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Der letzte Beitrag vor der Stille: Warum ich das Hamsterrad für 5 Tage anhalte

Jul 6, 2026 | 24 min | Society
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Ein ausgeschaltetes Smartphone liegt mit dem Display nach unten auf einem zerknitterten weissen Bettlaken

Über eine Mahnung, die angeblich sofort sein musste, über eine Generation, die vergessen hat zu leben, während sie funktionierte, und über 5 Tage, in denen mir die ganze laute Welt gestohlen bleiben darf

Ich liege im Bett, und der Rücken hat mich am Wochenende in die Knie gezwungen, jede Bewegung schickt einen Blitz durch die Lendenwirbel, und über mir dreht sich der Deckenventilator in dieser trägen, gleichgültigen Art, die ich an ihm mag. Bandit liegt neben dem Bett auf dem Boden und spürt gerade jeden einzelnen Knochen, weil er gestern dreimal ausgiebig unterwegs war, und wenn ein Malinois so daliegt, dann ist das die Ruhe eines Tieres, das seinen Tag ehrlich verdient hat. Draußen ist es kühl, und in genau diesen Moment hinein vibriert das Telefon.

Eine Nachricht, und eine Frau regt sich fürchterlich über eine Mahnung auf, wegen einer Rechnung, 100 Euro, und sie will das sofort geklärt haben, nicht heute Abend, nicht morgen, sondern sofort, als hinge das Schicksal des Abendlandes an diesen 100 Euro, als stünde die Welt still, bis ich mich aus dem Bett quäle und den Fehler suche, den es vielleicht gar nicht gibt.

Ich habe eine Sekunde lang gelacht, nicht böse, eher verwundert, denn während ich da lag und der Ventilator sich drehte, ist mir eine Frage durch den Kopf gegangen, die eigentlich der ganze Grund für diesen Text ist. Welcher Mensch hat eigentlich das Recht, über mich zu bestimmen? Wer hat mir vorzuschreiben, dass etwas jetzt sein muss, in dieser Minute, weil eine fremde Person ihre eigene Hektik zu meiner machen will?

Die Antwort ist einfach, keiner, und es gibt auch kein Sofort, denn da ist eine Wand, und durch diese Wand kommt niemand mehr.

Ich schreibe dieses Buch, das Hamsterrad. Es ist im Grunde fertig, und trotzdem reflektiere ich noch immer, Tag für Tag, wie ich den Menschen darin vermitteln kann, wie sie aus diesem Rad herauskommen. Dieser Text hier ist kein wissenschaftlicher Beitrag. Er bringt meine Stimme zurück. Er ist für die, die in den Fünfzigern geboren wurden, in den Sechzigern, in den Siebzigern, und die sich verloren fühlen in einer Zeit, die sich schneller verändert, als ein Gehirn es je adaptieren konnte, das über Hunderttausende von Jahren für eine langsamere Welt gebaut wurde. Ich bin einer von euch. Und ich habe am Wochenende lange nachgedacht.

Das Sofort ist die Lüge, mit der man euch im Rad hält

Stellt euch vor, ihr lebt in einer Matrix. Um euch herum passiert alles Mögliche, ununterbrochen, laut, dringend. Es stirbt jemand, es weint jemand, irgendwo wird geschossen, irgendwo bricht etwas zusammen, irgendein Land beschließt irgendein Gesetz, irgendein Konzern in Amerika verliert Daten, die niemanden hier etwas angehen, das alles ist Nebensache, und es ist nicht euer Leben.

Mein Leben ist mein Haus. Mein Leben ist der Handvoll Menschen, die in meinen Kreis gehören, und für die gebe ich alles, bis zum Letzten, sogar das eigene, und Bandit gehört dazu, alle anderen aber gehen mir, mit Verlaub, am Hintern vorbei. Das klingt hart, und es ist auch hart, aber es ist die einzige Haltung, mit der ein Mensch in dieser Welt seinen Kopf behält. Wenn ich mich von jeder fremden Katastrophe, von jedem fremden Drama, von jeder fremden Mahnung aus der Ruhe bringen lasse, dann bin ich am Ende des Tages leer, ausgewrungen und krank, und ich habe nichts davon gehabt außer der Illusion, ich hätte etwas Wichtiges getan.

