Große Pupillen auf Vergleichsfotos: Stress oder Drogen?
Zu Beginn meiner Arbeit als Sachverständiger ist mir auf den Vergleichsfotos von Beschuldigten immer wieder dasselbe aufgefallen. Riesige Pupillen. Schwarze Scheiben, die fast die ganze Iris verschluckten, und das mitunter trotz Blitz, also unter einer Lichtmenge, bei der eine gesunde Pupille sich eigentlich zu einem kleinen Punkt zusammenziehen müsste. Diese Aufnahmen stammten fast ausnahmslos von Ermittlern oder von Gericht. Es waren keine Partyfotos, keine heimlichen Schnappschüsse aus einer durchzechten Nacht, sondern nüchterne behördliche Lichtbilder, aufgenommen in Vernehmungsräumen und auf Fluren von Justizgebäuden. Und trotzdem starrten mich von ihnen Augen an, die aussahen, als hätte ihr Träger gerade etwas eingeworfen.
Das hat mich nicht losgelassen. Denn ein Lichtbild ist im Strafverfahren nie nur ein Lichtbild. Es wandert in die Akte, es wird betrachtet, es erzeugt einen Eindruck, und der Eindruck einer weit aufgerissenen Pupille flüstert dem Betrachter, der es nicht besser weiß, ein einziges Wort zu. Drogen. Genau dieses Flüstern ist gefährlich, weil es eine medizinische Beobachtung in eine moralische Vorverurteilung übersetzt, ohne dass dazwischen auch nur ein einziger Beleg läge. Ich habe also angefangen zu graben, und was ich fand, ist komplizierter und zugleich klarer, als die schnelle Antwort vermuten lässt. Ein Detail dazu geht mir bis heute nach. Ein Lichtbild lässt sich nicht ins Kreuzverhör nehmen. Ein Zeuge, der behauptet, der Beschuldigte habe glasige Augen gehabt, muss erklären, woran er das festmacht, und ein Verteidiger kann nachhaken. Das Foto dagegen behauptet nichts und beweist scheinbar alles. Es liegt einfach da und wirkt, und gegen einen Eindruck, der ohne Worte auskommt, lässt sich schwerer argumentieren als gegen eine ausgesprochene Behauptung. Genau deshalb habe ich mir bei diesen Aufnahmen ein besonderes Misstrauen angewöhnt.
Die schnelle Antwort wäre nämlich tatsächlich: Stress. Eine große Pupille ist sehr oft eine ganz gewöhnliche Stressreaktion. Aber die schnelle Antwort ist eben nur der Anfang, nicht das Ende. Bevor wir also über Drogen reden, über Stress, über seltene Augenleiden und über den Taschenlampentest des Streifenpolizisten, müssen wir kurz verstehen, was eine Pupille überhaupt ist. Nicht als poetisches Fenster zur Seele, sondern als das, was sie mechanisch wirklich darstellt. Ein Ventil.
Die Pupille ist kein Stimmungsbarometer, sondern ein autonomes Ventil
Die Pupille ist nichts weiter als das Loch in der Mitte der Iris, durch das Licht ins Auge fällt. Ihre Größe wird von zwei gegeneinander arbeitenden Muskeln bestimmt, und diese beiden Muskeln gehorchen zwei verschiedenen Herren. Der Schließmuskel, der Musculus sphincter pupillae, verengt die Pupille und steht unter parasympathischer Kontrolle, dem Teil des vegetativen Nervensystems, der für Ruhe, Verdauung und Erholung zuständig ist. Der Erweiterer, der Musculus dilatator pupillae, reißt die Pupille auf und gehorcht dem Sympathikus, jenem System, das den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Steinhauer und Kollegen haben diese duale Steuerung in einer kontrollierten Studie sauber auseinandergerechnet und gezeigt, dass eine Erweiterung der Pupille sowohl durch das Anwerfen des Sympathikus als auch durch das Wegnehmen der parasympathischen Bremse zustande kommt (Steinhauer et al., 2004). Die Wege dahinter sind zwei getrennte Leitungen. Der parasympathische Befehl zur Verengung entspringt einem Kerngebiet im Hirnstamm, dem Edinger-Westphal-Kern, und läuft mit dem dritten Hirnnerven zum Schließmuskel. Der sympathische Befehl zur Erweiterung nimmt einen absurd langen Umweg, er zieht vom Hypothalamus hinab bis ins obere Rückenmark und von dort über eine Kette von Schaltstationen im Hals wieder hinauf zum Auge. Für unseren Zusammenhang zählt nur die Konsequenz. Zwei unabhängige Systeme ziehen an derselben Pupille, und ihre Größe in einem gegebenen Moment ist immer das Ergebnis eines Tauziehens, niemals eines einzelnen Befehls. Daraus folgt