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Houston, ich hab ein Problem, und das steckt in meinem Wasserglas

Jul 4, 2026 | 23 min | Science
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Ein Wasserglas symbolisiert die Balance von Fluessigkeit und Elektrolyten im Koerper

Warum wochenlange Hitze einen kerngesunden Körper aushebelt, wieso fast reines Wasser dabei zum Mittäter wird, und weshalb das teure Mineralwasser aus dem Supermarkt schwächer überwacht ist als das Wasser aus deinem Hahn.

Ein gesunder Mann, ein heißer Sommer, ein stotternder Motor

Nach einigen Tagen dieser Hitze stimmte etwas nicht mehr. Egal wo ich war, drinnen wie draußen, morgens wie nachts, ich fühlte mich dumpf und schlapp, als stünde ich einen halben Schritt neben mir selbst. Der Kopf arbeitete durch Watte. Die Waden zwickten grundlos. Und ich bin nicht der Kandidat, bei dem so etwas plausibel wäre. Ich bin 56, ich trinke keinen Tropfen Alkohol, ich rühre keine Drogen an, ich esse vernünftig, ich bin täglich in Bewegung. Und nachlässig bin ich mit meinem Körper schon gar nicht, im Gegenteil. Ich substituiere seit annähernd 20 Jahren Testosteron, ich nehme einen Magnesiumkomplex und eine ganze Reihe anderer guter Dinge, weil ich meinem Organismus gebe, was ihm der Alltag vorenthält. Ein Mann, der so penibel auffüllt, ist der letzte, bei dem man einen simplen Mineralmangel vermutet. Ein Körper, der so gehalten wird, hat mitten im Sommer keinen Grund, den Dienst zu quittieren.

Diesen einen Fehler hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm, das gebe ich offen zu. Ausgerechnet das Natrium, der simpelste Elektrolyt von allen, lief mir durch, während ich Testosteron und Magnesium bis aufs Milligramm im Blick hatte. Mein erster Reflex war entsprechend der falsche. Ich dachte an Schlaf, an Kreislauf, an das Wetter, an all die diffusen Verdächtigen, mit denen man sich die eigene Schlappheit gern erklärt. Aber wer meine Denkweise kennt, weiß, dass ich aus jedem Problem die Ursache ziehe, auch aus dem eigenen Körper. Dann fiel mir das Naheliegende ein, und es war fast peinlich in seiner Schlichtheit. Ich trinke seit Jahren fast ausschließlich gefiltertes Wasser. 2 bis 3 Liter am Tag. Und in 2 Wochen, in denen ich rund um die Uhr geschwitzt habe, hatte ich meinem Körper etwas weggenommen, ohne es zu ersetzen. Kein exotisches Leiden. Kein Mineralienmangel aus dem Lehrbuch der Tropenmedizin. Nur die banalste Rechnung der Welt, die ich 2 Wochen lang nicht aufgestellt hatte.

Dieser Text ist für alle, die es genauso machen. Für die vielen, die nur gefiltertes oder sehr reines Wasser trinken, nichts substituieren, weder Salz noch Mineralien, und sich dann wundern, dass ihnen bei Hitze die Kraft ausgeht. Er ist auch für die, die ihr teures Supermarktwasser für den Goldstandard halten. Beide Gruppen tragen denselben Denkfehler, nur an entgegengesetzten Enden.

Rein klingt gut, heißt aber leer

Fangen wir mit dem Filterwasser an, denn hier liegt der Fehler, den ich selbst gemacht habe. Gefiltertes Wasser ist an sich kein Feind. Eine gute Umkehrosmose oder ein ordentlicher Filter zieht aus dem Wasser heraus, was wir alle loswerden wollen, Rückstände, Schwermetalle, allerlei Zeug, das in Böden und Leitungen lauert. Das ist ein echter Gewinn. Nur zieht derselbe Prozess auch das heraus, was der Körper braucht, und genau darüber redet niemand, der einem so eine Anlage verkauft.

Die Weltgesundheitsorganisation hat dazu ein bemerkenswert deutliches Papier veröffentlicht. Frantisek Kozisek hat 2005 für die WHO die Risiken entmineralisierten Wassers zusammengetragen, und die Kernaussage ist unbequem für die Reinheitsfraktion: Sehr mineralarmes Wasser gilt nicht als ideales Trinkwasser, und wer es dauerhaft trinkt, bekommt womöglich zu wenig von dem, was ein gutes Wasser eigentlich mitliefert. Vor allem Magnesium und Calcium. Es gibt sogar Empfehlungen, ein Trinkwasser solle mindestens 20 Milligramm Calcium und 10 Milligramm Magnesium pro Liter enthalten. Reines Wasser liegt bei fast null.

