fressend. Sie ist möglicherweise Teil des Problems.

Ein Wort noch zum Pankreaskrebs, der in meinem Umfeld zweimal zugeschlagen hat, bei meiner Nachbarin und beim fernen Steve Jobs. Diese Krebsart ist besonders tückisch, weil sie sich an keine der schönen Regeln hält. Sie trifft Dicke und Dünne, Sportler und Couch-Bewohner, sie schert sich nicht um den BMI und nicht um die Ernährungsphilosophie. Sie wird getrieben von Dingen, gegen die Disziplin nichts ausrichtet, von chronischer stiller Entzündung, von angesammeltem Zellschaden, von genetischer Veranlagung und von genau jener Art Stoffwechselstress, die in einem dauerüberlasteten Körper entsteht. Gerade dieser Krebs ist der beste Zeuge gegen die Selbstschuld-Erzählung, denn an ihm scheitert die Behauptung, jeder sei seines Krebses eigener Schmied.

Was nützen mir achtzig Jahre mit lausiger Lebensqualität, weil ich mich Tag und Nacht verrückt mache? Diese Frage stelle ich ernsthaft, und ich habe sie für mich beantwortet.

Das Wasser, das Lithium und die große Supplement-Lüge

Bevor ich zum Schluss komme, noch zwei Dinge, die zusammengehören, das Wasser und die Pillen. Über beides habe ich auf rauscher.xyz schon ausführlicher geschrieben, das Wasser und das Lithium in meinem langen Essay über das Vergessen, das Fasten in einem eigenen Beitrag. Hier nur die Brücke zum Krebs.

Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass das Mineralwasser für 39 Cent aus dem Billigmarkt etwas anderes ist als Leitungswasser, oft schlechteres, abgefüllt in Plastik, das seine eigenen Verbindungen abgibt. Und selbst die teuersten Flaschen sind nicht das, was der Homo Sapiens aus der Quelle trank. Dem ging es mit dem Wasser nämlich richtig gut. Da waren Mineralstoffe drin, Lithium in winzigen, natürlichen Spuren, Magnesium, Kalzium, all das, was er aus dem Bach, aus dem Stein, aus der Quelle bekam, ohne es zu wissen. Wir reinigen unser Wasser heute so gründlich, dass wir das Gute gleich mit entfernen.

Beim Lithium ist das besonders bemerkenswert, und ich habe darüber in meinem langen Essay über das Vergessen ausführlicher geschrieben. Es gibt eine wachsende Zahl von Untersuchungen, die zeigen, dass in Regionen mit höherem natürlichem Lithiumgehalt im Trinkwasser bestimmte neurologische Erkrankungen seltener auftreten und sogar die Selbstmordraten niedriger liegen. Wir reden hier von Spuren, von einem Bruchteil dessen, was als Medikament gegeben wird, aber von einer Spur, die der Mensch über Jahrtausende täglich bekam und die heute aus unserem aufbereiteten Wasser verschwunden ist. Das ist kein direkter Krebsfaktor, aber es gehört in dasselbe Kapitel, das Kapitel über die Dinge, die der moderne Mensch verloren hat, ohne den Verlust zu bemerken. Wir haben das Wasser sauber gemacht und ihm dabei die Seele genommen.

Ich selbst gehe einen Umweg, der auf den ersten Blick widersprüchlich aussieht. Ich trinke nur noch Wasser, das ich per Umkehrosmose filtere, also durch eine Membran presse, die so gut wie alles zurückhält, Schadstoffe, Rückstände, aber eben auch die Mineralien. Heraus kommt ein Wasser von fast schon beleidigender Reinheit, blank, leer, tot. Und genau deshalb kippe ich mir einmal am Tag ein kleines Glas davon mit einer Prise speziellen Meeressandes, der die Mineralien und Salze zurückbringt, die ich vorher mit gutem Grund herausgefiltert habe. Das klingt nach Wahnsinn, erst alles raus, dann das Gute wieder rein, und in gewisser Weise ist es das auch. Aber es ist genau die Bewegung, die diesen ganzen Text trägt, im Kleinen nachgestellt. Ich nehme das Gift heraus und gebe der Natur zurück, was sie ohnehin vorgesehen hatte. Der moderne Mensch macht meist nur die erste Hälfte und wundert sich, dass etwas fehlt.

