Lohnt es sich zu leben? Albert Camus, Viktor Frankl, Leo Tolstoi, Friedrich Nietzsche, David Foster Wallace und eine Frage, der sich kein Mensch dauerhaft entziehen kann. Und was der Homo sapiens damit zu tun hat.
Albert Camus, Viktor Frankl, Leo Tolstoi, Friedrich Nietzsche, David Foster Wallace und eine Frage, der sich kein Mensch dauerhaft entziehen kann. Und was der Homo sapiens damit zu tun hat.
Alle vierzig Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch durch Suizid. Nicht in einem Film, nicht in einer Statistik, die man wegklickt, sondern in einem konkreten Moment, an einem konkreten Ort, mit einem konkreten Namen, den jemand anderes kennt und vermissen wird. Über 800.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr das Leben, und die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Dunkelziffer erheblich höher, weil Suizid in vielen Kulturen und Rechtssystemen stigmatisiert, verborgen und falsch klassifiziert wird. Eine Zahl, die so groß ist, dass sie aufhört, greifbar zu sein, so wie alle großen Zahlen irgendwann aufhören, greifbar zu sein, und nur noch als abstraktes Gewicht existieren, das man kurz fühlt und dann wieder weglegt.
Ich lege sie nicht weg.
Nicht weil ich ein Freund des Schmerzes wäre, sondern weil ich glaube, dass ein ehrlicher Blick auf diese Zahl eine Frage aufwirft, die weit über Psychiatrie, über Krisentelefone und Präventionsprogramme hinausgeht, eine Frage, die anthropologischer Natur ist, die tief in das hineinreicht, was der Homo sapiens eigentlich ist, wozu er entworfen wurde und was wir in den letzten Jahrzehnten mit diesem Design angestellt haben.
Albert Camus schrieb 1942 den Satz, der seither in keiner Diskussion über Philosophie und Suizid fehlt: Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem, und das ist der Selbstmord. Er schrieb ihn nicht, um zu provozieren. Er schrieb ihn, weil er glaubte, dass diese Frage, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, die einzige Frage ist, die wirklich jeder früher oder später beantwortet, entweder durch Handlung oder durch die Entscheidung, zu bleiben. Und er hatte recht. Nicht wegen der Philosophie, sondern wegen der Anthropologie.
Der Homo sapiens und die Frage, die er nicht stellen sollte
Vor 10.000 Jahren, in den Gesellschaften kleiner mobiler Gruppen, die der Homo sapiens zehntausende Jahre lang bewohnt hatte, bevor er sesshaft wurde, stellte sich die Frage nach dem Sinn des Lebens auf eine grundlegend andere Art. Sie existierte als Frage, aber sie hatte einen anderen Resonanzraum. Der Mensch war in ein Netz eingebettet, nämlich in die Gruppe, in die tägliche Zusammenarbeit mit anderen Menschen, in den unmittelbaren Kontakt mit der Natur, in Riten und kollektive Bedeutungssysteme, die nicht optional waren, sondern strukturell Teil des Lebens. Er schlief, wenn es dunkel wurde. Er aß, was die Erde und das Tier hergaben. Er litt, wenn jemand starb, der ihm nah war, und er feierte, wenn ein Kind geboren wurde oder die Jagd erfolgreich war. Er war sinnlich präsent in einer Welt, die unmittelbar war.
Er war nicht rund um die Uhr erreichbar. Er hatte keine Schulden in einem abstrakten Finanzsystem, das er nicht versteht. Er wurde nicht täglich von Nachrichten überflutet, die ihm erzählen, dass die Welt brennt, gleichzeitig, an zwanzig verschiedenen Orten, in Echtzeit. Er schuldete niemandem eine Antwort auf eine E-Mail, die um 23 Uhr ankam. Sein Stresssystem, das Cortisol, das Adrenalin, die Amygdala, die auf Bedrohung reagiert, war darauf ausgelegt, in konkreten, kurzen, überlebbaren Krisen zu funktionieren und danach zur Ruhe zu kommen. Nicht dafür, dreißig Jahre lang auf Hochspannung zu leben, weil der Kredit läuft, der Chef wartet, die Rente unsicher ist und das Smartphone nie schweigt.
