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Warum unter meinen Texten Stille herrscht

May 13, 2026 | 34 min | Society
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Eine Liebeserklärung an die abgeschaltete Kommentarfunktion, an meine Pizzeria mit dem Glas Wasser, an die Apothekerin, die meiner Frau Zuckerkugeln im Wert einer Monatsrechnung verkaufen wollte, und an jenes seltsame Wesen, das ich seit Jahren in stiller anthropologischer Faszination beobachte, den Otto Sapiens.

Bevor ich auch nur einen Satz weiterschreibe, muss ich einen Begriff einführen, der in diesem Beitrag mehrfach vorkommen wird und ohne den die folgenden Seiten nicht ganz zu verstehen sind. Der Otto Sapiens ist meine eigene Bezeichnung für jene Variante des Homo Sapiens, die in den vergangenen 20 Jahren in nahezu jeder Region der westlichen Welt zur statistischen Mehrheit geworden ist, die sich dadurch auszeichnet, dass sie über jede beliebige Frage, die das menschliche Wissen jemals hervorgebracht hat, eine feste, unerschütterliche und in der Regel falsche Meinung besitzt, und die diese Meinung in den allermeisten Fällen daraus bezieht, dass sie irgendwann beim Bügeln nebenbei ein Hörbuch zum Thema laufen ließ, weil sie zum Lesen entweder zu faul, zu müde oder zu sehr mit der Verarbeitung ihres dritten Feierabendbiers beschäftigt war. Der Otto Sapiens taucht in diesem Text mehrfach auf, er ist die Hauptfigur fast jedes Kommentars, den ich im Folgenden zitieren werde, und er ist, das gebe ich offen zu, der eigentliche Grund, warum unter meinen Beiträgen seit über 10 Jahren Stille herrscht.

Eine Pizzeria, ein Glas Wasser, und der Beobachter

Es gibt eine kleine italienische Pizzeria in meinem Heimatort, in die ich seit Jahren gehe, mehrmals die Woche, immer denselben Platz, immer dieselbe Pizza, immer dasselbe Glas Wasser, und ich erwähne das mit einer leisen Ironie, weil ich weiß, wie monoton das auf den ersten Blick wirkt. Der Wirt kennt meine Bestellung mittlerweile so gut, dass er den Block in der Schürze stecken lässt, mir zunickt, in die Küche verschwindet und mit Pizza und Wasserglas zurückkommt, ohne dass ein einziges Wort gewechselt werden müsste. Ich trinke seit Jahren keinen Tropfen Alkohol, nicht aus moralischer Erhebung, nicht weil ich an eine Krankheit denke, sondern aus einer ganz nüchternen Beobachtung, die ich dem Leser hier vorsorglich anbiete. Alkohol macht etwas aus dem Menschen, das ich nicht mehr mitspielen möchte, und auch wenn ich diesen Gedanken in einem späteren Beitrag ausführlich entwickeln werde, weil er mit einem Buch zusammenhängt, an dem ich gerade schreibe, möchte ich an dieser Stelle nur eine kleine, beunruhigende Frage in den Raum stellen. Warum erlaubt ein Staat, der nachweislich weiß, dass Alkohol das Urteilsvermögen seiner Bürger systematisch herabsetzt, dieses Mittel weiterhin in jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle und in jedem Kiosk frei verfügbar? Die Antwort darauf ist mein nächster Beitrag und ein Buch, dessen Arbeitstitel Das Hamsterrad lautet und das kurz vor der Veröffentlichung steht. Heute reicht der Hinweis, dass der gesellschaftliche Konsum von Alkohol verdächtig genau in jene Abendstunden fällt, in denen der Otto Sapiens, eingeklemmt zwischen Feierabend und Bettzeit, eigentlich Gelegenheit hätte, ein Buch in die Hand zu nehmen, und dass diese Gelegenheit auf wundersame Weise nicht ergriffen wird.

In dieser Pizzeria also, mit dem Glas Wasser und der immergleichen Pizza, sitze ich oft am Fenstertisch und beobachte. Ich beobachte den Tisch zur Linken, an dem ein Paar mittleren Alters über die politische Lage in einem Land diskutiert, das es vermutlich nicht auf einer Karte zeigen könnte. Ich beobachte den Tisch zur Rechten, an dem ein Familienvater seiner sechsjährigen Tochter erklärt, warum Impfungen Autismus auslösen. Ich beobachte die Theke, an der ein junger Mann der Kellnerin in 10 Minuten alles erklärt, was es über Bitcoin zu wissen gibt, obwohl er offenkundig nicht in der Lage wäre, den Unterschied zwischen einer Hashfunktion und einem Pfannkuchen zu erläutern. Und mehr als einmal, das gebe ich gerne zu, ist mir an einem solchen Abend ein Stück Pizza aus dem Mund gefallen, weil ich vor Lachen die Kontrolle über meine Kaumuskulatur verloren habe, während mein Inneres in Wahrheit nicht lachte, sondern in einer Mischung aus Bestürzung und stiller Verzweiflung über die Dummheit und Arroganz des Otto Sapiens innehielt. Das ist die Doppelnatur dieses Beitrags, lustig an der Oberfläche, schockiert im Innersten, und ich bitte den Leser, sich beim Lesen daran zu erinnern.

Der Anfang, in dem ich noch ein Wellensittich war

Es war einmal eine Zeit, in der ich diesen Blog mit aktivierter Kommentarfunktion betrieb, weil ich in jener naiven Anfangsphase, in der jeder neue Blogger sich befindet, die romantische Vorstellung pflegte, dass das geschriebene Wort eine Konversation eröffnen würde, dass intelligente Leser ihre intelligenten Gedanken hinzufügen würden, dass eine Art Symposium entstehen würde, in dem mein bescheidener Beitrag durch die kollektive Weisheit der Leserschaft veredelt werden könnte, und dass das Internet, in seiner damals noch nicht ganz verlorenen Verheißung, der natürliche Lebensraum dieser symposialen Veredelung sein würde. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Platon gelesen, ich hatte die athenische Idee des freien Diskurses verinnerlicht, und ich war, im Rückblick betrachtet, ein gut gebildeter Mann mit dem politischen Realitätssinn eines Wellensittichs, der zum ersten Mal die Schiebetür seines Käfigs offen vorfindet und davon ausgeht, dass die draußen anwesende Hauskatze sich bestimmt freuen wird, ihn endlich einmal kennenzulernen.