Das ist keine graue Theorie. In Tschechien und der Slowakei begannen um die Jahre 2000 bis 2002 viele Haushalte, ihr Trinkwasser zuhause per Umkehrosmose nachzubehandeln. Innerhalb von Wochen bis Monaten meldeten sich Beschwerden, die verdächtig nach akutem Magnesiummangel aussahen, kardiovaskuläre Störungen, Müdigkeit, Schwäche, Muskelkrämpfe. Lies diese Liste noch einmal und halte sie neben meine 2 Wochen. Dumpf, schlapp, zwickende Waden. Ich hatte mir das Lehrbuch am eigenen Leib nachgestellt, ohne es zu merken.

Besonders das Magnesium ist hier der heimliche Hauptdarsteller. Es steckt in unzähligen enzymatischen Reaktionen und stabilisiert den Herzrhythmus. Vor allem hält es die Muskulatur ruhig, weshalb sich ein Mangel so gern als Wadenkrampf und Herzstolpern meldet. Ein gutes Mineralwasser liefert davon eine spürbare Menge, ein reines Wasser praktisch nichts. Wer über Jahre auf mineralarmes Wasser umsteigt und dabei, wie die meisten von uns, ohnehin nicht üppig magnesiumreich isst, der zehrt langsam von seinen Reserven, ohne dass je ein Warnsignal aufleuchtet. Bis zu dem Tag, an dem die Hitze die letzte Reserve abruft.

Und jetzt der Teil, der wehtut, wenn man ehrlich ist. Reines Wasser laugt sogar noch aus, was schon da ist. Kochst du Gemüse in mineralarmem Wasser, wandern die Mineralien aus dem Gemüse ins Wasser, dem osmotischen Gefälle folgend, und landen im Ausguss statt in dir. Der Otto Sapiens, jene Spielart des Homo Sapiens, die alles zu wissen glaubt, weil sie ein Hörbuch dazu gehört hat, trägt seine Umkehrosmose-Anlage wie eine Reliquie durch die Küche und verkündet stolz, er trinke nur noch das Reinste vom Reinen. Er hat also unter Umständen doppelt verloren. Er nimmt kaum Mineralien auf, und er spült die Reste aus seinem Essen gleich mit weg. Dann steht er im Hochsommer mit Wadenkrämpfen da und schiebt es auf die Hitze.

Der Kipppunkt liegt im Schweiß

Reines Wasser allein macht einen gesunden Menschen nicht sofort krank. Der Körper ist ein zähes System, er reguliert vieles weg. Der Kipppunkt kommt erst, wenn ein zweiter Faktor dazutritt, und dieser Sommer hat ihn geliefert. Hitze.

Schwitzen ist in erster Linie ein Verlust von Kochsalz, nicht von reinem Wasser. Der Schweiß trägt Natrium in Konzentrationen von grob 10 bis 90 Millimol pro Liter aus dem Körper, individuell sehr verschieden, während er beim Kalium mit 2 bis 10 Millimol pro Liter deutlich sparsamer ist. An einem 40-Grad-Tag, an dem du literweise schwitzt, verlierst du also vor allem Natrium, und zwar in Mengen, die sich über Stunden zu mehreren Gramm summieren. Wenn du diesen Verlust dann mit reinem Wasser auffüllst, tust du genau das Falsche. Du gibst Volumen zurück, aber kein Natrium. Die Konzentration im Blut sinkt weiter. Du löschst den Durst und verdünnst dich gleichzeitig.

Der Körper wehrt sich dagegen, und zwar mit einem eleganten Notprogramm. Bei Hitze und Natriummangel schüttet die Nebenniere vermehrt Aldosteron aus, ein Hormon, das die Niere anweist, Natrium festzuhalten. Klingt nach Rettung. Nur hat dieselbe Maßnahme einen Preis, denn Aldosteron treibt im Gegenzug die Ausscheidung von Kalium in die Höhe. Wer bei Hitze also viel Natrium nachschiebt, um das eine Loch zu stopfen, reißt ein zweites auf. Der Haushalt ist ein Mobile, an dem man nicht an einem Faden ziehen kann, ohne dass sich alles andere mitbewegt.