Ich war jahrzehntelang bei Gericht. Dort stand ich unter Dauerbeschuss. Eine Frage kam, ich musste sofort antworten, präzise, ohne Zögern, und ein falsches Wort konnte ein Verfahren kippen. Das war der Beruf, das war in Ordnung. Aber irgendwann stand ich in einem Münchner Gerichtssaal und habe einen Satz gesagt, der mir bis heute nachhängt, weil er so einfach war und so befreiend. „Dann lassen wir den Scheiß”, habe ich gesagt, und dafür wurde ich des Saales verwiesen, aber ich war frei, und wie ich dieses Gefühl genoss. Es ist mein Leben, und solange ich keine Straftat begehe, solange ich mich an die Gesetze halte, kann ich tun und lassen, was ich will, und keiner hat mir etwas vorzuschreiben.

Ich führe eine Liste im Kopf. Eine To-do-Liste, geordnet nach Priorität. Wenn eine Behörde drängt, wenn das Finanzamt ungeduldig wird, weil ich am Zehnten eine Voranmeldung nicht abgegeben habe, weil ich mich vor Schmerzen kaum bewegen konnte, dann kommt das auf die Liste. Und die Liste arbeite ich ab, wenn ich es kann und wenn ich es für richtig halte. Nicht wenn ein anderer meint, es müsse jetzt sein. Diese eine Frau, die ihre Mahnung sofort geklärt haben wollte, ist ja nur das Symptom. Das Hamsterrad selbst besteht aus tausend solcher Sofort. Und jedes einzelne davon ist verhandelbar, sobald man begreift, dass die Dringlichkeit eine geliehene ist, nicht die eigene.

Der Körper, der den Charakter nicht mehr spielen will

Kommen wir zu dem, was mich seit Jahren umtreibt. Der normale Mensch steht montags auf, macht Frühstück, bringt die Kinder zur Schule oder fährt in die Arbeit, sofern er noch eine hat, verdient das Geld oder macht die Arbeit zu Hause, und so geht es Tag für Tag, ein Leben lang. Und dabei vergessen wir das Einzige, worauf es ankommt, wir vergessen zu leben.

Oft wehrt sich der Körper, und er tut es auf eine Weise, die wir Depression nennen. Ich glaube nicht, dass eine Depression in erster Linie eine kaputte Chemie im Kopf ist. Ich glaube, sie ist etwas viel Ehrlicheres. Sie ist der Moment, in dem ein Mensch an einen Punkt kommt und der Körper sagt, ich mag diesen Charakter nicht mehr spielen. Ich mag dieses Leben nicht mehr, das keinen Sinn ergibt, in dem ich funktioniere und funktioniere und nie ankomme. Der Körper sagt, hey, das ist nicht logisch, was du machst, ändere es. Und in dem Augenblick, in dem du es wirklich änderst, wäre die Depression womöglich verschwunden.

Nun schaut euch das genau an, denn hier wird es interessant. Man hat uns über Jahrzehnte erzählt, Depression sei die Folge eines chemischen Ungleichgewichts, zu wenig Serotonin, ein Mangel, den man mit einer Tablette auffüllt wie einen leeren Tank. Diese Geschichte kam in den Neunzigern groß heraus, zusammen mit den modernen Antidepressiva, und sie hat sich festgesetzt wie kaum eine andere. Umfragen zeigen, dass 80 Prozent der Menschen und mehr glauben, es sei erwiesen, dass Depression durch dieses chemische Ungleichgewicht entsteht. Ein großes systematisches Übersichtswerk von Joanna Moncrieff und ihrem Team, 2022 in Molecular Psychiatry erschienen, hat die gesamte Beweislage durchgekämmt und kam zu einem ernüchternden Schluss. Es gibt keinen konsistenten Beleg für einen Zusammenhang zwischen Serotonin und Depression.

Ich bin an dieser Stelle ehrlich, so wie ich es immer bin. Die Arbeit ist wissenschaftlich umstritten, und das gehört dazu. 36 Fachleute haben in derselben Zeitschrift dagegengehalten und dem Team methodische Fehler vorgeworfen, die Serotonin-Theorie sei ohnehin nie als simples Ein-Chemikalien-Modell gemeint gewesen. Das ist ein Streit unter Wissenschaftlern, und ich löse ihn hier nicht. Aber der Punkt, der übrig bleibt, ist so oder so gewaltig. Die einfache Erzählung, du hast zu wenig von einem Stoff, nimm eine Pille, ist wissenschaftlich alles andere als der gesicherte Fakt, als der sie verkauft wurde.