Was mir innerhalb der ersten 6 Monate auf den Bildschirm tropfte, war nicht das athenische Symposium. Es war etwas, das man sich am besten als jenes Phänomen vorstellt, das entsteht, wenn man eine Tür zu einem Raum öffnet, in dem jeder, der je geglaubt hat, etwas zu sagen zu haben, gerade darauf gewartet hat, endlich einmal von jemandem unterbrochen zu werden, der weniger Ahnung hat als er selbst. Mein erster Beitrag zur Wirkungslosigkeit homöopathischer Hochpotenzen, den ich mit der Hilflosigkeit eines Mannes geschrieben hatte, der seine Ehefrau gerade dabei beobachtet hatte, wie sie in einer Apotheke in Starnberg den Gegenwert eines anständigen Wochenendabendessens für ein Fläschchen Zuckerkugeln ausgegeben hatte, erhielt innerhalb von 48 Stunden 62 Kommentare. Einer davon war, mit einigem guten Willen und nach drei tiefen Atemzügen, als konstruktiv zu klassifizieren. Die übrigen 61 will ich Ihnen so weit wie möglich rekonstruieren, denn an manche dieser Sätze erinnert man sich, wie man sich an einen Verkehrsunfall erinnert, den man als Beifahrer aus nächster Nähe miterlebt hat.

Die Hochburg der Zuckerkugel

Die Hochpotenz, jenes pharmakologische Mirakel, an das deutsche Apotheken pro Jahr einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag verdienen, beruht auf einem Verdünnungsprinzip, das nach Erreichen der sogenannten Loschmidtschen Zahl bei einer Potenz von D23 oder C12 dazu führt, dass im fertigen Globulus statistisch nicht ein einziges Molekül der Ursubstanz mehr vorhanden ist (Gesünder im Alltag, 2026, Homöopathie zwischen Placebo und wissenschaftlicher Evidenz; Pharmazeutische Zeitung, 2022, Homöopathie wird wohl erheblich überschätzt). Chemisch gesehen besteht ein Globulus in Hochpotenz zu 100 Prozent aus Zucker, und wer ihn schluckt, schluckt das, was er von einem auf den Boden gefallenen Bonbon abkratzen würde, wenn er sehr verzweifelt wäre. Die Cochrane-Datenbank, die im Bereich der klinischen Evidenz das nächstgelegene Äquivalent zum Vatikan darstellt, hat in einer Reihe systematischer Übersichtsarbeiten konsistent festgestellt, dass die Wirkung homöopathischer Präparate über jene eines Placebos nicht hinausgeht, und das Lancet hat bereits 1997 in einer wegweisenden Metaanalyse zu derselben Schlussfolgerung gefunden (Linde et al., 1997, Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects, The Lancet, 350(9081), 834–843). Die Wissenschaft ist hier so eindeutig, wie sie in einer offenen Disziplin überhaupt sein kann, und doch verdient eine deutsche Apotheke an diesem Geschäft so verlässlich, als hätte sie das Patent auf den Sonnenaufgang.

Mein damaliger Beitrag legte das in nüchternen Sätzen dar, mit Quellenangaben, mit Verweis auf die australische NHMRC-Studie und auf die Stellungnahme des Europäischen Wissenschaftsrates, und der 1. Kommentar darunter informierte mich, ich sei ein gekaufter Schreiberling der Pharmamafia. Der 2. Kommentar versicherte mir, ich verstünde die feinstoffliche Schwingung nicht, was vermutlich stimmte, weil mir auch nie jemand erklären konnte, was eine feinstoffliche Schwingung von einer grobstofflichen Einbildung unterscheidet. Der 3. Kommentar erläuterte mir, dass Wasser ein Gedächtnis habe, was ich daran erkennen könne, dass es bei minus 18 Grad in jenem Hexagonalmuster gefriere, das dem Hexagonalmuster der Bienenwabe gleiche, woraus folge, dass das Universum eine Bewusstseinsstruktur besitze, die der homöopathischen Verdünnung antworte, eine logische Kette, deren Verfasser sich vermutlich für den Linné des 21. Jahrhunderts hielt. Der 4. Kommentar bestand aus einem einzigen Wort und einem Ausrufezeichen, das Wort kann ich hier nicht reproduzieren, aber es bezog sich auf eine Tätigkeit, die einem reinigenden Effekt der Mundhöhle nach einem geöffneten Kotreibmittelbehältnis nahekommt. Der 5. Kommentar war von einer Heilpraktikerin aus Rosenheim, die mir mitteilte, sie habe ihren Sohn von einer beidseitigen Mittelohrentzündung mit Belladonna C200 geheilt, und ich solle mir schämen, anderen Müttern das wegnehmen zu wollen, was ihren Kindern helfe, ein Argument, das in der Konsequenz darauf hinausläuft, dass ich auch dem Tankstellenbetreiber den Pumpenschlauch wegnehme, wenn ich darauf hinweise, dass das Benzin teurer geworden sei. Der 6. Kommentar bedankte sich beim 5. Kommentar für die wertvolle Erfahrung. Die folgenden 55 Kommentare orientierten sich an dieser Tonlage, mit Schwankungen zwischen feinstofflicher Belehrung und schlichter Beleidigung, und der eine konstruktive Kommentar wurde von der Kommentargemeinschaft so heftig angefeindet, dass der Verfasser am Ende meinen Blog mit den Worten verließ, er habe sich das so nicht vorgestellt, und ich solle ihn aus dem Verteiler nehmen.

Der Veganer, mit dem ich nie auf einer einsamen Insel stranden möchte

Ungefähr 3 Wochen nach diesem ersten Vorfall hatte ich einen Beitrag über Mangelerscheinungen in Extremdiäten geschrieben, in dem ich darauf hingewiesen hatte, dass die langfristige Versorgung mit Vitamin B12, mit Eisen in seiner bioverfügbaren Häm-Form, mit Zink und mit den langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA bei einer streng veganen Ernährung eine derart anspruchsvolle logistische Aufgabe darstellt, dass sie in der Praxis von der überwältigenden Mehrheit der Veganer schlicht nicht bewältigt wird, mit den entsprechenden hämatologischen, neurologischen und kognitiven Konsequenzen, die in einem normalen Differentialblutbild jederzeit nachweisbar wären, wenn die Betroffenen denn jemals eines machen ließen, was sie selbstverständlich nicht tun, weil sie sich für gesünder halten als ein finnischer Holzfäller im Sommerurlaub.