Ich schreibe gerade an einem Buch, das genau dieses Thema aus anthropologischer Perspektive untersucht: das Hamsterrad, in das der Homo sapiens geraten ist, wie er in dieses Rad kam, was es biologisch und psychologisch mit ihm macht, und wie man, wenn man will und wenn man es versteht, wieder herauskommt oder zumindest langsamer dreht. Eines der zentralen Argumente dieses Buches ist, dass die Häufung moderner Erkrankungen, von chronischem Burnout über Schlafstörungen bis zu Depressionen und Suizid, kein Zufall ist und kein individuelles Versagen, sondern das biologisch erwartbare Ergebnis eines Organismus, der in einer Umgebung operiert, für die er nicht ausgelegt wurde. Eine verwandte Dimension dieser biologischen Fehlanpassung habe ich im Beitrag Anthropologie von Licht und Dunkelheit näher untersucht.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist, in diesem Kontext, keine reine Philosophiefrage. Sie ist ein Symptom. Wenn Millionen Menschen weltweit zu der Schlussfolgerung kommen, dass das Weiterleben keine Antwort ist, dann sagt das etwas über diese Millionen Menschen, ja, aber es sagt auch etwas über die Welt, in der sie leben müssen.
Albert Camus: Das Absurde als Befund, nicht als Niederlage
Camus wuchs in einer Kellerwohnung in Algier auf, Vater gefallen im Ersten Weltkrieg, bevor er seinen ersten Geburtstag erlebt hatte, Mutter fast taub und des Lesens und Schreibens nicht mächtig, Armut als konstante Realität und nicht als Metapher. Er wurde trotzdem zum wohl bedeutendsten französischsprachigen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht weil ihm das Leben entgegenkam, sondern weil er früh gelernt hatte, dem Leben ohne Illusionen ins Gesicht zu sehen.
Was er als das Absurde bezeichnete, ist nicht dasselbe wie das Nihilistische, und dieser Unterschied ist entscheidend. Das Absurde bei Camus entsteht aus einem sehr konkreten Konflikt: Der Mensch sucht verzweifelt nach Sinn, nach Ordnung, nach einer Antwort, die ihm sagt, warum er hier ist und wozu das alles gut sein soll, und das Universum gibt ihm keine. Diese Stille ist nicht feindlich gemeint, das Universum ist schlicht gleichgültig, aber die Spannung zwischen dem suchenden Menschen und der schweigenden Welt, das ist das Absurde. Und Camus sagte: Man muss damit leben. Nicht damit umgehen, nicht es heilen, nicht verdrängen, sondern es anschauen, es benennen, und dann trotzdem aufstehen.
Sein Symbol dafür war Sisyphos, der von den Göttern dazu verurteilt ist, einen Felsen für alle Ewigkeit einen Berg hinaufzurollen, und jedes Mal, wenn er oben ankommt, rollt der Felsen wieder hinunter, und er beginnt von vorn. Camus schrieb: Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Nicht weil seine Lage schön ist. Sondern weil sie seine ist. Er kennt sie. Er hat aufgehört zu hoffen, dass es anders sein wird, und genau in dieser Aufgabe der Hoffnung liegt eine seltsame Freiheit, nämlich die Freiheit, den eigenen Felsen bewusst zu rollen, statt darauf zu warten, dass jemand anderes ihn trägt oder wegräumt.
Das ist kein Aufruf zur Resignation. Es ist ein Aufruf zur Revolte, zur Auflehnung gegen die Versuchung, sich entweder dem Schmerz zu ergeben oder ihm zu entfliehen, in Illusionen, in Ideologien, in den Glauben, dass irgendjemand oder irgendetwas draußen eine Antwort bereithält, die innen fehlt. Camus hatte zwei Auswege gesehen, den er ablehnte: den körperlichen Tod und den philosophischen Selbstmord, also die Flucht in einen Glauben, der fertige Bedeutung verspricht ohne die Anstrengung, sie selbst zu erschaffen. Der dritte Weg war die Revolte, das Aushalten des Absurden und das Weiterleben trotzdem, nicht blind, nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern wach und ohne Illusionen.
