Das teuerste Nichts der Welt
Warum in einem Globulus kein einziges Molekül Wirkstoff überlebt, warum eine Grippe mit Zucker genauso lange dauert wie ohne, und warum ein Staat ein Nichts als Arznei registriert
Ich habe in meinem Leben oft gelächelt und geschwiegen. Jemand sitzt mir gegenüber, erzählt mit leuchtenden Augen, die kleinen weißen Kügelchen hätten seine Grippe vertrieben, den Infekt seines Kindes gestoppt, den Heuschnupfen weggezaubert, und ich nicke und lächle und schlucke die Korrektur hinunter, die mir auf der Zunge liegt. Ich weiß, dass in diesen Kügelchen nichts drin ist. Nicht wenig, nicht eine Spur, nicht ein Rest, sondern schlicht gar nichts. Und trotzdem habe ich jahrelang gelächelt, weil man niemandem gern den kleinen Glauben nimmt, der ihm über einen grippigen Winter geholfen hat. Es kostet ja nichts, dachte ich, es tröstet, und wer bin ich, jemandem den Trost auszureden.
Damit ist jetzt Schluss, dieser Text lächelt nicht mehr, er rechnet. Er nimmt ein einzelnes Produkt und legt es auf den Seziertisch, und am Ende dieses Textes wissen Sie, warum ein Globulus die reinste Form von verkauftem Nichts ist, die der legale Markt zu bieten hat. Ich bleibe dabei beim Kügelchen und weite das Thema nicht künstlich aus, weil das Kügelchen für sich schon genug hergibt. Wer sein Weltbild an diesen Zuckerperlen aufgehängt hat, wird gleich erbost sein, und ich habe dafür ein gewisses Verständnis, aber kein Argument, das ich deshalb zurücknehme. Das hier ist Wissenschaft, und dieser Blog beschäftigt sich mit Wissenschaft, auch wenn die Wissenschaft in diesem Fall unbequem ist.
Was wirklich im Kügelchen steckt
Fangen wir mit der Zahl an, die alles entscheidet, und zwar sofort, damit niemand 3.000 Wörter auf die Pointe warten muss. Homöopathische Mittel werden verdünnt, in Stufen, und die Stufen tragen Namen. Eine D-Potenz bedeutet Verdünnung im Verhältnis 1 zu 10 je Schritt, eine C-Potenz im Verhältnis 1 zu 100 je Schritt. D7, ein gängiger Wert aus der Apotheke, ist also eine Verdünnung von 1 zu 10 Millionen. Das klingt schon nach wenig, und in der Chemie ist es das auch. Aber die Homöopathie hört da nicht auf, sie fängt da erst richtig an.
Nehmen wir C30, den Klassiker im Kügelchenregal. C30 heißt, die Ausgangssubstanz wurde 30 Mal im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt. Das ergibt eine Verdünnung von 10 hoch minus 60, eine 1 mit 60 Nullen dahinter im Nenner. Dagegen steht eine feste Naturkonstante, die Avogadro-Zahl, die angibt, wie viele Teilchen in einem Mol einer Substanz stecken, ungefähr 6 mal 10 hoch 23. Sobald die Verdünnung diese Zahl übersteigt, und das passiert schon bei etwa C12, ist die Wahrscheinlichkeit, dass in Ihrem Kügelchen noch ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz sitzt, statistisch bei null. Bei C30 sind wir weit jenseits davon. Bei C200, auch das gibt es zu kaufen, reden wir über 10 hoch minus 400, eine Zahl, die im ganzen bekannten Universum keine Entsprechung mehr hat.
Machen wir es anschaulich, denn nackte Exponenten rutschen durch das Gehirn wie Wasser durch die Finger. Um bei einer C30-Verdünnung rein rechnerisch überhaupt noch auf ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz zu hoffen, müsste man eine Wassermenge vor sich haben, die weit über alles hinausgeht, was dieser Planet an Wasser besitzt. Sie halten ein Röhrchen in der Hand, in dem statistisch nichts mehr von dem ist, was auf dem Etikett steht, und Sie bezahlen dafür einen Preis, der so tut, als säße dort ein Wirkstoff. Das ist keine Meinung, das ist Arithmetik, und Arithmetik lässt sich nicht bequatschen.