Und die Industrie ist mächtig. Sie hat Mittel entwickelt, und ich nenne sie hier bewusst nicht bei ihren Kürzeln, die man dann sein Leben lang nimmt, während das Gehirn seine eigene Produktion längst heruntergefahren hat. Das merkt man, wenn man absetzen will. Dann geht es vielen richtig schlecht, und das ist kein Zeichen dafür, dass man das Mittel gebraucht hätte, sondern ein Zeichen dafür, dass der Körper Zeit braucht, um wieder selbst zu übernehmen. Die Forschung zu diesem Absetzen ist eindeutig, was diesen einen Punkt angeht. Wer solche Mittel absetzt, tut das niemals abrupt und niemals allein, sondern langsam, in winzigen Schritten, ärztlich begleitet, weil der Entzug sonst brutal wird. Genau deshalb schreibe ich hier keine Anleitung. Ich schreibe nur, was der Hausarzt oder der schlecht fortgebildete Neurologe dann gern sagt. Jetzt sehen Sie es, Sie brauchen das Medikament, um zu funktionieren. Nein, du brauchst es vielleicht nicht, um zu funktionieren. Du wurdest zugekleistert, damit dein Körper aufhört, sich gegen das Rad zu wehren.

Ich weiß, dass das eine unbequeme Sicht ist, und ich weiß, dass es Menschen gibt, denen diese Mittel echtes Leid nehmen, und die sollen sie behalten. Es geht mir nicht um sie. Es geht mir um die viel größere Gruppe, der man eine Stoffwechselstörung eingeredet hat, wo in Wahrheit ein Leben nicht mehr passte.

Was ich vermisse, und ich sage es ohne Beschönigung

Ich bin 1970 geboren, und ich bin arm aufgewachsen, in einer Sozialwohnung in München, ein Schlüsselkind, morgens lagen ein paar Mark auf dem Tisch, davon habe ich mir zu essen gekauft. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vermisse ich diese Zeit mit einer Wucht, die mich manchmal selbst überrascht.

Die Achtziger waren die schönste Zeit, die ich kenne. Wir hatten einen Fernseher, irgendwann sogar in Farbe, was für ein Ereignis. Später kam ein Videorekorder, und wir haben uns Filme auf VHS kopiert, illegal natürlich, das hat damals jeder getan, man lieh sie herum, man tauschte. Ich erinnere mich an Alien. Ich hätte geschworen, der Film kam 1985 in die Kinos, so genau habe ich das Gefühl von damals noch im Kopf. Er kam 1979, mit Ridley Scott und Sigourney Weaver als Ripley, dieser Frau, die ich mit ganzer Seele geliebt habe, weil sie das Monster nicht mit Muskeln besiegte, sondern mit Verstand. Was für ein Film, für die Technik, die Hollywood damals hatte.

In den Achtzigern mussten wir nicht rund um die Uhr erreichbar sein. Wir hatten kein Telefon, kein Handy. Schlechte Nachrichten kamen mit der Post, und mein Gott, ist man jeden Tag an den Briefkasten gerannt? Ich jedenfalls nicht, und wenn es schlechte Nachrichten aus der Welt gab, dann standen sie in der Zeitung, in diesen dämlichen Kästen, wo man 50 Pfennig einwarf für schlechte Laune. Über Politik hat man sich nicht den Kopf zerbrochen, sie war weit weg, irgendwann erfuhr man, ah, jetzt ist das so und so, und dann ging das Leben weiter.

Der Supermarkt hatte 2 Biersorten, 3 Mineralwasser, Cola, Spezi, eine Limo mit Geschmack und eine mit Zitrone, und das war es. Niemand stand eine halbe Stunde vor einer meterlangen Getränkewand und rang mit der existenziellen Frage, welches von 40 Wässern denn nun das richtige sei. Bei mir war es ohnehin Leitungswasser, Limo war nicht drin, die kostete Geld. Ab und zu ein Spezi, das war Luxus. Aufgewachsen bin ich mit Leberkäs in der Semmel, ein paar Wiener, weil man leben musste, und weil es keinen selbsternannten Guru gab, der einem im Sekundentakt erklärte, was das nun wieder mit dem Körper anstellt.

Lasst mich 2 Bilder nebeneinanderlegen, dann versteht ihr, worauf ich hinauswill. Damals, ein Sonntag: Das Telefon hing an der Wand, mit Schnur, und wenn niemand anrief, war einfach Ruhe. Man saß da, schaute aus dem Fenster, langweilte sich, und aus dieser Langeweile kamen die Ideen. Heute, derselbe Sonntag: In der Hand ein Gerät, das alle 7 Minuten aufleuchtet, ein Foto vom Frühstück eines Fremden, eine Empörung, eine Werbung, ein Krieg, ein Katzenvideo, und am Abend fragt man sich, wohin der Tag verschwunden ist.