Viktor Frankl: Sinn finden, wenn man alles verloren hat
Wenn Camus das Absurde beschrieb, beschrieb Viktor Frankl das Gegenprogramm aus der Erfahrungsperspektive eines Mannes, der es nicht theoretisch, sondern real erlebt hatte. Frankl, österreichischer Psychiater und Neurologe, wurde 1942 mit seiner Familie in die Konzentrationslager deportiert. Er überlebte Auschwitz. Seine Frau, seine Eltern, sein Bruder überlebten es nicht. Das Manuskript seines geplanten Buches über Logotherapie, das er beim Einmarsch der Nazis noch heimlich versucht hatte zu retten, wurde ihm im Lager abgenommen und vernichtet.
Was er im Lager beobachtete, und was er nach seiner Befreiung in dem Buch festhielt, das als Trotzdem Ja zum Leben sagen bekannt wurde und in mehr als vierzig Sprachen übersetzt wurde, war ein einziges zentrales Paradox: Die Menschen, die in den Lagern am ehesten überlebten, waren nicht notwendigerweise die körperlich Stärksten. Es waren die Menschen, die ein Warum hatten. Frankl zitierte Nietzsche, wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie, und er meinte damit nicht irgendeinen abstrakten Lebenssinn, sondern etwas sehr Konkretes: ein unvollendetes Buch, das auf Fertigstellung wartete, eine Frau, an die man dachte und zu der man zurückwollte, eine Aufgabe, die nur dieser eine Mensch erfüllen konnte.
Frankl schrieb: Ein Mensch, der sich der Verantwortung bewusst ist, die er einem anderen Menschen gegenüber trägt, der liebevoll auf ihn wartet, oder einem unvollendeten Werk gegenüber, wird sein Leben niemals wegwerfen können. Das klingt einfacher, als es ist. In Auschwitz, in der vollständigen Entmenschlichung, ohne Besitz, ohne Würde, ohne Sicherheit über den nächsten Tag, fanden manche Menschen noch diesen Faden. Andere verloren ihn, und Frankl beschrieb, wie dieser Verlust sichtbar wurde, in den Augen, in der Haltung, in der Bereitschaft aufzugeben.
Seine Logotherapie, die er nach der Befreiung systematisch ausarbeitete, baute auf der Überzeugung auf, dass der Wille zur Bedeutung der primäre Antrieb des Menschen ist, nicht der Wille zur Lust, wie Freud meinte, und nicht der Wille zur Macht, wie Adler argumentierte, sondern der Wille zum Sinn. Und dass Sinn nicht gefunden werden kann wie ein Objekt, das auf dem Boden liegt, sondern nur geschaffen werden kann, durch das, was man tut, durch die Menschen, die man liebt, und durch die Haltung, mit der man unvermeidliches Leiden trägt.
Das Existenzielle Vakuum, das Frankl beschrieb, die innere Leere, die entsteht, wenn kein Warum vorhanden ist, ist in den Industriegesellschaften des einundzwanzigsten Jahrhunderts kein seltenes Phänomen mehr, sondern ein strukturelles. Eine Umfrage unter amerikanischen College-Studenten zeigte, dass 78 Prozent als wichtigstes Lebensziel angaben, einem Sinn und einer Bedeutung zu finden, während nur 16 Prozent sagten, viel Geld verdienen zu wollen. Das Hamsterrad, das ich in meinem Buch beschreibe, produziert mehr materiellen Wohlstand als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, und gleichzeitig ein wachsendes Gefühl, dass dieser Wohlstand an der eigentlichen Frage vorbeiläuft.
Leo Tolstoi: Die Krise des Erfolgreichen
Tolstoi war fünfzig Jahre alt, weltberühmt, einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit, gesund, wohlhabend, mit einer großen Familie, als er in eine Krise geriet, die er in dem 1882 erschienenen Text Beichte so beschrieb, dass seine Zeitgenossen ihn für verrückt hielten und die Zensur das Buch zunächst verbat. Er schrieb, er habe sich nicht mehr vorstellen können, warum er morgen aufstehen sollte. Nicht wegen äußerer Not, nicht wegen Krankheit, nicht wegen Verlust. Sondern weil die Frage, wozu das alles gut sein soll, plötzlich laut genug geworden war, um alle anderen Fragen zu übertönen.