Was in einem C30-Globulus übrig bleibt, ist der Träger, und der Träger ist Zucker. Milchzucker und Rohrzucker, zu einer kleinen Perle gepresst, süß und rund und vollkommen wirkstofffrei. Sie kaufen eine Zuckerperle, auf der irgendwann einmal ein Tropfen einer Lösung war, in der irgendwann einmal ein Molekül von irgendetwas gewesen sein könnte. Der Preis dieser Perle steht in keinem Verhältnis zu ihrem Inhalt, weil sie schlicht keinen Inhalt hat.
Warum ich das rechnen darf, obwohl ich kein Apotheker bin. Ich lese seit einem großen Teil meines Lebens forensisch Substanzen, Spuren und Datensätze, und die erste Frage, die ein Vollblut-Forensiker stellt, ist immer dieselbe, nämlich ob in einer Probe etwas drin ist oder nicht. Eine Verdünnungsreihe ist kein Geheimnis, sie ist eine Multiplikation, die jeder mit einem Taschenrechner nachvollziehen kann. Man muss keine besondere Weihe empfangen haben, um 10 hoch minus 60 zu verstehen. Man muss nur bereit sein, die Zahl anzusehen, statt an das Gefühl zu glauben, das sich um die Zahl herum gebildet hat.
Wie man ein Nichts herstellt
Damit man versteht, wie es überhaupt zu diesen Kügelchen kam, muss man kurz zu einem deutschen Arzt aus der Zeit um 1800. Samuel Hahnemann, geboren 1755, gestorben 1843, formulierte 1796 in einem Aufsatz mit dem sperrigen Titel „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen“ seinen Leitsatz. „Similia similibus curentur“, Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt. Sein Hauptwerk, das „Organon der Heilkunst“, erschien ab 1810, und er feilte bis 1842 daran, über 6 Auflagen hinweg. Am Anfang stand eine einzige Beobachtung, der berühmte Chinarindenversuch. Hahnemann nahm Chinarinde, die gegen Malaria half, und bekam von ihr selbst malariaähnliche Beschwerden, und daraus zog er den weitreichenden Schluss, was Symptome erzeuge, könne dieselben Symptome auch heilen.
Aus dieser einen Beobachtung baute er ein ganzes System. Er ließ gesunde Menschen Substanzen einnehmen und notierte jedes Zwicken, jede Stimmungsschwankung, jeden Traum, und diese Sammlungen von Symptomen wurden zur Grundlage der Verordnung. Das Verdünnen bis ins Unendliche, das heute als das eigentliche Kennzeichen der Homöopathie gilt, kam erst später dazu, es war eine spätere Erfindung Hahnemanns und nicht der Ausgangspunkt. Je verdünnter, so die neue Lehre, desto stärker die Wirkung, ein Satz, der jeder Erfahrung des Alltags widerspricht, denn niemand wird von einem immer dünneren Kaffee immer wacher.
Man muss Hahnemann in seiner Zeit sehen, und hier kommt ein Gedanke, der mir wichtig ist. Die Medizin um 1800 war eine Katastrophe. Man ließ zur Ader, bis der Kreislauf zusammenbrach, man verabreichte Quecksilber gegen fast alles, man setzte Klistiere und Brechmittel, und wer damals einem Arzt in die Hände fiel, war oft besser dran, wenn er rechtzeitig entkam. Vor diesem Hintergrund war Hahnemanns Idee, den Patienten mit stark verdünnten Mitteln vor allem in Ruhe zu lassen, tatsächlich ein Fortschritt, weil sie weniger schadete als die brutale Konkurrenz. Nichts zu tun war um 1800 manchmal die beste verfügbare Medizin. Das rechtfertigt die Homöopathie nicht, es erklärt nur, warum sie überlebte, während der Aderlass zu Recht im Museum gelandet ist. Kehren wir zur Herstellung zurück, denn die ist der eigentliche Witz an der Sache.
Das Verdünnen allein war Hahnemann irgendwann zu wenig, also kam die Potenzierung dazu. Bei jedem Verdünnungsschritt wird das Fläschchen kräftig geschüttelt, oder genauer, es wird mehrfach gegen eine Unterlage geschlagen, in der klassischen Variante gegen ein Lederkissen oder gegen die eigene Hand. Diese Prozedur heißt Verschüttelung, und ohne sie, so die Lehre, entfaltet das Mittel seine Kraft nicht. Man verdünnt eine Substanz also so lange, bis sie rechnerisch längst verschwunden ist, und schlägt das Fläschchen dabei jedes Mal gegen die Hand, damit das Nichts sich merkt, was einmal in ihm war. Wenn Sie das gerade zum ersten Mal in dieser Klarheit lesen und Ihnen die Leberkässemmel aus der Hand fällt, dann haben Sie den Kern der Sache verstanden.