Noch ein Bild, denn damals kaufte man eine Platte, legte sie auf und hörte sie ganz, Seite A, umdrehen, Seite B, weil das Umdrehen dazugehörte. Heute überspringt man ein Lied nach 20 Sekunden, weil das nächste ja besser sein könnte, und am Ende hat man 100 Anfänge gehört und kein einziges Stück zu Ende. Genau so leben wir inzwischen, lauter Anfänge und nichts zu Ende gebracht.

Und wisst ihr, was mir am meisten fehlt? Ich höre bis heute Musik aus den Achtzigern und Neunzigern, weil ich aus dem, was heute läuft, einfach nichts mehr herausziehen kann. Keine Wärme, keine Erinnerung, eher eine leise Abneigung. Ich glaube nicht, dass ich damit allein bin. Ich glaube, viele von uns führen einen inneren Kampf, den wir uns nicht einmal eingestehen, weil wir so tief im Rad stecken, dass wir das Rad für die Welt halten. Und jetzt zeige ruhig jemand mit dem Finger auf mich und sage, der George übertreibt mal wieder. Nein, ich bleibe realistisch, und ich sage euch ehrlich, was ich vermisse: die Zeit ohne Hektik, die Zeit ohne dieses Gerät in der Hosentasche, das jede Stille zerschneidet, die Zeit ohne E-Mail, ohne Netflix, ohne die ständigen Abbuchungen, ohne das Gefühl, jeden Monat erst rennen zu müssen, um mir das Dach über dem Kopf zu verdienen. Was mir fehlt, ist das Leben selbst.

Der Guru-Wahnsinn und die Ärzte, die auf Instagram Gott spielen

Und da sind wir bei etwas, das mich wirklich nervt, dieser ganze Guru-Zirkus. Und ja, ich meine damit auch die Ärzte, die sich ihre letzten Privatpatienten in die Praxis holen wollen und dafür auf Instagram erklären, wie man gesund lebt, warum man Krebs bekommt und warum nicht, was man supplementieren muss und was einen umbringt. Ganz ehrlich, sie wissen es selbst nicht. Ein Arzt hat ein paar Jahre veraltetes Wissen studiert und einen Doktortitel gemacht, und schon hält man ihn für einen Gott, was er aber nicht ist, und gute Ärzte wissen das. Gute Ärzte hinterfragen sich ständig, bilden sich weiter und vertrauen nicht auf das, was der Pharmavertreter ihnen einflüstert. Die anderen laden ihren geistigen Dünnschiss ins Netz und nennen es Aufklärung.

Damals war das nicht so, wir waren gesund. Ab und zu wurde jemand verrückt, wie man das damals nannte, aber diese heutige Flut an Depressionen, Angsterkrankungen und Diagnosen aller Art, die gab es nicht. Kinder waren Kinder, und wenn ein Junge in der Pubertät mal mit einem anderen Jungen herumprobierte, war das normal, und wenn Mädchen sich küssten, ließ man sie ihre Sexualität finden. Heute drückt man einem Kind schon früh einen Stempel auf, ADHS, Autismus, weil es anders ist als die Norm.

Zum Autismus habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben, im Beitrag über den Homo Genius in der Anpassungsphase, und ich bleibe dabei. Autismus ist meiner Ansicht nach nicht in erster Linie ein Defekt, sondern eine Art, wie die Evolution das Gehirn auf die enormen Anforderungen vorbereitet, die diese neue Welt an es stellt. Aber statt genauer hinzusehen, klebt man ein Etikett und ist zufrieden. Der selbstzufriedene, verschlossene Kopf, der glaubt alles zu wissen, weil ein Algorithmus ihm dieselbe Halbwahrheit zum hundertsten Mal serviert hat, das ist die eigentliche Krankheit unserer Zeit. Nennt ihn Otto Sapiens, den Menschen, der meint, er habe die Welt verstanden, weil er ein Hörbuch dazu gehört hat.

Und weil wir beim Schönheitswahn sind, denn nichts anderes ist dieser Guru-Zirkus im Kern, ein Wettbewerb darum, wer die makelloseste Fassade ins Netz hängt. Da draußen glauben noch immer junge Menschen, sie müssten die große Modelkarriere machen, sie müssten sich für ein einziges Foto verbiegen und hungern. Ich habe mein Leben lang fotografiert, Menschen, Landschaften, Akt, ich weiß, wie das Handwerk geht und was ein Bild kostet, bevor überhaupt der Auslöser klickt. 250 Euro für die Visagistin, dann die Kleidung, dann das Licht, dann Stunden am Rechner, bis von dem Menschen auf dem Bild kaum noch etwas übrig ist, das mit dem Menschen davor zu tun hätte. Und heute laufen bei mir Modelle aus dem Rechner, künstlich erzeugt, zu makellos, um echt zu sein. Zu hübsch geht plötzlich doch. Wer also seine mit Software geglätteten Fotos hochlädt und sich an jedem Like berauscht, sollte einen Moment innehalten. Es ist nicht dein Gesicht, das da gefeiert wird. Es ist eine Rechenoperation, die entschieden hat, dich an genug Leute auszuspielen.