Womit ich beim eigentlichen Muster bin, das sich durch diesen ganzen Text zieht. Der Homo Sapiens hat über Jahrtausende eine ganze Reihe von Schutzfaktoren verloren, die natürlichen Spurenstoffe im Wasser, die Essenspausen durch Knappheit, die Bewegung, die das Überleben erzwang, das Sonnenlicht in vernünftigem Maß. Und er hat im selben Zug eine ganze Reihe von Belastungen gewonnen, die er nie zuvor kannte, die Gifte, den Zucker, die Strahlung, den Dauerstress, die Plastikpartikel. Es ist diese doppelte Bewegung, das Wegnehmen des Guten bei gleichzeitigem Hinzufügen des Schlechten, die das moderne Krebsgeschehen erklärt, viel besser als jede einzelne Ursache für sich.

Und nun die Pillen, an dieser Stelle muss ich lachen, jedes Mal. Ich bin selten in den sozialen Medien, aber wenn, dann sehe ich diese Heerscharen von Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel schlucken, verkaufen, bewerben, eine ganze Industrie. Und wisst ihr, wer diese Mittel am eifrigsten nimmt? Oft genau die, die saufen und rauchen. Die denken sich, oh je, wenn ich jetzt noch dieses Pülverchen nehme, dann mache ich mein Laster wieder gut. Am schönsten sind die, die einen wirklich gefährlichen Beruf haben oder die riskanteste Sportart der Welt betreiben, und dann großspurig auf Supplements machen, während sie trinken und rauchen. Das ist der Otto Sapiens in seiner reinsten Form. Otto Sapiens, das ist meine Bezeichnung für die Variante des Menschen, die glaubt, alles zu wissen, weil sie ein Hörbuch gehört hat, und die mit maximaler Selbstüberzeugung den eigenen Widerspruch nicht bemerkt.

Es gibt keine Pille, die eine Zigarette wieder gutmacht. Es gibt kein Pülverchen, das das Gift aus dem Essen neutralisiert, solange du das Essen nicht änderst. Die ganze Supplement-Orgie ist die moderne Form des Ablasshandels, du kaufst dir ein gutes Gewissen und sündigst weiter. Und ich sage das als jemand, der Testosteron substituiert, also kein dogmatischer Pillenverweigerer ist, sondern einer, der eine gezielte, begründete Entscheidung von einer planlosen Konsumhaltung unterscheidet.

Am komischsten, im bittersten Sinn, sind für mich die Menschen mit den wirklich gefährlichen Berufen und den riskantesten Hobbys der Welt. Der eine hängt am Wochenende ohne Seil an der Felswand oder rast mit dem Motorrad über die Landstraße, der andere arbeitet täglich mit Substanzen, neben denen ein Glas Wein harmlos wirkt, und beide schlucken morgens fromm ihre Vitamine und posten das Foto dazu. Sie optimieren die zweite Nachkommastelle ihrer Gesundheit, während sie die erste mit dem Vorschlaghammer bearbeiten. Das ist keine Vorsorge, das ist Selbstbetrug mit Quittung aus dem Reformhaus. Der Otto Sapiens erkennt seinen eigenen Widerspruch nie, das ist sein Markenzeichen, er hat ja ein Hörbuch darüber gehört und weiß deshalb Bescheid.

Polemische Vorwarnung, bevor ich euch in die eigene Verantwortung entlasse

Jetzt der Teil, in dem ich euch warne, und zwar vor mir und meinem eigenen Text. Ihr habt gerade eine Aufzählung von Schreckensbildern gelesen, Gift im Essen, Gift in der Luft, Gift in der Creme, Gift im Wasser, ein umgeschriebenes Erbgut. Wenn ihr jetzt Panik bekommt, dann habe ich alles falsch gemacht, und ihr seid drauf und dran, zum nächsten Otto zu werden, der sich zu Tode fürchtet und dann ein Regal Vitamine leerkauft.