Das Gedächtnis, das Wasser nicht hat
Die naheliegende Frage stellt sich jeder halbwegs wache Mensch sofort. Wenn nichts drin ist, wie soll es dann wirken? Die Antwort der Homöopathie ist der eleganteste Taschenspielertrick der Medizingeschichte. Nicht die Substanz wirke, heißt es, sondern eine Information, die sich beim Verschütteln auf das Lösungsmittel und den Zucker übertrage. Das Wasser habe ein Gedächtnis, es erinnere sich an die Substanz, auch wenn kein Molekül mehr da sei. Die australische Gesundheitsbehörde beschreibt genau diese zweite Grundannahme der Homöopathie ganz nüchtern so, dass hochverdünnte Zubereitungen ein „memory“ der Ausgangssubstanz behielten. Das ist keine Erfindung ihrer Gegner, das ist die Selbstbeschreibung der Lehre.
Nur hat Wasser kein Gedächtnis. Wasser ist eine Ansammlung von Molekülen, die sich im Pikosekundentakt neu ordnen und jede Struktur in Sekundenbruchteilen wieder vergessen. Wenn Wasser sich an alles erinnern würde, was jemals durch es hindurchgeflossen ist, dann trüge jeder Schluck Leitungswasser die Information sämtlicher Kläranlagen, Flüsse und Blasen dieses Planeten in sich, und das wäre eine deutlich beunruhigendere Vorstellung als jede Grippe. Warum erinnert sich das Wasser ausgerechnet an das teure Entenextrakt und nicht an das Chlor aus der Leitung, durch die es geflossen ist? Auf diese Frage gibt es keine Antwort, weil es die Erinnerung nicht gibt.
Damit Homöopathie funktioniert, müsste man Physik und Chemie an mehreren Stellen gleichzeitig außer Kraft setzen, so grundlegend, dass am Ende nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee erklärbar wäre. Es gibt kein Messgerät auf der Welt, das den Unterschied zwischen einem C30-Globulus und einer reinen Zuckerperle nachweisen könnte, weil es diesen Unterschied nicht gibt. Man hat es mit hochempfindlichen Verfahren versucht, man hat Wasser vermessen, verglichen, analysiert, und immer war das Ergebnis dasselbe. Das Gedächtnis des Wassers ist kein Mechanismus, es ist eine Ausrede in weißem Kittel.
Der Test, den es seit Jahrzehnten nicht besteht
An dieser Stelle kommt gern der Einwand, die Wissenschaft sei eben zu grob, um die feine Wirkung zu erfassen. Also messen wir nicht das Molekül, sondern das Ergebnis. Man nimmt 2 Gruppen von Kranken, gibt der einen das homöopathische Mittel und der anderen eine ununterscheidbare Zuckerperle, und niemand weiß bis zum Schluss, wer was bekommen hat. Genau dafür ist die placebokontrollierte Studie da, und genau dieser Prüfung hat sich die Homöopathie seit Jahrzehnten immer wieder gestellt. Das Ergebnis ist so eindeutig, wie ein Ergebnis in der Medizin überhaupt sein kann.
Der australische National Health and Medical Research Council prüfte im Jahr 2015 die gesamte verfügbare Studienlage, einen Überblick über 57 systematische Übersichtsarbeiten mit 176 Einzelstudien, verteilt über mehr als 60 Krankheitsbilder. Das Fazit steht in einem einzigen Satz, und der lautet, es gebe keine Gesundheitszustände, für die es verlässliche Belege gebe, dass Homöopathie wirksam sei. Darunter, das ist für unser Grippethema entscheidend, waren ausdrücklich auch grippeähnliche Erkrankungen und die klassischen Erkältungsinfekte der oberen Atemwege, bei denen sich kein verlässlicher Vorteil gegenüber der Zuckerperle zeigte. Der britische Wissenschaftsausschuss des Unterhauses kam zu dem Schluss, dass systematische Übersichten und Metaanalysen zeigten, dass homöopathische Produkte nicht besser abschnitten als Scheinmedikamente, und dass ein empfundener Nutzen allein auf dem Placeboeffekt beruhe. Die große im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichte Vergleichsstudie von Shang und Kollegen aus dem Jahr 2005 zeigte in dieselbe Richtung. Der Befund wiederholt sich, seit man ihn ernsthaft erhebt.
