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Hirnchemie ohne Mythen und Esoterik, und ohne den Griff zum Beipackzettel

Jun 14, 2026 | 38 min | neuroscience
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DE EN
Human brain cross-section with neurons communicating as figures, one with megaphone, one lowering a telephone line

Eine Reise durch die chemische Sprache des Körpers, durch die Botenstoffe, die euch wach und müde, verliebt und ängstlich machen, und durch die Frage, warum die Industrie euch lieber das Symptom verkauft als die Ursache.

Euer Kopf ist eine Stadt, und niemand hat euch je den Stadtplan gezeigt

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit Daten, mit Tönen, mit Bildern, mit Knochen, mit Humanbiologie und Kriminalistik, und seit ebenso langer Zeit mit dem menschlichen Gehirn. Das ist kein Nebenher und kein Hobby, das ich am Wochenende auspacke. Ich lese fast täglich wissenschaftliche Studien, ich verschlinge sie, und ich tausche mich mit Neurologen, Psychiatern und Psychologen aus, die ich zu meinen Freunden zähle. Die wenigen, die mich wirklich lesen können, wissen, dass ich in dieser Materie stecke, tief genug, um Fachleuten auf Augenhöhe zu begegnen. In meiner Arbeit als Forensiker habe ich Hunderte gerichtspsychiatrische Gutachten gelesen, immer mit derselben Frage im Kopf, war dieser Mensch in diesem Moment Herr seiner Entscheidung oder nicht.

Ich will hier nichts behaupten, was ich nicht bin. Ich bin kein Arzt, und ich möchte es auch nicht sein, nur ein weiterer Homo Sapiens, der morgens ins selbe Hamsterrad steigt. Ich bin auch kein Neurologe, der täglich in der Praxis steht und über den klinischen Alltag Dinge weiß, die ich nie wissen werde. Was ich bin, ist ein Homo Sapiens von einer bestimmten Bauart, ein Mensch, der Wissen aufsaugt, von Wissen lebt und mit Wissen sein Geld verdient. Wissen ist mein Beruf, mein Hobby und meine Art, die Welt zu ertragen, alles im selben Atemzug. Dazu kommt eine Eigenheit, die ich nie als Talent verstanden habe, sondern einfach als die Art, wie ich gebaut bin. Ich lese Daten, und innerhalb von Sekunden sehe ich das Muster darin, und ich sehe vor allem die Stelle, an der etwas nicht zusammenpasst. Der Widerspruch springt mir ins Auge, bevor ich überhaupt nach ihm gesucht habe. Wirf mir ein Thema hin, von dem ich zu wenig verstehe, und ich grabe mich hinein, bis ich auf dem Grund ankomme.

Es gibt Gründe, warum ausgerechnet das Gehirn das Thema wurde, das mich nicht mehr losließ. Meine Mutter ist schwer an Alzheimer erkrankt. Sie lebt heute in einem geschlossenen Heim, in dem sie ihre letzte Zeit verbringt, und sie steht nach der gängigen Reisberg-Skala im Stadium 7, dem Endstadium, in dem die Sprache verstummt, der Körper die Kontrolle verliert und am Ende sogar das aufrechte Sitzen schwerfällt. Das Kurzzeitgedächtnis ist längst fort, das Langzeitgedächtnis löst sich auf, und sie lebt in einer Welt, die ein gesunder Mensch von außen nicht mehr betreten kann. In meiner kriminalistischen Arbeit habe ich außerdem Suizide gesehen, die weit über das hinausgehen, was ein Mensch sehen möchte, und nach jedem dieser Fälle stand dieselbe Frage im Raum. Woher kam das. Was war die wahre Ursache. Ein Ungleichgewicht im Serotonin, wie man es uns seit Jahrzehnten erzählt, oder etwas ganz anderes, das tiefer liegt.

Eine Sache habe ich in den 3 Jahren mit der Alzheimer-Erkrankung meiner Mutter gelernt, die für Angehörige schwer zu hören und trotzdem ein Trost ist. Das eigentliche Leid dieser Krankheit liegt am Ende nicht beim Erkrankten, sondern bei denen, die zusehen. Wer kein Gedächtnis mehr hat und kein zusammenhängendes Ich, der leidet nicht mehr an der Vorstellung dessen, was kommt, weil ihm der rote Faden zwischen gestern, heute und morgen fehlt. Das bewusste Leiden, die Verzweiflung über den eigenen Verfall, das vorweggenommene Grauen, all das braucht ein intaktes Gedächtnis. Es sind die Angehörigen, die alles mit wachem Verstand ertragen, die den Menschen vermissen, der noch im Körper sitzt und doch nicht mehr zu erreichen ist. Das ist die bittere Anatomie dieser Krankheit, und kein Medikament der Welt ändert daran bisher etwas Wesentliches.

Damit sind wir beim eigentlichen Grund dieses Textes. Als ich irgendwann alle Daten vor mir liegen hatte, wirklich alle, und unser eigenes Sprachmodell namens Tyra 6 Tage am Stück die Studienlage auswerten ließ, war ich an einigen Stellen schlicht schockiert. Nicht nur über die Krankheiten selbst, sondern über ein System, das mit 2 Substanzklassen eine Geldquelle in unsere Körper gepflanzt hat, die niemals versiegen kann. In den 1960ern kam das Valium und mit ihm eine ganze Familie von Beruhigungsmitteln, die abhängig machten, was man erst später offen zugab. Dann kamen die modernen Antidepressiva, die sogenannten SSRI, angepriesen als die saubere, nicht abhängig machende Lösung, und heute sitzen Menschen nach jahrelanger Einnahme fest und kommen nicht mehr herunter. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dieser Geschichte widme ich einen eigenen, langen Beitrag, der noch folgt, denn sie ist zu groß für eine Randnotiz.

Mich interessiert immer nur eines, und das ist nicht das Symptom, das ist die Ursache. Ein Symptom zu behandeln ist wichtig, niemand soll unnötig leiden, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Genau deshalb schreibe ich diesen Text. Nicht damit ihr euch selbst behandelt, sondern damit ihr versteht, was in eurem Kopf vorgeht und was man euch verschreibt, wenn das Gleichgewicht kippt. Euer Gehirn ist die komplexeste Struktur im bekannten Universum, rund 86 Milliarden Nervenzellen, verschaltet über Hunderte Billionen Kontaktstellen, und über diese Kontaktstellen fließt ein ununterbrochenes Gespräch aus chemischen Botenstoffen. Euer Kopf ist eine Stadt. Niemand hat euch je den Stadtplan gezeigt. Heute zeige ich ihn euch.

Was ein Botenstoff überhaupt ist, in einer Sprache, die hängenbleibt

Stellt euch eine einzelne Nervenzelle vor, ein Neuron, als einen Bürger dieser Stadt. Er hat einen langen Arm, über den er Signale verschickt, und viele kurze Ärmchen, über die er Signale empfängt. Das Signal in seinem Inneren ist elektrisch, ein winziger Spannungsstoß, der den langen Arm entlangrast. Am Ende dieses Arms aber ist eine Lücke, ein winziger Spalt zwischen ihm und der nächsten Zelle, und über diese Lücke kann der elektrische Funke nicht springen. Hier passiert der Trick, auf dem euer ganzes Denken, Fühlen und Atmen beruht. Die Zelle übersetzt das elektrische Signal in ein chemisches.

