Das leise Aufatmen vor dem Ende, und warum wir es fast nie kommen sehen
Über einen Jäger, der noch einmal in Ruhe aß, bevor er ging, über die trügerische Stille, die in der Suizidprävention als Warnzeichen gilt und die wir für Besserung halten, und über die Frage, ob wir eine Regung, die so alt ist wie der Mensch, zu schnell zur Krankheit erklären
Letzte Woche stand ich mit einem Jäger zusammen, und er erzählte mir von einem anderen Jäger aus derselben Gegend, in der ich lebe, der sich vor wenigen Wochen das Leben genommen hat. Was mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht, war eine Kleinigkeit, fast nebensächlich, und doch trägt sie den ganzen Text. Der Mann hatte kurz zuvor noch einmal richtig gegessen, reichlich und mit Genuss, so ausgiebig, dass jemand am Tisch ihn beiläufig fragte, „das darfst du doch gar nicht essen wegen deinem Blutzucker”. Er lächelte nur und aß weiter. Wenige Tage später war er tot, und die, die ihn gekannt hatten, sagten hinterher alle denselben Satz, es sei ihm doch zuletzt wieder besser gegangen.
Genau dieser Satz ist das Gefährliche, und er ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe. Denn dieses scheinbare Bessergehen, diese plötzliche Ruhe, ist in der Suizidprävention kein gutes Zeichen, sondern eines der ernstesten Warnzeichen überhaupt. Eine plötzliche Gelassenheit nach einer langen Zeit der Verzweiflung kann bedeuten, dass ein Mensch die Entscheidung bereits getroffen hat, und dass der innere Kampf deshalb aufgehört hat. Die Umgebung sieht die Ruhe und atmet auf. In Wahrheit ist es der Moment, in dem das Hinsehen am dringendsten wäre und in dem wir am seltensten hinsehen.
Der Suizid kündigt sich fast nie laut an. Das Gefährliche ist die Stille, die wir für Besserung halten, weil wir sie falsch lesen. Ich habe genau diese Stille schon mehrfach erlebt, und ich habe sie jedes Mal zuerst missverstanden, auch bei dem Menschen, der mir am nächsten stand. Deshalb schreibe ich diesen Text, nicht als Statistik und nicht als Mahnung von oben herab, sondern weil ich glaube, dass viel zu wenig und viel zu leise darüber gesprochen wird. Der Suizid ist eines der letzten großen Tabus, denn wir reden heute offener über Krebs, über Geld und über das Sterben an sich, als über die Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, und dieses besondere Schweigen ist kein Zufall, sondern ein altes Erbe, wie sich gleich noch zeigen wird.
Ich schreibe das nicht aus der Theorie heraus. In jahrzehntelanger forensischer Arbeit bin ich dem Tod so nah gekommen, wie man ihm überhaupt kommen kann, und der Suizid war dabei oft genug mein Gegenüber. Ich habe gesehen, was er hinterlässt, an frischen Fällen und an Schädelfunden, die viele Jahrhunderte alt sind, und ich habe ihn auf wenigen Aufnahmen sogar geschehen sehen. Ich sage das nicht, um zu schockieren, sondern damit ihr wisst, aus welcher Nähe ich hier rede. Und ich sage gleich zu Beginn das Wichtigste, damit kein Zweifel bleibt. Ich gebe hier keine Anleitung. Ich arbeite seit einiger Zeit an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu diesem Thema, aber die erscheint auf anderen Plattformen und niemals hier, weil bestimmtes Wissen an den falschen Ort gehört und dort Schaden anrichten würde.