Es meldete sich daraufhin jener Kommentator, an den ich mich seither mit einer Mischung aus medizinischer Betroffenheit und morbidem Vergnügen erinnere, weil er seinen vollständigen Klarnamen unter den Kommentar setzte, eine sehr deutsche Adresse aus dem süddeutschen Raum angab und ein Profilbild verwendete, das in einer Auflösung hochgeladen worden war, die mir, dem Forensiker mit einem mittlerweile etwas verstaubten Auge für die digitale Identifikation, einen Blick auf das Gesicht ermöglichte, der mehr verriet, als der Verfasser des Kommentars wohl beabsichtigt hatte. Ich googelte ihn anschließend aus rein anthropologischer Neugier, fand 4 weitere Fotografien aus den vergangenen 3 Jahren und stellte beim ruhigen Sortieren der Bilder eine progrediente Veränderung fest, die jedem Studenten der Inneren Medizin in der Praktischen Diagnostik im 2. Semester ins Auge gesprungen wäre, selbst wenn der Student am Vorabend zur Erholung von der Anatomie-Klausur eine ganze Flasche Grappa geleert hätte.

Sein Gesichtsteint hatte sich im Lauf der dokumentierten Jahre von jenem Farbton, den der Pantone-Index unter der Rubrik lebender Erwachsener mit funktionierender Erythropoese führt, zu einem Farbton entwickelt, der im selben Index unter der Rubrik Kerzenwachs in einem nicht ausreichend belüfteten Treppenhaus abgelegt ist. Die Lider hingen mit einer Schlaffheit herab, die in der medizinischen Literatur als sicheres Indiz für eine chronische Anämie geführt wird, die Schleimhäute am unteren Augenlid waren auf den Aufnahmen so blass, dass selbst die Komprimierungsalgorithmen der jeweiligen Plattform sie nicht weiter aufhellen konnten, und der Mundwinkel war von jenen lateralen Rhagaden gezeichnet, die der Hausarzt im Erstgespräch als Cheilitis angularis aufschreibt und die jeder Internist sofort als Eisenmangelfolge erkennt. Der Mann sah, in seinem letzten Selfie, ehrlich gesagt aus, als sei er auf dem Rückweg von der eigenen Beerdigung kurz an einem Spiegel hängengeblieben, um sich zu vergewissern, dass die Veranstaltung tatsächlich stattgefunden hatte.

Sein Kommentar unter meinem Beitrag, in einer Länge von 2.700 Wörtern, erläuterte mir, dass meine medizinischen Ausführungen von der fleischindustriellen Lobby gekauft seien, dass die humane Spezies ihrer evolutionären Bestimmung nach ein reiner Frugivore sei, dass er selbst sich seit 11 Jahren ausschließlich vegan ernähre und sich energetischer als je zuvor fühle, und dass jede meiner Behauptungen an seinem eigenen Lebensbeispiel widerlegt sei. Ich saß mit dem Kaffee in der einen Hand und der Maus in der anderen vor meinem Bildschirm, sah von seinem Kommentar zu den 4 Selfies und wieder zurück zu seinem Kommentar, und durchlebte einen der wenigen Momente in meinem erwachsenen Leben, in denen ich ernsthaft erwog, einen wildfremden Menschen zu seinem eigenen Hausarzt zu schicken, mit einem versiegelten Umschlag, in dem die Worte Differentialblutbild und Ferritin, bitte sofort, und eventuell auch einen Schluck Tomatensaft als Anschubfinanzierung gestanden hätten.

Eine Geste, die ich mir am Ende verkniff, weil mir bewusst wurde, dass dieser Mann mein Anschreiben mit derselben Selbstgewissheit zerlegt hätte, mit der er meinen Beitrag zerlegt hatte, und dass die Verbindung zwischen der unwiderlegbaren biologischen Realität seines Spiegels und der unerschütterlichen Überzeugung seines Bewusstseins offenbar an irgendeiner Stelle zwischen Optikusnerv und Frontallappen unterbrochen worden war, vermutlich im Zuge eines 11-jährigen Vitamin-B12-Mangels, der in fortgeschrittenen Stadien bekanntlich genau diese neuronale Konnektivität als Erstes in Mitleidenschaft zieht. Wenn man mich heute fragt, mit welchem Menschen ich auf keinen Fall auf einer einsamen Insel stranden möchte, dann denke ich an diesen Kommentator, weil ich mir lebhaft ausmalen kann, wie er auf besagter Insel nach 3 Tagen eine wilde Kokospalme erspäht und dann, vor der Frage stehend, ob er den auf dem Strand zappelnden Fisch annimmt oder lieber an der Kokospalme verhungert, mit jener Klarheit, mit der er einst meinen Beitrag widerlegt hat, eine Entscheidung treffen würde, die seine evolutionäre Bestimmung als Frugivore endgültig empirisch bestätigt, allerdings nur posthum, und das letzte Selfie, das er von der Insel hätte machen können, hätte vermutlich gar nicht mehr funktioniert, weil ihm zwischen Auslösen und Abspeichern bereits die motorische Kontrolle abhandengekommen wäre.

Der Aluhut, die Krone der Schöpfung

Die dritte Kohorte, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, weil sie das Bild abrundet, ist jene Gruppe von Lesern, denen ich pauschal den Ehrennamen Aluhutträger verleihe, ohne damit eine einzelne Person zu meinen, sondern jenen Geistestypus, der eine Welt bewohnt, in der das Bundesinstitut für Risikobewertung von Bill Gates persönlich kontrolliert wird, in der Impfungen ein Mikrochip-Distributionsprogramm darstellen, in der Chemtrails über Bayern in einer von Frau Merkel persönlich beauftragten Operation niedergehen, und in der die Mondlandung in einem Studio in Hollywood gedreht wurde, das vermutlich direkt neben jenem Studio liegt, in dem auch die Erdkrümmung als Fälschung der NASA inszeniert wird. Diese Leser sind, ich gebe es zu, eine Art Hobby für mich geworden, eine anthropologische Kuriositätensammlung, deren Vielfalt ich aus sicherer Entfernung zu schätzen weiß, doch in den Kommentarspalten meines damaligen Blogs erschienen sie nicht als Kuriositäten, sondern als Mehrheit, und das ist der Punkt, an dem aus dem Schmunzeln das stille Entsetzen wird.