Am Ende des Arms lagern kleine Bläschen, vollgepackt mit Botenstoff. Kommt der elektrische Impuls an, strömt Kalzium in die Zelle, die Bläschen wandern zur Wand, verschmelzen mit ihr und schütten ihren Inhalt in den Spalt. Der Botenstoff treibt über die Lücke und dockt auf der anderen Seite an passgenauen Empfangsstellen an, den Rezeptoren. Schloss und Schlüssel. Passt der Schlüssel, öffnet sich am Empfänger eine Tür, und das Signal wird auf der anderen Seite wieder elektrisch. Dann wird der Botenstoff aus dem Spalt entfernt, abgebaut oder zurück in die sendende Zelle gesaugt, damit der Spalt für das nächste Signal frei ist. Dieses ganze Schauspiel dauert ungefähr eine halbe Tausendstelsekunde. In der Zeit, die ihr braucht, um dieses Wort zu lesen, ist es millionenfach abgelaufen.

Jetzt der entscheidende Punkt, an dem die meisten populären Erklärungen schlampig werden. Es gibt nicht den einen Botenstoff für das Glück und den einen für die Angst. Es gibt 3 große Familien, die sich darin unterscheiden, wie schnell und wie weit sie sprechen. Die erste Familie sind die klassischen Neurotransmitter, die schnellen Sprinter, die exakt über einen einzigen Spalt von einer Zelle zur nächsten reden und in Millisekunden wirken. Die zweite Familie sind die Neuromodulatoren, die langsamer arbeiten, oft nicht an einer einzigen Stelle, sondern über ganze Stadtviertel hinweg, und die nicht ein einzelnes Signal an oder aus schalten, sondern die Stimmung einer ganzen Region anheben oder dämpfen. Die dritte Familie sind die Hormone, die ihren Botenstoff ins Blut kippen und damit Organe erreichen, die meterweit entfernt liegen, langsam, dafür im ganzen Körper.

Und damit es richtig spannend wird, die Grenze ist fließend. Dasselbe Molekül kann in der einen Situation ein blitzschneller Transmitter sein und in der anderen ein Hormon, das durch den Kreislauf wandert. Noradrenalin ist genau so ein Doppelagent. Es kommt nicht auf den Stoff allein an, es kommt darauf an, wo er freigesetzt wird und welches Schloss ihn auf der Gegenseite empfängt. Genau diese Vielschichtigkeit ist der Grund, warum die einfachen Geschichten, das Dopamin macht glücklich, das Serotonin macht zufrieden, fast immer falsch sind. Man hat dem Menschen zur Erklärung eine Kinderzeichnung gegeben, wo in Wahrheit ein Stadtplan mit Tausenden Linien liegt.

Mehr als 100 verschiedene Botenstoffe kennt die Wissenschaft heute, und es werden laufend neue gefunden. Ich gehe mit euch jetzt durch die wichtigsten, gegliedert nach dem, was sie tun. Für jeden klären wir 4 Dinge, immer dieselben, damit ihr den Faden behaltet. Wo er herkommt. Mit wem er spricht und in welche Richtung. Was passiert, wenn zu viel davon da ist. Und was passiert, wenn zu wenig da ist. Dazu, und das ist mir das Wichtigste, welche Krankheit entsteht, wenn das Gleichgewicht kippt.

Die Erreger und die Bremser, das Grundgesetz des Gehirns

Bevor wir zu den berühmten Namen kommen, müsst ihr das wichtigste Paar im ganzen Kopf kennen, denn es ist so unscheinbar, dass es in keinem Lifestyle-Magazin auftaucht. Die beiden mengenmäßig wichtigsten Botenstoffe eures Gehirns heißen Glutamat und GABA, und sie sind das Gaspedal und die Bremse jeder einzelnen Denkbewegung. Alles andere, das Dopamin, das Serotonin, die ganze prominente Verwandtschaft, sind im Vergleich Feinregler, die an diesem Grundsystem drehen.

Glutamat ist der wichtigste erregende Botenstoff, das Gaspedal. Es ist an ungefähr 90 Prozent aller erregenden Verschaltungen im menschlichen Gehirn beteiligt, eine Zahl, die einem den Maßstab klarmacht. Wenn ihr einen Gedanken fasst, eine Erinnerung abspeichert, etwas lernt, dann redet überall im Kopf Glutamat. Sein wichtigster Empfänger, der NMDA-Rezeptor, ist eine kleine biologische Wunderkonstruktion, die nur dann öffnet, wenn 2 Signale gleichzeitig eintreffen, und damit zum Detektor für genau die Gleichzeitigkeit wird, die Lernen ausmacht. Was zusammen feuert, wird zusammen verdrahtet. Das ist die molekulare Grundlage dafür, dass ihr euch überhaupt etwas merken könnt.

Doch ein Gaspedal ohne Bremse ist ein Todesurteil. Wenn zu viel Glutamat fließt und die Zellen zu lange übererregt werden, kippt die Erregung in Gift. Der Fachbegriff dafür ist Exzitotoxizität, und er beschreibt einen der hässlichsten Vorgänge in der Neurologie. Die Zelle wird zu Tode stimuliert. Kalzium flutet sie, Enzyme zerlegen sie von innen, sie stirbt. Genau das passiert beim Schlaganfall, wenn ein Hirnareal von der Blutzufuhr abgeschnitten wird, beim epileptischen Anfall, beim schweren Schädel-Hirn-Trauma und bei der amyotrophen Lateralsklerose. Zu viel von dem Stoff, der euch denken lässt, frisst euer Gehirn auf.

Deshalb braucht es das Gegenstück, und das ist GABA, der wichtigste hemmende Botenstoff, die Bremse. GABA macht das genaue Gegenteil von Glutamat, es beruhigt die Zellen, dämpft ihre Erregbarkeit, verhindert, dass das System durchdreht. Stellt euch GABA als die Hand vor, die den überdrehten Verstärker leiser stellt. Fehlt diese Bremse, wird das Gehirn übererregbar, und das fühlt sich an wie Angst, wie ein rasender Gedankenstrom, der nicht zur Ruhe kommt, und im Extremfall entlädt es sich im Krampfanfall der Epilepsie. Ein Mangel an GABA steht hinter Angststörungen und Krampfleiden, und das ist kein Zufall, sondern dasselbe Grundproblem in 2 Gewändern.

Und jetzt wird es interessant für unser eigentliches Thema, das System hinter dem System. Eine ganze Klasse der meistverkauften Medikamente der Welt arbeitet genau an dieser GABA-Bremse. Die Beruhigungsmittel vom Typ des Valium, die Benzodiazepine, setzen sich an den GABA-Empfänger und verstärken dessen bremsende Wirkung. Das Gehirn wird gedämpft, die Angst sinkt, der Schlaf kommt. Klingt gut, hat aber einen Preis, über den jahrzehntelang geschwiegen wurde. Das Gehirn gewöhnt sich an die fremde Bremshilfe, fährt die eigene zurück, und wer das Mittel absetzt, steht plötzlich ganz ohne Bremse da. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat erst 2020 ihre schärfste Warnstufe um genau diesen Punkt erweitert, Abhängigkeit und Entzug. 2020. Das Valium kam in den 1960ern. Rechnet selbst, wie lange man gebraucht hat, um offen auszusprechen, was im Grunde von Anfang an bekannt war.