Was ich mit mir trage
Im vergangenen Jahr haben sich 2 sehr gute Bekannte von mir das Leben genommen. Beide waren im selben Rad zusammengebrochen, in dem so viele von uns laufen, bis die Kraft ausgeht, und bei beiden war es dieser Zusammenbruch, der sie am Ende in die Enge trieb. Einer von ihnen hatte kurz zuvor sein Haus verloren, also genau das, was er sich ein Leben lang erarbeitet hatte, den einen festen Punkt, um den herum alles andere gebaut war. Das ist für mich keine Zahl in einer Erhebung, das sind 2 Gesichter, die ich kannte, 2 Stimmen, die ich noch im Ohr habe, und 2 Lücken, die niemand wieder füllt. Bei beiden habe ich mich hinterher lange gefragt, ob es Zeichen gab, die ich in der Hektik des eigenen Rads einfach übersehen habe, und ich fürchte, die ehrliche Antwort lautet ja. Man sieht den anderen laufen, so wie man selbst läuft, und man denkt sich nichts dabei, es geht schon irgendwie weiter, bis es bei ihm eines Tages eben nicht mehr weitergeht.
Und dann ist da Hans. Ich nenne hier seinen Vornamen, weil ich das ausdrücklich darf und weil er es verdient hat, dass an ihn erinnert wird. Im Jahr 2000 war Hans ein Kollege von mir, er arbeitete bei der Polizei, und bei einem Schusswechsel wurde er schwer verletzt. Körperlich hat er überlebt, aber mit den Folgen kam er nie mehr wirklich zurecht, weder mit denen im Körper noch mit denen im Kopf. An dem Tag, an dem seine Frau ihn verließ, nahm er sich das Leben. Seitdem trage ich eine Last mit mir herum, und sie besteht im Kern aus einer einzigen Frage, die nie ganz verstummt. Hätte ich es verhindern können?
Ich habe lange geglaubt, ich hätte ein Signal übersehen, einen lauten Hilferuf, irgendein deutliches Zeichen, das ich nur nicht sehen wollte. Heute weiß ich, dass ich damals nach dem Falschen gesucht habe. Denn auch bei Hans war es zuletzt ruhig geworden, auffällig ruhig, beinahe gelöst, und ich habe diese Ruhe für ein gutes Zeichen gehalten. Wir hatten in den Wochen davor noch geredet, über belanglose Dinge, über die Arbeit und über das Wetter, und nichts davon klang nach Abschied, weil der Abschied bei ihm längst im Inneren stattgefunden hatte, wo ich ihn nicht sehen konnte. Das war der eigentliche Fehler, und ich mache ihn kein zweites Mal, koste es, was es wolle. Wer einen Menschen so verliert, lernt eine bittere Lektion über die eigene Wahrnehmung, und diese Lektion ist der wahre Antrieb hinter jeder Zeile, die jetzt folgt. Ich habe mich in den Monaten danach tief in das Thema eingegraben, so wie ich mich in alles eingrabe, was mir keine Ruhe lässt, und je mehr ich verstand, desto klarer wurde mir, dass fast alle diese Tode eine Vorgeschichte haben, die man hätte lesen können. Nicht immer, aber deutlich öfter, als wir es uns eingestehen wollen.
Seit wann der Mensch sich das Leben nimmt
Wer glaubt, der Suizid sei ein Phänomen unserer überdrehten Gegenwart, der irrt sich gründlich. Er ist so alt wie die überlieferte Geschichte, und die Art, wie eine Gesellschaft mit ihm umging, verrät fast immer mehr über die Gesellschaft als über den Toten. Deshalb lohnt es sich, das einmal von vorne aufzurollen, ruhig und ohne Eile, denn erst der lange Blick zeigt, wie jung unsere heutige Deutung wirklich ist. Wer die Geschichte kennt, hört auf, den Suizid für ein reines Zeichen unserer Zeit zu halten, und beginnt zu verstehen, dass sich über die Jahrtausende vor allem die Erklärungen geändert haben, während die dahinterliegende Verzweiflung erstaunlich dieselbe geblieben ist.