Denn das ist die Falle, in die ich euch ausdrücklich nicht laufen lassen will. Die Angst ist selbst ein Karzinogen, im übertragenen und vielleicht sogar im wörtlichen Sinn, über den Stresspfad. Wer aus diesem Text die Lehre zieht, nun jeden Tag drei neue Vorsorgetermine zu machen und sich vor jeder Erdbeere zu fürchten, der hat das Gegenteil von dem verstanden, was ich sagen wollte. Es gibt da draußen eine ganze Industrie, die von eurer Angst lebt, die einen verkaufen euch das Screening, die anderen das Pülverchen dagegen, und beide verdienen an demselben Gefühl. Externe, gemachte Angst darf euer Urteil nicht regieren. Das ist vielleicht der einzige Ratschlag in diesem ganzen Text, den ich ohne Fußnote gebe.

Habt ihr eine Ahnung, wie genial ihr gebaut seid?

Und jetzt erlaubt mir einen Seitenhieb, der euch gilt, euch allen, der ganzen Menschheit. Habt ihr eigentlich eine Ahnung, wie genial der Homo Sapiens ist? Habt ihr eine Vorstellung davon, wie unfassbar dieses ganze System funktioniert, in dem ihr da wohnt? Nein. Ihr habt sie nicht. Ihr habt keinen Plan. Ihr steht morgens auf, dreht eure Runde im Hamsterrad und habt keine Ahnung, was in diesem Moment eure Leber leistet, was eure Nieren filtern, was die Bauchspeicheldrüse, die Galle und die tausend anderen stillen Arbeiter in euch gerade vollbringen, ohne dass ihr auch nur einen Gedanken daran verschwendet.

Die Leber allein entgiftet, baut um, speichert, schüttet aus, hält den Blutzucker in der Spur und repariert sich selbst, alles gleichzeitig, alles ohne Bedienungsanleitung. Die Niere klärt euer Blut Hunderte Male am Tag und hält die Salze auf die dritte Nachkommastelle genau. Das Immunsystem erkennt entartete Zellen, bevor ihr von ihrer Existenz auch nur ahnt. Das ist die genialste Maschine, die das uns bekannte Universum hervorgebracht hat, und sie läuft in euch, kostenlos, klaglos, ein Leben lang. Aber wie euer Telefon funktioniert, mit welchem Wisch ihr welche App öffnet, das wisst ihr alle. Das weiß heute fast jeder. Und das, genau das, finde ich zutiefst traurig.

Diesen Block hier, dieses Schreiben über die Welt, das bin ich, das war ich und das werde ich sein. Ich schreibe das, weil ich es muss, und ich werde es schreiben, bis ich in die Kiste falle. Dass es gelesen wird, sehe ich an den Reaktionen, egal ob zustimmend oder wütend, beides ist mir lieber als Gleichgültigkeit. Das Schreiben selbst fällt mir leicht, weil ich es täglich tue, und wo mir die Rechtschreibung oder die Grammatik durchrutscht, schaut mir ein Werkzeug namens LanguageTool über die Schulter, das nicht nur Tippfehler fängt, sondern auch den schiefen Satzbau. Womit ich gleich noch bei einem zweiten Seitenhieb wäre. Wir schicken unsere Kinder über ein Jahrzehnt in die Schule, damit sie lesen, schreiben und rechnen können. Gut so. Aber Hand aufs Herz, wer von euch rechnet heute noch im Kopf, wenn das Telefon in der Tasche steckt? Wer schreibt noch einen Satz ohne die Rechtschreibhilfe, die im Hintergrund mitkorrigiert? Wir lagern das Denken aus und nennen es Fortschritt, während wir vom eigenen Körper, in dem wir wohnen, weniger verstehen als von der Software, die wir morgen schon wieder ersetzen.