Dopamin, nicht das Lustmolekül, sondern das Wollen

Jetzt zum berühmtesten Botenstoff von allen, dem Star jeder Schlagzeile, dem angeblichen Glücksmolekül. Und ich sage euch gleich zu Beginn, fast alles, was ihr über Dopamin zu wissen glaubt, ist eine Verkürzung, die in die Irre führt. Dopamin ist nicht das Molekül der Lust. Es ist das Molekül des Wollens, und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Dopamin wird an wenigen, kleinen Stellen tief im Mittelhirn gebildet, vor allem in 2 Zellgruppen mit den schönen Namen Substantia nigra, die schwarze Substanz, und Ventrales Tegmentum. Von dort ziehen 4 große Bahnen in verschiedene Stadtviertel des Gehirns, und jede macht etwas anderes. Die erste Bahn steuert eure Bewegung. Die zweite trägt Motivation und Belohnungslernen. Die dritte versorgt das Stirnhirn mit Antrieb und Klarheit. Die vierte regelt im Hintergrund einen Hormonhaushalt. Vier Bahnen, ein Stoff, völlig verschiedene Aufgaben, und genau deshalb ist jede Aussage, die mit Dopamin macht beginnt, fast zwangsläufig zu kurz gegriffen.

Der Mythos vom Lustmolekül stammt aus alten Experimenten, in denen Tiere sich selbst stimulierten und nicht mehr aufhörten. Man dachte, da ist das Zentrum der Lust. Die feinere Forschung der letzten Jahrzehnte, vor allem die Arbeiten von Kent Berridge, hat das auseinandergenommen. Dopamin erzeugt nicht den Genuss, es erzeugt das Verlangen. Man kann einem Lebewesen das Dopamin nehmen, und es findet Zucker immer noch angenehm, es zeigt weiter alle Zeichen des Genießens, aber es will den Zucker nicht mehr, es würde sich nicht mehr dafür anstrengen, es bliebe untätig, mit der süßen Belohnung in Reichweite. Genuss und Verlangen sind 2 verschiedene Systeme. Dopamin ist das Verlangen. Es ist außerdem, und das ist die zweite große Erkenntnis, ein Lehrsignal. Es feuert nicht, wenn die Belohnung kommt, sondern wenn sie besser ausfällt als erwartet, und genau diese Differenz zwischen Erwartung und Wirklichkeit ist der Stoff, aus dem Lernen gemacht ist.

Jetzt zu den Krankheiten, und hier wird es ernst. Sterben die Dopaminzellen in der schwarzen Substanz, der Bewegungsbahn, ab, entsteht Parkinson, mit dem Zittern, der Steifheit, der Verlangsamung. Hier ist der Mangel der Übeltäter. In einer anderen Bahn, der für Motivation und Wahrnehmung, kann ein Zuviel an Dopaminwirkung in die andere Richtung kippen und die Wahnvorstellungen und Halluzinationen der Schizophrenie befeuern. Derselbe Stoff, zu wenig an der einen Stelle, zu viel an der anderen, 2 völlig verschiedene Krankheiten. Und bei der Aufmerksamkeitsstörung ADHS ist die Dopaminsignalgebung im Stirnhirn zu schwach, weshalb die Medikamente sie anheben.

An Parkinson sieht man die ganze Tragik der Symptombehandlung wie unter dem Brennglas. Man gibt den Kranken die Vorstufe des Dopamins, damit das Gehirn wieder welches herstellen kann, und für eine Weile wirkt das wie ein Wunder, die Menschen bewegen sich wieder. Aber die Zellen sterben weiter. Man füllt einen Eimer mit einem größer werdenden Loch. Die Antipsychotika gegen Schizophrenie wiederum blockieren die Dopaminempfänger, und auch sie zahlen einen Preis, denn sie greifen in alle 4 Bahnen ein, nicht nur in die gewünschte. Eine der häufigsten und bittersten Spätfolgen heißt tardive Dyskinesie, unwillkürliche, oft bleibende Bewegungsstörungen, die durch genau die Blockade entstehen, die helfen sollte. Studien finden sie im Schnitt bei rund einem Viertel der langfristig behandelten Patienten. Das ist kein Argument gegen diese Medikamente, die schwere Psychosen lindern und Leben retten. Es ist ein Argument dafür, mit offenen Augen zu verschreiben und zu schlucken.

Serotonin, der berühmteste Irrtum der modernen Medizin

Kein Botenstoff hat eine so steile Karriere als Werbefigur hingelegt wie das Serotonin. Es ist das angebliche Glückshormon, der Stoff, dessen Mangel angeblich die Depression macht und dessen Auffüllung sie angeblich heilt. Auf dieser einen einfachen Geschichte ruht ein Milliardenmarkt. Und diese Geschichte ist, so wie sie erzählt wird, wissenschaftlich nicht haltbar.

Beginnen wir mit einer Überraschung. Das meiste Serotonin in eurem Körper sitzt gar nicht im Kopf. Nach einer gängigen Aufstellung entstehen rund 90 Prozent im Darm, etwa 8 Prozent in den Blutplättchen und nur rund 2 Prozent im zentralen Nervensystem. Das Serotonin im Darm steuert die Verdauung, im Blut die Gerinnung, und nur dieser kleine Rest im Gehirn ist für die berühmte Stimmungswirkung zuständig. Im Gehirn stammt es aus den sogenannten Raphe-Kernen im Hirnstamm, von wo aus dünne Fasern in fast jede Region ziehen und dort modulieren, also die Lautstärke regeln, statt einzelne Signale zu schalten. Serotonin ist an Stimmung beteiligt, an Schlaf, an Appetit, an Schmerzempfindung, an der Impulskontrolle. Beteiligt, wohlgemerkt, nicht allein verantwortlich.

Jetzt zum Kern, und hier müsst ihr mir genau zuhören, weil es eine der wichtigsten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre ist. 2022 veröffentlichte eine Forschergruppe um Joanna Moncrieff eine große Übersichtsarbeit, die alle wichtigen Forschungsstränge zur Serotonin-Theorie der Depression zusammenfasste. Ihr Ergebnis, in einem Satz, es gibt keine überzeugende Evidenz, dass Depression durch zu wenig Serotonin verursacht wird. Die Arbeit schlug ein, sie wurde über eine Million Mal abgerufen, und sie löste einen Sturm aus. Denn wenn der Mangel nie bewiesen war, was haben dann Millionen Menschen jahrzehntelang geschluckt und warum.