Ich hatte einen Beitrag über die mRNA-Plattform geschrieben, ich hatte dabei sorgsam zwischen der pharmakologischen Funktion eines Impfstoffs und der politischen Debatte um Impfpflichten unterschieden, ich hatte die Lipid-Nanopartikel erläutert, die Translation der mRNA in das Spike-Protein, die anschließende Antikörperbildung, das alles in einer Sprache, die ein interessierter Schüler der 10. Klasse hätte verstehen können, sofern dieser Schüler nicht bereits durch 6 Jahre TikTok-Konsum kognitiv so präpariert worden war, dass sein Aufmerksamkeitsfenster die Größe eines durchschnittlichen Toastbrotrandes nicht mehr überschritt. Der 1. Kommentator informierte mich, mRNA verändere die DNA, weil der Begriff RNA im DNA enthalten sei, eine Argumentationsfigur, die mich zu der Frage zurückließ, ob der Schreiber im selben Atemzug auch davon ausgehe, dass das Wort Schuld im Begriff Geschwulst enthalten und der Tumor folglich eine moralische Kategorie sei, oder dass die Eule im Begriff Frösche steckt und die Amphibien nachts ihre Flügel ausfahren. Der 2. Kommentator stimmte ihm zu und ergänzte, das Spike-Protein wandere durch den Körper bis zu den Eierstöcken und führe dort zur Unfruchtbarkeit, weshalb Bill Gates die Weltbevölkerung mithilfe der WHO und der deutschen Bundesregierung dezimieren wolle, was die Frage aufwirft, warum dieser Bill Gates, wenn er die Welt schon dezimieren wollte, nicht einfach in seinen Microsoft-Updates eine Funktion eingebaut hat, die nach jeder dritten Neustart-Aufforderung den Benutzer in den nächsten Sumpf verlinkt. Der 3. Kommentator korrigierte den 2. Kommentator, weil der 2. Kommentator vergessen hatte, dass der Mikrochip mit eingebaut sei, was sich daran zeige, dass Geimpfte am Flughafen den Metalldetektor auslösten, eine Beobachtung, die der Kommentator vermutlich aus seinem eigenen Reiseverhalten ableitete, dem ich aus Höflichkeit nicht weiter nachgehen wollte. Der 4. Kommentator wies darauf hin, dass das eigentliche Ziel nicht Sterilisation, sondern Verwandlung in eine 5. Kolonne reptiloider Wesen sei, woraufhin die Diskussion sich endgültig in jene Sphäre verlagerte, in der die Argumente nur noch in homöopathischer Verdünnung mit der Realität in Kontakt stehen.

Ich saß vor meinem Bildschirm, mein Frühstück, eine schlichte Leberkässemmel von einem Münchner Metzger, lag halb auf dem Schreibtisch, halb auf meinem Schoß, und ich erinnere mich an den Moment der biomechanischen Vergeblichkeit, mit der die Semmel mir aus der Hand entglitt, weil mein motorischer Apparat schlicht nicht in der Lage war, gleichzeitig einen solchen Kommentar zu lesen und einen Bissen festzuhalten. Das ist seither ein wiederkehrendes Ereignis in meinem Leben geblieben. Ich sitze beim Abendbrot, ich schalte den Fernseher ein, irgendein Format hat einen Studiogast geladen, der mit der Selbstverständlichkeit einer Wettervorhersage erklärt, warum die Sonne in Wahrheit nicht ein Stern, sondern eine elektromagnetische Projektion sei, und mein Stück Käse beendet seinen Lebensweg auf dem Wohnzimmerteppich. Oder ich schlage eine deutsche Tageszeitung auf, deren Print-Auflage seit 15 Jahren in den freien Fall übergegangen ist und die diesen freien Fall dadurch zu bremsen versucht, dass sie jeder zweiten Seite einen Erfahrungsbericht einer Heilpraktikerin beifügt, die bei sich zu Hause mit Edelsteinen unter dem Kopfkissen Bandscheibenvorfälle therapiert, und meine Marmelade landet ihrem Ziel entgegen, dem Frühstücksbrot, statt auf der Tagespresse, weil meine Hand vor Ungläubigkeit vergessen hat, was sie eigentlich tun sollte. Oder ich öffne die App jenes sozialen Netzwerks, dessen Name aus einem Buchstaben besteht und dessen Eigentümer sich offenkundig daran erfreut, dass aus seiner Plattform eine Arena geworden ist, in der die Schwerkraft umgekehrt wirkt und das Dümmste zuoberst schwimmt wie ein nicht ganz frischer Karpfen in einem Stadtteich. In jedem dieser Augenblicke entgleitet mir das Essen aus der Hand, und nach außen sieht es aus, als ob ich vor Lachen den Bissen verloren hätte, während ich in Wahrheit, wie ich am Anfang dieses Beitrags angedeutet habe, innerlich an der Dummheit und Arroganz des Otto Sapiens schlicht erschüttert bin.

Das Einstein-Zitat, das nicht von Einstein ist

An jenem Vormittag, in einer Mischung aus Resignation und beruflicher Neugier, sah ich in einer biografischen Sammlung nach jenem berühmten Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wird, jenem Satz, der besagt, dass zwei Dinge unendlich seien, das Universum und die menschliche Dummheit, wobei der Sprecher sich beim Universum nicht ganz sicher sei. Was ich dabei lernte, war ein kleines philologisches Detail, das die Sache nur schöner macht. Einstein hat diesen Satz nach gegenwärtigem Forschungsstand nie gesagt. Er stammt aus den Schriften des deutschen Gestalttherapeuten Fritz Perls, der ihn in der Erstauflage von 1942 noch einem nicht näher benannten großen Astronomen zuschrieb und ihn erst in seiner autobiografischen Schrift von 1969 nachträglich Einstein in den Mund legte, weil er, wie er selbst zugab, gerne mit prominenten Bekanntschaften prahlte, denen er flüchtig begegnet war (Perls, 1969, In and out the garbage pail; Quote Investigator, 2010, Two things are infinite, the universe and human stupidity). Die Tatsache, dass der berühmteste Satz über die Unendlichkeit menschlicher Dummheit von einem Mann stammt, dessen eigene Eitelkeit ihn dazu trieb, das Zitat einem berühmteren Mann unterzuschieben, ist eine der schönsten Selbstdemonstrationen, die die Geistesgeschichte je geliefert hat. Die menschliche Dummheit hat in diesem einen Vorgang sowohl den Satz produziert als auch ihn unmittelbar empirisch bestätigt, und der Otto Sapiens, der dieses Zitat heute auf Kaffeetassen aus dem schwedischen Möbelhaus liest, sieht in dieser Selbsterklärung niemals sich selbst, sondern immer nur die anderen.