In der Antike war das Urteil erstaunlich uneindeutig. Die soziale und die rechtliche Reaktion schwankten je nach Umstand zwischen Akzeptanz und Strafe, und beides lag manchmal dicht beieinander. Vor allem die stoischen Philosophen sahen im selbstgewählten Tod unter bestimmten Bedingungen einen würdigen Ausweg, und im römischen Denken gab es eine soziale Akzeptanz in eng umrissenen Fällen. Der Verlust der Ehre oder ein unerträglicher körperlicher oder seelischer Schmerz konnten einen solchen Schritt in den Augen der Zeitgenossen rechtfertigen, und Männer wie Sokrates oder Cato blieben auch danach hoch angesehen. Wo eine belagerte Stadt fiel, kam es immer wieder zu Gruppensuiziden der Eingeschlossenen, ein Muster, das die spätere Soziologie eigens benannt hat. Als eine belagerte Festung im Osten des Römischen Reichs fiel, nahmen sich der Überlieferung nach Tausende ihrer Bewohner gemeinsam das Leben, um nicht in die Hände der Sieger zu fallen. Für die Stoiker zählte nicht die bloße Länge eines Lebens, sondern seine Güte, und ein Leben in Würde zu verlassen galt ihnen unter Umständen als ehrenhafter denn ein langes Dahinsiechen. Man muss diese Haltung nicht teilen, und ich teile sie ausdrücklich nicht, aber sie zeigt, dass der Umgang mit dem selbstgewählten Tod nie so eindeutig war, wie unsere Gegenwart gern glaubt.
Bemerkenswert ist, dass es über lange Zeit gar kein neutrales Wort für diese Tat gab. Der moderne Begriff, das lateinische suicidium und seine Ableitungen in den europäischen Sprachen, setzte sich erst im 17. Jahrhundert durch. Über Jahrhunderte hatte die Sprache für den selbstgewählten Tod nur Umschreibungen und Verdammungen bereit, aber kein nüchternes Substantiv, mit dem man ihn hätte benennen können, ohne zugleich zu richten. Das ist kein sprachlicher Zufall, denn eine Tat, für die es kein eigenes, nüchternes Wort gibt, ist eine Tat, die man nicht denken, sondern nur verurteilen kann.
Mit dem Christentum kippte das Urteil dann ins Gegenteil. Augustinus verurteilte im 5. Jahrhundert den Suizid als Verstoß gegen das Gebot, nicht zu töten, und die Kirche zog mit aller Konsequenz nach. Ein Konzil im 6. Jahrhundert verweigerte den Suizidenten die kirchlichen Bestattungsriten, und was folgte, war kalt und methodisch. Die Leichname wurden geschändet, erst aus Gewohnheit, später gesetzlich festgeschrieben, und das Vermögen der Toten fiel nicht selten an die Obrigkeit. Man bestrafte den Toten, weil man den Lebenden nicht mehr erreichen konnte, und diese Logik zieht sich bis in unsere Sprache hinein, wenn wir heute noch von einer Schuld sprechen, wo eigentlich nur eine Verzweiflung war. Wer sich das Leben nahm, wurde vielerorts nicht auf dem Friedhof beigesetzt, sondern am Rand, außerhalb der geweihten Erde, und die Familie trug die Schande über Generationen mit.
Diese Härte hielt sich erstaunlich lange. In weiten Teilen des Westens blieb der versuchte Suizid bis weit ins 20. Jahrhundert strafbar, mancherorts sogar bis in die 1970er Jahre. Erst danach trat an die Stelle der Strafe die Diagnose, und genau hier wird es für mich interessant. Denn die Vorstellung, der Suizid sei die Folge einer Krankheit, ist selbst noch jung. Sie entstand im 19. Jahrhundert, und sie entstand nicht aus einer neuen medizinischen Erkenntnis, sondern aus einem rechtlichen und gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Schuld und Verantwortung. Als die Wissenschaft das Thema schließlich ganz übernahm, prägte Émile Durkheim im Jahr 1897 mit seinem Werk über den Suizid die moderne Forschung und teilte ihn in Typen ein, die bis heute nachwirken. Er unterschied dabei mehrere Grundformen, je nachdem, ob ein Mensch zu wenig oder zu stark in seine Gemeinschaft eingebunden war, und schon diese Einteilung zeigt, dass er den Suizid nie als reines Innenleben verstand, sondern immer auch als Symptom der Verhältnisse. Genau dieser Gedanke, dass die Umstände mitentscheiden, zieht sich bis in diesen Text hinein. Über Jahrtausende war der Suizid also Sünde, Verbrechen oder Ehrentat, und erst in den letzten rund 200 Jahren wurde er langsam zur Diagnose. Der Wechsel von der Strafe zur Diagnose war ein Fortschritt, weil er den Toten die Schande nahm und den Lebenden die Angst vor dem Richter. Aber jeder Fortschritt hat seinen Preis, und der Preis war hier, dass wir seither dazu neigen, jede Form der Verzweiflung in dieselbe medizinische Schublade zu legen.