Ich muss hier fair bleiben, und das ist mir wichtig, weil ein einseitiger Text genau die Unredlichkeit hätte, die ich der Gegenseite vorwerfe. Die Moncrieff-Arbeit wurde scharf kritisiert. 2023 antwortete eine Gruppe von 36 Fachleuten um Sameer Jauhar mit einer Erwiderung, die der Übersichtsarbeit methodische Schwächen, selektive Auswahl und veraltete Annahmen vorwarf und betonte, dass das Serotoninsystem bei der Depression sehr wohl eine Rolle spiele. Die Wahrheit liegt, wie so oft, im unbequemen Dazwischen. Serotonin ist beteiligt, aber die simple Mangelformel ist tot. Und ganz entscheidend, das eine sagt nichts über das andere. Dass die Mangel-Theorie wackelt, heißt nicht, dass die Medikamente nicht wirken. Manchen Menschen helfen sie sehr. Es heißt nur, dass die Geschichte, mit der man sie verkauft hat, ein Märchen war.

Denn die modernen Antidepressiva, die SSRI, blockieren die Wiederaufnahme von Serotonin im Spalt und erhöhen so dessen Verfügbarkeit. Sie wurden eingeführt mit dem Versprechen, anders als das alte Valium nicht abhängig zu machen. Heute wissen wir, dass das Absetzen für viele zur Qual wird, dass es einen anerkannten Entzugszustand gibt und dass ein erheblicher Teil der Langzeitnutzer nach Jahren nicht mehr herunterkommt. Erst kürzlich ist sogar das einzige Mittel, das je gezielt gegen die Wochenbettdepression als Infusion zugelassen wurde, vom Markt genommen worden. Das ganze Feld ist in Bewegung, und es ist kein schönes Bild. Mehr dazu in jenem eigenen Beitrag, den ich euch versprochen habe.

Acetylcholin, der Botenstoff, den meine Mutter verliert

Jetzt kommt der Botenstoff, der mich persönlich am meisten beschäftigt, weil er im Zentrum der Krankheit steht, die meine Mutter ausgelöscht hat. Acetylcholin war der erste Botenstoff, den die Wissenschaft überhaupt entdeckte, und er hat 2 sehr verschiedene Gesichter.

Das eine Gesicht sitzt am Muskel. Jede willkürliche Bewegung, die ihr macht, jeder Schritt, jeder Lidschlag, läuft über Acetylcholin, das vom Nerv auf den Muskel überspringt und ihn zur Kontraktion bringt. Hier ist es ein schneller, erregender Befehlston. Das andere Gesicht sitzt tief im Gehirn, in einer Region namens basales Vorderhirn, und von dort versorgt es die Großhirnrinde und den Hippocampus, die Schaltzentrale des Gedächtnisses. Hier ist Acetylcholin der Stoff der Aufmerksamkeit, des Lernens, der Gedächtnisbildung. Wenn ihr euch konzentriert und etwas Neues aufnehmt, arbeitet dieses System auf Hochtouren.

Und genau dieses System bricht bei Alzheimer als Erstes und am schwersten zusammen. Eine kleine Kerngruppe im basalen Vorderhirn, der Nucleus basalis Meynert, ist die Hauptquelle des Acetylcholins für die Großhirnrinde, und bei Alzheimer degeneriert sie schwer. Der Verlust dieses cholinergen Systems gehört zu den frühesten und deutlichsten chemischen Veränderungen der Krankheit. Das ist die sogenannte cholinerge Hypothese, eine der ältesten Erklärungen für die Demenz, und sie ist bis heute gültig, auch wenn sie längst nicht die ganze Geschichte erzählt. Daneben stehen die berüchtigten Eiweißablagerungen, das Amyloid und das Tau, und die ehrliche Wahrheit ist, dass die Krankheit vielschichtig ist und kein einzelnes Molekül allein sie erklärt.

Was passiert bei zu wenig Acetylcholin, sieht man also an der Alzheimer-Erkrankung mit grausamer Deutlichkeit, Gedächtnisverlust, Verwirrung, der Zerfall der Persönlichkeit. Was bei zu viel passiert, kennt man von bestimmten Giften, etwa Insektiziden und Nervenkampfstoffen, die den Abbau des Acetylcholins blockieren. Dann staut es sich, der Muskel bekommt Dauerbefehle, es kommt zu Krämpfen, Speichelfluss, Verengung der Atemwege, im schlimmsten Fall zum Tod durch Lähmung der Atmung. Eine weitere Krankheit gehört hierher, die Myasthenia gravis, bei der das eigene Immunsystem die Acetylcholin-Empfänger am Muskel angreift, sodass der Befehl nicht mehr ankommt und die Muskeln ermüden.

Und nun zu der Wahrheit, die mich 3 Jahre lang nicht losgelassen hat. Die Medikamente, die man gegen Alzheimer gibt, die Cholinesterase-Hemmer, verhindern den Abbau des verbliebenen Acetylcholins und heben so für eine Weile den sinkenden Spiegel an. Sie lindern die Symptome, ein wenig, für eine begrenzte Zeit, meist gemessen in einigen Monaten. Sie halten die Krankheit nicht auf. Kein Mensch wird durch sie wieder gesund, keiner. Die neuen, teuren Antikörper gegen das Amyloid, über die so viel geschrieben wird, verlangsamen den Verfall in Studien um einen kleinen, statistisch messbaren Betrag, den die Familie am Krankenbett kaum bemerkt, und sie bringen ernste Risiken mit, Schwellungen und Blutungen im Gehirn. Ich habe jede dieser Studien gelesen, mit dem Herzen eines Sohnes und dem Auge eines Menschen, der Inkonsistenzen sieht. Was ich gefunden habe, war keine Heilung, sondern teuer verkaufte Verlangsamung. Die wirksamste Medizin gegen die Demenz liegt heute woanders, und ich komme am Ende darauf zurück.

Die Boten des Stresses, Noradrenalin, Adrenalin und das Cortisol

Es gibt im Körper ein uraltes Alarmsystem, das dafür gebaut wurde, euch vor dem Säbelzahntiger zu retten, und das heute meist wegen einer E-Mail anspringt. Drei Botenstoffe tragen diesen Alarm, und sie greifen ineinander wie die Stufen einer Rakete.

Die erste Stufe ist Noradrenalin. Im Gehirn entspringt es einer einzigen kleinen Zellgruppe im Hirnstamm, dem Locus coeruleus, dem blauen Kern, und von diesem winzigen Ort aus versorgt es fast das gesamte Gehirn mit dem Signal für Wachheit, Aufmerksamkeit, Alarmbereitschaft. Es ist der Stoff, der euch hellwach macht, wenn nachts im Haus ein Geräusch ist. Zu wenig davon, und ihr seid müde, antriebslos, unkonzentriert, ein Zustand, der zur Depression gehört. Zu viel, und ihr seid übererregt, ängstlich, schlaflos, hypervigilant, ein Kernstück der posttraumatischen Belastungsstörung.

Die zweite Stufe ist Adrenalin, der nahe Verwandte. Es wird vor allem nicht im Gehirn ausgeschüttet, sondern aus dem Nebennierenmark ins Blut, und dann wirkt es als Hormon im ganzen Körper. Herz schneller, Blutdruck hoch, Atemwege weit, Zucker raus in die Blutbahn, alle Energie nach vorn. Das ist die Kampf-oder-Flucht-Reaktion in Reinform, in Sekunden bereit. Ein Tumor des Nebennierenmarks, das Phäochromozytom, kann diese Ausschüttung entgleisen lassen und führt dann zu Blutdruckkrisen und Herzrasen wie aus dem Nichts. Als Notfallmedikament rettet dasselbe Adrenalin bei der schweren allergischen Reaktion und beim Herzstillstand Leben.