Genau deshalb ist die lange Hitzeperiode gefährlicher als der einzelne heiße Tag. An einem einzelnen Nachmittag verliert man Natrium und holt es sich abends beim Essen zurück, die Bilanz gleicht sich über Nacht wieder aus. Ziehen sich die Rekordtage aber über 2 Wochen hin, ohne Pause, ohne kühle Nacht, dann gibt man Tag für Tag weniger nach, als man ausschwitzt, und das Defizit wächst langsam an, ohne dass ein einzelner Moment dramatisch wäre. Es ist ein schleichendes Minus, kein Knall. Und schleichende Defizite sind die tückischsten, weil nie ein einzelner Tag als Schuldiger taugt.

Was zu wenig Natrium wirklich mit dem Körper macht

Jetzt wird es ernst, und jetzt gehen wir tief. Natrium ist nicht irgendein Mineral. Es ist das wichtigste Ion außerhalb der Zellen, der Stoff, an dem praktisch die gesamte Nervenleitung und Muskelkontraktion hängt. Jeder Nervenimpuls, jedes Aktionspotential, jeder Herzschlag beruht darauf, dass Natrium außen hoch und innen niedrig konzentriert ist und in Sekundenbruchteilen durch die Zellmembran schießt. Natrium regelt außerdem, wie viel Wasser im Blutkreislauf bleibt, und damit den Blutdruck und das Volumen. Ohne den Natriumgradienten steht der Laden still.

Fällt der Natriumspiegel im Blut unter etwa 135 Millimol pro Liter, spricht die Medizin von Hyponatriämie. Damit die Zahl etwas bedeutet: der gesunde Bereich liegt zwischen 135 und 145, unter 135 beginnt der Mangel, und unter 125 wird er ernst. Das ist die häufigste Elektrolytstörung bei Klinikpatienten überhaupt, und sie ist verbreiteter, als die meisten ahnen. Rund 5 Prozent aller Erwachsenen liegen unter der Marke, bei den über 65-Jährigen sind es schon 20 Prozent, bei Klinikpatienten bis zu 30. Das ist kein Randphänomen für Extremsportler, das sitzt mitten in der Bevölkerung.

Warum trifft es die Älteren so viel häufiger? Weil 2 Schutzsysteme mit den Jahren nachlassen. Das eine ist das Durstgefühl, das im Alter stumpfer wird, sodass mancher schlicht zu wenig trinkt und dann bei Hitze umso schneller entgleist. Das andere ist die Feinregelung über das antidiuretische Hormon, auch Vasopressin genannt, mit dem der Körper steuert, wie viel Wasser die Niere zurückhält. Gerät dieses System aus dem Takt, etwa durch Medikamente oder eine schwächelnde Niere, behält der Körper Wasser, das er ausscheiden müsste, und verdünnt sich selbst. Bei einem 30-Jährigen federt der Organismus das noch ab. Bei einem 75-Jährigen, der bei 38 Grad zu wenig isst und dafür brav sein reines Wasser trinkt, kippt die Bilanz oft in wenigen Tagen.

Der Mechanismus dahinter ist so schlicht wie brutal. Sinkt das Natrium im Blut, sinkt die Konzentration der gelösten Teilchen außerhalb der Zellen, die Osmolalität. Wasser folgt immer dorthin, wo mehr gelöst ist, also strömt es aus dem verdünnten Blut in die Zellen hinein. Überall im Körper ist das halb so wild, weil die Zellen ausweichen können. Nur an einem Ort nicht, im Schädel. Das Gehirn sitzt in einer festen Knochenkapsel, es kann nicht schwellen, ohne gegen die eigene Wand zu drücken. Die Astrozyten, jene Stützzellen, die zwischen Blut und Nervengewebe vermitteln, saugen sich voll, und das Hirn beginnt zu schwellen. Genau daraus entstehen die ersten Symptome, Kopfschmerz, Übelkeit, Verwirrtheit, Konzentrationsverlust, im schweren Fall Krampfanfälle und Koma.