auch, warum mich die Aufnahmen trotz Blitz so beschäftigt haben. Ein Blitz ist ein starker Lichtreiz, der die Pupille eigentlich zusammenziehen müsste. Wenn sie trotzdem weit bleibt, hat in diesem Moment die sympathische Erweiterung oder die parasympathische Hemmung so kräftig gezogen, dass selbst ein direkter Lichtreiz dagegen nicht ankam. Das sagt mir, dass die Erregung erheblich war, und es sagt mir noch immer nicht, woher sie kam. Dazu kommt ein nüchternes messtechnisches Problem, das in meinem Fach jeder kennt. Aus einem gewöhnlichen Lichtbild lässt sich die absolute Größe einer Pupille gar nicht zuverlässig bestimmen. Ohne Maßstab im Bild, ohne bekannte Lichtverhältnisse, ohne definierten Abstand schätzt der Betrachter, und er schätzt vor dem Hintergrund dessen, was er ohnehin erwartet. Eine Pupille, die man für auffällig weit hält, kann schlicht in einem abgedunkelten Raum aufgenommen worden sein, in dem jede gesunde Pupille weit ist. Der Eindruck einer Drogenpupille entsteht dann nicht im Auge des Fotografierten, sondern im Kopf des Betrachters. Genau hier verschwimmt die Grenze zwischen Beobachtung und Projektion, und genau hier muss ein Gutachter am wachsamsten sein.
Der Erweiterer wird über Noradrenalin angesteuert, das an sogenannten Alpha-1-Rezeptoren andockt. Das ist derselbe Botenstoff, der das Herz schneller schlagen lässt, den Blutdruck hebt und die Bronchien weitet. Eine weite Pupille ist also kein eigenständiges Phänomen, sie ist Teil eines Gesamtprogramms. Der Körper schaltet auf Kampf oder Flucht, und die Pupille wird weit gestellt, weil mehr Licht ins Auge soll, weil das Sichtfeld geschärft, die Gefahr fixiert, die Umwelt mit höchster Aufmerksamkeit abgetastet werden soll. Evolutionär ergibt das Sinn. Wer dem Säbelzahntiger gegenübersteht, braucht keine auf Lesedistanz eingestellte Pupille, sondern eine, die jede Bewegung am Rand des Blickfelds registriert.
Daraus folgt etwas, das für die forensische Bewertung entscheidend ist. Die Pupille ist ein Anzeiger des Erregungszustands, nicht der Ursache dieser Erregung. Sie sagt dir, dass der Sympathikus feuert. Sie sagt dir nicht, warum er feuert. Und genau hier liegt der Denkfehler, der einer weiten Pupille auf einem Behördenfoto reflexhaft das Etikett Droge anheftet. Der Sympathikus unterscheidet nicht zwischen einem chemisch erzeugten Feuer und einem durch Todesangst erzeugten Feuer. Für den Erweiterermuskel ist Noradrenalin gleich Noradrenalin, ganz gleich, ob es eine Substanz freigesetzt hat oder die schlichte Tatsache, dass der Mensch gerade in einem Vernehmungsraum sitzt und nicht weiß, ob er das Gebäude als freier Mann wieder verlässt.
Der naheliegendste Verdacht ist der falsche
Was setzt einen Menschen unter mehr Stress als ein laufendes Ermittlungsverfahren? Mir fällt wenig ein. Eine Festnahme, eine Durchsuchung, eine Vernehmung, der Moment, in dem das Lichtbild gemacht wird, all das sind Ausnahmezustände, in denen der Körper exakt jenes Programm fährt, das die Pupille weit stellt. Der Beschuldigte muss dafür nicht das geringste konsumiert haben. Es genügt vollständig, dass er Angst hat, und Angst hat in dieser Lage so ziemlich jeder, der Schuldige wie der Unschuldige. Und es muss nicht einmal Angst sein. Steinhauer und Kollegen zeigten, dass die Pupille auf Erregung an sich reagiert, unabhängig davon, ob das auslösende Gefühl angenehm oder unangenehm ist (Steinhauer et al., 2004). Wut, Anspannung, Aufregung, selbst die schiere Reizüberflutung einer fremden und einschüchternden Umgebung treiben dieselbe sympathische Reaktion an. Die Pupille ist ein Erregungsmesser, kein Angstmesser und schon gar kein Schuldmesser. Ein Mensch, der sich zu Unrecht beschuldigt fühlt und vor Empörung kocht, hat aus demselben Grund weite Pupillen wie einer, der vor Angst zittert. Das Bild kann die beiden nicht auseinanderhalten, und der Betrachter, der nur das Bild vor sich hat, kann es ebenso wenig. Genau diese Vieldeutigkeit verbietet jede schnelle Lesart, und genau sie verschwindet, sobald jemand das Foto mit einer fertigen Erwartung betrachtet.