Die dritte Stufe ist die langsame, und sie ist die gefährlichste, das Cortisol. Es steht am Ende einer Befehlskette, die im Hypothalamus beginnt, über die Hirnanhangdrüse läuft und schließlich die Nebennierenrinde erreicht, die das Cortisol ins Blut gibt. Cortisol mobilisiert Energie, dämpft Entzündungen und folgt einem Tagesrhythmus, morgens hoch, nachts tief. In der kurzen Bedrohung ist es ein Segen. Das Problem ist der Dauerstress, das Hamsterrad, das nie anhält. Dann bleibt das Cortisol chronisch erhöht, und das ist kein harmloser Zustand. Anhaltend hohes Cortisol schädigt auf Dauer den Hippocampus, also ausgerechnet die Gedächtnisregion, und schwächt damit genau die Bremse, die das Stresssystem wieder herunterfahren sollte. Ein Teufelskreis, in dem der Stress sich selbst am Laufen hält.

Auch hier lohnt der Blick auf Zuviel und Zuwenig als Krankheit. Zu viel Cortisol über lange Zeit, etwa durch einen Tumor oder durch Medikamente, ergibt das Cushing-Syndrom, mit Stammfettsucht, rundem Gesicht, Bluthochdruck, dünner Haut, Muskelabbau. Zu wenig ergibt die Addison-Krankheit, mit Erschöpfung, Gewichtsverlust, niedrigem Blutdruck, und in der akuten Krise ist sie lebensbedrohlich. Eine Störung dieser ganzen Stressachse findet sich bei Depression, Angst und der posttraumatischen Belastungsstörung, und damit schließt sich der Kreis zwischen dem, was wir Psyche nennen, und dem, was im Körper als nackte Chemie abläuft.

Die übrigen Boten, im Steckbrief, damit keiner vergessen wird

Jetzt habe ich euch die großen Spieler ausführlich gezeigt. Es gibt aber noch eine ganze Reihe weiterer Botenstoffe, die ihr kennen solltet, und ich gehe sie der Reihe nach durch, knapper, aber nach demselben Muster, Herkunft, Aufgabe, Zuviel, Zuwenig, Krankheit. Keiner soll fehlen, denn das Gehirn kennt keine unwichtigen Mitspieler.

Histamin ist im Körper als Allergiestoff berüchtigt, im Gehirn aber ein Wachmacher. Es stammt aus einem einzigen Kern im hinteren Hypothalamus, dem tuberomammillären Kern, mit geschätzt rund 64.000 Nervenzellen, von wo es das ganze Gehirn wachhält. Zu wenig macht schläfrig, weshalb Allergietabletten der älteren Art so müde machen, sie blockieren genau dieses Wachsystem. Zu viel im Körper bedeutet Allergie und Entzündung, im Gehirn Unruhe und Schlaflosigkeit. Ein Mittel, das gezielt an diesem System ansetzt, wird heute gegen die Schlafkrankheit Narkolepsie eingesetzt.

Glycin ist die zweite große Bremse neben GABA, vor allem im Rückenmark. Es hemmt die Bewegungsnerven und sorgt dafür, dass eure Muskeln sich koordiniert anspannen statt alle gleichzeitig. Fällt diese Hemmung weg, etwa durch das Gift Strychnin, das genau hier angreift, verkrampft der ganze Körper bis zum tödlichen Atemstillstand. Eine seltene angeborene Störung dieses Systems führt zu einer übersteigerten Schreckreaktion, bei der Säuglinge schon beim leisesten Reiz steif werden. Gleichzeitig hat Glycin eine zweite Rolle als unverzichtbarer Mithelfer am erregenden NMDA-Rezeptor, ein Botenstoff, der bremst und woanders das Gas freigibt.

Aspartat ist der weniger berühmte Bruder des Glutamats, ebenfalls erregend, aber mit kleinerer Rolle. Es unterstützt die erregende Signalübertragung im zentralen Nervensystem. Klinisch steht es weit hinter dem Glutamat, gehört aber zur Vollständigkeit in jede Aufstellung, weil es dasselbe Grundprinzip bedient, das Anschieben der neuronalen Erregung.

Die körpereigenen Schmerzmittel sind eine ganze Familie und verdienen einen gemeinsamen Absatz, denn sie sind euer inneres Opium. Die Endorphine, allen voran das Beta-Endorphin, und die Enkephaline dämpfen den Schmerz und erzeugen jenes Hochgefühl, das man als Läuferhoch kennt. Sie docken an dieselben Empfänger an, die auch das Morphium und das Heroin nutzen, weshalb diese Drogen so tief greifen, sie kapern ein System, das ihr ohnehin in euch tragt. Zu wenig bedeutet erhöhte Schmerzempfindlichkeit und gedrückte Stimmung, zu viel, etwa durch Opiate von außen, bedeutet Atemdämpfung, Verstopfung und Abhängigkeit.

Die Dynorphine gehören zur selben Opium-Familie, sind aber die dunkle Seite. Wo das Endorphin Wohlgefühl bringt, erzeugt das Dynorphin über seinen eigenen Empfänger eher das Gegenteil, Unbehagen, Niedergeschlagenheit, das flaue Gefühl nach dem Stress. Es drosselt die Dopaminausschüttung und ist mit an Bord, wenn aus Stress eine dauerhafte Verstimmung wird, beim Entzug, in der Angst, in der Depression. Die Forschung sucht hier nach neuen Antidepressiva, die genau diesen Stoff blockieren.

Substanz P ist der Schmerzmelder. Sie sitzt im Rückenmark und in den Schmerznerven und leitet das Signal Schmerz weiter ins Zentrum, dazu ist sie an der Entzündung und am Brechreiz beteiligt. Ein Medikament, das ihren Empfänger blockiert, wird heute erfolgreich gegen das schwere Erbrechen während einer Chemotherapie eingesetzt. Als Schmerzmittel oder Antidepressivum haben die Blocker dieses Stoffes dagegen enttäuscht, ein gutes Beispiel dafür, dass ein Botenstoff selten nur einen einzigen Hebel bedient.

Neuropeptid Y ist einer der häufigsten Botenstoffe im Gehirn überhaupt und ein wahrer Wohltäter. Er kurbelt den Appetit an und dämpft gleichzeitig Angst und Stress, er ist ein körpereigener Beruhiger und ein Baustein seelischer Widerstandskraft. Wer wenig davon hat, ist anfälliger für Angst und für die Folgen von Belastung. Die Forschung interessiert sich für ihn als Ansatz gegen Angststörungen und in der Gewichtsregulation.

Somatostatin ist der große Hemmer im Hormonsystem. Er stammt aus dem Hypothalamus, aus der Bauchspeicheldrüse und dem Verdauungstrakt und bremst, wo er auftaucht, die Ausschüttung anderer Botenstoffe, vor allem des Wachstumshormons, aber auch von Insulin und Verdauungssignalen. Im Gehirn moduliert er die Erregbarkeit. Künstliche Nachbauten dieses Stoffes nutzt man in der Medizin gegen bestimmte Hormonüberschüsse und Tumore.