Das Gehirn ist allerdings nicht wehrlos, und hier liegt eine Pointe, die man kennen muss. Es passt sich an. Innerhalb von Stunden schleust es Elektrolyte aus seinen Zellen, über Tage dann auch organische Substanzen wie myo-Inositol, Taurin und Glutamin, um die eigene Konzentration wieder an das verdünnte Umfeld anzugleichen. Damit schrumpft die Schwellung, die Symptome lassen nach, der Betroffene fühlt sich wieder halbwegs normal. Man könnte meinen, das Organ hat sich clever gerettet. Es hat sich gerettet, ja, aber es hat sich dabei in eine zweite Falle manövriert. Denn nun sitzt das Hirn auf einem künstlich niedrigen Salzniveau, an das es sich gewöhnt hat. Wer jetzt das Natrium zu schnell wieder hochzieht, etwa durch überhastete Infusionen in der Notaufnahme, dreht den osmotischen Sog um. Das Wasser schießt schlagartig aus den Hirnzellen heraus, sie schrumpfen, und in Pons und angrenzenden Regionen bricht die Myelinschicht der Nervenfasern zusammen. Diese osmotische Demyelinisierung, früher zentrale pontine Myelinolyse genannt, ist ein Albtraum. Sie zeigt sich Tage später mit Sprechstörungen, Schluckstörungen, Bewegungsstörungen, parkinsonartiger Starre, im schlimmsten Fall mit Lähmung des ganzen Körpers oder dem Tod. Deshalb korrigieren Kliniker chronische Hyponatriämie in winzigen Schritten, nicht mehr als 10 Millimol pro Tag, bei Risikopatienten eher 4 bis 6. Das langsame Absacken ist gefährlich, das schnelle Zurückholen ist es genauso. Ein Körper, der einmal aus der Balance gekippt ist, verzeiht keine Hektik in der Gegenrichtung.

Der eigentliche Grund, warum ich diesen Text schreibe, ist aber nicht die dramatische Vollkatastrophe. Die landet in der Klinik und wird behandelt. Gefährlich ist das Leise. Denn chronische Hyponatriämie, auch die milde, auch die scheinbar symptomlose, ist eben nicht harmlos, wie man lange dachte. Sie kostet Aufmerksamkeit, sie macht schwindelig und müde, und sie bringt den Gang aus dem Tritt. Sie erhöht die Neigung zu stürzen, sie zehrt an der Muskelmasse, und über die Zeit greift sie sogar die Knochen an, mit messbar höherem Risiko für Osteoporose und Brüche. Genau das ist der Bereich, in dem sich die meisten von uns unwissentlich bewegen. Nicht im Koma, sondern in der Grauzone aus dumpfem Kopf, kraftlosen Beinen und einer Konzentration, die nicht mehr greift. Man führt es auf Stress zurück, auf schlechten Schlaf, auf das Wetter. Dabei sitzt die Ursache im Glas.

Man kann das Problem sogar aktiv herbeitrinken, und das ist die bittere Ironie der besonders Gesundheitsbewussten. Wer gehört hat, viel trinken sei gut, und daraufhin literweise reines Wasser in sich hineinschüttet, ganz ohne Salz, der treibt sein Natrium nicht nur passiv durch das Schwitzen nach unten, sondern verdünnt es zusätzlich von innen. In extremen Fällen, bei Ausdauersportlern etwa, die während eines langen Wettkampfs nur pures Wasser trinken, endet das als handfeste Wasserintoxikation mit Hirnschwellung. So weit muss es im Alltag bei niemandem kommen. Aber das Prinzip ist dasselbe, nur in Zeitlupe. Zu viel reines Wasser plus zu wenig Salz ergibt über Tage genau die Grauzone, in der ich 2 Wochen lang feststeckte.

Die Antwort heißt Salz und Tomate, nicht Verzicht

So kompliziert die Physiologie ist, so schlicht ist die Abhilfe, und das ist die gute Nachricht. Du brauchst keine Pulver, keine bunten Sportgetränke, keine Abo-Box mit Elektrolyt-Sachets. Du brauchst Salz und du brauchst Kalium aus echtem Essen.

Das Natrium holst du dir über normales Speisesalz zurück, und an einem Schwitztag darf die Prise deutlich großzügiger ausfallen, als der Diätapostel es erlaubt. Ein halbes bis ein Gramm Salz auf einen Liter Wasser ist bei starkem Schwitzen kein Sündenfall, sondern gleicht nur aus, was durch die Haut gegangen ist. Betone das Wort Ausgleich. Du füllst ein Loch, du gräbst keins.

Das Kalium wiederum kommt nicht aus dem Wasser, denn dort steckt fast keins drin, sondern aus der Nahrung. Der tägliche Bedarf liegt bei rund 3.500 bis 4.000 Milligramm, und an Hitzetagen eher am oberen Rand, weil die aldosterongetriebene Niere ihn nach oben zieht. Die eleganteste Lösung liegt ohnehin schon auf vielen Tellern. Eine Tomate mit etwas Salz ist fast der perfekte Sommer-Elektrolyt, Natrium aus dem Salz, Kalium und Wasser aus der Frucht, dazu ein bisschen Magnesium. Eine Banane, eine Handvoll Kartoffeln, eine Avocado tun dasselbe. Kein Marketing, kein Aufkleber mit dem Wort Elektrolyt drauf, nur Lebensmittel, die es schon vor der Erfindung des Wellness-Regals gab.