Ist ein Mensch am Ende seiner Geschichte krank?
Bevor ich weitergehe, muss ich etwas trennen, was ständig in einen Topf geworfen wird.
Und jetzt kommt eine Meinung, die ein paar Leuten wehtun wird, und ich sage sie ausdrücklich als meine Meinung. Wir kategorisieren erst seit einigen Jahrzehnten so, wie wir es heute tun, und trotzdem maßen wir uns an, eine Regung zur Krankheit zu erklären, die so alt ist wie der Mensch selbst. Ja, es gibt die Depression, die aus andauernder Belastung wächst, aus einer Hormon- oder Stoffwechselstörung, und die ist real und gehört in fachkundige Hände, das grenze ich hier klar ab. Aber wenn ein 85-Jähriger nach 70 gemeinsamen Jahren seine Frau verliert und nicht mehr leben will, dann ist das keine Stoffwechselstörung und kein gestörter Hirnstoffwechsel, sondern ein Mensch am Ende seiner Geschichte, und ihn zum Patienten zu erklären, wird ihm nicht gerecht.
Der Mensch ist rund 300.000 Jahre alt, und ich werfe die Frage einfach in den Raum. Gab es vor 300.000 Jahren schon den Suizid, oder ist er erst mit dem Hamsterrad entstanden? Ich beantworte das hier nicht, ich lasse die Frage stehen, weil sie mehr über uns verrät als jede schnelle Antwort.
Und damit das an keiner Stelle falsch ankommt, sage ich es klar und ohne Umweg. Ich rede niemandem seine Behandlung aus. Wer in fachkundiger Behandlung ist, bleibt es, und wer eine braucht, soll sie bekommen. Ich wehre mich nur gegen den Reflex, mit dem wir jede tiefe Verzweiflung sofort zum Fehler im Gehirn erklären und den Menschen dahinter aus den Augen verlieren. Zwischen der behandlungsbedürftigen Depression und der uralten menschlichen Verzweiflung liegt ein Unterschied, und wer ihn einebnet, hilft am Ende keinem von beiden. Ich sage das mit Bedacht, denn ich habe genug Menschen gesehen, denen eine gute Behandlung das Leben gerettet hat, und ich habe genug gesehen, die man mit einem Etikett abgefertigt hat, statt ihnen zuzuhören. Beides ist wahr, und beides muss in einem ehrlichen Text nebeneinander stehen dürfen, ohne dass das eine das andere entwertet.
Wie ein Mensch aus dem Rad fällt
Der normale Mensch merkt gar nicht, dass er in einem Rad läuft. Er läuft und läuft, er stolpert, er fällt heraus, er steigt wieder ein, und er hält das Ganze für das Leben selbst. Stellt euch einen Mann vor, den es genau so trifft, und ich verdichte hier bewusst mehrere Schicksale zu einer einzigen Figur, damit sich niemand konkret wiedererkennt und trotzdem jeder etwas von sich darin sieht. Er läuft 30 Jahre lang brav im Rad, gibt jeden Tag alles, funktioniert, trägt seine Last. Dann verlässt ihn die Frau, dann entfernen sich nach und nach die Kinder, dann muss das Haus verkauft werden, und mit 60 steht er da und hat nichts mehr, keinen Besitz, keine Aufgabe, keinen Menschen an seiner Seite. Das ist der Punkt, an dem es gefährlich wird, und es ist nicht das laute Drama, das ihn dorthin bringt, sondern die leere Bilanz eines Lebens, das nur noch gerannt ist. Und das Tückische ist, dass dieser Mann von außen lange völlig normal aussieht. Er steht morgens auf, er geht zur Arbeit, er grüßt die Nachbarn, und niemand ahnt, dass unter der Oberfläche längst alles in sich zusammengefallen ist. Erst wenn er still wird, wenn er beginnt, seine Dinge zu ordnen und sich leise zu verabschieden, beginnt für die Aufmerksamen die eigentliche Alarmstufe.
