Otto Sapiens, das letzte Modell vor dem Aussterben
Eine Diagnose über das Steinzeitgehirn unter dem Bildschirm, die freiwillige Aufgabe des Denkens und den einzigen Moment, an dem Otto Sapiens niemals sein will
In meinem Arbeitszimmer steht eine alte Wanduhr, deren Pendel jede einzelne Sekunde hörbar macht, und wer mir auf diesem Blog folgt und meine Texte mit der Aufmerksamkeit liest, die ich beim Schreiben in sie hineinlege, der wird sich vielleicht vorstellen können, dass ich oft eine längere Pause vor dem nächsten Satz einlege und in dieser Pause nichts anderes tue, als der Wanduhr zuzuhören. Das Pendel geht weiter mit seinem ebenmäßigen, bedächtigen Schlag, links das Tick und rechts das Tack, mit einer kleinen hörbaren Stille zwischen beiden Schlägen. Und in dieser einen Pause, die zwischen Tick und Tack liegt, dauert das Leben länger als in 2 Stunden Instagram, weil in dieser Pause tatsächlich etwas stattfindet, nämlich der Augenblick, in dem ein Mensch noch am Leben ist, anstatt in einer Folge von Reizen zu existieren, die ihm seine Lebenszeit aus den Händen waschen wie Sand, ohne dass er es bemerkt.
Ich beginne mit dieser Wanduhr, weil sie das genaue Gegenteil von dem ist, worüber ich auf den folgenden Seiten schreiben werde, und weil sie der akustische Beweis dafür ist, dass Zeit existiert, auch wenn der moderne Mensch sich angewöhnt hat, sie zu ignorieren. Ich werde in diesem Beitrag über eine Variante des Homo Sapiens schreiben, die ich seit Jahren als Otto Sapiens bezeichne, und ich werde diese Bezeichnung nicht als satirisches Ornament verwenden, sondern als anthropologische Kategorie, die ich für brauchbar halte, weil sie eine empirisch beschreibbare Endform des modernen Menschen beschreibt, die durch Smartphone, Instagram, TikTok und generative Künstliche Intelligenz nicht etwa neu entstanden ist, sondern durch diese Werkzeuge in eine Form gegossen wurde, die zuvor nur als Tendenz vorlag und nun zur dominanten Spezies in den westlichen Konsumgesellschaften geworden ist. Ich werde behaupten, dass diese Endform den Homo Sapiens ablöst, dass sie ihn nicht überleben wird, weil sie das wichtigste Werkzeug verloren hat, mit dem unsere Spezies bisher überlebt hat, nämlich das selbstständige Denken, und dass sie es nicht durch äußere Gewalt verloren hat, sondern durch ihre eigene Hand freiwillig abgegeben hat, mit Begeisterung sogar, weil das Denken ihr Angst gemacht hat und Angst hasst der Otto Sapiens mehr als alles andere auf der Welt.
Das ist die These, die ich auf den folgenden Seiten entfalten werde, und ich werde sie nicht polemisch behaupten, ich werde sie wissenschaftlich begründen, mit Studien aus den letzten 2 Jahren, mit anthropologischen Befunden aus der Paläoanthropologie, mit neurowissenschaftlichen Daten zur Metakognition und mit historischen Mustern aus 100 Jahren wiederkehrender gesellschaftlicher Krisen. Am Ende werde ich den Otto Sapiens festgenagelt haben, präzise wie ein Insektenpräparat, und ich werde gleichzeitig zeigen, dass dieser Beitrag, den ich gerade schreibe, von genau jenen Menschen nicht gelesen werden wird, die in ihm beschrieben sind, weil er länger ist als die Sieben-Sekunden-Spanne, auf die ihre Aufmerksamkeit dressiert wurde. Das ist die polemische Pointe, die ich vorwegnehme, weil sie die einzige Pointe ist, gegen die der Otto Sapiens keine Verteidigung hat. Er kann diesen Beitrag nicht widerlegen, indem er ihn liest, weil er ihn nicht lesen wird, und allein dieser Umstand bestätigt jede Behauptung, die in ihm steht.
Die Mozzarella, die nicht vor Lachen fällt
Ich sitze an meinem Stammplatz in einer kleinen Pizzeria, die ich seit vielen Jahren besuche, an einem Tisch, von dem aus ich die anderen Gäste sehen kann, ohne selbst auffällig in deren Blickfeld zu geraten, und der Wirt, ein schweigsamer Mann mit dem Gesicht eines Mannes, der zu viel gesehen hat, bringt mir wie immer ein Glas Wasser und meine immer gleiche Pizza, die er nicht mehr bestellen lässt, weil er weiß, was ich essen werde, bevor ich den Mantel ausgezogen habe. Wir nicken einander zu, er geht, und ich beginne mit der einzigen Tätigkeit, die ich an diesem Ort betreibe, neben dem Essen. Ich beobachte die anderen Gäste an ihren Tischen in unbewachten Momenten.
Am Nebentisch sitzt ein Paar, vielleicht Anfang vierzig, beide gut gekleidet, beide mit der Körperhaltung von Menschen, die im Hamsterrad zwischen 8 und 18 Uhr genug Energie verbrennen, um anschließend in einem Restaurant nicht mehr in der Lage zu sein, ein Gespräch zu führen, das ohne Bildschirm auskommt. Sie haben gerade etwas gesagt, was ich nicht hören konnte, und er antwortet mit einer Frage, die offenbar wissenschaftlicher Natur ist, weil sie das Wort warum enthält, gefolgt von einem biologischen Phänomen, dessen genaue Formulierung mir entgeht. Sie blickt ihn mit einem fragenden Ausdruck an. Er greift in die Innentasche seiner Jacke, holt ein Smartphone hervor, tippt etwas hinein, wartet 3 Sekunden, dann liest er ihr eine Antwort vor, die offenkundig aus ChatGPT stammt, weil sie diesen merkwürdigen Tonfall hat, der Vollständigkeit suggeriert, ohne tatsächlich etwas erklärt zu haben. Er liest mit Betonung, als hätte er sich diese Antwort soeben selbst überlegt. Sie nickt zustimmend zur empfangenen Antwort, und er nickt mit gleicher zufriedener Überzeugung zurück. Beide sind nun klüger geworden, oder sie glauben es, was für den Vorgang, den ich gerade beobachte, völlig identisch ist.
Ich nehme einen Bissen von meiner Pizza, und die Mozzarella, die in meinem Mund eigentlich auf einen freudvollen Empfang vorbereitet war, fällt aus diesem zurück auf den Teller, weil meine Kaumuskulatur in genau diesem Moment den Befehl verweigert, der für das Schließen des Mundes notwendig ist. Das geschieht mir manchmal in dieser Pizzeria, und nicht etwa, weil mir etwas Komisches widerfährt, sondern weil ich in solchen Augenblicken eine sehr nüchterne Empfindung habe, die sich am ehesten mit dem Wort Erschütterung übersetzen lässt. Ich erschüttere mich, wenn ich sehe, dass die Schwelle, ab der ein Mensch noch denkt, sich gerade vor meinen Augen weiter abgesenkt hat. Die zwei am Nebentisch haben gerade dokumentiert, dass die Notwendigkeit eines eigenen Gedankens für sie nicht mehr besteht. Sie haben eine Frage gestellt, sie haben eine Antwort bekommen, und sie haben diese Antwort als wahr akzeptiert, ohne sie zu prüfen, ohne sie mit ihrer eigenen Erfahrung abzugleichen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, herauszufinden, ob die Antwort überhaupt stimmt. Das ist nicht Faulheit, das ist eine neurologische Kapitulation, und ich werde auf den folgenden Seiten zeigen, warum sie keine Ausnahme ist, sondern die Regel, die unsere Spezies in den nächsten 2 Jahrzehnten zum Aussterben bringen wird.
Der Wirt kommt vorbei, sieht den verlorenen Mozzarella-Klumpen auf meinem Teller, zieht eine Augenbraue hoch, sagt nichts und geht wieder. Wir haben über die Jahre eine Form von Kommunikation entwickelt, die völlig ohne Worte auskommt, was den Otto Sapiens vermutlich panisch machen würde, weil Stille für ihn unerträglich ist. Stille zwingt ihn nämlich, in jenem einzigen Moment zu verweilen, den er um jeden Preis vermeiden will, und zu diesem Moment komme ich gleich noch ausführlich.
Eine Kindheit ohne Stress
Ich wurde im Jahr 1970 geboren, und das hat zur Folge, dass ich zu jener immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen gehöre, die noch eine Welt vor dem Internet erlebt hat, mit allem, was dazugehörte, und dazu gehört bei mir auch eine Kindheit in einer armen Familie, in der die selbstverständlichen Annehmlichkeiten der bürgerlichen Mittelschicht fehlten. Wir hatten kein graues Wählscheibentelefon im Flur, wie es die wohlhabenderen Familien meiner Straße hatten. Wer telefonieren wollte, ging einen Kilometer zur nächsten Telefonzelle, und in dieser Telefonzelle warf man zwei Zehn-Pfennig-Stücke ein, damit die Verbindung zustande kam, und sprach dann so schnell wie möglich das Notwendige aus, weil das Geld in Telefonzellen verging schneller, als ein Sechsjähriger zählen konnte. Ich habe das nicht oft selbst getan, weil meine Mutter die Anrufe erledigte und ich mit ihr gemeinsam in der Zelle stand, in der es immer leicht nach kaltem Rauch und alten Münzen roch. Aber ich erinnere mich an diese Zelle so genau, als wäre sie noch da, und ich erinnere mich an etwas, das es heute kaum noch gibt, nämlich das Gefühl, dass ein Telefongespräch eine kleine logistische Operation war, kein Reflex.
Schlechte Nachrichten gab es in dieser Welt selten. Wenn doch, kamen sie mit dem Briefträger, der sie höflich überreichte, oft im selben Atemzug wie eine Postkarte von der Tante aus Hamburg, weil die schlechten Nachrichten in jener Zeit nicht den Anspruch erhoben, das Tageslicht für sich allein zu beanspruchen. Sie kamen, sie wurden gelesen, sie wurden verarbeitet, und am nächsten Tag ging das Leben weiter, weil die nächste Nachricht erst übermorgen kam. Die Welt war in jenen Jahren noch nicht wirklich global. Die Vereinigten Staaten von Amerika interessierten mich als Sechsjährigen nicht, weil sie weit weg waren, und weit weg bedeutete in jener Zeit tatsächlich weit weg, nicht eine Push-Benachrichtigung auf einem Bildschirm. Der Homo Sapiens dieser Zeit hatte nichts, was ihn ständig belastete, weil er nicht in einer Welt lebte, die ihm in jeder Sekunde mitteilte, dass irgendwo gerade jemand stirbt. Es war, und das sage ich rückblickend mit der vollen Klarheit eines Menschen, der inzwischen vieles erlebt hat, die schönste und ruhigste Zeit meines Lebens.
Das Internet betrat mein Leben nicht als Smartphone-Glow, das tat es noch nicht, weil das Smartphone erst viel später kam, sondern als ein graues, klobiges Gerät, in dessen Mulden man den Hörer des Telefons hineinpresste, ein sogenannter Akustikkoppler, der die Töne, die der Modem ausspuckte, in das Telefonnetz übersetzte. Ich verband mich mit einem Bulletin Board System, einem BBS, und kommunizierte über Zeichen, die auf einem grünen Monitor zeilenweise erschienen, mit Menschen, die ich nie gesehen hatte. Das war ungefähr in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, ich war Teenager, und es fühlte sich an wie eine wahnsinnige Erweiterung der Welt, die sich da eröffnete. Ich konnte mit jemandem in Hamburg schreiben, ohne einen Brief zu schicken. Ich konnte Software mit Fremden austauschen, die ich nie getroffen hatte. Ich konnte Diskussionen über Bildschirme hinweg in Echtzeit führen. Es war faszinierend in jenen Jahren, und ich habe damals nicht bemerkt, dass dieses Faszinierende den Anfang vom Ende markierte.
Denn was damals begann, in jenem grauen Akustikkoppler, der noch wie ein industrielles Hilfsgerät aussah, war die schrittweise Auslagerung der menschlichen Kommunikation aus dem physischen Raum in einen Datenstrom. Erst war es Text auf grünem Bildschirm, dann waren es Bilder, dann waren es Videos, dann war es ein dauerhafter Datenstrom, der niemals abriss und der jeden Winkel des Tages füllte, in dem zuvor Stille gewesen war. Ich habe diesen Weg miterlebt, von der ersten Minute bis zur jetzigen, und ich kann mit einer Genauigkeit, die jüngeren Menschen oft fehlt, beschreiben, wo der Punkt war, an dem das Werkzeug zur Belastung wurde. Es war ungefähr dort, wo das Gerät anfing, in der Hosentasche getragen zu werden, anstatt auf dem Schreibtisch zu stehen. Sobald der Bildschirm in der Tasche ist, ist der Mensch nicht mehr offline, und sobald der Mensch nicht mehr offline ist, ist er auch nicht mehr im Hier und Jetzt, und sobald der Mensch nicht mehr im Hier und Jetzt ist, beginnt er zu sterben, ohne dass er es bemerkt.