Bitsios und Kollegen haben dazu ein Detail herausgearbeitet, das man kennen muss, wenn man Behördenfotos beurteilt. Sie ließen Probanden ein aversives Ereignis erwarten, konkret einen elektrischen Schlag, und maßen dabei die Pupille. Das Ergebnis war eindeutig. Schon die bloße Erwartung des Unangenehmen, noch bevor irgendetwas geschah, vergrößerte den Ausgangsdurchmesser der Pupille und dämpfte zugleich ihre Reaktion auf Licht (Bitsios et al., 2004). Die Antizipation reicht. Der Körper muss gar nicht real bedroht werden, er muss die Bedrohung nur kommen sehen. Übersetze das in die Situation auf dem Polizeirevier, und du hast die Erklärung für einen erheblichen Teil der weiten Pupillen, die mir über die Jahre auf Vergleichsfotos begegnet sind. Der Mensch sitzt da, erwartet nichts Gutes, und sein vegetatives Nervensystem stellt die Pupille genau so ein, wie es ein Stimulanzienkonsum auch täte. Dabei muss man zwei Geschwindigkeiten der Stressantwort auseinanderhalten. Die schnelle läuft rein nervlich, der Sympathikus feuert in Sekundenbruchteilen, und die Pupille reagiert praktisch sofort. Die langsamere läuft hormonell über die Nebenniere und das Cortisol und braucht Minuten. Auf einem Vergleichsfoto sehen wir die schnelle, die nervliche, und genau die weitet die Pupille. Der Mensch muss also nicht stundenlang Angst aufgebaut haben, der Moment der Aufnahme genügt vollständig.
Hier liegt die eigentliche Pointe, und sie ist von einer Ironie, die einem den Spaß verderben kann. Die Aufnahmesituation selbst erzeugt das vermeintliche Drogenzeichen. Das Foto, das den Verdacht begründen soll, produziert das Merkmal, auf das sich der Verdacht stützt. Man fotografiert einen verängstigten Menschen unter Stress und liest aus dem Foto anschließend ab, der Mensch stehe unter Stoff. Der Schließmuskel der Pupille hat in diesem Moment gegen den Sympathikus keine Chance, und der Sympathikus läuft, weil die Situation ist, wie sie ist. Wer das nicht weiß, verwechselt die Wirkung der Vernehmung mit der Ursache der Vernehmung.
Ich will nicht so tun, als sei damit jede weite Pupille erklärt. Das wäre derselbe Kurzschluss, nur in die andere Richtung. Stress ist die häufigste, aber nicht die einzige Erklärung, und ein seriöser Gutachter macht es sich nicht leichter, als es ist. Drogen können tatsächlich die Ursache sein. Nur eben nicht alle, und nicht so eindeutig, wie das Bauchgefühl es gern hätte.
Wenn es doch die Drogen sind
Reden wir über die Chemie, und reden wir präzise, denn hier wird der größte Unfug verbreitet. Es gibt nicht die Droge, die große Pupillen macht. Es gibt Substanzklassen, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen, und genau diese Richtung ist forensisch das Entscheidende.
Stimulanzien weiten die Pupille. Amphetamin, Methamphetamin und Kokain wirken sympathomimetisch, sie ahmen also genau jenes Kampf-oder-Flucht-Programm nach, das auch der Stress anwirft, indem sie die Verfügbarkeit von Noradrenalin und Dopamin im Nervensystem erhöhen. Holze und Kollegen haben in einer kontrollierten Doppelblindstudie mit 28 gesunden Probanden gezeigt, dass D-Amphetamin, neben LSD und MDMA, eine deutliche sympathomimetische Reaktion auslöst, zu der unter anderem ein messbarer Anstieg der Pupillengröße gehört (Holze et al., 2020). Die Pupille reagiert auf Kokain oder Methamphetamin im Grundsatz nicht anders, weil der Mechanismus derselbe ist. Die Studie von Holze arbeitete mit klar definierten Dosen, 40 Milligramm D-Amphetamin, und verglich sie direkt mit 0,1 Milligramm LSD und 125 Milligramm MDMA, wobei alle drei Substanzen die Pupille in vergleichbarem Maß weiteten (Holze et al., 2020). Kokain bringt zusätzlich eine örtlich betäubende Komponente mit, ändert am sympathomimetischen Grundeffekt auf die Pupille aber nichts.