Finger weg von den bunten Gesundheitssalzen

Und jetzt kommt die Warnung, auf die ich selbst hereingefallen bin, bevor ich es besser wusste. Im Regal stehen die kaliumbasierten Salze, verkauft als Diätsalz, als Herzsalz, als das gesündere Salz, oft in freundlichem Gelb oder Grün, mit einem Etikett, das nach besserem Gewissen aussieht. Diese Salze ersetzen einen Teil des Kochsalzes durch Kaliumchlorid. Und genau das macht sie für unseren Zweck zum falschen Werkzeug, aus 2 Gründen, von denen der zweite gefährlich ist.

Erstens liefern sie Kalium, nicht Natrium. Wer bei Hitze das ausgeschwitzte Natrium ersetzen will, greift damit ins Leere und schüttet obendrein noch mehr von dem Mineral nach, das die Niere ohnehin schon vermehrt ausscheidet. Das ist, als würde man den falschen Tank füllen.

Zweitens, und das ist der Punkt, an dem aus einem harmlosen Irrtum ein Risiko wird. Kalium ist im Blut streng reguliert, weil es direkt am Herzrhythmus hängt. Ein gesunder Mensch mit gesunden Nieren scheidet einen Überschuss problemlos aus. Wer aber eine eingeschränkte Nierenfunktion hat, und viele wissen nichts von ihrer beginnenden Nierenschwäche, weil das Kreatinin noch normal aussieht, der kann Kalium nicht mehr sauber loswerden. Dazu kommen Medikamente, die genau diese Ausscheidung bremsen, ACE-Hemmer, AT1-Blocker, kaliumsparende Diuretika, dazu die Schmerzmittel aus der NSAR-Gruppe. In dieser Konstellation kann ein vermeintlich gesundes Salz eine Hyperkaliämie auslösen, einen gefährlich hohen Kaliumspiegel. Und der ist tückisch, weil er anfangs kaum Symptome macht, dann Muskelschwäche und Kribbeln, und im Ernstfall Herzrhythmusstörungen bis zum Herzstillstand. Genau deshalb rät etwa die britische Gesundheitsbehörde ausdrücklich davon ab, dass ältere Menschen, Diabetiker, Schwangere, Nierenkranke und Menschen unter den genannten Blutdruckmitteln zu kaliumbasiertem Salz greifen.

Das Perfide daran ist, wie viele Menschen zu dieser Risikogruppe zählen, ohne es zu wissen. Eine beginnende Nierenschwäche macht lange keine Beschwerden, das Kreatinin im Blutbild kann noch im grünen Bereich liegen, während die eigentliche Filterleistung schon nachgelassen hat. Wer mit 60 einen leicht erhöhten Blutdruck hat und dafür ein gängiges Mittel nimmt, wer nebenbei ab und zu ein Schmerzmittel schluckt, der sammelt womöglich bereits mehrere Risikofaktoren an, ohne je davon gehört zu haben. Für genau diesen Menschen ist das freundlich gelbe Gesundheitssalz keine harmlose Alternative. Es wird ihm als das Bessere verkauft und ist in Wahrheit die eine Zutat, die er am wenigsten kontrollieren kann.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, denn ich fabriziere keine Angst. Für den gesunden Menschen mit gesunden Nieren sind diese Salze nicht giftig, im Gegenteil, die große chinesische Salzersatz-Studie hat sogar gezeigt, dass eine Mischung aus 75 Prozent Kochsalz und 25 Prozent Kaliumchlorid Blutdruck und Schlaganfallrate senken kann. Der Punkt ist ein anderer. Als Mittel gegen den Natriumverlust im Hochsommer taugen sie nichts, und sie können bei den Falschen ernsthaft schaden. Wer sie nimmt, sollte wissen, was er tut, und nicht dem gelben Etikett vertrauen, weil es so gesund aussieht.

Die eigentliche Frechheit steht auf dem Etikett, das du nicht liest

Bleiben wir beim Regal, denn dort wartet die zweite Botschaft dieses Textes, und sie hat mich fast mehr überrascht als die Sache mit dem Natrium. Wer sein Filterwasser satthat und zum teuren Mineralwasser greift, im Glauben, das sei nun das Sichere und Überwachte, der irrt. In Deutschland unterliegt abgefülltes Mineralwasser einem anderen Regelwerk als das Leitungswasser, und das strengere ist ausgerechnet das aus dem Hahn.