Er beschrieb, wie er auf Jagd ging und kein Gewehr bei sich tragen konnte, weil er Angst hatte, sich zu erschießen, nicht weil er es wollte, sondern weil er nicht mehr sicher war, ob er sich dagegen entscheiden würde. Er versteckte Stricke, damit er nicht in Versuchung kam. Er, der Autor von Krieg und Frieden, der Anna Karenina, der Mann, der allem hatte, was die Gesellschaft als Beweis eines gelungenen Lebens anerkennt.
Was ihn rettete, war keine Therapie und keine Philosophie, sondern die einfachen Menschen um ihn herum, die Bauern auf seinem Gut, Menschen ohne Bildung und ohne Wohlstand, die arbeiteten, liebten, gebaren, begaben und trotzdem lebten, nicht weil sie die Frage nach dem Sinn gelöst hatten, sondern weil sie so tief in das konkrete Leben eingebettet waren, dass die Frage keinen Raum hatte, sie zu verhören. Tolstoi nannte das eine Art Glauben, obwohl er die Kirche als Institution ablehnte, und meinte damit weniger eine metaphysische Überzeugung als eine Haltung zur Gegenwart, zur Arbeit, zum anderen Menschen als ausreichende Antwort auf die Frage, wozu man lebt.
Die Parallele zur Gegenwart ist unübersehbar. Tolstois Krise war nicht die Krise des Armen, der keine Zukunft sieht, sondern die Krise des Menschen, der alles hat, was die Gesellschaft verspricht, und feststellt, dass es nicht ausreicht. Diese Krise hat im einundzwanzigsten Jahrhundert eine Infrastruktur bekommen, die sie massenhaft produziert, nämlich eine Wirtschaftsordnung, die Erfolg mit Konsum gleichsetzt, Würde mit Produktivität, und die die Frage nach dem eigentlichen Warum als privates Problem des Individuums behandelt, für das es individuell haftbar ist.
Friedrich Nietzsche: Der Nihilismus als Diagnose, nicht als Lösung
Nietzsche sah das Ende des neunzehnten Jahrhunderts kommen, das er als das nihilistische Zeitalter bezeichnete, und er meinte damit nicht eine persönliche Einstellung zur Welt, sondern eine kulturelle Diagnose: Die alten Bedeutungssysteme, vor allem der christliche Glaube als kollektiver Sinnrahmen, würden zerfallen, und wenn sie zerfielen, ohne dass etwas Tragfähiges an ihre Stelle trat, würde eine Leere entstehen, die zerstörerisch ist. Gott ist tot, schrieb er 1882 in Die fröhliche Wissenschaft, und wir haben ihn getötet. Er fügte hinzu: Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Was er damit meinte, war nicht ein Aufruf zur Gottlosigkeit, sondern eine Beschreibung eines kulturellen Zustands und seiner Konsequenzen. Wenn der Mensch der Rahmen wegfällt, innerhalb dessen sein Leben Bedeutung hatte, automatisch, strukturell, ohne eigenes Zutun, weil er in eine Gemeinschaft von Gläubigen hineingeboren wurde, weil die Jahreszeiten des Kirchenjahrs seinen Alltag strukturierten, weil Leiden einen Sinn hatte und der Tod einen Ort hatte, dann muss er sich diesen Rahmen selbst schaffen. Das ist eine erheblich schwerere Aufgabe, und sie ist nicht allen Menschen gleich leicht, und sie ist nicht von allen Gesellschaftsformen gleich gut unterstützt.
Nietzsche formulierte als Gegenmittel den Begriff des Willens zur Macht, der häufig missverstanden wurde und wird und der nicht Herrschaft über andere bedeutet, sondern Herrschaft über sich selbst, die Fähigkeit, aus sich heraus Bedeutung zu schaffen, Werte zu setzen, das eigene Leben als schöpferischen Akt zu begreifen statt als passiven Vollzug vorgegebener Rollen. Seinen berühmten Satz, wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie, schrieb er nicht als Ermutigung, sondern als Diagnose: Wer das Warum nicht hat, erträgt selbst das komfortabelste Wie nicht.