Brot und Spiele, nur das Medium hat sich geändert

Braucht der Homo sapiens diesen Wahnsinn? Ist euer Gehirn dafür gebaut, sich ununterbrochen mit dem zu quälen, was auf der anderen Seite des Planeten passiert? Wenn ihr in New York sitzt, ist es dann wirklich lebenswichtig, was in Deutschland beschlossen wird? Und umgekehrt, muss ich mich hier über jede amerikanische Aufregung ärgern? Ich habe Leser in der ganzen Welt, und die Amerikaner unter euch werden es genauso spüren wie die Deutschen. Wir sind nicht gebaut, um diese Last zu tragen.

Im alten Rom waren es die Spiele. Man warf dem Volk hin und wieder ein Stück Brot hin und hielt es mit Spielen bei Laune, damit es im Rad blieb und nicht auf dumme Gedanken kam, und das nannte man Brot und Spiele. Heute ist es die Weltmeisterschaft, das Dschungelcamp, der endlose Strom aus Belanglosigkeit, der euch beruhigt verblöden lässt. Es hat sich nichts geändert, nur das Medium.

Die sozialen Medien haben die Menschheit nicht zusammengehalten. Am Anfang, als man alte Mitschüler wiederfand, war das schön, das gebe ich zu. Aber jetzt leben wir global und lassen uns von Dingen zerreiben, die uns nichts angehen. Und der Motor darunter ist das Dopamin. Der kleine Kick beim Scrollen, das Läuten der Benachrichtigung, das Zählen der Likes. Das ist so gebaut, mit Absicht, und man verdient daran. An euren Daten und an eurer Gesundheit.

Klar, ich habe auch einen Instagram-Account, mit sechsstelliger Followerzahl. Ich habe Facebook, ich habe X. Aber ich logge mich ein, lade meinen eigenen geistigen Dünnschiss ab und logge mich wieder aus. Ich lese dort keine Nachrichten. Ich scrolle nicht stundenlang durch fremde Empörung. Der Algorithmus hat mich nicht an den Eiern, und genau das ist der Trick, den ich in dem Buch zeige. Ein Like ist übrigens kein Qualitätsurteil, das sollte sich langsam herumsprechen. Es sagt nur, dass eine Maschine entschieden hat, deinen Beitrag an genug Menschen auszuspielen, mehr nicht.

Rekordeinnahmen, und es reicht trotzdem nicht

Jetzt wird es politisch, und ich sage es kalt. Werfen wir einen Blick auf Deutschland. Im Jahr 2025 hat der Staat 989,8 Milliarden Euro an Steuern eingenommen, so viel wie nie zuvor, fast eine Billion. Und das Geld reicht ihm nicht. Die Regierung plant, fordert, ändert dieses Gesetz und jenes, und mir wird schlecht, wenn ich sehe, was aus diesem Land geworden ist an Verwaltung des Mangels bei vollen Kassen.

Und dann ist da diese Maschine in Brüssel, der ständig etwas einfällt. Das muss geändert werden, jenes muss geändert werden, und die nächste Verordnung steht schon in der Warteschlange. Jede Änderung erzeugt neue Formulare, jedes Formular eine neue Stelle, die es verwaltet, und am Ende sitzt der Bürger vor einem Papierstapel, den kein Mensch mehr überblickt. Ich bin ein Freigeist, und trotzdem verlange ich von einem Staat, dass er das Leben einfacher macht und nicht Jahr für Jahr komplizierter. Es geschieht das Gegenteil, und es kotzt mich an, ich sage das so deutlich.