Was ich aus dieser Lebensgeschichte gelernt habe, ist nicht etwa Nostalgie, das überlasse ich gerne den Menschen, die nichts Eigenes vorzuweisen haben außer der Erinnerung an eine vermeintlich bessere Zeit. Was ich gelernt habe, ist eine ganz praktische Konsequenz, und sie lässt sich in einem einzigen Satz formulieren. Ich muss nicht permanent erreichbar sein für jeden, der gerade meine Nummer wählt. Wer mich heute auf meiner mobilen Nummer anruft, bekommt nicht mich, sondern Tyra ans Telefon, eine Künstliche Intelligenz, die ich selbst programmiert habe, die sehr höflich erklärt, dass der Adressat des Anrufs nicht direkt sprechbar ist, und die jedem Anrufer empfiehlt, eine E-Mail oder eine Telegram-Nachricht zu schicken. Für alles wirklich Wichtige reicht dieser eine Kanal aus. Niemand braucht direkten telefonischen Zugriff auf einen anderen Menschen, abgesehen von engsten Familienmitgliedern in Notfällen, und dafür gibt es einen anderen Kanal eingerichtet. Fernsehen schaue ich seit vielen Jahren schon nicht mehr. Die Bild-Zeitung lese ich nicht, ich analysiere sie gelegentlich, was ein qualitativ erheblich anderer Vorgang ist, und auf diesen Vorgang komme ich noch zurück. Ich habe meine Zeit zurückerobert, und die Konsequenz dieser Rückeroberung ist, dass ich heute mit meinem Malinois Bandit auf dem Sofa sitzen kann, eine Schüssel Popcorn auf dem Beistelltisch, und das tägliche Schauspiel der Otto-Sapiens-Gesellschaft aus der ersten Reihe beobachten kann, mit einer Mischung aus Belustigung und nüchterner Sorge, weil ich nicht weiß, wo dieser Irrsinn endet.
300.000 Jahre Hardware ohne Update
Bevor ich erkläre, warum der Otto Sapiens nichts hinterfragt, warum er Angst vor dem Hier und Jetzt hat, warum er sich von einer Maschine erzählen lässt, was die Wahrheit ist, muss ich kurz die anthropologische Grundlage legen, ohne die alles andere wie eine kulturkritische Behauptung wirken würde, anstatt einer biologischen Diagnose. Und die anthropologische Grundlage ist erstaunlich einfach, sie passt in einen einzigen Satz, der so wuchtig ist, dass man ihn zweimal lesen sollte. Das menschliche Gehirn, mit dem wir heute durch eine Welt aus Smartphones, Algorithmen und generativer Künstlicher Intelligenz laufen, ist genau dasselbe Gehirn, mit dem unsere Vorfahren vor 35.000 Jahren in der Eiszeit Mammuts gejagt haben.
Das ist keine literarische Übertreibung meinerseits an dieser Stelle. Die genauesten paläoanthropologischen Daten dazu stammen aus einer Studie von Neubauer, Hublin und Gunz, veröffentlicht 2018 in Science Advances unter dem Titel The evolution of modern human brain shape, in der die Autoren anhand von Schädelfossilien gezeigt haben, dass die Gehirngröße des frühen Homo Sapiens bereits vor 300.000 Jahren in der Spannweite des heutigen Menschen lag, dass aber die globuläre Form des Gehirns, also jene runde, kompakte Architektur, die wir mit dem modernen Menschen verbinden, sich graduell zwischen 100.000 und 35.000 Jahren vor unserer Zeit entwickelt hat (Neubauer, S., Hublin, J. J., & Gunz, P., 2018, The evolution of modern human brain shape, Science Advances, 4(1), eaao5961). Seither hat sich an dieser Architektur substanziell nichts mehr geändert. Wir bewegen uns mit derselben neurologischen Hardware durch die Welt, mit der unsere Urgroßeltern aus der Späten Steinzeit ihre Höhlenmalereien in den Wänden von Lascaux hinterlassen haben.
Diese Hardware wurde optimiert für die Erkennung konkreter Bedrohungen, für das Lesen sozialer Gruppen mit einer Größe von ungefähr 50 bis 150 Mitgliedern, wie es der Anthropologe Robin Dunbar in seinen klassischen Arbeiten zur sozialen Kognition gezeigt hat (Dunbar, R. I. M., 1992, Neocortex size as a constraint on group size in primates, Journal of Human Evolution, 22(6), 469-493), und für die Bewältigung übersichtlicher Umgebungen, in denen sich die Reizdichte auf das beschränkte, was die unmittelbare Umgebung anbot. Diese Hardware ist exzellent in dem, wofür sie gebaut wurde über die evolutionäre Zeit hinweg. Sie kann eine Schlange im hohen Gras innerhalb von 200 Millisekunden identifizieren, sie kann ein Gesicht aus einer Menge von hundert Personen wiedererkennen, sie kann ein soziales Gefüge intuitiv erfassen und sie kann komplexe motorische Handlungen wie das Spannen eines Bogens oder das Werfen eines Speers in beeindruckender Präzision koordinieren. Sie ist aber nicht gebaut für das, was wir ihr seit etwa 15 Jahren zumuten, nämlich die parallele Verarbeitung von Tausenden von Reizen pro Stunde, das ständige Wechseln zwischen Kontexten, die emotionale Reaktion auf Ereignisse, die zehntausend Kilometer entfernt stattfinden, und die kognitive Verarbeitung von Informationen, deren Wahrheitsgehalt sie nicht durch direkte Sinneserfahrung verifizieren kann.
Der Neurologe Richard Cytowic, von dem Oliver Sacks einmal gesagt hat, er habe die Art und Weise verändert, wie wir über das menschliche Gehirn nachdenken, hat dieses Phänomen in seinem 2024 erschienenen Buch Your Stone Age Brain in the Screen Age auf eine Formulierung gebracht, die elegant trifft, was die Sache ist (Cytowic, R. E., 2024, Your Stone Age Brain in the Screen Age, MIT Press). Unsere Gehirne, schreibt Cytowic, sind für die Bedürfnisse einer prähistorischen Welt programmiert, und sie sind deshalb so schlecht gerüstet, den Einbrüchen der Big-Tech-Konzerne in unser Aufmerksamkeitssystem zu widerstehen, weil sie in einer völlig anderen Reizumgebung evolutionär geformt wurden. Der amerikanische Evolutionspsychologe Glenn Geher von der State University of New York in New Paltz hat dasselbe Phänomen als evolutionary mismatch beschrieben, eine evolutionäre Fehlanpassung zwischen der Hardware, mit der wir geboren werden, und den Umgebungsbedingungen, in denen wir heute leben. Unsere Gehirne sind verdrahtet für bestimmte Bedingungen, sagt Geher, aber unsere Umgebung entspricht diesen Bedingungen nicht mehr in irgendeiner sinnvollen Weise.
Wenn man sich die Tragweite dieser Aussage klar macht, wird vieles, was wir gerade als gesellschaftliche Krise erleben, plötzlich erklärbar in neuem Licht. Die Zunahme von Angststörungen ist kein psychiatrisches Versagen einer Generation, sie ist die natürliche Reaktion eines Steinzeitgehirns auf eine Reizdichte, die es nicht verarbeiten kann. Die Abnahme der Aufmerksamkeitsspanne ist keine moralische Schwäche, sie ist die unweigerliche Folge dessen, dass das dopaminerge Belohnungssystem auf eine Reizfrequenz umtrainiert wurde, die in keiner Umwelt vorkommt, in der sich dieses System entwickelt hat. Die wachsende Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse ist keine moralische Verirrung, sie ist das, was geschieht, wenn ein Tribalgehirn, das für Gruppen von 150 Personen gebaut wurde, in eine virtuelle Welt von hundert Millionen Stimmen gestellt wird und versucht, in dieser Welt eine eigene Identität durch Abgrenzung herzustellen.
All das ist nicht Schicksal, all das ist Diagnose, und die Diagnose lautet, dass wir mit einer veralteten Hardware in einer Umgebung leben, für die diese Hardware nicht entwickelt wurde, und dass die Konsequenzen dieser Diskrepanz nicht nur an einzelnen Symptomen, sondern auf der Ebene der gesamten Spezies sichtbar werden. Was wir gerade als gesellschaftliche Krise bezeichnen, ist in Wahrheit eine biologische Krise. Der Homo Sapiens überfordert sich gerade selbst.
Der Neandertaler in uns
Es kommt aber noch ein zweiter Faktor hinzu, der diese Hardware-Frage zusätzlich verkompliziert, und das ist der Beitrag eines anderen Menschen, der vor 40.000 Jahren ausgestorben ist und der bis heute in unserem Erbgut spürbare Spuren hinterlassen hat. Die nicht-afrikanische Bevölkerung der Erde trägt im Schnitt zwischen 1 und 2 Prozent Neandertaler-Erbgut in sich, in einigen europäischen und asiatischen Populationen sind es bis zu 5 Prozent (MedlinePlus Genetics, National Library of Medicine, 2024, What does it mean to have Neanderthal or Denisovan DNA, Bethesda, Maryland). Diese Tatsache ist seit der Veröffentlichung des Neandertaler-Genoms durch Svante Pääbo und sein Team im Jahr 2010 etabliert (Green, R. E. et al., 2010, A draft sequence of the Neandertal genome, Science, 328(5979), 710-722), und sie hat in den vergangenen 15 Jahren eine Reihe von Befunden hervorgebracht, die für unsere heutige Diskussion direkt relevant sind.
Eine Studie aus dem Jahr 2016 unter der Leitung von Corinne Simonti an der Vanderbilt University in Nashville hat erstmals systematisch untersucht, welche klinischen Konsequenzen das Neandertaler-Erbgut bei modernen Europäern hat, indem die Forscher die Genome von 28.000 erwachsenen Patienten der Vanderbilt-Klinik mit deren elektronischen Krankenakten verknüpft haben (Simonti, C. N. et al., 2016, The phenotypic legacy of admixture between modern humans and Neandertals, Science, 351(6274), 737-741). Die Ergebnisse aus diesem großen Datensatz waren bemerkenswert. Bestimmte Neandertaler-Genvarianten erhöhen das Risiko für Hautkrebs, andere beeinflussen das Risiko für Nikotinabhängigkeit, wieder andere stehen mit Depressionen und neurologischen Auffälligkeiten in Zusammenhang, manche positiv, manche negativ. Eine überraschend hohe Zahl von Neandertaler-DNA-Fragmenten ist mit psychiatrischen und neurologischen Effekten verbunden. Die Doktorandin Corinne Simonti formulierte es damals nüchtern. Das Gehirn sei unglaublich komplex, sagte sie, und es sei daher nicht überraschend, dass Veränderungen aus einem anderen evolutionären Pfad negative Konsequenzen haben könnten.
Eine zweite Studie, 2017 erschienen, hat anhand von Magnetresonanztomographie-Untersuchungen an 221 gesunden Erwachsenen europäischer Abstammung gezeigt, dass der Anteil an Neandertaler-Erbgut messbare Auswirkungen auf die Schädel- und Gehirnform hat (Gregory, M. D. et al., 2017, Neanderthal-Derived Genetic Variation Shapes Modern Human Cranium and Brain, Scientific Reports, 7, 6308). Der durchschnittliche Neander-Score in dieser Studienpopulation lag bei 5,4 Prozent, mit einer Spanne zwischen 3,9 und 6,5 Prozent. Mit anderen Worten, die nicht-afrikanische Bevölkerung trägt einen messbaren, anatomisch erkennbaren Beitrag eines vor 40.000 Jahren ausgestorbenen Verwandten in der eigenen Schädelform und Gehirnstruktur.
Was bedeutet das für unsere Diskussion über den Otto Sapiens? Es bedeutet, dass wir nicht einfach ein Steinzeitgehirn in einer modernen Welt haben, wir haben ein Steinzeitgehirn mit zusätzlicher archaischer Beimischung in einer modernen Welt, und diese Beimischung beeinflusst Suchtverhalten, psychiatrische Anfälligkeit, Gehirnmorphologie. Die nicht-afrikanische Bevölkerung, also auch die mitteleuropäische, in der ich lebe, trägt eine genetische Hypothek, die sie für bestimmte moderne Krankheitsbilder anfälliger macht, und sie tut das mit einem Gehirn, das ohnehin nicht für die Welt gebaut wurde, in der es jetzt funktionieren soll. Das ist die anthropologische Doppelbelastung, von der ich auf den nächsten Seiten zeigen werde, wie der Otto Sapiens auf sie reagiert. Er reagiert nicht mit Anpassung, denn dafür ist die Evolution zu langsam und seine Hardware zu fest. Er reagiert auch nicht mit kultureller Selbstreflexion, denn dafür müsste er Metakognition trainiert haben. Er reagiert mit Flucht, und seine Flucht heißt Smartphone, Instagram, TikTok und ChatGPT.
Die Hardware passt nicht zur Software
Wenn man die Diagnose der vergangenen zwei Sektionen zusammenfasst, hat man eine Aussage, die sich in einem einzigen Bild greifbar machen lässt. Man stelle sich einen Computer aus dem Jahr 1990 vor, einen schweren, beigen Kasten mit einem Prozessor, der mit 33 Megahertz taktet, mit 4 Megabyte Arbeitsspeicher, mit einer Festplatte, die ungefähr 80 Megabyte Daten speichern kann. Man stelle sich nun vor, auf diesem Gerät eine moderne Anwendung zur generativen Künstlichen Intelligenz ausführen zu wollen, ein Modell mit 70 Milliarden Parametern, das pro Inferenz mehrere Gigabyte an Daten durchschiebt. Was würde in einem solchen Szenario passieren? Das Gerät würde einfrieren, abstürzen, und im schlimmsten Fall würde der Prozessor durchbrennen, weil er die Last nicht tragen kann.