Das moderne Hamsterrad ist in dieser Hinsicht das perfekte Nietzsche-Experiment. Es gibt dem Menschen alle möglichen Wie: Wohnungen, Sicherheiten, Abonnementsysteme, Unterhaltungsangebote, die rund um die Uhr verfügbar sind, eine endlose Produktion neuer Dinge, die er kaufen kann. Es gibt ihm kaum Hilfe beim Warum. Das Warum gilt als Privatsache, als Luxusproblem, als etwas, das man in der Freizeit klären mag, wenn man Zeit hat, obwohl die Freizeit von denselben Strukturen aufgefressen wird, die das Hamsterrad antreiben.
David Foster Wallace: Der Fisch und das Wasser
Wallace war einer der einflussreichsten amerikanischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Mann von außerordentlicher intellektueller Schärfe und ebenso außerordentlicher innerer Qual. Er schrieb in seinem Roman Infinite Jest über eine Gesellschaft, die sich in den totalen Unterhaltungskonsum geflüchtet hat, über die Sucht als strukturelle Antwort auf die Leere, über die Einsamkeit, die entsteht, wenn alles, was man konsumiert, einen kurz ablenkt und dann die Stille tiefer macht als vorher.
In seiner berühmten Abschlussrede an der Kenyon University im Jahr 2005, die unter dem Titel This Is Water bekannt wurde, erzählte er von zwei jungen Fischen, die im Meer schwimmen, und einem älteren Fisch, der ihnen entgegenschwimmt und fragt: Wie ist das Wasser heute? Die beiden jungen Fische schwimmen ein Stück weiter und einer dreht sich zum anderen um und fragt: Was zur Hölle ist Wasser? Wallace benutzte dieses Bild, um die tiefste Form von Bildung zu beschreiben, nämlich nicht das Wissen über die Welt, sondern das Bewusstsein über die eigene Einbettung in sie, die Fähigkeit zu sehen, was man für selbstverständlich hält, weil es überall ist.
Das Wasser, in dem der moderne Homo sapiens schwimmt, ist das Hamsterrad. Er sieht es nicht, weil er nie außerhalb davon war. Er hält die Erschöpfung für normal, weil alle um ihn herum erschöpft sind. Er hält die Schlaflosigkeit für normal, die Angst für normal, den Druck für normal, die Sinnlosigkeit der Arbeit für normal, weil er nie ein anderes Modell von innen erlebt hat. Wallace sprach davon, dass wirkliche Freiheit die Fähigkeit erfordert, bewusst zu wählen, was man denkt und wie man das wahrnimmt, was um einen herum geschieht. Dass diese Freiheit tägliche Arbeit ist, keine einmalige Entscheidung. Dass sie nicht durch Konsum oder Unterhaltung oder die nächste Benachrichtigung auf dem Smartphone zu finden ist, sondern durch genau das Gegenteil.
David Foster Wallace nahm sich 2008 das Leben. Er war 46 Jahre alt. Seine Frau fand ihn zu Hause. Er hatte jahrzehntelang an schweren Depressionen gelitten und einen Abbruch der Medikation nicht überlebt. Ich erwähne das nicht als rhetorisches Mittel, sondern weil es relevant ist: Selbst derjenige, der das Phänomen so klar beschrieben hatte wie kaum jemand sonst, war nicht davor gefeit, daran zu scheitern. Die Diagnose schützt nicht automatisch vor der Krankheit.
Warum die Zahlen so hoch sind, und warum sie es wahrscheinlich bleiben
Suizid ist die dritthäufigste Todesursache unter 15- bis 29-Jährigen weltweit, und über die Hälfte aller Suizide ereignen sich vor dem fünfzigsten Lebensjahr. Das ist nicht die Statistik einer biologisch unvermeidlichen Tragödie, sondern eines gesellschaftlichen Zustands, der Bedingungen produziert, die bestimmten Menschen das Leben zur Last machen. Ich sage das nicht, um zu politisieren, sondern um präzise zu sein: Der Homo sapiens ist, biologisch gesehen, ein robustes, soziales, anpassungsfähiges Wesen. Er ist nicht dafür entworfen, in einem System dauerhaft zu scheitern, das er selbst gebaut hat.