Die Forschung unterscheidet verschiedene Formen, und die Unterschiede sind wichtig, wenn man verstehen will, was eigentlich geschieht. Es gibt den erweiterten Suizid, bei dem ein Mensch andere mit in den Tod nimmt, weil er sie in seiner verzerrten Logik nicht allein und schutzlos zurücklassen will. Es gibt den Affektsuizid, der aus einem plötzlichen, überwältigenden Impuls heraus geschieht, ohne lange Vorbereitung, in einem einzigen dunklen Moment. Und es gibt den geplanten Suizid, der über Wochen still heranreift, und der von außen am schwersten zu erkennen ist, weil der Mensch nach der Entscheidung oft ruhiger wirkt und nicht verzweifelter. Diese letzte Form beschäftigt mich am meisten, weil sie sich der einfachen Vorstellung entzieht, ein suizidaler Mensch sei immer ein sichtbar verzweifelter Mensch. Oft ist das genaue Gegenteil der Fall, und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.
Und dann ist da noch der angekündigte Suizid, und hier räume ich mit einem gefährlichen Irrglauben auf. Viele Menschen sagen irgendwann den Satz, „dann bringe ich mich eben um”, manchmal um einen Partner unter Druck zu setzen, manchmal aus purer Erschöpfung. Es gibt die bequeme Antwort darauf, wer davon rede, der tue es ohnehin nicht. Dieser Satz ist falsch, und er kostet Menschenleben. Die Suizidprävention ist sich einig, dass jede solche Äußerung ernst zu nehmen ist, und dass gerade das offene Ansprechen niemandem eine Idee einpflanzt, sondern im Gegenteil eine Tür öffnet, durch die ein Mensch endlich reden kann. Ich gehöre nicht zu denen, die eine solche Ankündigung als Lappalie abtun. Ausnahmen bestätigen hier keine Regel, sie zeigen nur, wie wenig wir am Ende wirklich wissen.
Die Zeichen, die wir lesen lernen können
Wenn ich zurückblicke auf die Menschen, die ich verloren habe, dann finde ich immer wieder dieselbe Struktur. Sie schließen für sich ab. Sie regeln, was noch zu regeln ist, sie verschenken Dinge, an denen ihr Herz nie besonders hing, sie nehmen Abschied, ohne dass man im Moment merkt, dass es ein Abschied ist, und dann legt sich diese Ruhe über sie, die die Umgebung so sehr erleichtert. Genau diese Vorbereitungen, das Ordnen der Angelegenheiten und das stille Abschiednehmen, gelten in der Prävention als Warnzeichen, wenn sich kein anderer harmloser Grund dafür finden lässt. Bei Hans war es so, bei dem Jäger war es so, und je öfter ich es sehe, desto weniger halte ich diese Ruhe je wieder für ein gutes Zeichen. Was man tun kann, ist einfacher, als die meisten glauben, und zugleich schwerer, als es klingt. Man kann fragen, direkt und ohne Umschweife, ob ein Mensch gerade daran denkt, sich etwas anzutun, und man muss dabei keine Angst haben, ihn erst auf die Idee zu bringen, denn genau diese Angst ist selbst ein Mythos. Wer fragt, pflanzt nichts ein, sondern gibt einem Menschen die seltene Erlaubnis, ehrlich zu antworten.