Genau das ist die Situation, in der sich das menschliche Gehirn seit etwa 15 Jahren befindet. Die Hardware ist seit 35.000 Jahren unverändert, die Software, in der diese Hardware ausgeführt wird, hat sich exponentiell beschleunigt, und das Gehirn reagiert auf diese Diskrepanz mit Symptomen, die in jeder Klinik der westlichen Welt täglich registriert werden. Burnout, Angststörungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom bei Erwachsenen, Schlafstörungen, chronische Erschöpfung. Diese Symptome werden in der klinischen Praxis oft als psychische Erkrankungen behandelt, mit Medikamenten, mit Psychotherapie, mit der Empfehlung, mehr Sport zu treiben, weniger Kaffee zu trinken, Achtsamkeit zu üben. All das hilft in einzelnen Fällen, aber es behandelt das Symptom, nicht die Ursache. Die Ursache ist eine biologische, und sie lautet, dass diese Hardware nicht für diese Software gebaut wurde.
Es gibt Menschen, die argumentieren, das Gehirn sei plastisch genug, sich anzupassen, und sie verweisen auf neurowissenschaftliche Befunde, die zeigen, dass das menschliche Gehirn auch im Erwachsenenalter erstaunliche Anpassungsleistungen vollbringen kann. Das stimmt durchaus für bestimmte Funktionen des Gehirns. Wer Geige spielen lernt, der bildet im somatosensorischen Cortex eine größere Repräsentation der linken Hand aus. Wer Londoner Taxifahrer wird und das The-Knowledge-Examen besteht, der hat einen messbar vergrößerten posterioren Hippocampus, wie Eleanor Maguire in ihren klassischen Studien gezeigt hat (Maguire, E. A. et al., 2000, Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers, Proceedings of the National Academy of Sciences, 97(8), 4398-4403). Aber diese Plastizität funktioniert nur innerhalb der biologischen Grundarchitektur, sie kann diese Grundarchitektur nicht überwinden. Ein Gehirn, das für eine Reizdichte von vielleicht hundert relevanten Reizen pro Tag gebaut wurde, kann nicht durch Plastizität in ein Gehirn umgebaut werden, das eine Reizdichte von zehntausend Reizen pro Tag verarbeitet. Die Plastizität ist eine Feinjustierung des bestehenden Systems, kein vollständiger Planwechsel.
Was tatsächlich passiert, wenn man das Gehirn dieser Überlastung aussetzt, ist eine Art kognitiver Verschleiß, ein Abnutzungsprozess, der nicht reversibel ist, jedenfalls nicht ohne radikale Veränderung der Umgebungsbedingungen. Das werde ich in den Sektionen zur Smartphone-Forschung gleich empirisch belegen. Vorher aber zur zentralen philosophischen Frage, die dieser ganzen Diagnose vorausliegt, und die niemand stellt, weil sie unbequem ist. Die Frage lautet, wo der Mensch in seiner eigenen Zeit lebt, und sie ist es, die alle anderen Fragen entscheidet.
Yesterday is history, tomorrow is a mystery
Es gibt ein Wortspiel im Englischen, das so alt ist, dass ich es heute nicht mehr eindeutig einer Quelle zuordnen kann. Yesterday is history, tomorrow is a mystery, but today is a gift, that is why it is called the present. Das Spiel mit den beiden Bedeutungen von present, also Gegenwart und Geschenk, lässt sich ins Deutsche nicht direkt übersetzen, aber die Idee dahinter ist universal und sie ist alt. Sie taucht in der stoischen Philosophie auf, sie findet sich im Buddhismus, sie wird Eleanor Roosevelt zugeschrieben, sie wurde durch die Kung-Fu-Panda-Filme einer breiten Öffentlichkeit bekannt, und sie ist trotz ihrer Banalität die wahrste Aussage über den menschlichen Geist, die man in einem Satz formulieren kann. Gestern ist Geschichte, morgen ist ein Geheimnis, heute ist ein Geschenk, deshalb nennt man es Gegenwart.
Wenn ich in meinem Arbeitszimmer der Wanduhr zuhöre, dann tue ich genau das, was dieser Satz beschreibt. Ich bin im Heute, ich bin im Jetzt, ich bin in dem Moment, in dem ein Tick und ein Tack die einzige Zeitstruktur sind, die mich gerade erreicht. Dieser Moment ist alles, was ich tatsächlich zur Verfügung habe. Alles andere ist Erinnerung oder Spekulation, und Erinnerung und Spekulation sind beides keine realen Zustände, sie sind mentale Konstruktionen, die wir uns aufbauen, weil das menschliche Gehirn sich darauf spezialisiert hat, Zeit als kognitive Dimension zu konstruieren, anstatt sie nur als unmittelbare Sinneserfahrung wahrzunehmen. Das ist eine grandiose evolutionäre Errungenschaft, die uns vom Tier unterscheidet. Aber sie hat einen Preis, und der Preis ist, dass wir die Fähigkeit haben, uns in Vergangenheit und Zukunft hineinzubegeben, und dass wir diese Fähigkeit so intensiv nutzen können, dass wir den einzigen Ort, an dem wir tatsächlich existieren, verlieren.
Der Otto Sapiens lebt fast nie im Hier und Jetzt. Er lebt in der Zukunft, weil die Zukunft der Ort ist, an dem die Angst lebt, und je weiter er in die Zukunft denkt, desto mehr Raum hat die Angst, sich auszubreiten. Er macht sich Sorgen um die Rente, die er erst in 30 Jahren bezieht, um die Klimakatastrophe, die er erst in 40 Jahren wirklich spüren wird, um die Künstliche Intelligenz, die ihn erst in 10 Jahren ersetzen wird, um die nächste Pandemie, von der niemand weiß, ob sie kommt, und um die nächste politische Wahl, deren Ausgang ihn dazu zwingen wird, das Land zu verlassen oder die Demokratie zu retten oder beides gleichzeitig. Diese Sorgen sind nicht völlig unbegründet, aber sie haben eines gemeinsam unter sich. Sie spielen sich alle in einer Zeit ab, die noch nicht existiert. Sie sind reine Konstruktionen, die er in der Gegenwart erfindet, um sich selbst eine Bedrohungslage einzurichten, mit der er etwas anfangen kann. Denn eine Bedrohungslage in der Zukunft hat einen Vorteil gegenüber der Gegenwart, sie ist nicht real, und solange sie nicht real ist, muss er nichts tun. Er muss nur Angst haben, und Angst zu haben ist anstrengend, aber es ist weniger anstrengend als zu handeln.
Wenn er die Angst vor der Zukunft nicht mehr aushält, wechselt er in den anderen Modus, in den Modus der Vergangenheit, und in der Vergangenheit findet er fast ausschließlich Schmerz. Er erinnert sich an die Demütigung in der Schule vor 30 Jahren, an die enttäuschte Liebe vor 20 Jahren, an den Streit mit dem Vater vor 10 Jahren, an die Pandemie vor 5 Jahren, an den unhöflichen Verkäufer vor einer Woche. Er sammelt diese Erinnerungen wie Beweise in einem Gerichtsverfahren, in dem er sich selbst als Opfer darstellt, und je mehr Beweise er sammelt, desto klarer wird ihm, dass er ein Recht hat, sich heute schlecht zu fühlen, weil er gestern schlecht behandelt wurde. Auch das hat einen psychologischen Vorteil gegenüber dem Hier und Jetzt. Er muss nicht im gegenwärtigen Moment präsent sein, und er muss nicht in dem gegenwärtigen Moment Verantwortung übernehmen, weil er sich noch immer mit dem beschäftigt, was ihm widerfahren ist. Schmerz ist ein wunderbarer Vorwand, nicht zu leben.
Was der Otto Sapiens nicht tut, fast nie, ist im Hier und Jetzt zu sein. Denn das Hier und Jetzt hat eine Eigenschaft, die alle anderen Zeitformen nicht haben. Es ist real in einer Weise, in der nichts anderes real ist. Es ist überprüfbar durch die unmittelbare Sinneserfahrung in jedem Moment. Es lässt sich nicht durch gedankliche Konstruktion verändern oder neu deuten. Wenn ich in diesem Moment in der Pizzeria sitze und eine Mozzarella im Mund habe, dann gibt es keine Möglichkeit, diese Tatsache zu interpretieren, zu beschönigen, zu betrauern oder zu fürchten. Sie ist einfach da, ohne Kommentar oder Deutung. Und genau diese Einfachheit ist es, die der Otto Sapiens nicht aushalten kann. Im Hier und Jetzt müsste er sich selbst begegnen, ohne die Schutzschicht aus Vergangenheit und Zukunft, die er um sich herum aufgebaut hat. Er müsste fühlen, ohne dabei sofort zu interpretieren. Er müsste sein, ohne zu werden oder gewesen zu sein. Und das ist das einzige, was er um keinen Preis tun will.
Daher hat er etwas entwickelt, was in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist. Er sorgt selbst mit seinen eigenen Gedanken dafür, dass es ihm schlecht geht. Er braucht keine äußere Bedrohung mehr, um sich elend zu fühlen, er produziert das Elend in der eigenen Werkstatt, mit den eigenen kognitiven Ressourcen, in einer beeindruckenden industriellen Effizienz. Sein Smartphone hilft ihm dabei, sein Instagram-Feed hilft ihm dabei, ChatGPT hilft ihm dabei, aber diese Werkzeuge sind nur Verstärker des zugrunde liegenden Prozesses. Der Antrieb kommt aus seinem eigenen Inneren, und er hat die wichtigste Aufgabe seines Gehirns, nämlich im Hier und Jetzt zu funktionieren, an eine Maschinerie ausgelagert, die ihn dauerhaft aus dem Hier und Jetzt heraushält.
Es wäre eigentlich so einfach für ihn, das zu ändern. Er müsste nur wieder lernen, im gegenwärtigen Moment zu leben. Er müsste die Wanduhr hören, statt das Smartphone zu checken. Er müsste die Mozzarella schmecken, statt das nächste Foto für Instagram zu komponieren. Er müsste die Stille zwischen zwei Sätzen aushalten, statt sie mit dem nächsten Reel zu füllen. Es wäre eigentlich so einfach im Prinzip, das zu tun. Und es ist gleichzeitig das Schwerste, was er tun könnte, weil es ihn mit dem konfrontieren würde, was er die ganze Zeit zu vermeiden versucht, nämlich mit sich selbst.
Metakognition ist das, was Sie nicht haben
Es gibt eine kognitive Fähigkeit, die in der Forschung der letzten 30 Jahre zunehmend ins Zentrum der Diskussion über menschliche Intelligenz gerückt ist, und die fast alles erklärt, was ich in den vorangegangenen Sektionen beschrieben habe. Diese Fähigkeit heißt Metakognition, und sie bedeutet, einfach gesagt, das Denken über das eigene Denken. Metakognition ist die Fähigkeit, aus seinem Denken herauszutreten, das eigene mentale Operieren zu beobachten, zu beurteilen, ob es zielführend ist, ob die Prämissen stimmen, ob es vielleicht einen blinden Fleck gibt, der das Ergebnis verzerrt. Sie ist das, was uns zu reflektierenden Subjekten in der Welt macht, anstatt zu reaktiven Reizverarbeitern. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir nicht nur intelligent denken, sondern auch wissen können, ob unser Denken im gegebenen Fall überhaupt intelligent ist.
Stephen Fleming, ein Neurowissenschaftler am University College London, der zu den führenden Forschern auf diesem Gebiet zählt, hat in seinen Arbeiten zur Metakognition gezeigt, dass diese Fähigkeit nicht mit dem IQ identisch ist, wie viele intuitiv vermuten würden. Sie ist eine eigenständige kognitive Größe für sich. Man kann einen hohen IQ haben und eine schlechte Metakognition, was bedeutet, dass man komplexe Probleme zwar schnell lösen kann, aber gar nicht merkt, wenn man sich bei einem konkreten Problem irrt. Umgekehrt kann man einen moderaten IQ haben und eine exzellente Metakognition, was bedeutet, dass man bei Problemen zwar langsamer ist, aber sehr genau spürt, wann man an die eigene Grenze stößt und Hilfe von außen braucht. Eine in Review of General Psychology veröffentlichte Übersichtsarbeit fasst es prägnant zusammen, indem sie Metakognition als die Brücke zwischen kognitiven Fähigkeiten und tatsächlich intelligentem Verhalten beschreibt (Norman, E. et al., 2019, Metacognition in psychology, Review of General Psychology, 23(4), 403-424).