Was die Forschung dazu sagt

Es wäre unredlich, das Thema rein anekdotisch zu behandeln, wenn die psychologische Forschung dazu eine längere Tradition substantieller Befunde aufweist. Der Dunning‑Kruger‑Effekt, der im Jahr 1999 von David Dunning und Justin Kruger im Journal of Personality and Social Psychology beschrieben wurde, dokumentiert systematisch, dass Personen mit geringer Kompetenz in einem Bereich ihre eigene Kompetenz in diesem Bereich besonders stark überschätzen, während kompetente Personen ihre eigene Kompetenz tendenziell unterschätzen (Kruger und Dunning, 1999, Unskilled and unaware of it, Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1121–1134). Auf einen Blog mit Kommentarfunktion übertragen bedeutet das, dass die Menschen, die qualifiziert wären, einen substantiellen Kommentar zu hinterlassen, dies in der Regel nicht tun, weil sie sich nicht für qualifiziert genug halten, während die Menschen, die nicht qualifiziert sind, einen substantiellen Kommentar zu hinterlassen, dies stets tun, weil sie sich für die geborenen Berater des Autors halten. Die Kommentarspalte ist also kein neutraler Sammelort der Leserschaft, sondern ein systematisch verzerrter Filter, der die wertvollen Stimmen herausfiltert und die wertlosen verstärkt, ein soziales Experiment, das man, wäre es im Labor entworfen worden, sofort aus ethischen Gründen abgebrochen hätte.

Eine finnische Replikation des Dunning‑Kruger‑Effekts, durchgeführt vor und nach der Revolution der sozialen Medien, kam zu dem Befund, dass die Verbreitung leicht zugänglicher Information die Kluft zwischen dem, was Menschen wissen, und dem, was sie zu wissen glauben, nicht geschlossen, sondern verbreitert hat, weil die Fülle bestätigender Inhalte den schlecht informierten Nutzer in seiner eigenen Informationsblase einsperrt und ihm dort ein in sich geschlossenes Weltbild liefert, dem keine widerlegende Evidenz mehr begegnet (Kahkonen, 2024, Illusion of knowledge, Journal of Elections, Public Opinion and Parties, 34(2), 312–331). Das Internet, mit anderen Worten, hat den Otto Sapiens nicht überredet, seinen Aluhut abzunehmen, es hat ihm eine Tagesschau geliefert, die ausschließlich aus Mit-Aluhutträgern besteht, und es hat ihm zusätzlich einen YouTube-Algorithmus zur Seite gestellt, der ihm pausenlos versichert, dass er der einzig Wache in einem Land der Schlafenden sei. Der Otto Sapiens nimmt diese Versicherung dankbar entgegen, zapft sich ein weiteres Bier und scrollt weiter, in der ruhigen Gewissheit, dass die Welt ihn noch nicht entdeckt hat, sie ist eben einfach noch nicht reif für seine Erkenntnisse.

Die anatomische Lokalisation des Problems

Wenn ich heute, 10 Jahre nach der Abschaltung der Kommentarfunktion, an einem normalen Werktag morgens am Frühstückstisch sitze und mir den Kaffee einschenke und auf das Telefon schaue, dann lese ich, weil ich von Berufs wegen den Realitätssinn nicht ganz verlieren möchte, eine Auswahl an Schlagzeilen aus deutschen, englischen, amerikanischen, schweizerischen und gelegentlich italienischen Quellen, und ich gestatte mir, gelegentlich, einen Blick auf den unteren Bereich der entsprechenden Artikel, dorthin, wo das, was sich Leserdebatte nennt, wuchert wie ein Schimmelpilz an der feuchten Wand einer schlecht gelüfteten Sozialwohnung. Was ich dort lese, hat eine merkwürdig konstante Qualität, gleich um welches Thema es geht, gleich aus welchem Land das jeweilige Medium stammt, gleich welche politische Ausrichtung das Medium offiziell behauptet zu vertreten. Es ist immer derselbe Bodensatz, immer dieselben Versatzstücke, immer dieselbe Wut über immer dieselben imaginierten Feinde, immer dieselbe Sicherheit derer, die am wenigsten wissen, und immer dieselbe Abwesenheit derer, die am meisten wissen.

Der Otto Sapiens, denn um den geht es hier wieder, ist in seinem Alltag eine erstaunlich gleichförmige Erscheinung. Er geht von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends einer Tätigkeit nach, deren intellektuellen Anspruch er selbst, wenn er ehrlich ist, als überschaubar bezeichnen würde, er kommt abends nach Hause, öffnet seine Bierdose mit jenem zufriedenen Knacken, das die deutsche Akustikforschung als Übergangslaut von der Anspannung in die Erschlaffung beschreibt, drückt mit der noch freien Hand auf der Fernbedienung jenen Knopf, der ihm das Dschungelcamp oder eine vergleichbare Konstruktion vom nördlich gelegenen Konkurrenzkanal in das Wohnzimmer projiziert, und ergibt sich für die folgenden 3 Stunden einer kognitiven Sedierung, die in ihrer Wirkung an die anterograde Amnesie nach einem Benzodiazepin erinnert. Seine politische Information bezieht er aus einer Mischung aus Werbeunterbrechungen und WhatsApp-Weiterleitungen von einem Onkel zweiten Grades, dessen Quellenangaben aus Schlagzeilen bestehen, die niemand außer dem Onkel selbst je auf Stichhaltigkeit geprüft hat. Seinen Sport konsumiert er ausschließlich über Bildschirmübertragung, seine einzige verbleibende Form der Eigenbewegung an Werktagsabenden besteht darin, sich vom Sofa zum Kühlschrank und wieder zurück zu manövrieren, und seine geistige Erholung am Wochenende findet er darin, dass er in einem schwedischen Möbelhaus Schlafzimmerschränke nach dem Kriterium ihrer Stauraumeffizienz vergleicht, eine Tätigkeit, die er selbst, wenn man ihn fragte, als wohltuende Auszeit von der Hektik des Alltags beschreiben würde.

Was er hat, sind Affekte, Reflexe, Wiederholungen dessen, was er irgendwo aufgeschnappt hat, eine instinktive Stammeszugehörigkeit zu einer politischen oder weltanschaulichen Mannschaft, und die unerschütterliche Gewissheit, dass diese Mannschaft die richtige sei, und dass jeder, der ihr nicht angehört, entweder bezahlt, gekauft, bestochen oder geistig verwirrt sein müsse. Das ist keine Frage des Charakters, der Otto Sapiens ist in der Regel ein freundlicher Mensch, der seiner Mutter zum Geburtstag pünktlich anruft und seinen Sperrmüll fristgerecht vor die Tür stellt, es ist eine Frage der intellektuellen Auslastung eines Lebens, das jenseits seines arbeitsrechtlich definierten 8-Stunden-Korridors keinen einzigen Anreiz mehr bietet, sich anzustrengen, weil die Anstrengung in einer Gesellschaft, die ihm vom Kindergarten bis zum Bundestagswahlkampf erzählt hat, dass seine Meinung ebenso wertvoll sei wie jede andere, einer Verschwendung gleichkäme. Hier, an dieser Stelle, möchte ich nur in einem Halbsatz andeuten, was ein folgender Beitrag und ein in Kürze erscheinendes Buch von mir mit dem Arbeitstitel Das Hamsterrad ausführlicher entwickeln wird, nämlich dass dieses gesamte Setup, die 8 Stunden Arbeit, der abendliche Alkohol, das Privatfernsehen und der schwedische Möbelhausbesuch am Wochenende, in seiner Gesamtheit ein erstaunlich präzise konstruiertes System ergibt, dessen Funktion offenbar darin besteht, den Otto Sapiens lebenslang in einem Zustand zu halten, in dem er weder die Energie noch das Vokabular noch die Geduld aufbringt, um zu fragen, wer ihm dieses Hamsterrad eigentlich aufgesetzt hat.