Ich hatte vor rund 15 Jahren eine Bekannte, deren Namen ich hier nicht schreibe. Sie war sehr krank und sehr hilflos, und sie hat sich am Ende ein Hotelzimmer gemietet, um für sich allein zu sein. Während dessen, was dann folgte, und ich nenne es ruhig ihren Todeskampf, hat sie noch einen sehr langen, sehr dichten Abschiedsbrief geschrieben, über mehrere Seiten hinweg. Ich schreibe hier bewusst nicht, wie sie es getan hat, weil das niemandem hilft und manchem schaden könnte. Was bleibt, ist dieser Brief, das lange Ringen um Worte am Ende eines Lebens, und die Einsamkeit eines Menschen, der bis zuletzt glaubte, es gebe keinen anderen Ausweg mehr. Und doch, das ist das Bittere daran, hätte es an mehreren Stellen einen Ausweg gegeben, wenn nur jemand rechtzeitig die richtige Frage gestellt hätte. Nicht weil ein einzelner Satz einen Menschen im Alleingang rettet, sondern weil er die Tür einen Spalt öffnet, durch die Hilfe überhaupt erst hereinkommen kann.
Und hier steht der wichtigste Satz dieses ganzen Textes, und er stammt nicht von mir, sondern aus der Suizidprävention. Die allermeisten Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, wollen nicht den Tod. Sie wollen, dass der Schmerz aufhört. Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn der Schmerz lässt sich manchmal lindern, und der Mensch, der ihn trägt, ist bis zuletzt erreichbar, wenn ihn nur jemand rechtzeitig erreicht. Wer das begreift, hört auf, im Suizid eine Entscheidung gegen das Leben zu sehen, und beginnt, in ihm einen verzweifelten Versuch zu sehen, ein unerträgliches Leiden zu beenden.
Das System, das wegsieht
Selten ist es eine einzige Ursache. Meist ist es ein ganzes Bündel, und die Fäden laufen so lange zusammen, bis der Mensch sie selbst nicht mehr auseinanderhalten kann. Da ist eine posttraumatische Belastungsstörung, oft bei ehemaligen Soldaten, die in einem einzigen Einsatz mehr gesehen haben, als ein Mensch verarbeiten kann. Da ist der Verlust der Aufgabe, die einem morgens überhaupt einen Grund zum Aufstehen gab. Da ist die finanzielle Not, bis hin zum Hunger, und das ausgerechnet in einer Zeit, in der es mehr Milliardäre auf der Welt gibt als je zuvor. Und über allem liegt der schwere, für viele schlicht versperrte Zugang zu wirklich kompetenter Hilfe. Kommt dann noch die Einsamkeit hinzu, das Gefühl, niemandem mehr zur Last fallen zu wollen, dann schließt sich der Kreis. Der Mensch zieht sich zurück, meldet sich seltener, sagt Verabredungen ab, und die Umgebung deutet es als Ruhebedürfnis, dabei ist es oft der leise Beginn eines Rückzugs, aus dem manche nicht mehr zurückfinden.
Schaut in die USA, dann sieht man es in aller Deutlichkeit. Nach den Zahlen der amerikanischen Veteranenbehörde nehmen sich dort im Schnitt rund 17 bis 18 ehemalige Soldaten pro Tag das Leben, und von denen, die im Jahr 2023 starben, war die Mehrheit im letzten Lebensjahr nicht mehr in der Versorgung der Behörde. Ein Mensch dient sein halbes Leben, oft mit dem eigenen Körper als Einsatz, und danach lässt man ihn allein, in einem Land, in dem eine Krankenversicherung keine Pflicht ist und wirklich kompetente Hilfe für viele schlicht unbezahlbar bleibt. Das ist die unterste Gürtellinie, die ich mir vorstellen kann, und in Deutschland ist es im Kern nicht anders. Der Hamster läuft 30 Jahre brav im Rad, dann bricht er zusammen, und dann ist eben kein Netz da, das ihn auffängt. Ich finde dafür kein mildes Wort, denn wer einen Menschen benutzt, solange er stark ist, und ihn fallen lässt, sobald er schwach wird, hat den Kern dessen verraten, was eine Gemeinschaft überhaupt zusammenhält.