Leitungswasser fällt unter die Trinkwasserverordnung, Mineralwasser unter die Mineral- und Tafelwasserverordnung. Für Leitungswasser sind Grenzwerte für rund 30 Stoffe festgelegt, für Mineralwasser nur für rund 17. Und im direkten Vergleich klafft die Latte weit auseinander. Beim Uran darf Leitungswasser höchstens 10 Mikrogramm pro Liter enthalten, für normales Mineralwasser gibt es überhaupt keinen gesetzlichen Uran-Grenzwert. Beim Bor liegt die Grenze für Leitungswasser bei 1 Milligramm pro Liter, für Mineralwasser bei 5,5, also mehr als das 5-Fache. Beim Fluorid stehen 1,5 gegen 5,0 Milligramm. Und für Pestizide, für die Leitungswasser einen scharfen Wert von 0,1 Mikrogramm je Wirkstoff einhalten muss, gibt es bei Mineralwasser schlicht keinen Grenzwert. Dazu kommt der Unterschied in der Kontrolle. Leitungswasser wird geprüft, kurz bevor es beim Verbraucher ankommt, ein großer Versorger misst mehrmals täglich. Mineralwasser wird an der Quelle geprüft, nicht in der Flasche, die Monate später im Regal steht.

Dieser Unterschied wiegt schwerer, als er klingt. Zwischen der Quelle und deinem Glas liegen bei der Flasche der Abfüllprozess, die Lagerung, das Material der Flasche und oft ein halbes Jahr Zeit. Aus Kunststoffflaschen können bei Wärme Stoffe ins Wasser wandern, und geprüft wurde all das an einem Punkt, an dem noch nichts davon geschehen war. Beim Leitungswasser dagegen misst der Versorger dort, wo das Wasser tatsächlich in die Nähe deines Hahns gelangt. Unabhängige Verbrauchertests finden in Mineralwässern denn auch immer wieder Auffälligkeiten, von Abbauprodukten aus der Landwirtschaft bis zu Spuren, die in einem sauber geführten Wasserwerk längst aufgefallen wären. Der Aufkleber mit dem Alpenpanorama sagt über all das nichts.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Das Wasser, das ich für teures Geld in Glasflaschen kaufe und mit dem Gefühl trinke, mir etwas Gutes zu tun, wird lascher überwacht als das Wasser, mit dem ich morgens die Kloschüssel spüle. Ich sitze mit dem Popcorn in der ersten Reihe und schaue dieser Umkehrung der Logik beim Funktionieren zu.

Es gibt einen Trick, den kaum jemand kennt und der genau diese Lücke ausnutzt. Wasser mit der Auslobung geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung muss deutlich strengere Grenzwerte einhalten, unter anderem bei Arsen, Uran und Nitrat. Der Gesetzgeber traut dem Säugling nämlich zu, was er dem Erwachsenen nicht zugesteht, echte Reinheit. Wer also schadstoffarm trinken will, ohne selbst Laborwerte zu wälzen, greift zum Babywasser. Es ist eine kleine Absurdität, dass ein 56-Jähriger im Supermarkt zum Wasser fürs Neugeborene greift, weil es das einzige ist, dem der Staat wirklich auf die Finger schaut. Aber es funktioniert.

Und weil wir gerade beim Preis sind, ein Wort zu dem Glauben, teuer sei gleich gut. Beim Wasser stimmt das noch weniger als sonst irgendwo. Es gibt Luxuswässer, die für rund 219 Dollar pro Liter über den Tresen gehen, geadelt mit Swarovski-Kristallen, und ausgerechnet dieses Wasser ist per Umkehrosmose behandelt, also entmineralisiert. Man zahlt einen Wochenlohn für leeres Wasser in einer glitzernden Flasche. Andere Marken verlangen über 1.000 Dollar pro Liter, eine Designer-Edition von Evian kostete rund 100 Dollar die Flasche, und der Auktionsrekord gehört einem Wasser in einer Flasche aus 24-Karat-Gold. Blindverkostungen zeigen regelmäßig, dass diese Nobelwässer nicht einmal besser schmecken. Teuer bedeutet beim Wasser weder sicherer noch mineralreicher, und oft nicht einmal wohlschmeckender. Es bedeutet meistens nur, dass du für die Flasche zahlst und das Wasser gratis dazu bekommst, nur leider ohne das Beste daran.