Ich trenne hier sauber, weil ich das immer tue: Die Zahl ist Beleg, was jetzt kommt, ist meine Rechnung, meine Meinung. Ich glaube, es reicht nicht, weil über Jahre teure Grundsatzentscheidungen getroffen wurden, deren Kosten niemand offen benennt, etwa als vor Jahren die Grenzen weit geöffnet wurden. Zum Jahresende 2025 lebten rund 1,17 Millionen ukrainische Staatsangehörige in Deutschland, und das ist nur eine Gruppe von mehreren. Ich behaupte nicht, dass diese Menschen faul sind, das wäre eine Unterstellung, die ich nicht belegen kann und die ich deshalb nicht als Tatsache hinstelle. Ich sage nur, als nüchterne Rechnung, dass große humanitäre Entscheidungen große Summen kosten, und dass ein Staat, der solche Summen ausgibt und gleichzeitig Rekordsteuern kassiert, sich nicht hinstellen und behaupten sollte, es sei kein Geld da. Wer die falschen Entscheidungen getroffen hat, korrigiert sie. Man fordert nicht immer mehr vom Volk, das die Kassen längst gefüllt hat.

Und weil wir bei den Prioritäten sind, ein Blick auf das, was diese Regierung gerade beschließt. Anfang Juli hat die Koalition unter Kanzler Merz eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag auf den Weg gebracht. Die Union wollte ursprünglich sogar einen Karenztag, also einen Krankheitstag komplett ohne Lohn. Merz selbst rudert schon zurück und sagt, man müsse ja nicht gleich am ersten Tag in die Praxis, die Umsetzung sei noch offen. Man beschließt also etwas, von dem der Kanzler selbst nicht genau sagen kann, was es bedeutet. Und mit einem Lächeln schreibe ich daneben, was passieren wird. Die Praxen werden geflutet, und wer wegen eines Schnupfens ohnehin schon beim Arzt sitzt, lässt sich nicht einen Tag krankschreiben, sondern gleich die ganze Woche, weil der Arzt sowieso genervt ist. Wäre ich Arzt, ich würde bei diesem Unfug gleich 2 Wochen ausstellen, mit lieben Grüßen nach Berlin.

Zur Rente nur so viel. Wer hat sich diese Konstruktion eigentlich ausgedacht? Ich arbeite, solange ich arbeiten kann. Wenn ich nicht mehr kann, ist der Staat dafür da, mir ein Dach, meine Versorgung und genug zu essen zu sichern, Punkt. Es kann nicht sein, dass einer mit 62 in eine üppige Pension geht und 98 wird, während ein anderer sich bis zum Umfallen abrackert. Wo ist da die Logik. Aber lassen wir das, wir bleiben menschlich.

Denn hier ist der Punkt, an dem mir die Galle hochkommt. Wenn ich am Monatsende kein Geld mehr habe, weil ich falsch gehaushaltet habe, dann esse ich Kartoffeln. Kartoffeln mit Quark, Kartoffeln mit Hüttenkäse, und getrunken wird ohnehin nur Wasser. Ich leiste mir dann nichts, und die Welt geht davon nicht unter. Genau das erwarte ich von einem Staat, der fast eine Billion einnimmt. Herr Merz, ich meine Sie. Herr Klingbeil, ich meine auch Sie. Lernt in erster Linie, mit dem auszukommen, was da ist, so wie es jeder Bürger tun muss, und gebt dem Volk zurück, was es erarbeitet hat, statt immer mehr zu fordern.

Es sagt ja schon das Wort, Lebensunterhalt, ich muss also Unterhalt zahlen, für mich selbst, für das bloße Recht, am Leben zu sein. Wie krank ist das eigentlich. Ein bisschen Arbeit wäre in Ordnung, wenn man sich davon noch das Leben leisten könnte. Aber genau das können immer weniger.

Auch bei mir wird es knapp, und ich gebe es ungern zu

Lasst mich kurz zurück in die frühen Neunziger. Ich musste verdammt viel lernen, Studium und Arbeit gleichzeitig, und ich war so pleite, dass man es sich kaum vorstellen kann. Ich lebte in München in einem Einzimmerloch, 16 Quadratmeter, eine Minidusche, ein Bett, ein Flur mit einer Mikroküchenzeile. 820 Mark Miete für dieses Loch. Nebenbei habe ich als Fitnesstrainer gearbeitet, für 16 Mark die Stunde, und ich war gut, bei einem Probetraining machte fast jeder einen Vertrag, weil ich selbst exzessiv trainierte und man mir das ansah. Die Lizenz dazu hatte ich mir bei der Bundeswehr geholt, 4 Jahre war ich dort.

Ich sage es offen, weil ich nichts beschönige. Ich habe damals auch Anabolika genommen und andere ungesunde Dinge ausprobiert. Nicht aus Dummheit, sondern aus Neugier, weil ich wissen wollte, wie der Körper reagiert, und ich habe es unter Anleitung getan und wieder abgesetzt. Ich erzähle das nicht als Ratschlag, im Gegenteil. Ich erzähle es, weil ich kein Guru bin, der von einem Podest herab predigt. Ich bin einer, der die Dinge selbst durchprobiert hat und weiß, wovon er redet.