Oxytocin ist als Kuschelhormon bekannt, und das ist nicht ganz falsch, aber wie immer zu schlicht. Es entsteht im Hypothalamus und wird über die hintere Hirnanhangdrüse ins Blut gegeben. Als Hormon löst es die Wehen aus und den Milchfluss beim Stillen. Im Gehirn fördert es Bindung, Vertrauen und das Gespür für soziale Signale und dämpft die Angstzentrale. Eine Störung dieses Systems wird im Zusammenhang mit sozialen Schwierigkeiten und dem Autismus-Spektrum diskutiert, wobei vieles davon aus Tiermodellen stammt und der Sprung zum Menschen vorsichtig zu betrachten ist.

Vasopressin ist der enge Verwandte des Oxytocins, im Bau fast identisch, und entsteht am selben Ort. Als Hormon regelt es den Wasserhaushalt und den Blutdruck, im Gehirn ist es an sozialem Verhalten, Revierverhalten und der Stressantwort beteiligt. Fehlt es oder wirkt es nicht, entsteht ein Diabetes insipidus, bei dem der Körper Unmengen Wasser verliert, ein quälender Durst, riesige Urinmengen. Zu viel führt in die andere Richtung, zu einer gefährlichen Verdünnung des Blutes.

Stickstoffmonoxid ist einer der seltsamsten Botenstoffe überhaupt, denn er ist ein Gas. Er hat keinen klassischen Empfänger, sondern durchdringt einfach die Zellwände und wirkt direkt. Im Gehirn ist er an Lernvorgängen beteiligt, im Körper erweitert er die Blutgefäße und regelt die Durchblutung, auch die des Gehirns. Hier setzen übrigens manche Mittel gegen Erektionsstörungen an. Zu viel davon trägt bei Überlastung zur Schädigung von Nervenzellen bei.

Kohlenmonoxid ist der zweite Gasbote, und ja, es ist dasselbe Gas, das im Auspuff tödlich ist. In winzigen Mengen stellt der Körper es selbst her, beim Abbau des roten Blutfarbstoffs, und nutzt es als feines Signal, das die Nervenübertragung und die Gefäße moduliert. Die Dosis macht hier buchstäblich den Unterschied zwischen Botenstoff und Gift.

ATP und Adenosin schließen den Reigen, und sie hängen zusammen. ATP ist die universelle Energiewährung jeder Zelle, dient aber zugleich als Botenstoff zwischen Nervenzellen und ihren Stützzellen. Sein Abbauprodukt Adenosin ist euer Schlafdruck in Molekülform. Über den wachen Tag sammelt es sich im Gehirn an, und je mehr davon, desto müder werdet ihr. Genau hier wirkt das beliebteste Aufputschmittel der Welt, das Koffein, es blockiert die Adenosin-Empfänger und gaukelt dem Gehirn vor, es sei noch nicht müde. Euer Morgenkaffee ist Molekularpharmakologie zum Frühstück.

Die körpereigenen Cannabinoide, das Anandamid und das noch wirksamere 2-AG, sind das letzte System auf unserer Liste. Sie wirken an denselben Empfängern wie der Wirkstoff der Hanfpflanze, daher der Name. Sie regeln Stimmung, Schmerz, Appetit und das innere Gleichgewicht, und sie tun etwas Bemerkenswertes, sie senden rückwärts. Während alle anderen Botenstoffe von der sendenden zur empfangenden Zelle laufen, läuft dieses System von der Empfängerseite zurück zum Sender und drosselt dort die Ausschüttung, eine eingebaute Rückmeldung, die das ganze Netzwerk im Lot hält.

Die Hormone, die im Kopf mitreden, obwohl sie von weit her kommen

Botenstoffe hören nicht an der Schädeldecke auf. Eine Reihe von Hormonen, die ihren Ursprung tief im Körper haben, reden im Gehirn kräftig mit, und wer das Nervensystem verstehen will, darf sie nicht auslassen.

Melatonin ist euer Dunkelhormon. Die Zirbeldrüse im Inneren des Gehirns schüttet es aus, sobald es dunkel wird, und es ist das Signal an den Körper, dass die Nacht begonnen hat. Es stellt die innere Uhr und macht müde. Wer es zur falschen Zeit oder zu wenig hat, dessen Rhythmus gerät durcheinander, beim Schichtdienst, beim Jetlag, im Alter. Es ist kein Schlafmittel im eigentlichen Sinn, sondern ein Zeitgeber, ein Unterschied, den die Werbung gern verschweigt.

Die Schilddrüsenhormone sind der Gasregler des gesamten Stoffwechsels, und das Gehirn ist auf sie angewiesen wie kaum ein anderes Organ. Zu wenig davon, eine Unterfunktion, macht müde, langsam, niedergeschlagen, und wird im Alltag oft mit einer Depression verwechselt. Zu viel, eine Überfunktion, macht unruhig, reizbar, schlaflos, mit Herzrasen. Im Mutterleib und in der frühen Kindheit sind diese Hormone für die Hirnentwicklung schlicht unverzichtbar, ein schwerer Mangel hinterlässt bleibende Schäden. Bei jeder unklaren seelischen Verstimmung gehört die Schilddrüse geprüft, bevor man zur Psychopille greift, und genau das wird zu oft übersprungen.

Insulin kennt jeder als das Blutzuckerhormon, aber es wirkt auch im Gehirn, wo es nicht den Zucker regelt, sondern Durchblutung, Entzündung und die Anpassungsfähigkeit der Nervenzellen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass das Alzheimer-Gehirn eine Art Insulinunempfindlichkeit entwickelt, was manche Forscher dazu brachte, von einem Diabetes des Gehirns zu sprechen. Das ist bislang ein Erklärungsversuch, keine gesicherte Diagnose, aber es ist eine jener Spuren, die mich aufhorchen lassen, weil sie weg von der einen Pille und hin zur Lebensweise führt.

Leptin und Ghrelin sind das Gegenspielerpaar des Hungers. Ghrelin kommt aus dem Magen und meldet dem Gehirn Hunger, Leptin kommt aus dem Fettgewebe und meldet Sattheit. Beide treffen sich im Hypothalamus, der Schaltzentrale des Appetits. Das Tückische, bei starkem Übergewicht wird das Gehirn oft taub für das Sattheitssignal, eine Leptinresistenz, sodass trotz voller Speicher der Hunger bleibt. Und Schlafmangel kippt das Verhältnis in Richtung Hunger, was erklärt, warum schlaflose Nächte den Kühlschrank gefährlich machen.

Die Geschlechtshormone schließlich, Östrogen, Testosteron, Progesteron, sind weit mehr als Fortpflanzungschemie, sie wirken im Gehirn als stimmungs- und schutzrelevante Stoffe. Schwankungen erklären einen Teil der seelischen Verschiebungen vor der Regel, nach der Geburt und in den Wechseljahren. Aus einem Abbauprodukt des Progesterons hat man sogar ein neues Medikament gegen die Wochenbettdepression entwickelt, das an der GABA-Bremse ansetzt, die ihr schon kennt, ein seltener Fall, in dem ein Mechanismus sauber bis zur Therapie durchbuchstabiert wurde.