Noch deutlicher zur Bedeutung der Metakognition ist eine Untersuchung, die Heather Butler und Kollegen 2017 in Thinking Skills and Creativity publiziert haben. Die Forscher haben in einer Stichprobe von 244 Erwachsenen untersucht, ob kritisches Denken oder Intelligenz der bessere Prädiktor für reale Lebensereignisse ist (Butler, H. A., Pentoney, C., & Bong, M. P., 2017, Predicting real-world outcomes, Thinking Skills and Creativity, 25, 38-46). Die Probanden absolvierten einen Test zur kritischen Denkfähigkeit, einen Intelligenztest und ein Inventar realer Lebensereignisse, von Insolvenzen über ungewollte Schwangerschaften bis zu beruflichen Misserfolgen. Das Ergebnis dieser umfassenden Erhebung war eindeutig. Menschen mit höheren Werten im kritischen Denken hatten signifikant weniger negative Lebensereignisse erlebt als Menschen mit niedrigeren Werten. Die kritische Denkfähigkeit, die als eine Form der Metakognition gilt, sagte negative Lebensereignisse besser voraus als der IQ und fügte einen eigenständigen Beitrag zur Vorhersage hinzu, der unabhängig vom IQ war. Mit anderen Worten, ein hoher IQ allein schützt nicht vor schlechten Entscheidungen. Was tatsächlich schützt, ist die Metakognition selbst.
Und nun zur entscheidenden Pointe, die ich an dieser Stelle ohne weiteres Drumherum formulieren will, weil sie das ganze Argument dieses Beitrags trägt. Metakognition ist nicht angeboren von Geburt an. Man kommt nicht mit ihr zur Welt, jedenfalls nicht in entwickelter Form. Sie ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss, und sie wird trainiert durch genau jene Tätigkeiten, die der Otto Sapiens systematisch vermeidet. Sie wird trainiert durch ruhiges Lesen, durch das Schreiben eigener Texte, durch das geduldige Lösen von Problemen, die nicht in einer Sitzung lösbar sind, durch das Aushalten von Unsicherheit, durch die Konfrontation mit eigener Inkompetenz, durch stilles Selbstbeobachten im Hier und Jetzt. Sie wird nicht trainiert durch das Scrollen auf TikTok, durch den schnellen Konsum von Reels, durch das Befragen von ChatGPT, durch das Lesen von Bild-Schlagzeilen oder durch das nervöse Checken von Push-Benachrichtigungen.
Daraus folgt eine geschlossene Falle, in der der Otto Sapiens sitzt, ohne sich aus ihr befreien zu können, weil er die Schlüssel zur Befreiung selbst nicht erkennt, denn es sind metakognitive Schlüssel, die er nicht hat. Er ist überfordert durch eine Welt, die seine Hardware nicht verarbeiten kann. Er hat nicht das Werkzeug, das ihm diese Überforderung überhaupt sichtbar machen würde, nämlich Metakognition. Er kann das Werkzeug nicht entwickeln, weil seine Lebensweise die Bedingungen, unter denen es entstehen würde, systematisch zerstört. Und er kann seine Lebensweise nicht ändern, weil er nicht weiß, dass sie das Problem ist, denn dafür bräuchte er wiederum Metakognition. Es ist ein perfekter Kreis, und der Otto Sapiens sitzt mittendrin.
Wer einmal in diese Spirale gerät, kommt aus eigener Kraft nicht mehr heraus, zumindest nicht ohne einen massiven Anstoß, der ihn zwingt innezuhalten. Solche Anstöße passieren manchmal, in Form von schweren Krankheiten, in Form von Trauerfällen, in Form von beruflichen Katastrophen, und manchmal nutzen Menschen diese Anstöße tatsächlich, um den Kreis zu durchbrechen. Aber dieser Weg zur Befreiung ist selten. Häufiger flüchtet sich der Otto Sapiens nach einem solchen Anstoß noch mehr in seine Werkzeuge, weil sie ihm Trost spenden, der allerdings nur simulierter Trost ist, ein Pflaster auf einer Wunde, die in Wahrheit eine Operation bräuchte. Sein Smartphone ist eines dieser täuschenden Pflaster in seiner Sammlung. Instagram ist ein weiteres aufgeklebtes Pflaster derselben Art. ChatGPT ist das jüngste Pflaster in seinem Medizinschrank. Und der Otto Sapiens klebt sich diese Pflaster selbst an, in dem Glauben, sie würden ihn heilen, während sie in Wahrheit nur die Sicht auf die eigentliche Wunde verstellen, sodass er sich nicht selbst behandeln muss.
Das Telefon, das auch in der Tasche denkt
Als ich vorhin in der biografischen Sektion schrieb, dass das Internet für mich mit dem grauen Akustikkoppler begann, meinte ich das nicht romantisch, sondern technisch. Damals war das Gerät an einem festen Ort, auf dem Schreibtisch, durch ein Kabel an der Wand befestigt. Wenn man es nicht nutzen wollte, war es nicht im Raum präsent. Diese physische Trennung zwischen Mensch und Gerät war die letzte Schutzbarriere, die das menschliche Gehirn vor Reizüberlastung bewahrte, und sie ist in den vergangenen 20 Jahren Schritt für Schritt verschwunden. Das Smartphone hat sie endgültig beseitigt, denn das Smartphone ist immer präsent, in der Hosentasche, im Bett, beim Essen am Tisch, auf der Toilette. Es gibt keinen Moment im Tag eines Otto Sapiens, in dem das Gerät nicht in unmittelbarer Reichweite ist.
Was das mit dem menschlichen Gehirn anstellt, ist seit Jahren Gegenstand empirischer Forschung, und die Befunde sind eindeutig genug, dass eigentlich kein Zweifel mehr möglich sein sollte. Eine Studie von Adrian Ward und Kollegen aus dem Jahr 2017, veröffentlicht im Journal of the Association for Consumer Research, hat gezeigt, dass die bloße Anwesenheit eines Smartphones im Sichtfeld die kognitive Leistungsfähigkeit messbar reduziert, selbst dann, wenn das Gerät ausgeschaltet ist und niemand darauf zugreift (Ward, A. F. et al., 2017, Brain drain, Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140-154). Die Probanden, die ihr Telefon im Nachbarzimmer gelassen hatten, schnitten in einem Aufmerksamkeitstest signifikant besser ab als jene, die das Telefon mit dem Display nach unten auf dem Schreibtisch liegen hatten. Die Forscher erklären den Effekt damit, dass das Gehirn fortwährend kognitive Ressourcen darauf verwenden muss, dem Telefon nicht zuzuwenden, und dass genau dieser Vorgang der Selbstverweigerung Kapazität bindet, die dann für die eigentliche Aufgabe fehlt. Das ist eine elegante Pointe, die einen fragen lässt, warum nicht jeder Mensch das Smartphone konsequent aus dem Blickfeld räumt. Die Antwort lautet, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass sie gerade verlieren, weil sie es nicht messen können, weil sie keine Metakognition trainiert haben, weil ihre Kapazität gerade durch das Telefon reduziert wird.
Noch gewichtiger ist eine Studie vom Februar 2025, veröffentlicht in PNAS Nexus, auf die ich etwas ausführlicher eingehen will, weil sie das wohl klarste empirische Bild davon zeichnet, was Smartphone-Nutzung mit dem menschlichen Gehirn macht. Noah Castelo, Kostadin Kushlev, Adrian Ward, Michael Esterman und Peter Reiner haben in einem großen randomisierten Experiment untersucht, was passiert, wenn man den mobilen Internetzugang auf den Smartphones der Probanden über zwei Wochen blockiert (Castelo, N. et al., 2025, Blocking mobile internet on smartphones improves sustained attention, mental health, and subjective well-being, PNAS Nexus, 4(2), pgaf017). Die Probanden konnten ihr Telefon weiterhin benutzen, aber alle datenbasierten Anwendungen waren gesperrt, sie konnten also telefonieren und SMS schreiben, aber kein Instagram öffnen, kein TikTok, kein WhatsApp mit Bildübertragung, keine Mail-App. Die Forscher haben die Probanden dann nach den 2 Wochen in einer Reihe von Messungen getestet und mit einer Kontrollgruppe verglichen, die das Telefon normal weiternutzte.
Die Ergebnisse sind so klar, dass man sie zweimal hintereinander lesen sollte. Die Probanden, denen das mobile Internet 2 Wochen lang entzogen worden war, zeigten eine messbare Verbesserung der mentalen Gesundheit, die größer war als die Verbesserung, die typischerweise durch Antidepressiva erreicht wird. Sie zeigten eine Verbesserung der subjektiven Lebenszufriedenheit. Und sie zeigten eine Verbesserung der anhaltenden Aufmerksamkeit, die in absoluten Zahlen einer Verjüngung um 10 Lebensjahre entsprach. Das ist keine Marketing-Aussage, das ist das Ergebnis einer randomisierten kontrollierten Studie, veröffentlicht in einer Schwesterpublikation von PNAS, einer der führenden wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt. Zwei Wochen ohne mobiles Internet machen aus einem 40-jährigen Menschen kognitiv einen 30-jährigen. Die antidepressive Wirkung übertrifft die chemischer Antidepressiva in der Standardbehandlung.
Wenn diese Studie nicht aus einem Forschungslabor in den USA käme, sondern aus, sagen wir, einer Pharma-Studie für ein neues Medikament, dann wäre die Presse der letzten Wochen voll davon, und der Wirkstoff wäre auf dem Weg zur Zulassung. Aber es ist kein Medikament, es ist eine Verhaltensänderung, und Verhaltensänderungen bringen einem Konzern kein Geld, weshalb über sie weniger berichtet wird. Der Otto Sapiens wird diese Studie daher nicht lesen, weil sie auf keinem seiner üblichen Kanäle erscheint, und wenn er sie liest, wird er sie als alarmistische Übertreibung abtun, weil sie ihn zwingen würde, etwas zu ändern, und etwas zu ändern bedeutet Anstrengung, und Anstrengung bedeutet Angst, und Angst hasst der Otto Sapiens.
Ich habe diese Konsequenzen für mein eigenes Leben schon lange vor dem Erscheinen der Studie gezogen, weil ich in meiner forensischen Arbeit gelernt habe, Reize von Substanz zu unterscheiden. Ich bin im permanenten Sinne nicht mehr erreichbar. Wer mich auf meiner mobilen Nummer anruft, erreicht Tyra, eine kleine Künstliche Intelligenz, die ich selbst geschrieben habe und die seit Jahren als digitaler Vorzimmer funktioniert. Tyra ist im Ton freundlich, aber in der Sache bestimmt. Sie nimmt den Namen des Anrufers entgegen, fragt nach dem Anliegen, erklärt, dass der Adressat des Anrufs nicht direkt sprechbar ist, und empfiehlt, eine E-Mail oder eine Telegram-Nachricht zu schicken. Diese Anordnung reicht für alles, was in meinem Leben tatsächlich wichtig ist. Wer mich wirklich braucht, schreibt mir, und wer einfach nur reden will, weil er gerade Langeweile hat, wird von Tyra elegant gefiltert, ohne dass ich es überhaupt bemerke. Diese Anordnung hat meine Lebensqualität in einem Ausmaß verbessert, das ich in den ersten Monaten kaum glauben konnte, denn plötzlich hatte ich Stunden, in denen ich tatsächlich präsent war, anstatt zwischen Reizen zu oszillieren. Ich konnte schreiben, ohne unterbrochen zu werden. Ich konnte mit Loui am Esstisch sitzen, ohne dass ein Bildschirm aufleuchtete. Ich konnte mit Bandit spazieren gehen, ohne dass eine Vibration meine Hosentasche füllte. Es war, im engeren Sinne des Wortes, wie eine Rückkehr meiner eigenen Zeit.
Reels, Reels, Reels
Wenn das Smartphone der Tumor ist, dann sind Instagram, TikTok und ähnliche Plattformen die Metastasen, die er auswirft, denn sie basieren auf einem Geschäftsmodell, das nur eine einzige Variable maximiert, nämlich die Zeit, die der Nutzer auf der Plattform verbringt. Alles, was auf diesen Plattformen geschieht, ist auf diese eine Variable hin optimiert. Die Algorithmen, die entscheiden, welches Video als nächstes erscheint, sind keine neutralen Empfehlungssysteme, sie sind dressierte Verstärkungsmaschinen, die in jedem Millisekunden-Takt lernen, was den Nutzer länger auf der Plattform hält, und ihm dann genau das anbieten. Das Ergebnis ist eine perfekte Verhaltensmodifikation, vergleichbar mit den klassischen Konditionierungsexperimenten von Skinner, mit dem Unterschied, dass die Tauben in Skinners Käfigen wussten, dass sie konditioniert werden, während der Otto Sapiens, der durch seinen Reels-Feed scrollt, das nicht weiß.
Die Forschungslage zu den kognitiven Folgen ist inzwischen so umfangreich, dass ich hier nur die markantesten Befunde nennen kann. Eine 2025 in der Zeitschrift Psychological Bulletin veröffentlichte Meta-Analyse unter dem Titel Feeds, Feelings, and Focus, die Daten von 98.299 Probanden aus 71 Studien umfasste, hat gezeigt, dass intensive Nutzer von Kurzvideo-Plattformen geringere Werte in der Aufmerksamkeit, in der Hemmkontrolle und im Arbeitsgedächtnis aufweisen, also in genau jenen kognitiven Fähigkeiten, die für anspruchsvolles Denken, anhaltende Konzentration und Selbstregulation notwendig sind. Das ist keine kleine Stichprobe, das ist eine Hochrechnung über eine Größenordnung, die statistisch belastbare Aussagen über die Population erlaubt. Pädiater und Pädagogen haben TikTok im öffentlichen Diskurs als Dopamin-Maschine beschrieben, weil jedes neue Video, das auf dem Bildschirm erscheint, eine kleine dopaminerge Ausschüttung auslöst, und die Erwartung der nächsten Ausschüttung das Belohnungssystem darauf trainiert, immer kürzere Intervalle als befriedigend zu empfinden. Das Resultat ist eine schrittweise Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne bis zu einem Punkt, an dem alles, was länger als 15 Sekunden dauert, bereits als anstrengend empfunden wird.