Und der Placeboeffekt selbst ist übrigens kein Nichts, das muss man fairerweise sagen. Der Glaube an eine Behandlung, die Zuwendung eines Menschen, der zuhört, das Ritual des Einnehmens zu festen Zeiten, all das kann Schmerzen dämpfen und das Befinden heben, messbar und real. Ein Homöopath, der sich viel Zeit nimmt und den ganzen Menschen anschaut, erzeugt genau diesen Effekt, und deshalb fühlen sich seine Patienten oft besser. Nur kommt dieser Effekt aus der Begegnung, aus der Aufmerksamkeit, aus dem Ritual, und nicht aus dem Zucker. Man könnte denselben Effekt mit einer reinen Zuckerperle erzielen, und genau das ist ja der Punkt der Placebogruppe.
Ich will hier auch ehrlich sein, weil die ehrliche Formulierung stärker ist als die dramatische. Es gibt einzelne kleine Studien, die einen Vorteil für die Homöopathie meldeten. Sie waren durchweg klein, methodisch schwach oder schlecht dokumentiert, und keine gut gemachte, ausreichend große Studie hat den Effekt bestätigt. Es gibt auch Verbände, die den australischen Bericht bis heute erbittert bekämpfen und ihm methodische Fehler vorwerfen. Diese Gegenstimmen existieren, und ich verschweige sie nicht. Nur ändern sie am Gesamtbild nichts, weil sich das Gesamtbild aus vielen unabhängigen Quellen zusammensetzt und immer denselben Punkt trifft. Ich habe lange geglaubt, die Anhänger wüssten es insgeheim alle besser. Das stimmt nicht, und die Korrektur ist wichtig, denn die meisten glauben wirklich daran, und das macht die Sache nicht harmloser, sondern hartnäckiger.
Die Ente, in der keine Ente steckt
Wenn Sie ein einziges Produkt sehen wollen, an dem die ganze Absurdität mit Händen zu greifen ist, dann nehmen Sie das meistverkaufte homöopathische Grippemittel der Welt. Sein Ausgangsstoff ist ein Extrakt aus Herz und Leber einer Wildente, gewonnen aus einer 1-prozentigen Lösung. Diese Lösung wird 200 Mal im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt, nach der sogenannten Korsakow-Methode aus einem einzigen Fläschchen, mit Verschüttelung bei jedem Schritt. Wir sind wieder bei 10 hoch minus 400, weit jenseits jeder Molekülgrenze. Was Sie am Ende schlucken, sind kleine Zuckerkügelchen aus Milchzucker und Rohrzucker, in denen von der Ente rein gar nichts mehr enthalten ist, kein Herz, keine Leber, kein einziges Molekül.
Es ist, mit Verlaub, das teuerste Entenextrakt der Welt, das keine Ente enthält. Die Idee dahinter ist noch schöner als das Produkt. Wildenten gelten als natürliches Reservoir für Grippeviren, also, so der Gedanke, müsse ein Extrakt aus der Ente irgendwie gegen die Grippe helfen. Man nimmt das Tier, das die Viren beherbergt, verdünnt es bis ins Nichts, und hofft, dass die Erinnerung an die Ente das Immunsystem in Form bringt. Die Cochrane Collaboration, die international angesehenste Instanz für die Auswertung medizinischer Studien, hat dieses Mittel im Jahr 2015 gründlich untersucht. Die beiden Studien zur Vorbeugung zeigten keinen Schutz vor Grippe, und für die Behandlung reichte die Evidenz in ihrer schwachen Qualität nicht aus, um irgendeine belastbare Aussage zu treffen. Ein Mittel aus einer Ente, in der keine Ente ist, gegen eine Krankheit, die es nicht verhindert und nicht verkürzt, verkauft in Millionen Packungen. Man könnte darüber lachen, wenn nicht so viele Menschen ihr Geld und, schlimmer, ihre Zeit darauf verwenden würden.