Alzheimer, von innen gesehen, und was man euch dabei verschweigt

Jetzt komme ich zu dem Teil, für den ich diesen ganzen Text im Grunde geschrieben habe. Ein angehender Neurologe lernt über die Demenz im Studium vielleicht ein paar Wochen, eingeklemmt zwischen 100 anderen Krankheitsbildern, und das ist kein Vorwurf, das ist der Lehrplan. Ich habe 3 Jahre darin gelebt, jeden einzelnen Tag, und das nicht, weil ich klüger wäre als ein Arzt, das bin ich nicht. Sondern weil es meine Mutter ist und weil mein eigenes Risiko damit aufgehört hat, ein abstrakter Wert in einer Tabelle zu sein. Wer einen Elternteil an Alzheimer verliert, blickt der eigenen möglichen Zukunft ins Gesicht. Das schärft den Blick auf eine Weise, die kein Seminar der Welt ersetzt, und es nimmt einem zugleich jede Lust an schönen Geschichten.

Was Alzheimer wirklich ist, lässt sich nicht in einen Satz pressen, und genau das ist die erste Lüge, die man euch erspart. Es ist nicht die eine kaputte Sache. Da ist der Verlust des cholinergen Systems, von dem ich beim Acetylcholin erzählt habe, das frühe Versiegen jenes Botenstoffs der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses. Da sind die berüchtigten Eiweißklumpen, das Amyloid zwischen den Zellen und das Tau in ihrem Inneren, das die Zellskelette verfilzt. Da ist eine schwelende Entzündung, bei der die Aufräumzellen des Gehirns, die Mikroglia, aus dem Ruder laufen und mehr zerstören als schützen. Und da ist die Durchblutung, die mikroskopisch kleinen Gefäße, die mit jedem Jahr schlechten Blutdrucks weiter verkalken. Reine Lehrbuch-Alzheimer-Pathologie ohne jede Gefäßbeteiligung ist eher die Ausnahme als die Regel. Es ist ein Zusammenbruch an 5 Fronten gleichzeitig, und wer euch einen einzelnen Schuldigen verkauft, verkauft euch wieder die Kinderzeichnung.

Genau deshalb ist die Medikamentenlage so dünn, wie sie ist. Die Cholinesterase-Hemmer, die man verschreibt, heben für eine begrenzte Zeit den sinkenden Acetylcholin-Spiegel, gemessen in Monaten, und sie halten nichts auf. Die neuen, teuren Antikörper gegen das Amyloid, Lecanemab und Donanemab, verlangsamen in den Zulassungsstudien den Abbau um 27 bis 36 Prozent auf den Messskalen, was nach viel klingt und am Krankenbett ein Unterschied von unter einem Punkt auf einer vielstufigen Skala ist, den die Familie kaum bemerkt, erkauft mit Hirnschwellungen, Blutungen, ständigen Kontrolluntersuchungen und Kosten im fünfstelligen Bereich. Und sie wirken nur im frühen Stadium. Für einen Menschen im Stadium 7, wie meine Mutter, ist dieser ganze hochgejubelte Zweig der Forschung schlicht ohne Belang, da gibt es nichts mehr zu bremsen, was sich noch bremsen ließe. Ich habe jede dieser Studien gelesen, mit dem Herzen eines Sohnes und dem Auge eines Menschen, der Widersprüche sieht, und was ich fand, war keine Heilung, sondern teuer verkaufte Verzögerung. Die zugelassene Medizin hatte für meine Mutter im Kern nichts.

Und nun zu dem, was sie verschweigen, weil niemand daran verdient. Der stärkste Hebel gegen diese Krankheit liegt nicht in der Apotheke, er liegt in der Vorbeugung, Jahrzehnte vorher. Eine große Übersicht hat 2024 14 beeinflussbare Faktoren benannt, die zusammen rund 45 Prozent der Demenzfälle vermeiden oder hinauszögern könnten. Das ist die größte Zahl im ganzen Feld, und sie kommt ohne ein einziges Patent aus, weshalb sie auch niemand laut bewirbt. Die schwersten Brocken darin sind Herz und Gefäße, der Bluthochdruck im mittleren Leben, der Diabetes, das Übergewicht, das Rauchen, der Bewegungsmangel, denn was den Gefäßen schadet, schadet dem Gehirn. Dazu der unbehandelte Hörverlust, der dem Gehirn die Reize entzieht und in die Isolation treibt, einer der unterschätztesten Hebel überhaupt. Dazu der Schlaf, denn das Gehirn spült nachts im Tiefschlaf seine Abfälle aus, auch das Amyloid, über genau jenes System, das ich euch beim Adenosin gezeigt habe. Schlechter Schlaf ist hier nicht Symptom, er ist Treiber, und es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die gängigen Schlafmittel vom Valium-Typ den echten Tiefschlaf eher unterdrücken als herstellen.

Einer dieser 14 Faktoren ist der Alkohol, und hier schließt sich ein Kreis, den ich an anderer Stelle bis zum Ende gezogen habe. Die legale, lizenzierte, besteuerte Droge, die in jedem Supermarkt neben den Gummibärchen steht, ist nicht nur für sich genommen das nach harten Daten schädlichste Rauschmittel überhaupt, sie ist zugleich ein Brandbeschleuniger genau jener Krankheit, die meine Mutter ausgelöscht hat. Während der Staat an ihr verdient, sterben die Zellen. Ich habe in einem eigenen, langen Beitrag dargelegt, warum ausgerechnet das gefährlichste Mittel frei verkäuflich ist und die Substanz mit dem vielleicht größten Versprechen gegen Alzheimer verboten neben Heroin liegt, und ich verlinke das hier, weil es zu dieser Geschichte gehört wie die Faust aufs Auge ( Die gefährlichste Droge der Welt ist legal). Das Psilocybin, der Wirkstoff bestimmter Pilze, hebt in Tiermodellen den Wachstumsfaktor BDNF, fördert die Bildung neuer Nervenverbindungen und dämpft genau jene Entzündung, von der ich oben sprach. Es ist ein Tiermodell, es beweist für den Menschen noch nichts, aber es ist eben auch nicht nichts. Und der harmlose, frei verkäufliche Igelstachelbart, ein Speisepilz, kurbelt nachweislich den Nervenwachstumsfaktor NGF an, der ausgerechnet jene cholinergen Zellen am Leben hält, die bei Alzheimer als Erstes sterben. Meine Forderung ist nicht, dass irgendjemand sich selbst mit Pilzen behandelt, das wäre dumm und ist verboten. Meine Forderung ist, dass man diese Spur endlich klinisch untersuchen darf, statt sie wegzusperren. Diese Forderung steht, und sie wird stehen bleiben.