Das Phänomen hat es sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Das Wort des Jahres 2024 in der Auswahl der Oxford University Press war Brain Rot, und die Wahl wurde durch ein öffentliches Voting mit über 37.000 Teilnehmern und eine anschließende Bestätigung durch Oxford-Sprachexperten getroffen, die feststellten, dass der Begriff zwischen 2023 und 2024 um 230 Prozent in der Nutzungsfrequenz zugenommen hatte. Eine Sprache, die für einen alten Begriff, der den kognitiven Schaden des digitalen Konsums beschreibt, eine neue Prominenz entwickelt, ist eine Sprache, die ein Problem von erheblichem Ausmaß registriert hat. Der Otto Sapiens nimmt diese Registrierung nicht zur Kenntnis, weil er gerade auf seinem Handy scrollt.
Ich habe Loui einmal beobachtet, vor einigen Monaten, in einer Buchhandlung, in der wir beide eigentlich Fachliteratur suchten. Sie war in einer ruhigen Ecke verschwunden und las stehend ein Buch, ohne aufzuschauen, eine Viertelstunde lang. Es war eine fachwissenschaftliche Arbeit zur klinischen Pathologie, mit einer Informationsdichte, die selbst für Fachleute eine konzentrierte Leseposition verlangt. Während sie las, ging am Regal neben ihr ein junger Mann vorbei, vielleicht Anfang dreißig, der ein Buch in der Hand hielt, das ihm offenbar gerade jemand gezeigt hatte und das er versuchte, in einer Weise zu lesen, die mir bemerkenswert auffiel. Er öffnete es, las eine halbe Seite, dann holte er sein Smartphone aus der Tasche, scrollte 8 Sekunden lang durch irgendetwas, dann las er die nächste halbe Seite, dann scrollte er wieder. Er führte diesen Wechsel mehrfach aus, bevor er das Buch schließlich beiseitelegte und nur noch beim Telefon blieb. Er war nicht etwa gelangweilt im üblichen Sinne, er konnte nicht weiter. Sein Gehirn hatte sich an die Sieben-Sekunden-Taktung der Reels gewöhnt, und ein zusammenhängender Text, der Konzentration über mehrere Minuten verlangte, war für dieses Gehirn nicht mehr verarbeitbar. Loui schaute irgendwann auf, sah den jungen Mann, sah mich, und wir tauschten den Blick, den wir manchmal tauschen, wenn etwas am Rand der Bewusstheit steht, das beide gleichzeitig denken. Es war der gleiche Blick, den ich mit dem schweigsamen Wirt in der Pizzeria tausche. Ein Blick, der sagt, gerade hat sich etwas zugetragen, das eine ganze Generation diagnostiziert, ohne dass es ausgesprochen wird.
Bild, die Königin der Hooks
An dieser Stelle möchte ich kurz die Bühne wechseln und über ein deutsches Medienphänomen sprechen, das ich aus rein wissenschaftlichem Interesse beobachte, weil es vielleicht das eleganteste Beispiel angewandter Verhaltensökonomie ist, das im deutschsprachigen Raum verfügbar ist. Ich lese die Bild-Zeitung selbst nicht, weil ich die Bild-Zeitung im normalen Sinne nicht lese, das hatte ich vorhin schon erwähnt, aber ich analysiere sie gelegentlich, weil sie ein bemerkenswertes Studienobjekt für die psychologische Manipulation von Aufmerksamkeit darstellt. Ich öffne ihre Website, scrolle durch die Schlagzeilen, lese keinen einzigen Artikel, aber beobachte die Methodik, die hier zur Anwendung kommt. Sie ist faszinierend in ihrer methodischen Konsequenz, mit der sie auf jede einzelne Schlagzeile angewendet wird.
Die Bild-Zeitung arbeitet, wie alle erfolgreichen Clickbait-Medien, mit einer psychologischen Methode, die der amerikanische Verhaltensökonom George Loewenstein an der Carnegie Mellon University 1994 in einer klassischen Arbeit beschrieben hat, die zu den meistzitierten Texten der Verhaltensökonomie zählt. Loewenstein nannte sie die Information-Gap Theory of Curiosity, also die Informationslücken-Theorie der Neugier (Loewenstein, G., 1994, The psychology of curiosity, Psychological Bulletin, 116(1), 75-98). Die Idee dahinter ist in ihrer Formulierung erstaunlich einfach. Wenn ein Mensch wahrnimmt, dass es eine Lücke zwischen dem, was er weiß, und dem, was er wissen könnte, gibt, dann entsteht ein psychologisches Unbehagen, das ihn antreibt, diese Lücke zu schließen. Diese Lücke ist die Grundlage jeder erfolgreichen Schlagzeile, jedes Cliffhangers, jedes Werbetricks der letzten 100 Jahre. Sie verraten genau so viel, dass man weiß, etwas Wichtiges fehlt, aber nicht so viel, dass die Neugier an dieser Stelle bereits befriedigt wäre.
Die Bild-Zeitung beherrscht diese Methode bis zur Perfektion auf täglicher Basis. Die Schlagzeilen sind so konstruiert, dass sie den Leser in einen Zustand der Informationslücke versetzen, aus der er nur schwer selbst herauskommt. Sätze wie Was hinter diesem Fan-Foto steckt oder Es war der absolute Ausnahmezustand sind keine Informationen, das sind Türgriffe an Türen, die der Leser öffnen muss, um die Information dahinter zu sehen. Hinter der Tür wartet aber nicht die Information, sondern die Aufforderung, das Bild-Plus-Abonnement abzuschließen, denn der Artikel ist nur mit Abo lesbar. Genial einfach, wie deutsche Medienbeobachter über die Jahre dokumentiert haben. Die Methode funktioniert seit Jahrzehnten, und sie funktioniert weiter, obwohl viele Leser das Spiel inzwischen im Prinzip durchschaut haben. Sie klicken trotzdem, weil das Steinzeitgehirn die Informationslücke nicht lange ertragen kann.
Wer das Abo abgeschlossen hat, erhält nicht nur die Texte, er wird in den folgenden Wochen mit weiteren Schlagzeilen gefüttert, die ihn zu weiteren Inhalten lockten, die wiederum Schlagzeilen enthalten, die ihn zu weiteren Inhalten lockten, und in regelmäßigen Abständen werden ihm Produkte angeboten, die ihn zu Amazon weiterleiten. Dort bestellt er etwas, weil das Steinzeitgehirn, das nicht hinterfragen kann, weil es überlastet ist, weil es keine Metakognition trainiert hat, weil es Angst vor dem Hier und Jetzt hat, die Bestellung als kleines dopaminerges Belohnungsereignis in seinem Nervensystem verarbeitet. Drei Tage später kommt das Paket an seiner Tür an. Es wird ausgepackt, das Produkt wird benutzt, manchmal 5 Minuten lang, manchmal länger, und liegt dann im Schrank, wo es bleibt, bis die nächste Spende an eine wohltätige Organisation ansteht. So funktioniert der ganze Kreislauf in der Praxis mit zuverlässiger Regelmäßigkeit. Ich habe diese Kette in den vergangenen Jahren bei vielen Bekannten beobachtet, die ich gut kenne und die nicht dumm sind in irgendeinem Sinne, aber die keine Metakognition haben und das Spiel daher nicht durchschauen können, wenn es vor ihnen abläuft. Es ist bei allen immer dieselbe vorhersagbare Sequenz, die sich im Tagesablauf wiederholt. Schlagzeile, Klick, Abo, Schlagzeile, Klick, Amazon-Link, Bestellung, Paket, Vergessen.
Und ich kann jederzeit, wenn mich jemand danach fragt, genau erklären, wie das funktioniert, weil ich es ohne emotionale Beteiligung meinerseits anschauen kann. Ich empöre mich nicht über Bild, das wäre eine Verschwendung von Lebenszeit. Ich beobachte es wie ein Pathologe ein interessantes Präparat auf dem Objektträger. Es ist ein hervorragendes Studienobjekt für die Frage, wie man aus den evolutionären Schwächen des menschlichen Gehirns Geld macht, und es macht das so professionell, dass man fast Respekt davor haben kann, wie konsequent das Geschäftsmodell zu Ende gedacht ist. Dass dabei Millionen Menschen täglich einen Teil ihrer kognitiven Ressourcen, ihrer Aufmerksamkeit und ihres Geldes verlieren, ist nicht Bilds Problem zu lösen. Das ist das Problem von Otto Sapiens, der nicht gemerkt hat, dass er gerade gemolken wird.
Experten, die keine sind
Es gibt ein weiteres Phänomen, das mir in den letzten Jahren immer öfter aufgefallen ist und das mit dem vorigen Abschnitt eng verwandt ist, weil es ebenfalls auf der evolutionären Schwäche des Steinzeitgehirns beruht, nämlich auf der eingebauten Autoritätsgläubigkeit. Das menschliche Gehirn ist darauf programmiert, Menschen mit hohem Stand in der sozialen Hierarchie zu glauben, weil das in einer Tribalgesellschaft mit überschaubaren Gruppen evolutionär vorteilhaft für das Überleben war. Wenn der Älteste der Sippe sagte, dass die Beeren am roten Strauch giftig sind, dann war es überlebensförderlich, ihm zu glauben, anstatt sie selbst zu probieren. In der medialen Gegenwart funktioniert dieselbe neurologische Schaltung, aber sie ist auf eine vollkommen andere Welt gerichtet, in der die Autoritäten nicht mehr nach Erfahrung und Kompetenz ausgewählt werden, sondern nach Fernsehtauglichkeit, nach Sprechtempo, nach Selbstdarstellung und nach Verfügbarkeit für Kameratermine.
Das Resultat sind die Experten, die keine sind. Sie sitzen in den Nachrichtenstudios und erklären den Zuschauern, was sie zu denken haben, und sie tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die jedem Skeptiker den Atem raubt. Ein Mann, der nie beim Militär gedient hat, der nie einen einzigen Tag in einem Kriegsgebiet verbracht hat, der nie eine militärwissenschaftliche Arbeit geschrieben hat, erklärt in der Tagesschau die strategische Lage im Ukrainekrieg, mit dem Bruston der Überzeugung eines Mannes, der die Sache durchschaut hat. Eine Frau, die nie eine epidemiologische Studie veröffentlicht hat, die nie eine Pandemie begleitet hat, die nie einen Patienten mit einer Atemwegsinfektion behandelt hat, erklärt im Morgenmagazin die optimale Schutzstrategie gegen das nächste Virus, das gerade medial beschrieben wird. Ein Wirtschaftsjournalist, der nie eine Bilanz von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen hat, erklärt in einem Wirtschaftsmagazin, warum die nächste Rezession unausweichlich ist und welche Aktien man jetzt als Privatanleger kaufen sollte.
Diese Experten sind nicht alle inkompetent in ihrem ursprünglichen Fachgebiet. Manche von ihnen sind durchaus gebildet, manche haben akademische Abschlüsse, manche haben Erfahrung in irgendeinem Bereich. Das Problem ist nicht ihre Ausbildung, das Problem ist die Aushebelung des Expertenbegriffs durch die Medienlogik. Im Medium ist nicht Experte, wer ein Fach seit Jahrzehnten von innen kennt, sondern wer schnell antworten kann, fernsehtauglich aussieht und für den nächsten Termin verfügbar ist. Das ist eine vollkommen andere Auswahllogik als die wissenschaftliche, und sie produziert ein Personal, das mit dem klassischen Expertenbegriff nichts mehr zu tun hat. Sie produziert die Talking Heads, die wir alle kennen, und sie produziert sie in industrieller Masse, weil das Geschäftsmodell der Nachrichtenfernsehen auf der ständigen Verfügbarkeit von Stimmen beruht, die etwas zu sagen haben, ganz gleich, ob sie tatsächlich etwas wissen.
Otto Sapiens kann diese Experten nicht von echten Experten unterscheiden, denn das diagnostische Werkzeug, das er dafür bräuchte, fehlt ihm, und wir haben es an anderer Stelle in diesem Beitrag bereits benannt, die Metakognition. Er müsste sich fragen können, woher dieser Mann eigentlich weiß, was er behauptet, und ob die Logik seines Arguments innerlich kohärent ist, und ob es Gegenstimmen gibt, die ähnliche Qualifikationen aufweisen und zu anderen Schlüssen kommen. All das wären metakognitive Operationen, die der Otto Sapiens nicht ausführt, weil er nicht weiß, wie er sie ausführen soll. Er nimmt daher die Aussage des Experten als Wahrheit, weil sie in einem Nachrichtenstudio gesprochen wurde, weil die Person seriös aussieht, weil der Ton Selbstsicherheit vermittelt und weil die Aussage in 90 Sekunden in seinem Kopf abgelegt werden kann, ohne dass er innehalten und nachdenken muss.