Warum es sich anfühlt, als würde es wirken
Jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem die Kügelchen ihre Anhänger gewinnen, und dieser Punkt ist psychologisch und nicht pharmakologisch. Nehmen wir die Grippe, das Standardbeispiel, an dem sich alles zeigt. Eine echte Grippe ist eine selbstlimitierende Erkrankung. Nach Angaben der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC dauern die akuten Beschwerden in der Regel wenige Tage bis etwa eine Woche, danach klingt die Infektion von selbst ab, weil das Immunsystem das Virus besiegt. Husten und Abgeschlagenheit können noch länger nachhängen, aber der Verlauf ist im Kern immer derselbe, und der Körper macht die eigentliche Arbeit ganz allein.
Und hier passiert der Trick, den kein Kügelchenhersteller offen ausspricht, weil er ihn selbst braucht. Sie werden am Montag krank, es geht Ihnen elend, am dritten Tag greifen Sie zu den Globuli, und um den siebten Tag herum geht es Ihnen besser. Die Kügelchen kassieren den Applaus für eine Heilung, die ohnehin gekommen wäre. Der Körper heilt, und der Zucker verbeugt sich für den Applaus. Genau dasselbe gilt übrigens für die meisten frei verkäuflichen Grippemittel aus der Apotheke, in denen sehr wohl ein Wirkstoff steckt, denn auch der senkt nur das Fieber und dämpft den Schmerz, ohne den viralen Verlauf abzukürzen. Und dasselbe gilt für den Gang zum Arzt am Montag, der bei einer normalen Grippe außer Rat und Ruhe wenig anzubieten hat. Eine unkomplizierte Grippe dauert ihre Zeit, egal was Sie einnehmen, egal was man Ihnen aufschreibt, egal wie teuer oder wie billig das Zeug ist. Der einzige Unterschied ist, dass das Apothekenpräparat wenigstens ehrlich ein Symptom lindert, während das Kügelchen so tut, als heile es die Ursache.
Diesen Denkfehler nennt man den Trugschluss des zeitlichen Zusammenhangs, im Lateinischen etwas eleganter, aber genauso falsch. Etwas geschieht nach etwas anderem, also muss das eine das andere verursacht haben. Der Hahn kräht, dann geht die Sonne auf, also weckt der Hahn die Sonne. Das ganze Gebäude der homöopathischen Erfolgsgeschichten steht auf diesem einen morschen Balken, und es steht erstaunlich stabil, weil unser Gehirn Ursachen liebt und Zufälle hasst. Wir sind darauf gebaut, in jedem Zusammentreffen eine Absicht zu sehen, und diese uralte Verdrahtung war einmal überlebenswichtig, im Kügelchenregal aber führt sie uns geradewegs an der Nase herum.
Wenn aus dem Nichts eine Lungenentzündung wird
Bis hierhin ist das Ganze vor allem teuer und ein bisschen albern. Jetzt wird es gefährlich, und hier hört bei mir der Spott auf. Eine Grippe ist meistens harmlos, aber eben nur meistens. Bei manchen Menschen kippt sie, und aus dem viralen Infekt wird eine sekundäre bakterielle Lungenentzündung, eine der häufigsten und gefährlichsten Komplikationen der Influenza. Die CDC führt genau diese Komplikation ausdrücklich auf, und sie kann lebensbedrohlich werden. Besonders betroffen sind ältere Menschen, kleine Kinder, Schwangere und Menschen mit chronischen Grunderkrankungen, also genau jene, die ohnehin am wenigsten Reserven haben.
Und in diesem Moment steht der Mensch mit seinem Röhrchen Kügelchen da, dem die Kügelchen bei der harmlosen Grippe scheinbar so schön geholfen haben, und vertraut demselben Zucker jetzt bei etwas, das ihn umbringen kann. Der Glaube, der beim harmlosen Infekt nur Geld gekostet hat, kostet jetzt womöglich Tage, und bei einer Lungenentzündung sind Tage die Währung, in der über Leben und Tod abgerechnet wird. Der australische Gesundheitsrat hat diese Gefahr so klar benannt, wie es eine Behörde nur kann. Homöopathie solle nicht bei Zuständen eingesetzt werden, die chronisch, schwer oder potenziell schwer werden könnten, und wer wirksame Behandlung ablehne oder verzögere, gefährde damit seine Gesundheit. Das ist kein Zitat aus einem Kampfblatt der Kügelchengegner, das ist die amtliche Warnung einer nationalen Gesundheitsbehörde.