Was er gebaut hat, ist ein System, das in der Geschichte der Menschheit ohne Präzedenz ist. Ein System, in dem der Einzelne seinen Lebensunterhalt durch hochkomplexe, abstrakte Arbeit in Strukturen sichern muss, die er nicht überblickt und nicht kontrolliert. In dem er rund um die Uhr erreichbar ist und von einer Informationsflut begleitet wird, für die sein Nervensystem keine evolutionäre Entsprechung hat. In dem soziale Verbindlichkeiten zunehmend digital statt physisch sind, also ohne die körperliche Präsenz, die dem menschlichen Bindungssystem tatsächlich Nahrung gibt. In dem Schlaf als Ineffizienz gilt und Pausen als verschwendete Zeit. In dem der Wert eines Menschen durch seine wirtschaftliche Produktivität definiert wird und nicht durch seine bloße Existenz in einer Gemeinschaft.
Der Homo sapiens vor zehntausend Jahren hatte keine Rente, kein Gesundheitssystem, keine rechtliche Absicherung, und das Leben war in jeder messbaren Hinsicht härter und kürzer. Aber er hatte ein Warum, das nicht täglich neu verhandelt werden musste. Er gehörte irgendwo dazu. Er war eingebettet. Sein Beitrag zur Gruppe war sichtbar und unmittelbar. Wenn er litt, litt er in Gegenwart anderer. Wenn er verlor, verlor er in Gegenwart anderer. Das ändert etwas Wesentliches.
Das, wofür der Homo sapiens nicht ausgelegt ist, ist chronische soziale Isolation in räumlicher Nähe zu anderen, also das Gefühl, umgeben von Menschen zu sein, die man nicht kennt und die einen nicht kennen, rund um die Uhr beschäftigt zu sein ohne das Gefühl, etwas Wesentliches zu tun. Es ist das Hamsterrad, das dreht und dreht und sich nicht vorwärtsbewegt.
Was Camus, Frankl, Tolstoi, Nietzsche und Wallace gemeinsam wussten
Bei aller Verschiedenheit in Temperament, Epoche und intellektuellem Handwerkszeug teilen diese fünf Männer eine Überzeugung, die man herausschälen kann, wenn man ihre Werke nebeneinanderlegt: Der Sinn des Lebens ist nicht gegeben. Er muss erschaffen werden. Und er kann, selbst unter extremsten Bedingungen, erschaffen werden, wenn der Mensch sich dieser Aufgabe zuwendet, statt von ihr wegzulaufen.
Camus sagte, man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, weil er seinen Felsen kennt und akzeptiert und trotzdem rollt. Frankl sagte, wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie, und er bewies es in Auschwitz. Tolstoi fand den Sinn in den einfachen Menschen um ihn herum, in der Arbeit, in der Gegenwart. Nietzsche verlangte, dass man der Schöpfer seiner eigenen Werte wird, anstatt gegebene zu konsumieren. Wallace beschrieb, dass wahre Freiheit das Bewusstsein über das Wasser ist, in dem man schwimmt.
Keiner von ihnen sagte, es sei einfach. Keiner von ihnen sagte, es sei jedem gleich möglich. Und keiner von ihnen sagte, die Gesellschaft, in der man schwimmt, sei irrelevant dafür, ob man das Wasser sieht oder darin ertrinkt.
Eine Frage, die ich stelle, und ein Buch, das ich schreibe
Ich stelle mir seit Jahren eine Frage, die mich nicht loslässt, und die ich als Wissenschaftler immer wieder aus verschiedenen Winkeln betrachte: Was hatte der Homo sapiens vor zehntausend Jahren, das er heute nicht mehr hat? Was an Ernährung, was an Verhalten, was an sozialer Struktur, was an Schlaf, was an körperlicher Betätigung, was an Bedeutung? Diese Frage ist, in den meisten Fällen, der direkteste Weg zur Antwort auf die Frage, warum ein bestimmtes biologisches System unter Druck gerät.