Bleibt die schwerste Frage, wie man einem Menschen hilft, der bereits mitten in der Krankheit ist, und hier wird die Wahrheit hart. Im Endstadium geht es nicht mehr um Verlangsamung, es geht um Würde. Wer nicht mehr sprechen kann, äußert Schmerz über Unruhe, über Aggression, über Lautieren, und genau dieser unerkannte Schmerz wird in der Pflege routinemäßig als herausforderndes Verhalten fehlgedeutet und mit Antipsychotika zugedeckt, die bei Demenzkranken nachweislich die Sterblichkeit erhöhen. Das ist einer der größten stillen Behandlungsfehler überhaupt. Ein Kollege von mir, ein Schweizer Medizinprofessor, hat den eigentlichen Skandal einmal offen ausgesprochen, sinngemäß so, lieber lassen wir unsere Menschen in den Heimen mit Angst und Schmerz leiden, als ihnen ein Beruhigungsmittel zu geben, weil es abhängig machen könnte. Als wäre das Leiden die bessere Alternative zur Abhängigkeit. Als dürfte ein Mensch in seinen letzten 5 Lebensjahren nicht frei von Angst sein, weil das Mittel dagegen ein Benzodiazepin ist. Bei einem sterbenden, schwer dementen Menschen ist die Sorge vor einer Suchtkarriere absurd, und trotzdem regiert sie. Was wirklich hilft, sind Dinge ohne Preisschild, das Erkennen und Behandeln von Schmerz, die vertraute Musik aus der Jugend, die als Letztes verblasst, das richtige Licht, die korrigierte Brille, das eingesetzte Hörgerät, und vor allem die ruhige Nähe eines vertrauten Menschen. Denn das emotionale Gedächtnis und das Gespür dafür, ob jemand freundlich danebensitzt, überdauern die Sprache und die Fakten um Jahre. Das ist keine Esoterik, das ist die Neurologie des emotionalen Gedächtnisses, und es ist das Einzige, was bei meiner Mutter heute noch ankommt.

Vorwarnung, bevor ihr mit diesem Wissen Unsinn anstellt

Jetzt kommt der Teil, in dem ich euch vor mir und vor diesem Text warne. Ihr habt gerade eine lange Liste von Botenstoffen gelesen, jeder mit seinem Zuviel und seinem Zuwenig, und ich kenne die Versuchung, die das auslöst, weil ich sie an tausend Menschen gesehen habe. Gleich wird der eine oder andere von euch sein eigenes Leben durchgehen und zu dem Schluss kommen, er habe sicher zu wenig Dopamin, zu wenig Serotonin, zu viel Cortisol, und morgen bestellt er sich das passende Pülverchen oder rennt zum Arzt und verlangt das passende Rezept. Wenn ihr das tut, habe ich alles falsch gemacht.

Denn genau das ist die Falle. Ihr könnt euer Serotonin nicht mit einer Kapsel aus dem Reformhaus auffüllen, und das meiste, was als Stimmungsaufheller im Regal steht, ist teurer Urin. Der Körper ist kein Mischpult mit Schiebereglern, an denen ihr nach Belieben zieht. Er ist ein fein austariertes Netzwerk aus Rückkopplungen, und wer an einer Schraube dreht, verstellt zehn andere mit. Genau das ist der Denkfehler, auf dem die halbe Pharmaindustrie und die ganze Nahrungsergänzungsbranche ihr Geld verdienen, die simple Geschichte vom einen Stoff, der fehlt, und der einen Pille, die ihn ersetzt. Ich habe euch diesen ganzen Text geschrieben, um genau diese Geschichte zu zerstören, nicht um sie euch in neuer Verpackung zu verkaufen.

Und macht euch nichts vor über die Absichten dahinter. Ein System, das euch erst die simple Mangel-Theorie verkauft und dann das Mittel gegen den Mangel, hat kein Interesse daran, dass ihr versteht, wie kompliziert die Sache wirklich ist. Es hat ein Interesse an der Kapsel, die ihr morgen wieder kauft. Das Valium in den Sechzigern, angeblich harmlos, dann süchtig machend. Die SSRI danach, angeblich nicht abhängig machend, und jetzt sitzen die Leute fest. Ich behaupte nicht, dass jemand das am Reißbrett geplant hat. Ich sage nur, ein Schelm, wer Böses dabei denkt, und ich überlasse das Denken euch.

Was wirklich hilft, und warum es niemand verkaufen will

Ich sitze, während ich das zu Ende schreibe, in einem Park in Prag, an einem stillen Teich, auf einer Bank, die offenbar nur ich entdeckt habe und die Mücken vor mir. Es ist kurz nach 21 Uhr, die Sonne hängt flach über dem Wasser, und ich werde bei lebendigem Leib aufgefressen, während ich aus einer Flasche Wasser trinke, die ich am Kiosk am Eingang gekauft habe. Ich tue, was ich immer tue, ich beobachte die Menschen, die vorbeigehen. Jogger, Paare, Alte mit Stock, junge Eltern, die einen Wagen schieben. Und mir fällt etwas auf, das mir seit Jahren auffällt und das jedes Jahr deutlicher wird. Ich sehe wenige glückliche Gesichter. Immer weniger. Vielleicht ist das eine Spur der Zeit, vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich glaube, ich bilde es mir nicht ein. Ich denke an die 86 Milliarden Nervenzellen hinter jeder dieser Stirnen, an das ganze fein gestimmte Orchester aus Botenstoffen, das jeder dieser Menschen mit sich trägt, und an die Pülverchen aus dem Internet und die Gläser danach, mit denen so viele es zu dirigieren versuchen.

Hier ist, was ich in 3 Jahren am Krankenbett meiner Mutter und in 30 Jahren über das Gehirn gelernt habe, und es ist die unbequemste Wahrheit von allen, weil niemand daran verdient. Das, was euer Botenstoff-System wirklich im Gleichgewicht hält, steht in keinem Beipackzettel. Es ist der Schlaf, der das Adenosin abräumt und das Gehirn reinigt. Es ist die Bewegung, die das Endorphin und das Dopamin in ihre richtigen Bahnen bringt. Es ist das Licht am Morgen, das eure innere Uhr stellt, und die Dunkelheit am Abend, die das Melatonin freigibt. Es ist die echte Begegnung mit echten Menschen, die das Oxytocin ausschüttet, das keine Kapsel je liefern wird. Es ist der Verzicht auf das, was die Bremse löst und das Gleichgewicht kippt, der Alkohol an erster Stelle. Es sind jene 14 Hebel gegen das Vergessen, von denen ich euch erzählt habe, und kein einziger davon ist eine Pille. Es ist, ich habe es bei der Demenz mit eigenen Augen in den Studien gesehen, genau diese Lebensweise, die das Risiko am stärksten senkt, stärker als alles, was man mir je verkaufen wollte.

Meine Mutter hört mich nicht mehr, wenn ich ihr das erzähle. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, jenseits der Sprache, und das Einzige, was ihr geblieben ist, scheint das Gefühl zu sein, ob jemand freundlich bei ihr sitzt oder nicht. Vielleicht ist das am Ende die ehrlichste Lektion über all diese Botenstoffe, dieser ganze unfassbar komplizierte chemische Apparat in unserem Kopf, mit seinen 86 Milliarden Zellen und seinen Hunderten Billionen Verbindungen, läuft am Ende auf etwas sehr Einfaches hinaus. Auf die Frage, ob jemand da ist. Den Stadtplan habe ich euch jetzt gezeigt. Was ihr damit anfangt, ist eure Sache, und das ist gut so.

Über das Valium, die SSRI und das saubere Geschäft mit der Abhängigkeit schreibe ich beim nächsten Mal, ausführlich und ohne Gnade. Bis dahin, schlaft genug, bewegt euch, und glaubt niemandem, der euch euer Gehirn in einer Kapsel verkaufen will.

Quellen

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