Ich sage bewusst nicht, dass Globuli Menschen töten, denn eine saubere Zahl dazu gibt es nicht, und ich setze keine Zahl, die ich nicht belegen kann. Was ich sage, ist präziser und darum schwerer zu widerlegen. Die Gefahr des Kügelchens liegt nicht im Kügelchen, das ist ja nur Zucker und als solches harmlos. Die Gefahr liegt einzig in der Zeit, die es kostet. Jeder Tag, an dem jemand eine ernste Erkrankung mit einem Nichts behandelt, ist ein verlorener Tag, und bei einer Lungenentzündung zählt jeder einzelne davon. Kein Zucker der Welt gewinnt gegen eine Pneumonie. Wer bei der harmlosen Grippe an die Kügelchen glaubt und deshalb bei der gefährlichen Variante zu spät zum Arzt geht, dem wünsche ich von Herzen, dass er zu den Glücklichen gehört, bei denen es harmlos bleibt. Auf dieses Glück würde ich meine Gesundheit nur ungern verwetten.
Der Apotheker, der es besser weiß
Jetzt wird es persönlich, und ich kennzeichne das ausdrücklich als meine Meinung, damit niemand Beleg und Wertung durcheinanderbringt. Ich halte jeden Apotheker, der diese Kügelchen über den Tresen schiebt, für grenzwertig unterwegs. Und ich meine das genau so hart, wie es klingt. Ein Apotheker hat ein pharmazeutisches Studium hinter sich, er kennt die Avogadro-Zahl, er kennt die Verdünnungsmathematik besser als ich, er weiß mit absoluter Sicherheit, dass in dem Röhrchen nichts drin ist. Und trotzdem verkauft er es, für nicht wenig Geld, weil die Leute danach fragen und weil sich der Umsatz gut anfühlt. Das ist mein Vorwurf, und er ist eine Meinung und kein Straftatbestand, denn juristisch bewegt sich der Apotheker im grünen Bereich. Genau das ist das eigentliche Ärgernis an der ganzen Angelegenheit.
Denn der Staat sanktioniert dieses Nichts sogar, statt es einzuhegen. In Deutschland werden homöopathische Fertigarzneimittel nicht zugelassen, sondern lediglich registriert, nach den Paragrafen 38 und 39 des Arzneimittelgesetzes. Der Unterschied ist gewaltig und wird gern übersehen. Eine Zulassung verlangt den Nachweis, dass ein Mittel wirkt. Eine Registrierung verlangt das nicht. Homöopathische Mittel kommen ausdrücklich ohne Angabe eines Anwendungsgebietes in den Verkehr, also ohne die Aussage, wogegen sie überhaupt helfen sollen. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte formuliert es in bemerkenswerter Offenheit, der Gesetzgeber habe für diese Gruppe von Arzneimitteln „keinen Wirksamkeitsnachweis vorgesehen“. Geprüft werden nur die Unbedenklichkeit und die pharmazeutische Qualität, ob das Mittel also sauber hergestellt und ungefährlich ist. Ob es wirkt, prüft niemand, weil niemand es prüfen muss. Ein Nichts, das sauber und ungefährlich ist, darf sich Arzneimittel nennen und im Regal neben echten Medikamenten stehen, und mehrere Hundert solcher Mittel sind sogar von der Einzelprüfung ganz befreit.
Die Amerikaner sind immerhin einen kleinen Schritt weiter gegangen. Die dortige Handelsaufsicht FTC verlangte im Jahr 2016, dass ein homöopathisches Mittel entweder seine Wirkung wissenschaftlich belegen oder auf dem Etikett deutlich machen müsse, dass es keinen solchen Beleg gibt. Auf einem Kügelchenprodukt müsste dann sinngemäß stehen, „there is no scientific evidence that the product works“, und dass die Behauptungen allein auf Theorien der Homöopathie aus einer längst überholten Zeit beruhen, die von den meisten modernen Medizinern nicht akzeptiert werden. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Eine staatliche Behörde hält es für nötig, den Käufer ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sein Arzneimittel im Grunde eine Idee aus der Zeit der Postkutsche ist, für deren Wirkung es keinerlei Nachweis gibt. Ehrlicher kann ein Etikett kaum sein, und trotzdem verkauft sich das Zeug weiter.