Das ist die mediale Diktatur, in der wir leben, und sie ist nicht etwa die Diktatur einer politischen Partei oder einer ideologischen Bewegung, sondern die der Geschwindigkeit selbst. Wer schnell spricht, wird automatisch als Autorität anerkannt. Wer langsam denkt, hat das Spiel bereits verloren, bevor es begonnen hat. Wer eine differenzierte Position vertritt, gilt bei den Produzenten als langweilig. Wer eine zugespitzte Position vertritt, wird zur nächsten Sendung wieder eingeladen. Die Medienlogik selektiert auf Einfachheit, auf Schärfe, auf rhetorische Kraft, und sie eliminiert systematisch jene Stimmen, die tatsächlich etwas zu sagen hätten, denn diese Stimmen sprechen typischerweise langsamer, qualifizieren mehr, bauen mehr Vorbehalte ein und sind dadurch fernsehuntauglich. Das Resultat ist eine öffentliche Diskussionskultur, die mit echter Expertise fast nichts mehr zu tun hat und die den Otto Sapiens dauerhaft mit Pseudo-Information versorgt, die er als Wissen abspeichert, ohne zu merken, dass er gerade an einer theatralischen Aufführung teilgenommen hat.
Nach Corona kommt Hanta, und Iran ist plötzlich weg
Wenn man die Mechanismen des vorigen Abschnitts einmal verstanden hat, fällt einem ein Muster auf, das man danach nicht mehr loswird, weil es sich in nahezu jeder Nachrichtenwoche wiederholt, und zwar mit einer Regelmäßigkeit, die nicht zufälliger Natur sein kann. Es ist das Muster der Themenrotation, und es funktioniert ungefähr so. Eine bestimmte Krise wird von den Medien mit hoher Intensität behandelt, oft über Wochen oder Monate, mit täglichen Updates, mit Experten in den Studios, mit emotionalen Bildern auf den Titelseiten. Dann, an einem von außen nicht erklärbaren Zeitpunkt, taucht eine neue Krise auf, und die alte verschwindet. Sie verschwindet nicht, weil sie gelöst wäre, sondern weil die mediale Aufmerksamkeit weiterzieht. Die alte Krise existiert weiter, sie verursacht weiter Leid, sie kostet weiter Geld, aber sie ist medial unsichtbar geworden, und das heißt für den Otto Sapiens, sie hat aufgehört zu existieren.
Ein aktuelles Beispiel, das jeder Beobachter bestätigen kann, ist die mediale Behandlung des Ukrainekriegs. Nach der hohen Intensität der Berichterstattung in 2022 und Anfang 2023 ist die internationale Magazin-Berichterstattung über die Ukraine in den folgenden Jahren stark zurückgegangen, und das Thema hat einen erheblichen Teil seiner Präsenz auf den Titelseiten der führenden internationalen Publikationen verloren. Im Sommer 2025 hat die Washington Times in einem bemerkenswert offen formulierten Artikel berichtet, dass die Medien sich am Krieg gelangweilt hätten, dass die internationalen Magazine sich stattdessen mit der Bezos-Hochzeit in Venedig beschäftigten und mit der wichtigen Information, dass das Brautkleid 900 Arbeitsstunden gekostet habe, während in der Ukraine weiterhin täglich Menschen sterben (Washington Times, 30. Juni 2025, What happened to the media’s coverage of the Ukraine war).
Das ist keine politische Wertung, das ist eine empirische Beobachtung zum Medienverhalten. Eine Krise, die nicht aufhört, verschwindet aus dem medialen Bewusstsein, sobald sie nicht mehr der Aufmerksamkeitsökonomie dient, also sobald der Höhepunkt der Eskalation vorbei ist und der mühsame, langgezogene, undramatische Verlauf einsetzt. Das ist der Punkt, an dem die Medien das Thema fallen lassen, weil es keine neuen, klickwürdigen Schlagzeilen für die Titelseite mehr produziert, und sich der nächsten Eskalation zuwenden. Die nächste Eskalation kann ein neuer Konflikt sein, ein neues Virus, eine neue Naturkatastrophe, ein neuer Skandal. Was es genau ist, spielt für die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie keine Rolle. Wichtig ist nur, dass es neu ist und Bilder produziert.
So funktioniert das in der Praxis Tag für Tag, mit einer Routine, die sich aus dem Geschäftsmodell der Medien selbst ergibt. Nach der Coronavirus-Pandemie kam eine Zeit lang die Affenpocken-Hysterie, die innerhalb weniger Wochen wieder verschwand, dann kam das Vogelgrippe-Thema, dann Mpox, und inzwischen kommt das Hantavirus, das durch einen Cluster auf einem Kreuzfahrtschiff in die internationalen Schlagzeilen geraten ist und vorerst so behandelt wird, als sei es die nächste große Pandemie, obwohl Hantaviren seit Jahrzehnten bekannt sind und die epidemiologische Lage keine besondere Aufregung rechtfertigt. Während das Hanta-Thema in den Schlagzeilen war, ist der Iran-Krieg fast vollständig aus der Berichterstattung verschwunden. Es ist nicht so, dass im Iran nichts mehr passieren würde, im Gegenteil, die Lage ist instabil, es gibt regelmäßige Eskalationen, aber das Thema produziert nicht mehr die Schlagzeilen, die im Aufmerksamkeitsmarkt vermarktbar sind, und so wird es abgeschaltet. Es kommt wieder, wenn der nächste dramatische Zwischenfall eintritt, und es verschwindet wieder, sobald die nächste Krise dramatischer ist.
Die amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Maxwell McCombs und Donald Shaw haben diesen Mechanismus bereits 1972 in einer klassischen Studie beschrieben, die als Agenda-Setting-Theory in die Lehrbücher eingegangen ist (McCombs, M. E. & Shaw, D. L., 1972, The agenda-setting function of mass media, Public Opinion Quarterly, 36(2), 176-187). Die Idee ist, dass die Medien nicht in erster Linie entscheiden, was die Menschen denken, sondern worüber die Menschen denken. Was nicht auf der medialen Agenda steht, existiert für den Otto Sapiens nicht. Was auf der Agenda steht, ist für ihn die Welt. Daraus folgt, dass die mediale Agenda, also die Auswahl der Themen, die prominent in den Schlagzeilen vertreten sind, eine direkte Steuerungswirkung auf das öffentliche Bewusstsein hat, und diese Steuerung wird nicht durch eine geheime Verschwörung ausgeübt, sondern durch eine schlichte ökonomische Logik. Was Klicks bringt, kommt auf die Titelseite. Was keine Klicks bringt, verschwindet von der Titelseite ganz.
Otto Sapiens nimmt diese Steuerung nicht wahr, weil er kein Gedächtnis über mehrere Krisen hinweg hat. Sein Steinzeitgehirn kann immer nur eine Bedrohung gleichzeitig verarbeiten, und sobald die nächste auftaucht, ist die vorherige weg, nicht weil sie gelöst wäre, sondern weil die kognitive Kapazität des Otto Sapiens nicht ausreicht, beide gleichzeitig zu halten. Das hat einen evolutionären Hintergrund in der Tribalgeschichte. In einer Tribalgesellschaft musste man sich auf die aktuelle Bedrohung konzentrieren, der Säbelzahntiger im Gebüsch war wichtiger als die theoretische Frage, ob im Winter genug Vorräte da sind. Wer beide Bedrohungen gleichzeitig bearbeitete, überlebte den Säbelzahntiger nicht. Diese Schaltung ist für die Steinzeit sinnvoll, sie ist für die Gegenwart katastrophal, in der wir mit zwölf parallelen Krisen leben und keine davon einfach ignorieren können, weil sie alle weiterlaufen, unabhängig davon, ob sie gerade in den Schlagzeilen stehen oder nicht.
ChatGPT hat immer eine Antwort, also haben Sie keine Fragen mehr
Wir kommen nun zu jener Sektion, die mir die wichtigste in diesem ganzen Beitrag ist, weil sie das jüngste und am schnellsten wachsende Phänomen beschreibt, das die kognitive Selbstaufgabe des Otto Sapiens beschleunigt, und das ist die generative Künstliche Intelligenz, insbesondere ChatGPT und seine Verwandtschaft im Feld. Ich schreibe das als jemand, der selbst täglich Künstliche Intelligenz einsetzt, der Tyra programmiert hat, der mit verschiedenen großen Sprachmodellen arbeitet, der die Technologie von innen kennt und der daher nicht als hysterischer Außenstehender argumentiert, sondern als jemand, der weiß, wovon er spricht. Eben deshalb kann ich genau sagen, wo das Problem liegt, und es liegt nicht in der Technologie, es liegt darin, wie der Otto Sapiens diese Technologie benutzt.
Eine MIT-Studie aus dem Jahr 2025 unter der Leitung von Nataliya Kosmyna und ihrem Team hat in einem neurobehavioralen Experiment untersucht, was passiert, wenn Probanden ChatGPT über mehrere Sitzungen hinweg für die Bearbeitung kognitiver Aufgaben wie das Schreiben von Essays nutzen (Kosmyna, N., Hauptmann, E., Yuan, Y. T., Situ, J., Liao, X.-H., Beresnitzky, A. V., Braunstein, I., & Maes, P., 2025, Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task, arXiv:2506.08872). Die Forscher konnten zeigen, dass die neuronale Aktivität der Probanden über die Sitzungen hinweg progressiv abnahm, was darauf hindeutet, dass die wiederholte Auslagerung kognitiver Arbeit an die KI zu einer messbaren Reduktion der eigenen mentalen Anstrengung führt. Was die Forscher als besorgniserregend beschrieben, war nicht der einzelne Effekt, sondern der progressive Verlauf des Rückgangs über nur wenige Sitzungen, was nahelegt, dass das kognitive Auslagern an KI eine Rückkopplungsschleife erzeugen kann, in der Nutzer zunehmend abhängig von externer Verarbeitungskraft werden, zulasten der Entwicklung ihrer eigenen analytischen Fähigkeiten.
Eine weitere Untersuchung des Schweizer Forschers Michael Gerlich aus dem Jahr 2025 hat das Phänomen der kognitiven Auslagerung systematisch im Detail beleuchtet (Gerlich, M., 2025, AI Tools in Society, Societies, 15(1), 6). Gerlich konnte zeigen, dass die Übernahme kognitiver Aufgaben durch KI-Tools mit einer messbaren Reduktion des kritischen Denkens einhergeht, und dass dieser Effekt umso stärker ausgeprägt ist, je intensiver die KI-Nutzung erfolgt. Eine weitere randomisiert-kontrollierte Studie von 2025 von André Barcaui, veröffentlicht in Computers in Human Behavior: Artificial Humans, hat in einer Stichprobe von 120 Studierenden im Grundstudium gezeigt, dass jene, die während des Lernens uneingeschränkten Zugang zu ChatGPT hatten, in einem Überraschungs-Retentionstest 45 Tage später signifikant schlechter abschnitten als Studierende, die nur mit traditionellen Methoden gelernt hatten (Barcaui, A., 2025, ChatGPT as a cognitive crutch, Computers in Human Behavior: Artificial Humans, 5). Die Retentionswerte lagen bei 57,5 Prozent in der ChatGPT-Gruppe gegenüber 68,5 Prozent in der traditionellen Gruppe, eine Effektgröße, die in den meisten Bewertungssystemen den Unterschied zwischen Bestehen und Durchfallen ausmacht. Die Erklärung der Forscher lautet, dass die KI während des Lernens die Verarbeitungstiefe reduziert, dass dadurch im Hippocampus schwächere Spuren entstehen und dass das Vergessen entsprechend rascher einsetzt. Wer mit ChatGPT lernt, lernt messbar schlechter über die Zeit hinweg.
Diese Befunde sind in der akademischen Literatur inzwischen so dicht, dass das Phänomen einen eigenen Begriff in der Diskussion erhalten hat. Lazy Thinking lautet die Diagnose, und sie wird durch eine wachsende Zahl von Studien bestätigt, die zeigen, dass ChatGPT-Nutzer im Vergleich zu Nicht-Nutzern eine geringere Argumentationstiefe aufweisen, weniger eigene Begründungen produzieren, weniger Quellen prüfen, weniger Gegenargumente in ihren Überlegungen abwägen. Das ist nicht überraschend an sich, denn die KI nimmt ihnen die Anstrengung ab, und die Anstrengung ist die Voraussetzung dafür, dass das Gehirn neuronale Spuren bildet. Ohne Anstrengung bildet sich im Gewebe keine neuronale Spur aus. Ohne Spur kann sich keine bleibende Erinnerung im Gedächtnis aufbauen. Ohne Erinnerung sammelt sich keine echte Erfahrung an. Ohne Erfahrung kann wiederum keine Metakognition sich entwickeln. Und ohne Metakognition kann der Otto Sapiens nicht erkennen, dass er gerade dabei ist, sich selbst kognitiv zu enteignen.
Hier kommt nun die zentrale Pointe, auf die der gesamte Beitrag hinarbeitet. Der Otto Sapiens hinterfragt nicht, was ChatGPT ihm antwortet, weil das Hinterfragen eine Operation ist, die Anstrengung erfordert, und Anstrengung aktiviert dieselben neurologischen Schaltkreise wie die Konfrontation mit einer realen Bedrohung. Ich nehme einen Satz, ich vergleiche ihn mit meiner eigenen Erfahrung, ich identifiziere Inkonsistenzen, ich öffne die Möglichkeit, dass meine bisherige Annahme falsch war, und ich nehme das Risiko in Kauf, mich danach neu orientieren zu müssen. Jede dieser Operationen verlangt vom Gehirn eine kognitive Leistung, die dasselbe Erschöpfungsgefühl produziert wie körperliche Anstrengung. Das ist energetisch teuer für das Gehirn zu halten. Und es aktiviert das Bedrohungssystem, weil das Hinterfragen die eigene Identität in Frage stellt, und die eigene Identität ist für das Steinzeitgehirn ein Überlebensgut, das um jeden Preis verteidigt werden muss.