Die Kommentarspalte eines Blogs ist nun der einzige Ort, an dem dieser Otto Sapiens mit jenen Menschen in Kontakt tritt, die berufsbedingt oder neigungsbedingt einen anderen kognitiven Aufwand betreiben, und der Kontakt verläuft, vorhersagbarerweise, nicht in jener Richtung, die die romantische Vorstellung vom freien Internet sich erhofft hatte. Der Otto Sapiens fühlt sich angegriffen, wenn er sich seiner eigenen Unwissenheit gegenüberstellt sieht, und seine Reaktion ist nicht das Eingeständnis, sondern der Gegenangriff, garniert mit jener moralischen Empörung, die der Dunning‑Kruger‑Effekt zuverlässig produziert. Ein Blog mit aktivierter Kommentarfunktion ist also weniger ein Symposium als eine arrangierte Begegnung zwischen Personen mit unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen, bei der die zahlenmäßige Mehrheit jener mit den geringeren Voraussetzungen die Tonlage des Treffens vorgibt, und der Autor, der das Treffen organisiert hat, sieht zu, wie sein eigenes Wohnzimmer von Gästen bevölkert wird, die er auf einer privaten Feier mit dem Hinweis aus der Tür gewiesen hätte, dass die Küche bedauerlicherweise bereits geschlossen sei und das Buffet wegen unerwarteter Heuschreckenplage leider entfallen müsse.

Eine kurze Abschweifung nach China, die der Leser ernster nehmen sollte als gedacht

An dieser Stelle bietet sich eine Abschweifung an, die ich ungern unterlasse, weil sie das Thema mit einer Pointe versieht, die in den letzten Wochen über die Nachrichtenagenturen gerollt ist und die den durchschnittlichen Otto Sapiens in eine kleine, halbherzige Begeisterung versetzt hat. Die Cyberspace Administration of China hat Ende Oktober 2025 eine Verordnung in Kraft gesetzt, die jeden Inhalte-Erzeuger auf chinesischen Plattformen wie Douyin, Weibo und Bilibili dazu verpflichtet, formelle Qualifikationsnachweise vorzuweisen, sobald er sich zu Medizin, Recht, Bildung oder Finanzen äußert (Cyberspace Administration of China, 2025, Verschärfte Durchsetzung Article 13 Code of Conduct for Online Anchors). Wer einen entsprechenden Universitätsabschluss, eine Lizenz oder eine staatliche Zertifizierung nicht vorlegen kann, wird gesperrt, ein Bußgeld bis 100.000 Yuan kann gegen die Plattform verhängt werden, und die ersten Daten der Durchsetzung zeigen, dass allein Weibo innerhalb weniger Wochen über 1.200 Konten wegen sogenannter Verbreitung von Gerüchten geschlossen hat (New York Times, 2025, China cracks down on professional commentary online).

Ich gebe gerne zu, dass mein erster Reflex beim Lesen dieser Nachricht ein leises inneres Lächeln war, weil eine solche Maßnahme, oberflächlich betrachtet, genau das löst, was sich der genervte Leser meiner bisherigen Zeilen vermutlich gewünscht hat, nämlich eine flächendeckende Stilllegung jener Otto-Sapiens-Stimmen, die im Internet seit 20 Jahren die Tonlage bestimmen. Wer im Klingeln dieses inneren Lächelns einen Hauch von Genugtuung verspürt hat, sollte allerdings, bevor er sich an diesem Gefühl labt, einen Moment lang innehalten und nachdenken, denn was hier durch die Hintertür herein spaziert, ist genau jene Versuchung, gegen die ich diesen Beitrag eigentlich geschrieben habe. Die chinesische Lösung beseitigt das Problem des unqualifizierten Kommentators dadurch, dass sie ihm den Mund verschließt, und sie tut dies nicht durch eine private Entscheidung des Autors, dessen Wohnzimmer es ist, sondern durch eine Anordnung des Staates, dessen Wohnzimmer es nicht ist. Der Unterschied zwischen diesen beiden Vorgängen ist exakt jener Unterschied, der eine freiheitliche von einer autokratischen Ordnung trennt, und wer ihn nicht spürt, hat noch nicht zu Ende gedacht.

Ich schalte unter meinen Texten die Kommentare ab, weil ich nicht möchte, dass mein virtuelles Wohnzimmer zur öffentlichen Toilette wird. Der chinesische Staat schaltet die Stimme ab, weil er nicht möchte, dass seine Bürger über ihn nachdenken, und die Verkleidung dieser Maßnahme in das Vokabular der Qualitätssicherung ist eine der elegantesten Sprachregelungen, die der Spätstalinismus je hervorgebracht hat. Mein Vorgehen ist eine private Sache, weil es nur den Zugang zu meinem Schreibtisch betrifft. Das chinesische Vorgehen ist eine staatliche Sache, weil es den Zugang zu allen Schreibtischen betrifft, und der Otto Sapiens, der sich an einer solchen Maßnahme erfreut, sollte sich daran erinnern, dass er selbst, mit seinem WhatsApp-Onkel und seinem Hörbuchwissen, in einer chinesischen Variante des Diskurses als nicht qualifiziert eingestuft wäre, und dass sein eigenes Konto in diesem System ebenso schweigend gesperrt würde wie das des Heilpraktiker-Kommentators, der mir einst eine Belladonna-Therapie für meinen unverstandenen Auftritt empfahl. Wer den Mund anderer mit Begeisterung schließen sehen will, hat noch nicht begriffen, dass derselbe Mechanismus, sobald er etabliert ist, irgendwann auch den eigenen Mund schließt.