Die Blase, die erbost sein wird
Deutschland hat sehr viele Heilpraktiker, und ich muss hier eine Unterscheidung treffen, die mir wirklich wichtig ist, weil ich sonst ungerecht wäre. Ich bin ein ausdrücklicher Anhänger davon, dass Menschen systemisch behandelt werden, dass man also nicht nur ein Symptom wegdrückt, sondern die Ursache dahinter sucht. Ein guter Behandler, der zuhört, der den ganzen Menschen ansieht und nach dem Grund hinter den Beschwerden fragt, ist etwas Wertvolles, und die klassische Medizin hat auf genau diesem Feld oft viel zu wenig Zeit. So weit gehe ich vollständig mit. Aber ein Heilpraktiker, der ein Pendel über den Bauch schwingen lässt, die Hände auflegt oder mit fragwürdigen Geräten austestet, was der Organismus angeblich gerade braucht, hat nach meiner festen Überzeugung nichts mit Medizin zu tun. Das ist Esoterik in Praxiskleidung, und die Kleidung täuscht den Patienten über den Inhalt.
Es ist übrigens kein Naturgesetz, dass ein Staat das dulden muss. Österreich zum Beispiel duldet es nicht. Dort ist die Ausübung der Heilkunde ausschließlich Ärzten vorbehalten, und der Beruf des Heilpraktikers sowie schon die Ausbildung dazu sind durch das Ärztegesetz verboten und sogar strafbar, was der Europäische Gerichtshof als mit dem Unionsrecht vereinbar bestätigt hat. Deutschland zieht hier nicht mit, und das ist ehrlich gesagt zu erwarten, weil der Heilpraktiker hierzulande eine feste und traditionsreiche Institution ist. Nur sollte man wissen, worauf diese Institution eigentlich beruht. Viele Menschen glauben, hinter dem Titel Heilpraktiker stecke eine lange, anspruchsvolle Ausbildung. Das tut sie in Wahrheit nicht. Für den Heilpraktiker ist keine bestimmte Ausbildung vorgeschrieben, verlangt wird lediglich das Bestehen einer amtsärztlichen Überprüfung beim Gesundheitsamt, und diese Prüfung soll im Kern nur sicherstellen, dass der Kandidat keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt. Sie ist ein Unbedenklichkeitscheck, kein medizinisches Staatsexamen.
Und dann gibt es noch die Steigerung, bei der es endgültig grotesk wird. Beim Tierheilpraktiker fällt selbst diese dünne Hürde weg. Die Berufsbezeichnung Tierheilpraktiker ist in Deutschland gesetzlich nicht geschützt, das bestätigt sogar die Landestierärztekammer selbst in aller Deutlichkeit. Jeder darf sich so nennen, jeder darf so arbeiten, es gibt keine vorgeschriebene Ausbildung und keine staatliche Prüfung, und eine Berufsausübung ist auch völlig ohne jede Ausbildung möglich. Nach der gängigen Rechtsprechung gilt die bloße Selbstbezeichnung nicht einmal als irreführend. Man stelle sich das einmal ganz konkret vor. Ein Automechaniker, der nach 12 Jahren keine Lust mehr hat, sich die Hände schmutzig zu machen, schreibt sich schlicht Tierheilpraktiker unter den Namen, hängt ein Schild ins Fenster, und das ist vollkommen legal. Kein Examen, kein Nachweis, keine wirkliche Kontrolle. Und weil hier ein Tier den Behandler nicht selbst wählen und nicht widersprechen kann, entscheidet allein der Besitzer, ob das kranke Tier zu jemandem kommt, der ein Pendel schwingt, oder zu jemandem, der wirklich heilen kann. Wenn ein ernsthaft krankes Tier tagelang mit Zuckerkügelchen behandelt wird, statt rechtzeitig fachlich versorgt zu werden, dann ist das dieselbe verlorene Zeit wie bei der verschleppten Lungenentzündung, nur an einem Geschöpf, das sich nicht wehren und nicht widersprechen kann. Die ganze Heilpraktikerblase wird über diese Sätze erbost sein. Das ist mir vollkommen bewusst, und es ändert nichts, denn keiner dieser Sätze ist falsch.