MDMA, das Ecstasy der Klubnächte, gehört in eine eigene Schublade, schlägt aber in dieselbe Kerbe. Hysek und Liechti haben mit Infrarot-Pupillometrie genau gemessen, was die Substanz mit dem Auge macht. MDMA erzeugte eine Mydriasis, also eine weite Pupille, verlängerte die Reaktionszeit auf Licht und schwächte die Lichtreaktion ab, und dieser Effekt hielt an, solange die Substanz im Blut kreiste, und normalisierte sich erst nach etwa 6 Stunden (Hysek und Liechti, 2012). Diese Messung war keine beiläufige Beobachtung, sondern stammte aus fünf placebokontrollierten Studien mit jeweils 16 gesunden Probanden, in denen die Pupille per Infrarotpupillometrie aufgezeichnet wurde (Hysek und Liechti, 2012). Solche kontrollierten Bedingungen sind der Grund, warum man dem Befund trauen kann, anders als der Alltagsbeobachtung im Vernehmungsraum, wo Dutzende Störgrößen durcheinanderlaufen. Vermittelt wird das, anders als bei reinen Stimulanzien, durch ein Zusammenspiel von Noradrenalin und Serotonin. Die weite Pupille nach MDMA ist damit gut belegt und kein Mythos der Aufklärungsbroschüren.
Die Halluzinogene schließlich, LSD, Psilocybin aus dem Pilz und Meskalin aus dem Kaktus, weiten die Pupille über einen dritten Weg. Sie greifen am Serotoninsystem an, genauer am 5-HT2A-Rezeptor, den Halberstadt in seiner Übersichtsarbeit als den primären Wirkort dieser Substanzklasse beschreibt (Halberstadt, 2015). Dass dieser serotonerge Angriff sich bis zur Pupille durchschlägt, zeigt wiederum die Studie von Holze, in der LSD die Pupille genauso vergrößerte wie MDMA und Amphetamin (Holze et al., 2020). Drei verschiedene chemische Wege, ein gemeinsames sichtbares Ergebnis.
Und jetzt der Teil, der in der reflexhaften Gleichung weite Pupille gleich Droge regelmäßig untergeht. Es gibt eine große, gesellschaftlich höchst relevante Substanzklasse, die das genaue Gegenteil bewirkt. Opioide, also Heroin, Morphin, Fentanyl und die ganze Verwandtschaft, verengen die Pupille bis zur Stecknadelkopfgröße. Wer also aus einer weiten Pupille auf Drogenkonsum schließt, schließt damit Opioide praktisch aus und deutet allenfalls auf Stimulanzien, MDMA oder Halluzinogene. Die Pupille ist demnach nicht der Lügendetektor für Konsum schlechthin, sondern bestenfalls ein grober Hinweis auf eine bestimmte Richtung. Sie kann eine Tür öffnen und eine andere schließen, aber sie nennt niemals den Stoff beim Namen. In der Notfallmedizin fasst man das unter dem Begriff der Toxidrome zusammen, der typischen Symptomkombinationen einzelner Substanzgruppen. Das sympathomimetische Toxidrom der Stimulanzien geht mit weiten Pupillen einher, das opioide Toxidrom mit stecknadelkopfgroßen. Wer also nur die Pupille kennt und sonst nichts, kann bestenfalls ein Toxidrom grob eingrenzen, aber niemals eine konkrete Substanz benennen, und schon gar nicht den Konsum beweisen. Es gibt noch eine zweite Dimension, die das Foto verschweigt, die Zeit. Eine stressbedingte Weite ist flüchtig, sie schwankt von Sekunde zu Sekunde mit dem inneren Zustand und ist wieder verschwunden, sobald der Mensch zur Ruhe kommt. Eine substanzbedingte Weite dagegen hält an, solange der Stoff im Blut kreist, und bei MDMA folgt die Pupillenweite sogar dem Konzentrationsverlauf der Substanz und bildet sich erst nach Stunden zurück (Hysek und Liechti, 2012). Ein einzelnes Foto ist aber eine Momentaufnahme ohne Zeitachse. Es kann zwischen dem flüchtigen Stressmoment und der anhaltenden Substanzwirkung nicht unterscheiden, weil es beide auf denselben einen Augenblick einfriert. Wer aus dieser einen eingefrorenen Sekunde eine Aussage über Stunden ableitet, dichtet dem Bild eine Information an, die es technisch nicht enthält.