Der historische Augenblick meiner Kapitulation

Es gab einen konkreten Augenblick, in dem ich die Kommentarfunktion endgültig deaktivierte, und ich erinnere mich daran, weil er von jener tragikomischen Qualität war, die sich gut erzählen lässt. Ich hatte am Vorabend einen Beitrag über die menschliche Aufrichtigkeit als evolutionäre Anpassung verfasst, in dem ich, vorsichtig und mit dem Hinweis auf die paläoanthropologische Literatur, die Hypothese verfolgte, dass der menschliche Hang zur Wahrheitsformung möglicherweise eine soziale Funktion gehabt habe und nicht primär eine erkenntnistheoretische Tugend darstelle. Es war ein nuancierter Text, mit Anmerkungen versehen, ohne provokante Spitzen, mit der Absicht, eine intellektuelle Diskussion anzuregen. Was am nächsten Morgen unter dem Text stand, war ein Kommentar einer Leserin, die ihren Realnamen verwendete, die mir mit 584 Wörtern erklärte, dass meine Theorie deshalb falsch sei, weil sie selbst, die Leserin, in ihrem Leben noch nie gelogen habe. Sie führte dann an, dass sie auch dann, wenn ihre Schwiegermutter sie nach dem Wohlgeschmack des Sonntagsbratens befrage, immer die Wahrheit sage, dass sie der Polizei stets korrekte Angaben mache, dass sie selbst in der Steuererklärung jeden Cent angebe, und dass sie daher den Beweis dafür liefere, dass die menschliche Aufrichtigkeit eine ontologische Konstante des menschlichen Wesens sei.

Ich blieb in der Schwebe zwischen heiterer Bewunderung und stiller Bestürzung. Bewunderung für das makellose Selbstbild dieser Frau, das jeder Empirie überlegen war, das jeder Korrekturmöglichkeit verschlossen war, das sich in einer Welt ohne Spiegel zu einer derartigen Strahlkraft entwickelt hatte, dass man es eigentlich mit der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe hätte registrieren lassen müssen. Bestürzung darüber, dass es offenbar nicht einmal mehr nötig war, anonym zu sein, um in der Kommentarspalte eines fremden Blogs die intellektuelle Großtat zu vollbringen, mit der eigenen Person als alleinigem empirischen Beleg eine paläoanthropologische Hypothese widerlegen zu wollen, ein Vorgehen, das ungefähr so überzeugend ist, als würde man die Relativitätstheorie damit widerlegen, dass die Bahn auf dem eigenen Heimweg pünktlich gewesen sei. Ich klickte an jenem Vormittag, vor einem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee, in den Verwaltungsbereich meines Blogs und deaktivierte mit 3 aufeinanderfolgenden Mausklicks die Kommentarfunktion für alle bestehenden und zukünftigen Beiträge. Ich erinnere mich daran, wie ich danach den Kaffee in die Mikrowelle stellte, wie ich auf den Knopf drückte, wie ich in das warme Brummen lauschte, und wie ich zum ersten Mal seit der Eröffnung dieses Blogs jene Stille hörte, die seither sein Markenzeichen ist.

Die Stille als ästhetische Entscheidung

Wer mir heute etwas mitzuteilen hat, schreibt mir eine E-Mail. Meine Adresse findet jeder, der sie sucht, und wer sie nicht findet, hat den ersten der Tests, denen ich meine Leserschaft gerne unterziehe, bereits eigenständig nicht bestanden. Wer mir eine E-Mail schreibt, hat in der Regel den zweiten Filter ebenfalls passiert, weil das Verfassen einer E-Mail eine Aktivierungsschwelle besitzt, die der spontane Kommentar in der Kommentarspalte nicht besitzt. Wer den Aufwand auf sich nimmt, einen Absender, einen Betreff und einen Adressaten einzutippen, sich seinen Namen unter den Text zu setzen und auf Senden zu klicken, der hat sich, ob er es weiß oder nicht, einer minimalen Selbstprüfung unterzogen, ob das, was er sagen will, die mit dem Aufwand verbundene Investition rechtfertigt, und genau in dieser Selbstprüfung scheitert der Otto Sapiens in 19 von 20 Fällen, weil er es schlicht nicht für nötig hält, 3 Minuten in einen Aufwand zu investieren, die er für eine Bratwurst beim Bäcker problemlos in Anspruch nehmen würde. Das Ergebnis dieser Selbstprüfung ist, dass die E-Mails, die ich erhalte, von einer Qualität sind, die mit der einstigen Kommentarspalte ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Cabernet aus Bordeaux mit einem aufgesetzten Heizungswasser. Es sind tatsächliche Briefe, mit tatsächlichen Gedanken, von tatsächlichen Lesern, die etwas zu sagen haben, und ich beantworte sie, in der Regel, weil sie es verdienen.

Diese Stille unter den Texten ist also keine Stille der Verweigerung, sondern eine Stille der Filterung, und sie ist die einzig vernünftige Antwort auf die Realität eines Mediums, das aus pragmatischen Gründen aufhören muss, sich als Symposium zu verstehen, und das aus denselben Gründen anfangen muss, sich als Schreibtisch des Autors zu verstehen, an dem Besucher willkommen sind, wenn sie geklopft haben und ihre Karte hereingereicht haben. Wer auf diese Weise klopft, wird in der Regel hereingebeten, wer hingegen die Tür von außen auftritt und in die Küche stürmt, um seine Meinung über meine Eheführung kundzutun, dem werde ich höflich aber bestimmt erklären, dass meine Küche heute Abend ausschließlich für eingeladene Gäste geöffnet ist und dass die nächste öffentliche Beschwerdestelle sich in der Kommentarspalte einer Boulevardzeitung seiner Wahl befindet, wo er reichlich Gesellschaft finden wird.

Die Polemik, mit der man rechnen muss

Ich weiß, dass dieser Beitrag manche Leser verstören wird, und ich habe die Verstörung in die Konstruktion bereits eingerechnet. Es wird Leser geben, die sich von der Schilderung der Aluhutträger, der Veganer mit fortgeschrittenem Eisenmangel, der Homöopathiegläubigen und der durchschnittlichen Konsumenten deutscher Privatfernsehprogramme persönlich angesprochen fühlen, und einige dieser Leser werden in eine intellektuelle Empörung verfallen, die ein klassisches Symptom des Dunning‑Kruger‑Effekts darstellt und die sich, in der Abwesenheit einer Kommentarspalte unter diesem Text, auf andere Wege wird suchen müssen, um sich zu entladen. Das wird, vermutlich, eine Mail werden, an die ich nicht antworten werde, oder ein Eintrag in einem anderen Forum, das ich nicht lese, oder eine spontane Vermutung über meine angeblichen finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie, dem Mossad, der Bilderberg-Gruppe oder, in besonders kreativen Fällen, mit allen 3 gleichzeitig, plus den Reptiloiden vom 4. Aluhut-Kommentator, was ich aufgrund der Tatsache, dass ich seit 30 Jahren keinen einzigen Euro von einer pharmazeutischen Firma erhalten habe und seit Geburt nicht von den anderen genannten Organisationen, mit derselben Heiterkeit zur Kenntnis nehmen werde, mit der ich seinerzeit den Kommentar des 5. Kommentators jenes ersten Beitrags zur Kenntnis nahm.