Was ich ausdrücklich verteidige
Damit hier niemand am Ende das Falsche mitnimmt, ziehe ich die Linie so scharf, wie ich sie ziehen kann. Ich schieße nicht auf die Naturheilkunde, ich schieße auf den Betrug im Kittel der Naturheilkunde. Die Natur ist eine der mächtigsten Apotheken, die wir kennen, und das ist kein romantischer Satz, sondern eine harte pharmakologische Tatsache. Aus den Blättern des Fingerhuts, der Digitalis, gewinnt die Medizin die Herzglykoside Digitoxin und Digoxin, die bei Herzschwäche und bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden. Aus der Weidenrinde stammt das Salicin, das im Körper zu Salicylsäure wird, und daraus wurde die Acetylsalicylsäure, das Aspirin, das seit 1977 auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation steht. Aus dem einjährigen Beifuß isolierte die chinesische Pharmakologin Youyou Tu das Artemisinin gegen Malaria, und sie bekam dafür 2015 den Nobelpreis für Medizin.
Sehen Sie den entscheidenden Unterschied? In all diesen Fällen steckt ein echtes Molekül in der Pflanze, ein Wirkstoff, den man messen, isolieren und dosieren kann. Und weil er wirkt, kann er auch schaden. Der Fingerhut ist eine Giftpflanze, seine Herzglykoside haben nur eine geringe therapeutische Breite, die Dosis muss präzise stimmen, sonst wird aus dem Heilmittel ein tödliches Gift. Genau das ist das Kennzeichen echter Medizin. Sie hat einen Wirkstoff, sie hat eine Dosis, sie hat eine Wirkung, und sie hat ein Risiko, das man ernst nehmen muss. Das Globulus hat von alledem nichts. Es hat keinen Wirkstoff, keine wirksame Dosis, keine nachweisbare Wirkung und, das ist der einzige ehrliche Vorteil, auch kein direktes Risiko, weil in Zucker nun einmal nichts steckt, das schaden könnte. Der Unterschied zwischen echter Pflanzenmedizin und Homöopathie ist der Unterschied zwischen einem Wirkstoff und der bloßen Erinnerung an einen Wirkstoff. Das eine ist eine warme Mahlzeit, das andere ist die Vorstellung, satt zu werden, weil man sich an ein Essen erinnert, das jemand anderes vor langer Zeit gegessen hat.
Schick mir dein Geld
Kommen wir zum praktischen Teil, denn ich bin ein Freund praktischer Lösungen. Wer nach diesem Text noch immer der festen Überzeugung ist, dass die Information einer Substanz sich auf Zucker übertragen und heilen kann, dem mache ich ein ausgesprochen faires Angebot. Schreiben Sie mir eine Mail oder eine kurze Nachricht auf Telegram, und ich schicke Ihnen umgehend meine Kontonummer. Dann nehme ich eine handelsübliche Packung Würfelzucker, lege meine Hand darauf, konzentriere mich einen Moment und übertrage meine ganz persönliche Information in den Zucker, im Prinzip genau das, was beim Verschütteln und beim Handauflegen passiert, nur ohne den umständlichen Umweg über das Fläschchen. Anschließend bekommen Sie eine potenzierte, mit meiner eigenen Energie aufgeladene Packung Georgie C1, und ich bekomme im Gegenzug die 500. Das ist, ehrlich gesagt, das transparenteste Geschäftsmodell, das ich Ihnen in diesem ganzen Text vorstellen kann, denn Sie wissen von Anfang an ganz genau, was Sie bekommen, nämlich reinen Zucker.
Der einzige Unterschied zwischen meinem Angebot und dem Kügelchen im Regal ist die Ehrlichkeit. Ich sage Ihnen ins Gesicht, dass Sie Zucker kaufen. Die Packung im Regal sagt es Ihnen nicht, der Apotheker sagt es Ihnen nicht, und das Arzneimittelgesetz zwingt bis heute niemanden, es Ihnen zu sagen. Und deshalb lächle ich beim nächsten Mal, wenn mir jemand mit leuchtenden Augen von seinen geliebten Kügelchen erzählt, nicht mehr höflich in mich hinein. Ich schreibe stattdessen diesen Text und lege ihn auf den Tisch, und wer danach immer noch zur weißen Perle greift, der tut es wenigstens nicht mehr im Glauben, es sei Medizin. Es ist das teuerste Nichts der Welt, süß, rund und vollkommen leer, und der einzige Wirkstoff darin sitzt zwischen Ihren beiden Ohren.
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Quellen
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