Amerika macht es nicht besser, nur mit anderen Behörden

Wer glaubt, das sei ein deutscher Sonderweg, den enttäusche ich gern. In den USA ist die Lage strukturell dieselbe, nur die Kürzel wechseln. Dort wacht die Umweltbehörde EPA über das Leitungswasser, gestützt auf den Safe Drinking Water Act, und dieser regelt über 90 Kontaminanten und verpflichtet jeden Versorger zu einem jährlichen öffentlichen Wasserbericht. Das Flaschenwasser dagegen fällt unter die Lebensmittelbehörde FDA, als verpacktes Lebensmittel behandelt, und der Safe Drinking Water Act gilt für Flaschenwasser ausdrücklich nicht.

Die Konsequenzen sind gut dokumentiert, und sie sind unangenehm. Der Rechnungshof der USA, das Government Accountability Office, kam bereits 2009 zu dem Schluss, dass der FDA-Schutz für Flaschenwasser oft weniger streng ist als der EPA-Schutz für Leitungswasser. Zwischen 2002 und 2008 wurde Flaschenwasser 23 Mal zurückgerufen, überwiegend wegen überhöhter Werte von Arsen und Bromat. Die Prüfintervalle sprechen eine eigene Sprache. Flaschenwasser muss nur 1 Mal pro Woche auf coliforme Bakterien getestet werden, kommunales Leitungswasser 100 Mal im Monat oder öfter. Flaschenwasser-Hersteller müssen nicht einmal zertifizierte Labore beauftragen und ihre Ergebnisse nicht an die FDA melden, selbst wenn ein Wert den Standard reißt. Und rund ein Viertel des amerikanischen Flaschenwassers ist ohnehin nichts anderes als abgefülltes Leitungswasser, teils weiterbehandelt, teils nicht.

Der Fairness halber, es gibt eine Ausnahme zugunsten des Flaschenwassers, und sie betrifft das Blei. Weil viele alte Häuser noch Bleirohre haben, ist der EPA-Grenzwert für Blei im Leitungswasser weniger streng als der FDA-Wert für Flaschenwasser. Beim Blei zieht das abgefüllte Wasser also davon. In fast allem anderen bleibt das Bild dasselbe, hüben wie drüben. Das Wasser, dem wir am wenigsten misstrauen, wird am wenigsten kontrolliert.

Ein Werkzeug, das dir die Arbeit abnimmt

Du musst dir das alles nicht merken, und du musst auch keine Verordnungstabellen wälzen. Wir leben 2026, und es gibt ein Werkzeug, das dir in 2 Minuten sagt, ob dein Wunschwasser taugt. Nimm den Namen deines Mineralwassers, tippe die Werte vom Etikett ab und lass sie prüfen. Welches Sprachmodell du dafür verwendest, ist zweitrangig. Jedes einigermaßen intelligente große Sprachmodell, ganz gleich welcher Herkunft, sollte diese Aufgabe lösen, vorausgesetzt, es kann im Internet recherchieren und aktuelle Werte heranziehen. Es geht nicht um die Marke, es geht darum, dass du die Frage überhaupt stellst.

Aber jetzt kommt die Warnung, und sie wiegt schwerer als das Werkzeug selbst. Ein Sprachmodell ist immer nur so klug wie die Frage, die du ihm stellst. Ein schwammiger, schlecht gebauter Prompt liefert kein Wissen, sondern Halbwissen, und Halbwissen ist gefährlicher als gar keins, weil es sich nach Gewissheit anfühlt und trotzdem danebenliegt. Wer ein Modell einfach fragt, ob dieses Wasser gesund sei, bekommt eine gefällige Antwort ohne Substanz und hält sie hinterher für geprüft. Genau deshalb gebe ich dir den Prompt fertig vor, Wort für Wort, statt dich raten zu lassen. Kopiere ihn einfach:

“Ich lebe in Deutschland und trinke täglich 2 bis 3 Liter des Mineralwassers [NAME EINTRAGEN]. Bitte recherchiere im Internet die aktuellen Analysewerte dieser Quelle, insbesondere Natrium, Magnesium, Calcium, Hydrogencarbonat, sowie Arsen, Uran, Bor, Nitrat und Fluorid. Vergleiche diese Werte mit den Grenzwerten der deutschen Trinkwasserverordnung und der Mineral- und Tafelwasserverordnung. Sage mir erstens, ob das Wasser für einen Erwachsenen, der bei Hitze viel schwitzt, genug Natrium und Magnesium liefert, und zweitens, ob es bei einem der Schadstoffe auffällig belastet ist. Zitiere deine Quellen und nenne das Datum der Analyse.”