Wer sich nicht angesprochen fühlt, hat den Test bestanden, in dem Sinne, dass er entweder kein Homöopath, kein Aluhutträger, kein militanter Veganer und kein gewohnheitsmäßiger Konsument deutscher Privatfernsehprogramme ist, oder dass er einer dieser Gruppen angehört, jedoch über jenes seltene metakognitive Vermögen verfügt, das Dunning und Kruger als die Voraussetzung der Selbsteinsicht beschrieben haben, und das den polemischen Hieb mit einer gewissen Heiterkeit empfangen kann, weil er weiß, dass er für sich selbst gemeint ist, oder eben gerade nicht für ihn allein. Diese Leser sind die einzigen Leser, an die sich der vorliegende Text ernsthaft richtet, und ich vermute, dass sie eine kleine, aber treue Minderheit darstellen, die ich an meinem virtuellen Schreibtisch herzlich willkommen heiße, und der ich zum Trost mitteile, dass die abgeschaltete Kommentarspalte unter diesem Beitrag nicht ihnen gilt, sondern jenen anderen Lesern, die diesen Satz vermutlich ohnehin schon im dritten Absatz beleidigt verlassen haben, um in der Kommentarspalte einer Boulevardzeitung jene Genugtuung zu suchen, die sie hier nicht finden konnten.

Was im nächsten Beitrag folgt, kurz angedeutet

Bevor ich diesen Beitrag mit der angekündigten Pointe schließe, ein kurzer Ausblick, weil ich an einer Stelle eine Andeutung gemacht habe, die ohne Auflösung im Raum stehenbliebe. Wenn ein Staat genau das Mittel weiterhin legal in jedem Kiosk anbietet, von dem er aus zahllosen Studien weiß, dass es die Urteilsfähigkeit, die Aufmerksamkeit und das langfristige Erinnerungsvermögen seiner Bürger systematisch herabsetzt, dann muss man die Frage stellen, ob diese scheinbare Inkonsequenz nicht in Wahrheit eine sehr konsequente Politik ist, die genau das Ergebnis produziert, das politisch erwünscht ist. Der Otto Sapiens, dessen Abend zwischen Feierabendbier, Fernsehprogramm und Hörbuchberieselung eine vorhersehbare Choreografie folgt, ist nicht das Versagen einer Gesellschaft, er ist ihr funktionierendes Produkt, und das Hamsterrad, in dem er sich bewegt, ist nicht das Ergebnis seiner eigenen Faulheit, sondern das Ergebnis einer architektonischen Konstruktion, die ihn dort halten soll. Diese These werde ich im nächsten Beitrag entfalten, und sie ist auch die zentrale These eines Buches, an dem ich gerade arbeite, dessen Arbeitstitel Das Hamsterrad lautet und das in den kommenden Wochen seinen Weg in die Öffentlichkeit findet. Wer den vorliegenden Beitrag mit einem leichten Unbehagen über den Otto Sapiens beendet hat, dem sei gesagt, dass das eigentliche Unbehagen erst danach beginnt, weil die Frage nicht ist, warum der Otto Sapiens so ist, wie er ist, sondern wer ein Interesse daran hat, dass er so bleibt.

Ein Schlusswort, in das das Abendbrot wieder hineinpasst

Wenn man die Bilanz dieses Vormittags am Schreibtisch zieht, dann ist sie auf eine traurige Weise belustigend. Mein Frühstück, mein Mittagessen und mein Abendbrot sind in den vergangenen 10 Jahren mit einer Regelmäßigkeit aus meiner Hand gefallen, die ein Statistiker mit dem Begriff der robusten Korrelation belegen würde, weil die Frequenz dieser Ereignisse weitgehend deckungsgleich ist mit der Frequenz, mit der ich versehentlich auf ein Fernsehprogramm umgeschaltet, eine Tageszeitung geöffnet, oder die Empfehlungen jenes Algorithmus durchscrollt habe, der in den vergangenen Jahren ohne Unterbrechung zu beweisen versucht, dass der menschliche Geist sich, wenn man ihn nur lange genug mit 12 bis 15 Sekunden langen Videos füttert, in einen Zustand zurückbilden lässt, der unter anderen Umständen einer neurologischen Diagnose bedürfte. Wer mich daraufhin in meiner Pizzeria am Fenstertisch lachen sieht, weil mir gerade ein Stück Mozzarella aus dem Mund gefallen ist, sollte das Lachen nicht für Heiterkeit halten, es ist die motorische Begleiterscheinung einer inneren Erschütterung, die seit Jahren keine Pause kennt.

Wer mich erreichen will, weiß, wo er mich findet. Wer mir lediglich seine Meinung mitteilen wollte, ohne dass ich darum gebeten hätte, dem sei mit aller Höflichkeit gesagt, dass ich seinen Beitrag bereits gelesen habe, in der Kommentarspalte eines fremden Blogs, vor über einem Jahrzehnt, und dass ich seither, aus Gründen der intellektuellen Hygiene und der haushälterischen Verwaltung meiner verbleibenden Lebenszeit, beschlossen habe, diesen Beitrag nicht erneut entgegennehmen zu müssen. Die Stille unter meinen Texten ist deshalb nicht die Stille der Abwesenheit, sondern die Stille der wiedergefundenen Wohnzimmertür, hinter der ich, an einem ruhigen Nachmittag, mit einer Tasse Kaffee, einer Leberkässemmel und einem ungestörten Bildschirm sitze und schreibe, was geschrieben werden muss, ohne dass es mir jemand mit der Sicherheit jener Frau widerlegt, die noch nie in ihrem Leben gelogen hat, ohne dass mir jemand erklärt, dass mein Realnamenträger mit dem Cheilitis-angularis-Mundwinkel die humane evolutionäre Bestimmung des Frugivoren empirisch belegt habe, und ohne dass mir, beim Schreiben dieses Satzes, das Abendbrot ein letztes Mal aus der Hand fällt, weil ich es, ausnahmsweise, gar nicht erst aufgehoben hatte. Der Otto Sapiens darf gerne weiter im Internet sein Hörbuchwissen ausschütten, an anderen Stellen, in anderen Foren, unter anderen Beiträgen, ich werde dort nicht sein, und wenn er sich wundert, warum hier nichts zu erwidern ist, dann darf er sich diese Frage selbst beantworten, vorausgesetzt, das Hörbuch zum Thema ist bereits erschienen.

Referenzen

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