Aber worauf ich hinauswill, ist etwas anderes. Damals, mit 20 Mark, bin ich zum Discounter gefahren, in einem uralten Fünfer BMW, 200.000 Kilometer auf der Uhr, die Sitze durchgesessen, ein Loch im Auspuff, das den halben Block weckte, wenn ich morgens ansprang. Das Radio brachte nur noch einen Sender halbwegs sauber herein, und im Sommer roch der ganze Wagen nach warmem Kunstleder und altem Benzin. Er soff wie ein Loch, aber der Sprit war billig, und wenn der Motor lief und die Fenster offen standen, gehörte die Straße mir allein. Reich war ich nicht, aber frei, und für diese 20 Mark hatte ich einen randvollen Einkaufswagen. Vor Kurzem hat mir ein Freund aus New York ein Foto geschickt, von seinem vollen Wagen, und er hatte dafür 490 Dollar hingelegt. Ich kenne allein 2 Amerikaner, die inzwischen in ihrem Auto leben, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. George, hat mir einer geschrieben, ich habe mein ganzes Leben lang gelernt und studiert, und jetzt wohne ich in meinem Wagen.

Das geht quer durch alle Schichten, und es kann jeden treffen, der nicht mit dem goldenen Löffel geboren wurde. Die Zeit, die auf uns zukommt, wird für die meisten von uns eng. Und ich gebe es ungern zu, aber ich bin ehrlich, so wie ich es immer bin. Auch bei mir wird es knapp werden.

Was ich erwarte, wenn ich den Stecker ziehe

Und jetzt kommt der Teil, auf den ich mich freue wie als Kind auf die Sommerferien, diese 6 Wochen, die sich anfühlten, als hätte die Zeit selbst angehalten. So freue ich mich auf diese 5 Tage.

Ich will ehrlich sein, auch mit mir. Ich erwarte, dass die ersten Tage hart werden. Die Hand greift in die leere Tasche, in der sonst das Telefon steckt. Das Phantomvibrieren, dieses eingebildete Summen am Bein, das jeder kennt, der ein Smartphone trägt. Die Langeweile, die hochkriecht, das nagende Gefühl, irgendwo entgeht mir gerade etwas Wichtiges. Das ist keine Schwäche und kein Zufall. Es ist Entzug, und die Forschung benennt ihn genau so, mit Langeweile, mit Reizhunger, mit diesem Ziehen, das die Studien Craving nennen, dasselbe Wort, das man für Nikotin benutzt.

Und weil ich hier keinen Guru-Unsinn verkaufe, sage ich euch, wie die Wissenschaft wirklich dasteht, sie ist gespalten. Manche kontrollierten Studien fanden nach einer Woche ohne soziale Medien weniger Angst und bessere Stimmung. Eine große Übersichtsarbeit von 2025 hat 10 Studien mit fast 4700 Menschen zusammengerechnet und unterm Strich keinen messbaren Effekt auf das Wohlbefinden gefunden, nicht besser und nicht schlechter, kein Wundermittel, nirgends. Wer euch etwas anderes verspricht, verkauft euch etwas.

Ich mag auch das Modewort nicht, das gerade durch jede zweite Zeitleiste geistert, diesen sogenannten Dopamin-Detox. Man setzt Dopamin nicht zurück wie einen Kilometerzähler, das ist Küchenneurologie für Menschen, die einmal ein Video darüber gesehen haben. Was real passiert, ist schlichter und ehrlicher. Die ständige Schleife wird unterbrochen. Reiz, Wisch, kleiner Kick, nächster Reiz, tausendmal am Tag, so ist das Ding gebaut, mit voller Absicht. 5 Tage lang klinke ich mich aus dieser Schleife aus, und ich will mit eigenem Kopf spüren, was dann geschieht.

Denn genau das ist der Punkt. Ich mache diesen Versuch nicht, weil mir eine Studie ein besseres Leben verspricht. Ich mache ihn, weil ich es für mich selbst wissen will, und weil ich ahne, dass die Langeweile, vor der alle davonlaufen, in Wahrheit das Tor ist. Hinter ihr, das ist meine Erwartung, wird es still. Die Aufmerksamkeit, die seit Jahren in tausend Fetzen zerrissen wird, bekommt wieder ein Stück am Stück. Ich werde ein Buch lesen und nicht nach 4 Minuten zum Telefon greifen. Ich werde einen Gedanken zu Ende denken, ohne dass ihn ein Klingeln zerreißt. Vielleicht irre ich mich, vielleicht werde ich am dritten Tag kribbelig und gereizt und schreibe eine ganze Seite darüber, wie sehr ich das Ding vermisse. Auch das käme ins Buch, ehrlich, wie immer.