Das Hamsterrad, über das ich schreibe, ist die anthropologische Antwort auf diese Frage aus der anderen Richtung: Was hat der Homo sapiens heute, das er vor zehntausend Jahren nicht hatte, und was macht das mit ihm? Was macht permanente Erreichbarkeit mit dem Nervensystem eines Wesens, das nie für sie ausgelegt war? Was macht die Entkopplung von Ursache und Wirkung in der modernen Arbeitswelt, in der man oft nicht sieht, was die eigene Arbeit bewirkt, mit dem Sinn, den ein Mensch aus seiner Tätigkeit ziehen kann? Was macht die Auflösung kollektiver Bedeutungssysteme mit den Individuen, die in diesen Systemen gelebt hatten, ohne sie bewusst zu wählen?
Diese Fragen haben keine einfachen Antworten. Aber sie haben Antworten, und ich glaube, dass die Philosophen, die Camus und Frankl und Tolstoi und Nietzsche und Wallace, diese Antworten nicht auf den Begriff gebracht haben, weil sie keine Anthropologen waren, aber weil sie hingeschaut haben, genauer als die meisten, und weil das Hinschauen selbst, das Benennen des Wassers, der erste Schritt ist, es zu verlassen.
Was Camus am Ende wusste
Camus starb 1960 bei einem Autounfall. Er war 46 Jahre alt. In seiner Tasche fand man ein unbenutztes Zugticket. Er hatte sich im letzten Moment entschieden, mit dem Auto zu fahren. In seiner Aktentasche lag das unvollendete Manuskript eines Romans, der nach seinem Tod unter dem Titel Der erste Mensch veröffentlicht wurde und vielleicht das persönlichste war, was er je geschrieben hatte.
Er hinterließ etwas, das kein Unfall nehmen konnte. Den Beweis, dass man dem Absurden ins Gesicht sehen und trotzdem schreiben kann. Dass man ohne Illusionen leben kann, ohne deshalb aufzugeben. Dass die Revolte gegen das Sinnlose selbst eine Form von Sinn ist, die kein anderer Mensch und kein System einem wegnehmen kann.
Die Frage, die er uns hinterlässt, lautet nicht: Hat das Leben einen Sinn? Sondern: Lebst du so, als würdest du ihm einen geben?
Denn Sinn findet man nicht. Man erschafft ihn. Jeden Tag, durch die Entscheidungen, die man trifft, durch die Menschen, die man liebt, durch die Arbeit, die man mit Absicht macht. Sisyphos rollt seinen Felsen. Aber er entscheidet, wie er es tut.
Das ist nicht wenig. Das ist, unter den gegebenen Umständen, vielleicht alles.
Dieser Beitrag ist ein Teil einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit Fragen, die mich in meiner Arbeit als Forensiker und in meinem Leben nicht loslassen. Das Buch, auf das ich hier verweise, ist in Arbeit. Es wird das Hamsterrad aus anthropologischer Sicht beschreiben, also untersuchen, was der Homo sapiens war, wie er jetzt zu leben gezwungen wird, was das mit ihm macht, und wie man, wenn man will, wieder hinauskommt.
Wenn dich dieser Text berührt hat und du selbst in einer schwierigen Phase bist, bleib nicht allein damit. Die Telefonseelsorge in Deutschland ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar, anonym, ohne Voranmeldung. In Österreich erreicht man die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz unter 143.
Quellen
Camus, A. (1942). Der Mythos des Sisyphos. Gallimard. Deutsche Ausgabe: Rowohlt, 1959.
Camus, A. (2013). Der erste Mensch. Rowohlt.
Frankl, V. E. (1946). Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Deutsche Ausgabe: Kösel, 2009.
Frankl, V. E. (1985). Der Wille zum Sinn. Huber.
Institute for Health Metrics and Evaluation (2025). About 740,000 global deaths from suicide occur annually. IHME, University of Washington, Februar 2025.
Nietzsche, F. (1882). Die fröhliche Wissenschaft. E. W. Fritzsch.
Nietzsche, F. (1883). Also sprach Zarathustra. Ernst Schmeitzner.
Tolstoi, L. (1882). Beichte. Deutsche Ausgabe: Insel Verlag, 2010.
Wallace, D. F. (2005). This Is Water. Abschlussrede an der Kenyon University, 21. Mai 2005. Veröffentlicht als Buch: Kiepenheuer & Witsch, 2012.
Wallace, D. F. (1996). Infinite Jest. Little, Brown and Company.
Weltgesundheitsorganisation (WHO). Suicide: Key Facts. Stand 2024. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/suicide