Das Hinterfragen tut also dem System selbst weh. Es ist keine angenehme intellektuelle Übung, sondern ein kleiner existenzieller Stoß, den das System spürt und vor dem es zurückzuckt. Wer Metakognition trainiert hat, hat gelernt, diesen Schmerz auszuhalten, und mehr noch, ihn als Lerngelegenheit zu erkennen. Wer keine Metakognition hat, erlebt das Hinterfragen als Bedrohung und vermeidet es. Otto Sapiens vermeidet es konsequent, und ChatGPT erlaubt ihm, die Vermeidung zu perfektionieren. Er fragt die Maschine, die Maschine antwortet, die Antwort fühlt sich vollständig an, also nimmt er sie. Er prüft sie nicht gegen irgendetwas aus seiner eigenen Erfahrung. Er fragt nicht, woher sie eigentlich kommt. Er fragt nicht, ob sie inhaltlich stimmt. Er nimmt sie, weil sie da ist, und weil das Nehmen weniger Anstrengung kostet als das Prüfen.
Das ist die strukturelle Falle, in der er sitzt. ChatGPT ist nicht das Problem an sich, ChatGPT ist nur das Werkzeug, das die Falle um ihn herum schließt. Das Problem ist das Steinzeitgehirn, das keine Metakognition entwickelt hat, das Anstrengung als Schmerz empfindet und Schmerz meidet. In dem Moment, in dem ein Werkzeug existiert, das die Anstrengung wegnimmt, wird dieses Werkzeug benutzt, und sobald es benutzt wird, atrophiert die Fähigkeit, ohne es zu arbeiten, weiter. Es ist genau dieselbe Logik, mit der ein Muskel atrophiert, wenn er nicht benutzt wird. Wer einen Gipsverband am Bein trägt, sieht nach 6 Wochen eine merklich dünnere Wadenmuskulatur, weil das Gewebe abgebaut wird, das nicht belastet wird. Beim Gehirn ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass es beim Gehirn keinen Gips gibt, der nach 6 Wochen abgenommen wird. Der Gips bleibt dran, weil er angenehm zu tragen ist.
Und während der Otto Sapiens seinen Gips trägt, glaubt er, etwas gewonnen zu haben. Er denkt, ChatGPT macht ihn klüger, weil er jetzt schneller zu Antworten kommt, ohne etwas nachschlagen zu müssen. Er denkt, er werde produktiver, weil er Texte in 5 Minuten schreiben kann, für die er früher eine Stunde gebraucht hätte. Er sieht nicht, dass diese Geschwindigkeit eine kognitive Verarmung bedeutet, denn die Texte sind zwar schneller fertig, aber sie bleiben in seinem Gehirn nicht mehr hängen. Er hat die Texte nicht gedacht, er hat sie nur weitergeleitet, und am Ende des Tages weiß er nicht mehr, was er heute getan hat, weil nichts davon eine Spur in seinem Bewusstsein hinterlassen hat. Er ist effizienter geworden, aber er ist auch leerer geworden, und er merkt die Leere erst, wenn sie eine kritische Dichte erreicht hat und sich nicht mehr durch das nächste Reel überdecken lässt.
Spanische Grippe, dann Charleston, und die Geschichte wiederholt sich
Ich komme zur vorletzten Sektion dieses Beitrags, in der ich den historischen Bogen ziehen will, und ich tue das nicht, um eine akademische Aufzählung der letzten 100 Jahre zu liefern, sondern weil dieser Bogen zeigt, worauf die Diagnose hinausläuft. Der Otto Sapiens lernt nicht aus seinen Fehlern, und zwar aus einem strukturellen Grund, der mit dem Hier und Jetzt zu tun hat, das ich am Anfang dieses Beitrags eingeführt habe. Lernen erfordert Erinnerung, Erinnerung erfordert Reflexion im gegenwärtigen Moment, und Reflexion ist genau das, was der Otto Sapiens um jeden Preis vermeidet. Daher lernt er nicht aus dem Kreislauf. Daher wiederholt er dieselben Fehler in großer Regelmäßigkeit. Daher reagiert er nach jeder Krise mit derselben euphorischen Übertreibung, die die nächste Krise vorbereitet.
Der klassische historische Fall ist die Spanische Grippe und die Roaring Twenties, die ihr folgten. Die Pandemie von 1918 bis 1920 tötete weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, allein in den USA etwa 675.000, mehr als zehnmal so viele, wie der Erste Weltkrieg an amerikanischen Truppenverlusten kostete. Es folgte eine schwere Wirtschaftskrise von 1920 bis 1921, die das amerikanische Bruttoinlandsprodukt einbrechen ließ. Und dann kam, wie aus dem Nichts heraus, ein Jahrzehnt, das als Roaring Twenties in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist, mit einem Wirtschaftswachstum von 43 Prozent zwischen 1921 und 1929, mit einer Charleston tanzenden Jugend, mit einer Konsumgüter-Explosion und einer kulturellen Aufbruchstimmung, die von der Pandemie, die ihr nur wenige Jahre zuvor vorausgegangen war, nichts mehr wusste. Die Lost Generation, die diese Welt prägte, war eine Generation, die etwas erlebt hatte, das sie nicht verarbeiten konnte, und die deshalb in eine Phase der maximalen Vermeidung floh, in der niemand mehr über das sprach, was nur wenige Jahre zuvor das einzige Gesprächsthema gewesen war.
John M. Barry, der amerikanische Historiker und Autor der noch immer maßgeblichen Geschichte der Spanischen Grippe, hat darauf hingewiesen, dass dieser Zusammenhang zwischen Pandemie und nachfolgendem Boom zwar populär, aber historisch komplexer ist, als oft dargestellt, weil zwischen 1918 und 1923 zunächst eine Phase großer politischer Unruhen lag, mit Streiks, Rassenunruhen und der Wirtschaftsdepression selbst. Erst danach kam die kulturelle Aufbruchsstimmung der zwanziger Jahre. Dieser Punkt ist wichtig, denn er macht ein Muster sichtbar, das psychologisch bedeutsam ist. Auf eine Phase der Bedrohung folgt zunächst eine Phase der Verarbeitung, die oft chaotisch und schmerzhaft ist für die, die sie durchlebten. Wenn diese Verarbeitung nicht stattfindet, weil die Gesellschaft sie nicht leistet oder nicht leisten kann, dann folgt eine Phase der Verdrängung, die sich in überschwänglicher Konsum- und Risikolust zeigt. Diese Verdrängung ist nicht zufällig, sie ist die psychologische Antwort auf ein traumatisches Erlebnis, das nicht in das kollektive Gedächtnis integriert wurde.
Der Yale-Soziologe und Mediziner Nicholas Christakis hat in seinem 2020 erschienenen Buch Apollo’s Arrow, in dem er die Coronavirus-Pandemie in ein historisches Muster gestellt hat, vorhergesagt, dass auf die akute Phase der Pandemie eine Phase der gesteigerten religiösen und vorsichtigen Verhaltensweisen folgen würde, und dass sich diese Phase um 2024 ins Gegenteil verkehren würde, mit einer Welle der Risikolust, der Geselligkeit, des Konsums und der sexuellen Freizügigkeit (Christakis, N. A., 2020, Apollo’s Arrow, Little, Brown Spark). Genau das ist im Rückblick auf die letzten Jahre auch eingetreten, mit einer Präzision der Vorhersage, die in den Sozialwissenschaften selten zu beobachten ist. Die Reisetätigkeit überstieg 2024 das Vor-Pandemie-Niveau, der Konsum stieg deutlich, die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten kletterte auf historische Höhen. Niemand spricht mehr ernsthaft öffentlich über die Pandemie. Niemand reflektiert über die Lehren, die man hätte ziehen können. Es ist, als wäre sie nie gewesen.
Warum ist dieses Muster historisch so verlässlich? Es beruht auf zwei Gründen, die strukturell ineinandergreifen. Erstens, das dopaminerge Belohnungssystem reagiert auf Deprivation mit einer Sensitivitätsverschiebung, die nach einer Phase der Deprivation eine überschießende Reaktion auf Reize hervorbringt. Man kennt das aus der Suchtforschung, wo nach einer Phase der Abstinenz die nächste Begegnung mit der Substanz oft eine stärkere Wirkung entfaltet als vorher. Auf der gesellschaftlichen Ebene funktioniert dieser Mechanismus genauso. Auf eine Phase der Einschränkung folgt eine Phase der Übertreibung, weil das Belohnungssystem überempfindlich auf Reize reagiert, nachdem der Lockdown endet. Zweitens, und das ist der schwerere Punkt von beiden, das menschliche Gehirn lernt aus negativen Erfahrungen nicht von selbst, sondern erst, wenn es diese Erfahrungen in einem reflektierten Denkmodus zu eigen macht. Wenn die Reflexion nicht stattfindet, hinterlassen die Erfahrungen zwar Spuren im autobiografischen Gedächtnis, aber sie werden nicht in ein Lehrgerüst überführt, das das zukünftige Verhalten leiten könnte. Sie bleiben Episoden in der Erinnerung, keine daraus gezogenen Lehren.
Genau das ist beim Otto Sapiens nach der jüngsten Pandemie der Fall. Die Pandemie war für ihn eine Episode, keine Lehre. Sobald sie vorbei war, wurde sie zurück in die Schublade der unangenehmen Erinnerungen verstaut, und das Leben ging weiter wie vorher. Dass die gleichen Mechanismen, die die Pandemie ausgelöst hatten, also die globale Mobilität, die Eingriffe in die Wildnishabitate, die unzureichende Vorbereitung der Gesundheitssysteme, weiter bestehen, dass also die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit ist, hat er nicht verarbeitet, denn das hätte eine reflektierte Operation erfordert, die er nicht leistet. Er reagiert auf die nächste Krise mit derselben Überraschung, mit der er auf die vorherige reagiert hat. Er übertreibt zwischen den Krisen, und er erschrickt während der Krisen. Er lebt in einem permanenten Hin und Her zwischen Euphorie und Angst, und er nennt das sein Leben.
Das ist nicht nur eine historische Beobachtung, das ist eine Diagnose der Aussichten der Spezies in evolutionärer Sicht. Wenn der Otto Sapiens nicht lernt, also wenn er strukturell unfähig zur Reflexion ist, dann ist er auch unfähig zur Korrektur, und eine Spezies, die ihre Fehler nicht korrigieren kann, ist evolutionär verurteilt. Sie wird nicht an einer äußeren Katastrophe zugrunde gehen, sondern an der kumulativen Wirkung ihrer eigenen unkorrigierten Fehler, die sich übereinander schichten, bis das System unter ihrer Last zusammenbricht. Das ist die nüchterne Diagnose, die ich hier vorlege. Sie ist nicht dramatisch formuliert, sie ist im Ton nüchtern. Der Homo Sapiens wird nicht primär an Pandemie, Krieg oder Klimakatastrophe aussterben, er wird an der freiwilligen Aufgabe des Denkens aussterben. Was nach ihm kommen wird, ist nicht der Übermensch, sondern der Otto Sapiens, ein Wesen, das aussieht wie ein Homo Sapiens, aber innerlich nur noch eine Schnittstelle zwischen seinem Smartphone und seiner Pizza ist.
Eine Vorwarnung an alle, die diesen Text bis hierher gelesen haben
Bevor ich zum Schluss dieses Beitrags komme, schiebe ich eine Sektion ein, die in jedem meiner längeren Beiträge an dieser Stelle steht und die ich heute mit besonderer Befriedigung schreibe, weil sie die polemische Pointe enthält, gegen die der Otto Sapiens keine Verteidigung hat. Sie ist gleichzeitig eine Probe, ein kleiner Selbsttest für jeden Leser, der bis hierher gekommen ist, und sie funktioniert folgendermaßen.
Wer diesen Text bis zu dieser Sektion gelesen hat, ohne dazwischen das Smartphone zu checken, ohne im Browser einen anderen Tab zu öffnen, ohne sich vorzunehmen, später bei ChatGPT zu prüfen, ob alles, was hier behauptet wird, stimmt, der hat die Probe bestanden. Er ist nicht der Otto Sapiens, von dem hier die Rede ist. Er ist ein Mensch, der noch in der Lage ist, einen längeren Text aufzunehmen, ohne unterwegs mehrfach auszusteigen, und das ist heute eine Fähigkeit, die so selten geworden ist wie das ruhige Lesen eines Buches an einem stillen Abend zu Hause.
Wer die Probe nicht bestanden hat, also wer mehrfach unterbrochen hat, wer parallel Reize konsumiert hat, wer sich zwischendurch Notizen gemacht hat, um die Behauptungen bei ChatGPT zu überprüfen, gehört zur Zielgruppe dieses Beitrags. Er ist nicht verpflichtet, beleidigt zu sein, denn er ist es ohnehin nicht, weil ihm die Metakognition fehlt, die nötig wäre, um sich von einer Diagnose, die er nicht versteht, beleidigt zu fühlen. Er wird diesen Beitrag wahrscheinlich nicht zu Ende lesen, weil er länger ist als seine Aufmerksamkeitsspanne, und sollte er ihn doch zu Ende lesen, wird er ihn entweder gar nicht verstehen oder als persönliche Attacke missverstehen, weil ihm das Werkzeug fehlt, mit dem er die Diagnose von der Polemik in diesem Text unterscheiden könnte.