Weltweit zählt die Weltgesundheitsorganisation für das Jahr 2021 rund 727.000 Suizide, und die Dunkelziffer gilt als hoch, die tatsächliche Zahl liegt vermutlich deutlich darüber. Diese Zahl ist so groß, dass sie unwirklich wird, und genau deshalb muss man sie sich einmal wirklich vor Augen führen. Das sind fast so viele Menschen, wie in einer Großstadt wie Frankfurt am Main leben, und man muss sich einmal vorstellen, wie sich diese ganze Stadt Jahr für Jahr selbst auslöscht, lautlos, ohne Schlagzeile und ohne eine einzige Fahne auf halbmast. Und hinter jeder einzelnen dieser Zahlen steht kein Datenpunkt, sondern ein Mensch, der Hoffnung hatte und Angst, der geliebt und verzweifelt hat, ein ganzes Leben, das an einem einzigen Punkt zerbrach. Über eine Zahl dieser Größenordnung wird trotzdem erstaunlich leise gesprochen, so leise, als wäre das Schweigen selbst schon ein Teil des Problems. Wir reden über alles, über Aktienkurse und über das Wetter, aber über die Menschen, die still aus dem Rad fallen, reden wir am liebsten gar nicht. Und ich bin überzeugt, dass es in einer Zeit wie unserer möglich sein muss, hier einzugreifen, bevor ein Mensch überhaupt an diesen Rand gerät.
Und jetzt kommt meine Meinung, klar als solche gekennzeichnet. Ich klage ein System an, das seine Menschen so lange auspresst, bis sie unter der Last zusammenbrechen, und das dann bei ihrem Zerbrechen wegsieht. Nicht für jede einzelne Verzweiflung, die ist immer vielschichtig und hat viele Wurzeln, das habe ich weiter oben gesagt und ich nehme es kein Stück zurück. Aber für die Bedingungen, unter denen aus bloßer Erschöpfung eine Hoffnungslosigkeit wird, tragen jene eine Mitverantwortung, die diese Bedingungen schaffen und verwalten. Und ich prange nicht nur den Staat an, das wäre mir zu bequem. Ich prange auch die Menschen an, die es hätten sehen können, und die lieber auf ihr Handy geschaut haben als auf den Menschen direkt vor ihnen. Und bevor mir jemand vorwirft, ich würde es mir zu leicht machen, nein, ich behaupte nicht, der Staat bringe Menschen um. Ich behaupte, dass eine Gesellschaft, die den Einzelnen erst auspresst und ihn dann übersieht, sich nicht wundern darf, wenn immer mehr Menschen den Halt verlieren. Und ich sage es ganz persönlich, als das, was es ist, meine Meinung. Wäre ich Milliardär, gäbe es in meinem Land keinen Hunger und keine Not mehr, denn zu viele der wirklich Reichen glauben allen Ernstes, sie könnten ihren Reichtum am Ende mitnehmen. Und wäre ich Kanzler, dann liefe hier einiges anders, dann bekäme mein Land zurück, was es irgendwann verloren hat, ein Herz.
Der fremde Mensch an der Kasse
Ich schreibe die letzten Zeilen dieses Textes in der Schlange an einer Supermarktkasse, und das ist kein Zufall, denn genau hier, im Alltäglichsten, entscheidet sich das meiste. Vor mir steht ein Mensch mit leerem Blick, und ich meine diese eine bestimmte Sorte Blick, die ich sofort erkenne, weil ich einer dieser feinfühligen Menschen bin, die zwischen den Zeilen lesen, ob sie wollen oder nicht. Früher hätte man so jemanden angesprochen, einfach so, über das Wetter oder über nichts. Heute schaut jeder auf sein Handy, ich an schlechten Tagen eingeschlossen, und der Mensch mit dem leeren Blick bleibt allein in seiner eigenen Stille stehen.