Wer in den USA lebt, ersetzt die deutschen Verordnungen durch die EPA-Standards für Leitungswasser und fragt zusätzlich, ob das Produkt in einem aktuellen Test von Verbraucherorganisationen auffällig war. 2 Minuten, ein Prompt, und du weißt mehr über dein Wasser als der Kassierer, der es dir über den Scanner zieht.

Wer nur reines Wasser trinkt und sich wundert, hat sich das selbst gebaut

Jetzt der unbequeme Teil, und ich meine ihn so kalt, wie er klingt. Wenn du wochenlang bei Rekordhitze fast ausschließlich reines oder gefiltertes Wasser trinkst, nichts substituierst, weder Salz noch Mineralien, und dich dann über Müdigkeit, Kopfdruck und Wadenkrämpfe wunderst, dann hast du dir diesen Zustand mit einiger Konsequenz selbst gebaut. Das ist kein Vorwurf, das ist eine Beschreibung. Der Körper rechnet gnadenlos ehrlich. Er nimmt, was du ihm gibst, und er verliert, was du ihm nicht ersetzt. Er kennt keine guten Absichten, er kennt nur die Bilanz.

Und hier liegt der eigentliche Fehler, der größer ist als Salz und Wasser. Wir haben verlernt, dem eigenen Körper zuzuhören, und hören stattdessen auf das Etikett. Rein klingt gesund, also trinken wir reines Wasser. Teuer klingt sicher, also kaufen wir die teuerste Flasche. Gesund steht auf der gelben Packung, also streuen wir das Kaliumsalz. In allen 3 Fällen ersetzen wir Physiologie durch Marketing und delegieren ein Urteil, das nur der eigene Stoffwechsel fällen kann, an eine Werbeabteilung. Der Körper nimmt an dieser Abstimmung nicht teil. Er rechnet stur weiter mit dem, was wirklich ankommt, ganz gleich, was vorne auf der Flasche steht.

Die gute Nachricht daran ist, dass genau diese Ehrlichkeit auch die Lösung liefert. Was man sich selbst gebaut hat, kann man auch wieder abbauen. Eine Prise Salz mehr an Schwitztagen, eine Tomate dazu, ein Mineralwasser, das den Namen verdient, und im Zweifel der Griff zum Babywasser statt zur teuersten Flasche im Regal. Mehr braucht es nicht. Das ist die ganze Wissenschaft, heruntergebrochen auf einen Einkaufszettel.

Der peinlich logische Schluss

Bleibt der Mann vom Anfang, also ich, 56, kerngesund, dem mitten im Hochsommer grundlos die Kraft ausging. Ich habe nach 2 Wochen nicht lange gebraucht, um das Problem zu finden, sobald ich einmal aufgehört hatte, es beim Wetter zu suchen. Es steckte nicht im Klima und nicht im Alter, auch nicht in irgendeinem diffusen Leiden. Es steckte in einer schlichten Rechnung, die ich 2 Wochen lang nicht aufgestellt hatte, und in einem Glas, das ich für harmlos hielt.

Ich habe eine Prise Salz ins Wasser gegeben, ich habe wieder Tomaten gegessen, ich habe mein Trinkwasser überdacht. 2 Tage später stand ich wieder gerade neben mir statt einen halben Schritt daneben. Es war keine Erleuchtung, es war Buchhaltung. Und das ist vielleicht das Ernüchterndste an dieser ganzen Geschichte. Das Problem war die ganze Zeit da, sichtbar und banal, direkt vor mir. Houston hätte es sofort gesehen. Ich habe 2 Wochen gebraucht, weil ich in die Hitze schaute, wenn ich ins Wasserglas hätte schauen müssen.

Quellen

  • Kozisek, F. (2005). Health risks from drinking demineralised water. In Nutrients in Drinking Water (S. 148 bis 163). World Health Organization. https://aguaenmexico.com/wp-content/uploads/2021/02/WHO-HEALTH-RISKS-FROM-DRINKING-DEMINERALISED-WATER.pdf
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  • Natural Resources Defense Council. (2026). Bottled Water vs. Tap Water. https://www.nrdc.org/stories/bottled-water-vs-tap-water
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  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). (2006). Höchstmengen für Bor und Fluorid in natürlichen Mineralwässern sollten sich an Trinkwasserregelungen orientieren (Stellungnahme Nr. 024/2006). https://www.bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengen_fuer_bor_und_fluorid_in_natuerlichen_mineralwaessern_sollten_sich_an_trinkwasserregelungen_orientieren.pdf