Zurück in die Pizzeria, mit Bandit und einem Glas Wasser

Es ist Abend geworden, während ich das schreibe, und ich sitze, wo ich oft sitze, in der Pizzeria meines Heimatortes irgendwo in Bayern, dieselbe Pizza wie immer, ein alkoholfreies Weißbier, daneben ein Glas Wasser. Zu Hause trinke ich mein gefiltertes Wasser, aber hier nehme ich, was kommt, denn ich bin kein Heuchler und keiner von denen, die im Restaurant eine Szene machen. Bandit liegt unter dem Tisch, mein Malinois, und beobachtet mit mir die Nachbartische, ich mit dem Rest meiner Pizza, er mit der Hoffnung auf ein Stück Rand. Am Nebentisch ein junges Paar, sie filmt das Essen fürs Netzwerk mit dem einen Buchstaben, er erzählt von seiner neuen Nahrungsergänzung, beim Glas Wein.

Ich denke an die Frau aus dem Spiegel, an ihre Wut, an ihren Satz, es sei zu viel Gift in der Welt. Sie hat recht, und gleichzeitig würde ich ihr von meinem Beobachtungsposten aus zurufen, lass dich von der Wut nicht auffressen, denn auch das frisst. Mein Freund aus Niederbayern hat mir vor ein paar Tagen diesen Artikel geschickt, und ohne ihn säße ich jetzt nicht hier und hätte zwanzig Jahre Gedanken in einen Text gegossen. Der Homo Sapiens vor 50.000 Jahren trank aus der Quelle, aß, was die Saison hergab, mied die Mittagssonne, weil sie unbequem war, und kannte weder den raffinierten Zucker noch das Glyphosat noch das Oxybenzon. Er starb früher, gewiss, an Wunden, an Infektionen, an Hunger. Aber er starb selten an dem, woran wir heute in dieser Häufigkeit sterben.

Ich habe in diesem Text keine Heilung angeboten, weil ich keine habe. Ich habe euch die Entstehung gezeigt, so ehrlich ich konnte, das Belegte als belegt, das Vermutete als Vermutung, meine Überzeugung als meine Überzeugung. Was ich euch mitgebe, ist kein Pülverchen und kein Vorsorgeplan. Es ist eine einzige Bitte. Kommt raus aus der Panik. Kommt raus aus der Supplement-Orgie, solange ihr noch raucht und sauft und euch grillt. Hört auf, die Schuld zuerst bei euch selbst zu suchen, und hört gleichzeitig auf, sie nur bei den anderen zu suchen. Die Wahrheit liegt im Gift, das wir alle teilen, mit den Hunden, mit den Walen, mit unseren Kindern.

Und damit keiner denkt, ich stelle mich über euch, hier mein eigenes Bekenntnis, ungeschönt. Ich trinke fast nur mein gereinigtes Wasser, und einmal im Monat gönne ich mir einen Energydrink aus der Dose, von dem ich genau weiß, dass er auf die Leber geht, weil ich auch ein Mensch bin und kein Mönch. Aber Cola, Limonade, das süße Zeug mit dem Cola-Orangen-Gemisch, das spare ich mir, und zwar aus einem sehr konkreten Grund. Der ganze Zucker daraus wird in der Leber in Fett umgebaut, und das ist der Weg, auf dem der halbe Westen inzwischen mit einer Fettleber herumläuft, ohne es zu wissen. Eine Fettleber ist genau dann ein Problem, wenn der Körper ohnehin gegen Gifte ankämpft, denn ausgerechnet die Leber ist das Organ, das diesen Kampf führen müsste, und eine verfettete Leber führt ihn schlecht. Deshalb halte ich mich massiv mit Zucker und Süßem zurück, trinke ab und zu ein alkoholfreies Weißbier, keinen Tropfen Alkohol, und lasse das süße Wasser in den Regalen stehen, wo es hingehört.

Bandit hat seinen Rand bekommen. Das junge Paar am Nebentisch hat seine zweite Runde Wein bestellt und postet jetzt ein Foto seiner Supplements dazu, die eine Hand am Glas, die andere am Pülverchen, und keiner der beiden sieht den Widerspruch. Ich winke der Bedienung, zahle, und denke, dass ich morgen weiterschreibe, am nächsten Stück dieses Puzzles. Denn das Bild ist noch nicht fertig. Es wird, fürchte ich, nie ganz fertig.

Quellen

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