Und ja, ich freue mich darauf. Ich freue mich auf die Leere, die keine Leere ist. Ich freue mich auf den Moment, in dem das Summen im Kopf leiser wird und ich wieder höre, was ich mir jahrelang selbst übertönt habe.

Ab morgen bin ich weg

Der Ventilator dreht sich noch. Bandit atmet ruhig neben dem Bett, und die Mahnung von heute Morgen liegt noch immer ungelesen auf dem Telefon, weil sie warten kann, weil alles warten kann, was nicht in meinen Kreis gehört. Das ist kein Trotz, sondern die einzige Freiheit, die uns noch bleibt, und sie kostet nichts außer der Bereitschaft, das Sofort eines Fremden nicht zu meinem zu machen.

Vor mir liegt ein Versuch. Ab morgen, ab Dienstag, bin ich weg. 5 Tage kein Handy, keine E-Mail, keine SMS, keine sozialen Medien, keine Nachrichten. 5 Tage öffne ich keinen Briefkasten und keine Post. 5 Tage ist mir egal, was auf dem Konto steht, was irgendwo an irgendeinem Rechner nicht funktioniert, was in Berlin oder in Washington wieder beschlossen wurde, was der Sprit kostet und warum die Nahrung im Laden so teuer geworden ist. 5 Tage lasse ich die Seele baumeln, und ich ziehe das knallhart durch.

Und 5 Tage ist mir sogar egal, ob ich eines Tages sterben werde. Die Angst vor dem Tod, dieses leise Rauschen im Hinterkopf, das die sozialen Medien Tag für Tag ein wenig lauter drehen. Der moderne Mensch zerbricht sich den Kopf über Dinge, über die sich der Homo sapiens niemals zerbrechen musste, und die Angst vor dem eigenen Ende ist die größte davon, sorgsam gefüttert von einem endlosen Strom aus Katastrophen, die ihn nichts angehen. 5 Tage lege ich sie ab.

Ich rede in diesen Tagen mit niemandem, der mir etwas Schlechtes sagt. Ich will, dass mein Kopf zur Ruhe kommt, ich will schlicht nichts mehr wissen. 5 Tage, vielleicht werden es 7, das entscheide ich unterwegs und niemand sonst. Es ist ein Experiment an mir selbst, mit offenem Ausgang, und ich gehe hinein wie in einen Raum, dessen Tür ich hinter mir zuziehe.

Ich schreibe heute noch die wenigen Menschen an, die mir wirklich wichtig sind, und das sind nicht viele, denn Freunde im eigentlichen Sinn habe ich kaum, das war immer so und gehört zu mir, und danach ist Ruhe. Wie es mir nach diesen 5 Tagen ging, was es mit meinem Kopf gemacht hat, das lest ihr nicht hier im Blog, sondern im Buch. Denn mein Wissen kostet, und was das Hamsterrad angeht, bin ich knallhart. Wer wirklich hinauswill, muss zahlen. Aber das eine verspreche ich euch, dieses Buch ist der Schlüssel.

Dies ist der letzte Beitrag für eine lange Zeit. Der Ventilator dreht sich, der Hund schläft, und meine Hand liegt schon am Schalter.

Quellen

  • Groot, P. C., & van Os, J. (2020). Outcome of antidepressant drug discontinuation with tapering strips after 1-5 years. Therapeutic Advances in Psychopharmacology, 10. https://doi.org/10.1177/2045125320954609
  • Lemahieu, L., Vander Zwalmen, Y., Mennes, M., Koster, E. H. W., Vanden Abeele, M. M. P., & Poels, K. (2025). The effects of social media abstinence on affective well-being and life satisfaction: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports, 15, 7581. https://doi.org/10.1038/s41598-025-90984-3
  • Moncrieff, J., Cooper, R. E., Stockmann, T., Amendola, S., Hengartner, M. P., & Horowitz, M. A. (2022). The serotonin theory of depression: a systematic umbrella review of the evidence. Molecular Psychiatry, 28(8), 3243-3256. https://doi.org/10.1038/s41380-022-01661-0
  • Statistisches Bundesamt (Destatis). (2026). Steuereinnahmen: Deutschland, Jahr 2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Steuern/Steuereinnahmen/_inhalt.html
  • Statistisches Bundesamt (Destatis). (2026). Ukrainische Bevölkerung in Deutschland zum 31. Dezember 2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/ukraine.html