Wir haben verlernt, fremde Menschen anzusprechen. Wir haben den einfachen Satz verlernt, „hey, geht es dir gut, kann ich dir vielleicht helfen”. Ich verurteile die Menschen, die aus dem Rad fallen, mit keinem einzigen Wort, und ich bemitleide sie auch nicht, denn das Mitleid macht sie klein und trifft nicht, was sie wirklich brauchen. Was ich empfinde, ist etwas ganz anderes, es ist eine kalte Wut auf eine Welt, in der wir dicht an dicht leben und trotzdem so einsam sind, dass ein Mensch direkt neben uns zerbrechen kann, ohne dass irgendjemand den Kopf hebt. Wir sind zu einer Gesellschaft von Nebeneinanderläufern geworden, jeder in seinem eigenen kleinen Rad, und wir haben darüber die einfachste menschliche Fähigkeit verlernt, die es gibt, nämlich einen anderen wirklich zu sehen und ihn spüren zu lassen, dass er gesehen wird.
Und falls du das hier gerade liest und selbst an diesem Rand stehst, dann sagt dir dieser Text das genaue Gegenteil von dem, was die Erschöpfung dir einflüstert. Du willst nicht den Tod, du willst, dass der Schmerz aufhört, und der Schmerz ist nicht das Ende deiner Geschichte, auch wenn er sich gerade so anfühlt. Sprich mit einem Menschen darüber, mit irgendeinem, und wenn dir gerade niemand einfällt, dann erreichst du in Deutschland die Telefonseelsorge rund um die Uhr, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111. Es kostet nichts, den einfachen Satz zu sagen, außer der kurzen Unbequemlichkeit, für einen Moment aus dem eigenen Rad zu steigen. Und vielleicht ist genau das der einzige Beitrag, den die meisten von uns wirklich leisten können, nicht die große Rettung, sondern der kleine Blick, der einem Menschen zeigt, dass er nicht unsichtbar ist.
Ich werde weiter hinsehen, das ist alles, was ich versprechen kann. Ich werde den fremden Menschen an der Kasse ansprechen, auch wenn es unbequem ist, auch wenn er mich abweist, weil das eine Mal, das mich nicht abweist, alles verändern kann. Für Hans kam ich zu spät. Für den Menschen vor mir in der Schlange vielleicht nicht, und genau deshalb hebe ich jetzt den Kopf und frage.
Haftungsausschluss
Dieser Beitrag behandelt den Suizid, ein sehr sensibles Thema, über das viel zu selten gesprochen wird. Er vermittelt allgemeine Informationen, historische Zusammenhänge und persönliche Einschätzungen. Er stellt keine medizinische, psychotherapeutische, psychiatrische oder rechtliche Beratung dar, ermöglicht keine Diagnose und ersetzt weder eine Behandlung noch eine Begleitung durch eine qualifizierte Fachperson. Aussagen, die im Text ausdrücklich als persönliche Meinung gekennzeichnet sind, sind persönliche Meinung und keine gesicherte Erkenntnis, und das gilt besonders für die Einordnung von Depression und Verzweiflung.
Dieser Text gibt bewusst keinerlei Anleitung, keine Methoden und keine Mittel. Wer sich in einer akuten Krise befindet oder Gedanken hat, sich das Leben zu nehmen, ist nicht allein und wendet sich unverzüglich an ärztliche Hilfe, an den Notruf 112 oder in Deutschland an die Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111. Niemand muss diesen Weg allein gehen, und Hilfe ist erreichbar, auch dann, wenn es sich gerade nicht so anfühlt.
Für Entscheidungen, die Leserinnen und Leser auf Grundlage dieses Textes treffen, wird keine Haftung übernommen, soweit gesetzlich zulässig.
Quellen
- Durkheim, É. (1897). Le suicide: Étude de sociologie. Félix Alcan.
- HelpGuide. (2025). Suicide prevention: How to help someone who is suicidal.
- Mayo Clinic Health System. (2024). 8 common myths about suicide.
- Psychiatric Times. (2025). A „sickness of our time”: How suicide first became a research question.
- TelefonSeelsorge Deutschland. (2026). TelefonSeelsorge: Telefon, Chat und Mail.
- U.S. Department of Veterans Affairs. (2024). National Veteran Suicide Prevention Annual Report. Office of Mental Health and Suicide Prevention.
- World Health Organization. (2025). Suicide worldwide in 2021: Global Health estimates. World Health Organization.