Es ist eine kleine, in sich geschlossene Pointe, und sie ist sehr alt in ihrer Herkunft, sie geht auf ein Gedankenexperiment zurück, das schon Sokrates kannte. Wer die Krankheit hat, kann sie nicht erkennen, weil das Erkennen Teil dessen ist, was die Krankheit zerstört. Die Diagnose ist deshalb immer auch eine Art Falle, in der sich der Patient bei der Reaktion fängt. Wer reagiert mit den Worten, das gilt nicht für mich, ich nutze ChatGPT verantwortungsvoll, ich scrolle nicht den ganzen Tag durch Instagram, der hat die Pointe gar nicht verstanden, denn er müsste sich die Frage nach der Verantwortung nicht stellen, wenn er Metakognition hätte, die ihm zeigen würde, ob er sie tatsächlich verantwortungsvoll nutzt oder ob er es nur glaubt. Wer Metakognition hat, weiß, dass er sie hat. Wer keine hat, weiß es nicht, weil ihm das Werkzeug fehlt, mit dem er das eigene Defizit erkennen würde.
So endet die polemische Vorwarnung an den Leser an dieser Stelle. Das letzte Wort gehört der leise tickenden Wanduhr in meinem Arbeitszimmer.
Die erste Reihe, mit Bandit, Popcorn und einer Wanduhr
Ich sitze, während ich diesen Beitrag beende, wieder in meinem Arbeitszimmer, die alte Wanduhr tickt an der Wand hinter mir, Bandit liegt zu meinen Füßen und schläft tief, sein Atem hebt seine Flanke in einem ruhigen, vorhersagbaren Rhythmus, der nicht im Gleichschritt mit dem Tick der Uhr läuft, sondern eine eigene komplementäre Zeitstruktur produziert, in der die Welt für einen Moment stillsteht. Auf dem Beistelltisch steht eine kleine Schüssel Popcorn, die mir Loui vor einer halben Stunde gemacht hat, weil sie wusste, dass ich gerade schreibe und dass die Popcorn ein kleines Ritual ist, das die Schreibsitzungen angenehmer macht. Es ist 22:14 Uhr an einem Mittwochabend im Mai 2026, und die Welt da draußen ist genau jene Welt, die ich in diesem Beitrag beschrieben habe, mit allen Otto-Sapiens-Symptomen, mit den Pizzeria-Szenen, mit den Bild-Schlagzeilen, mit den Reels, mit ChatGPT, mit den Experten, die keine sind, mit dem nächsten Virus, dem nächsten Krieg, dem nächsten Skandal. Ich kenne diese Welt von innen und außen gleichermaßen. Ich beobachte sie täglich aus meiner eigenen Position. Ich habe gelernt, sie aus der ersten Reihe anzuschauen, ohne in sie hineingezogen zu werden.
Bandit dreht sich im Schlaf, seufzt leise, legt seinen Kopf wieder auf den Boden. Er ist ein Malinois, ein belgischer Schäferhund, eine Rasse, die für ihre Wachsamkeit bekannt ist, und er hat seine Wachsamkeit nicht etwa bei uns gelernt, sondern in einem früheren Leben, das vor 2 Jahren endete, als die Schutzhundeeinheit der Bundeswehr, in der er diente, aus Kostengründen aufgelöst wurde. Wir haben ihn damals übernommen, einen Hund mit professioneller Ausbildung, mit allem, was dazugehört, und er ist seitdem mein bester Freund, was eine Beziehung beschreibt, die für jeden, der einen Malinois kennt, keine weitere Erklärung braucht. Er hat sich in den 2 Jahren, die er bei uns lebt, an einen Schlafmodus gewöhnt, der nur durch echte Bedrohungen unterbrochen wird, nicht durch jede beliebige Vibration. Er hat etwas, was der Otto Sapiens verloren hat, nämlich die Fähigkeit, zwischen relevanten und irrelevanten Reizen zu unterscheiden und sich nur von den relevanten unterbrechen zu lassen. Ich beneide ihn manchmal um diese Fähigkeit, und ich beschließe gleichzeitig, von ihm zu lernen, was eine merkwürdige Konstellation ist, weil ein Mensch eigentlich nicht von einem Hund lernen müsste, wie man in seiner eigenen Zeit lebt. Aber wir sind so weit gekommen, dass diese Konstellation nicht mehr merkwürdig, sondern lehrreich ist.
Ich frage mich, während die Wanduhr weitertickt, wohin dieser Irrsinn führt, und ich gestehe ehrlich, dass ich keine Antwort darauf habe. Ich sehe nicht, wie sich der Otto Sapiens aus eigener Kraft aus seiner Lage befreien kann, denn die Bedingungen, unter denen eine Befreiung möglich wäre, werden von ihm selbst gerade mit eigener Hand systematisch zerstört. Ich sehe auch nicht, dass eine politische Bewegung diese Befreiung erzwingen könnte, denn politische Bewegungen brauchen Mehrheiten, und der Otto Sapiens ist inzwischen die Mehrheit. Ich sehe einzelne Menschen aufwachen, die ihr Smartphone weglegen, die ChatGPT bewusst statt blind nutzen, die das Hier und Jetzt wieder lernen. Ich sehe sie, weil sie mir in den Kommentaren meiner Blogbeiträge antworten, weil sie mir E-Mails schreiben, weil sie mir Bücher empfehlen, die ich noch nicht kenne. Sie existieren in kleinen, aber hartnäckigen Zahlen. Aber sie sind selten, und sie werden mit jedem Jahr seltener.
Das angekündigte Buch Das Hamsterrad, an dem ich seit einigen Monaten arbeite und das in den kommenden Monaten erscheinen wird, wird sich genau dieser Frage in einer Tiefe widmen, die ein Blogbeitrag nicht leisten kann. Es wird die Architektur des Hamsterrads sezieren, in dem der Otto Sapiens lebt, und es wird zeigen, dass dieses Hamsterrad kein zufälliges Nebenprodukt der Konsumgesellschaft ist, sondern ihr Geschäftsmodell. Der Otto Sapiens ist kein bedauerlicher Unfall, er ist ein gewünschtes Ergebnis. Eine Gesellschaft, die ihre Bürger zum Denken erziehen würde, hätte ein Problem damit, Bild-Plus-Abonnements, Instagram-Werbung, ChatGPT-Subscriptions, Amazon-Bestellungen in der Masse zu verkaufen. Eine Gesellschaft, die ihre Bürger zur Metakognition befähigen würde, hätte ein Problem mit jeder Form von politischer Manipulation, mit jeder Form von medialer Steuerung, mit jeder Form von ökonomischer Aufmerksamkeitsausbeutung. Die Gesellschaft tut daher das genaue Gegenteil. Sie züchtet den Otto Sapiens, weil der Otto Sapiens das ökonomisch und politisch funktionalste Subjekt ist, das eine Konsumgesellschaft in großer Zahl hervorbringen kann.
Wer das verstanden hat, der weiß, warum das Hamsterrad nicht durch politische Reform gestoppt werden wird, denn die politische Klasse ist selbst Teil des Geschäftsmodells. Er weiß auch, warum das Hamsterrad nicht durch technische Reform gestoppt werden wird, denn die Technologie wird genau in jene Richtung weiterentwickelt, die das Hamsterrad effizienter macht. Und er weiß, dass die einzige Möglichkeit der Befreiung im individuellen Ausstieg liegt, in der bewussten Entscheidung, das Smartphone nicht in die Tasche zu stecken, die Bild-Zeitung nicht zu klicken, ChatGPT nicht als Wahrheitsorakel zu nutzen, die mediale Agenda nicht zur eigenen persönlichen Agenda zu machen. Der Ausstieg aus diesem Hamsterrad ist wirklich möglich. Er ist nicht einfach in irgendeinem Maß der Schwierigkeit. Er erfordert Disziplin, und Disziplin erfordert Metakognition, und Metakognition muss trainiert werden, und Training erfordert Anstrengung, und Anstrengung produziert Angst, und der Kreis schließt sich. Wer den Ausstieg schafft, hat etwas Seltenes in unserer Zeit erreicht. Wer ihn nicht schafft, bleibt im Hamsterrad. Das ist die nüchterne Diagnose, mit der ich diesen Beitrag schließe.
Ich nehme noch ein Popcorn aus der Schüssel, höre der Wanduhr zu, die jetzt 22:27 Uhr anzeigt, sehe Bandit zu, der zu meinen Füßen friedlich weiterschläft, und denke an die Mozzarella in der Pizzeria, die am Samstag wieder auf meinem Teller liegen wird. Ich werde sie genießen, weil ich sie schmecken werde, und schmecken kann man nur im Hier und Jetzt des eigenen Lebens. Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift, that is why it is called the present. Das ist die einzige Weisheit, die der Otto Sapiens bräuchte, um sich aus seiner Lage zu retten. Und es ist die einzige, die er unter keinen Umständen hören wird.
Das Pendel geht weiter mit seinem ebenmäßigen, bedächtigen Schlag, links das Tick und rechts das Tack, mit einer hörbaren Stille zwischen beiden Schlägen, die so hörbar ist wie die Schläge selbst.
Genug für heute, die Uhr geht ihren eigenen Takt auch ohne mich.
Quellen
- Barcaui, A. (2025). ChatGPT as a cognitive crutch: Evidence from a randomized controlled trial on knowledge retention. Computers in Human Behavior: Artificial Humans, 5.
- Butler, H. A., Pentoney, C., & Bong, M. P. (2017). Predicting real-world outcomes: Critical thinking ability is a better predictor of life decisions than intelligence. Thinking Skills and Creativity, 25, 38-46.
- Castelo, N., Kushlev, K., Ward, A. F., Esterman, M., & Reiner, P. B. (2025). Blocking mobile internet on smartphones improves sustained attention, mental health, and subjective well-being. PNAS Nexus, 4(2), pgaf017.
- Christakis, N. A. (2020). Apollo’s Arrow: The Profound and Enduring Impact of Coronavirus on the Way We Live. Little, Brown Spark.
- Cytowic, R. E. (2024). Your Stone Age Brain in the Screen Age: Coping with Digital Distraction and Sensory Overload. MIT Press.
- Dunbar, R. I. M. (1992). Neocortex size as a constraint on group size in primates. Journal of Human Evolution, 22(6), 469-493.
- Gerlich, M. (2025). AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking. Societies, 15(1), 6.
- Green, R. E., Krause, J., Briggs, A. W., et al. (2010). A draft sequence of the Neandertal genome. Science, 328(5979), 710-722.
- Gregory, M. D., Kippenhan, J. S., Eisenberg, D. P., Kohn, P. D., Dickinson, D., Mattay, V. S., Chen, Q., Weinberger, D. R., Saad, Z. S., & Berman, K. F. (2017). Neanderthal-Derived Genetic Variation Shapes Modern Human Cranium and Brain. Scientific Reports, 7, 6308.
- Kosmyna, N., Hauptmann, E., Yuan, Y. T., Situ, J., Liao, X.-H., Beresnitzky, A. V., Braunstein, I., & Maes, P. (2025). Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task. arXiv:2506.08872.
- Loewenstein, G. (1994). The psychology of curiosity: A review and reinterpretation. Psychological Bulletin, 116(1), 75-98.
- Maguire, E. A., Gadian, D. G., Johnsrude, I. S., Good, C. D., Ashburner, J., Frackowiak, R. S., & Frith, C. D. (2000). Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 97(8), 4398-4403.
- McCombs, M. E., & Shaw, D. L. (1972). The agenda-setting function of mass media. Public Opinion Quarterly, 36(2), 176-187.
- MedlinePlus Genetics, National Library of Medicine. (2024). What does it mean to have Neanderthal or Denisovan DNA. Bethesda, Maryland.
- Neubauer, S., Hublin, J. J., & Gunz, P. (2018). The evolution of modern human brain shape. Science Advances, 4(1), eaao5961.
- Norman, E., Pfuhl, G., Sæle, R. G., Svartdal, F., Låg, T., & Dahl, T. I. (2019). Metacognition in psychology. Review of General Psychology, 23(4), 403-424.
- Short-form video meta-analysis. (2025). Feeds, Feelings, and Focus: A Systematic Review and Meta-Analysis Examining the Cognitive and Mental Health Correlates of Short-Form Video Use. Psychological Bulletin.
- Simonti, C. N., Vernot, B., Bastarache, L., Bottinger, E., Carrell, D. S., Chisholm, R. L., Crosslin, D. R., Hebbring, S. J., Jarvik, G. P., Kullo, I. J., Li, R., Pathak, J., Ritchie, M. D., Roden, D. M., Verma, S. S., Tromp, G., Prato, J. D., Bush, W. S., Akey, J. M., Denny, J. C., & Capra, J. A. (2016). The phenotypic legacy of admixture between modern humans and Neandertals. Science, 351(6274), 737-741.
- Ward, A. F., Duke, K., Gneezy, A., & Bos, M. W. (2017). Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140-154.
- Washington Times. (2025, 30. Juni). What happened to the media’s coverage of the Ukraine war.