Die medizinischen Doppelgänger
Es gibt eine dritte Gruppe von Ursachen, die in der Hitze des Verdachts gern übersehen wird, weil sie weder spektakulär noch moralisch aufgeladen ist. Eine weite oder schlecht reagierende Pupille kann schlicht ein körperlicher Befund sein, der mit Stress und Drogen nicht das Geringste zu tun hat. Wer das nicht auf dem Schirm hat, verwechselt eine angeborene oder erworbene Anatomie mit einem Schuldbeweis.
Beginnen wir mit dem extremsten Fall, der Aniridie. Dabei fehlt die Iris von Geburt an ganz oder fast ganz, meist durch eine Veränderung im PAX6-Gen, sodass das Auge aussieht, als bestünde es nur noch aus einer riesigen Pupille. Landsend und Kollegen beschreiben in ihrer umfassenden Übersicht die ganze Bandbreite dieser seltenen Erkrankung, deren Häufigkeit zwischen 1 von 64.000 und 1 von 96.000 Menschen liegt (Landsend et al., 2021). Selten, gewiss, aber wer einem solchen Menschen begegnet und reflexhaft auf Drogen tippt, blamiert sich gründlich, denn hier ist die scheinbar gigantische Pupille schlicht das Fehlen der Iris.
Dann das Adie-Syndrom, auch tonische Pupille genannt. Hier ist eine Pupille dauerhaft weiter als die andere und reagiert nur träge und verzögert auf Licht, weil die parasympathische Versorgung des Schließmuskels geschädigt ist. Kawasaki beschreibt diese und verwandte Störungen der Pupillenfunktion ausführlich in der einschlägigen neuroophthalmologischen Standardliteratur (Kawasaki, 2005). Eine solche Pupille ist auf einem Foto nicht von einer drogenbedingten Mydriasis zu unterscheiden, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, und die Vorgeschichte steht nun einmal nicht auf dem Lichtbild.
Dann die traumatische Mydriasis. Ein stumpfer Schlag aufs Auge, ein Sturz, ein Unfall, und der feine Ringmuskel der Iris reißt ein. Die Pupille bleibt danach dauerhaft weit und reagiert nicht mehr richtig, weil der Muskel, der sie verengen müsste, mechanisch beschädigt ist. Auch das ist in der neuroophthalmologischen Standardliteratur als Rissverletzung des Irissphinkters mit nachfolgender Pupillenerweiterung beschrieben (Kawasaki, 2005). Ein Mensch, dem vor zehn Jahren bei einer Schlägerei oder im Straßenverkehr das Auge verletzt wurde, trägt diese weite Pupille als Narbe mit sich, völlig nüchtern, völlig unauffällig im Übrigen. Dazu kommen noch die ganz banalen Fälle, etwa Augentropfen mit anticholinerger Wirkung, wie sie der Augenarzt zur Untersuchung des Augenhintergrunds einsetzt, die die Pupille für Stunden weit stellen. Wer kurz vor dem Foto beim Augenarzt war, sieht auf dem Lichtbild aus wie ein Konsument und ist doch nur ein Patient. Es gibt dabei ein Unterscheidungsmerkmal, das in der Praxis Gold wert ist und trotzdem ständig übersehen wird. Stress und Drogen wirken auf beide Augen gleich, sie weiten beide Pupillen symmetrisch, weil sie über den Blutkreislauf oder über das zentrale Nervensystem auf beide Seiten zugleich einwirken. Eine einseitig weite Pupille, eine sogenannte Anisokorie, spricht deshalb gerade gegen Drogen und gegen Stress und für eine örtliche oder neurologische Ursache, ein Adie-Syndrom, eine alte Verletzung, eine Druckschädigung des dritten Hirnnerven (Kawasaki, 2005). Wer zwei unterschiedlich große Pupillen auf einem Foto sieht und an Drogen denkt, hat das Naheliegende übersehen, denn kein Stimulans der Welt weitet bevorzugt das linke Auge. Die Symmetrie ist die erste Frage, die man stellen muss, und sie wird fast nie gestellt. Ein Sonderfall verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, weil er buchstäblich lebensbedrohlich sein kann. Eine einseitig weite, lichtstarre Pupille kann Zeichen eines Drucks auf den dritten Hirnnerven sein, etwa durch eine Blutung oder eine Schwellung im Schädel (Kawasaki, 2005). Das ist kein Drogenproblem, das ist ein neurochirurgischer Notfall. Wer einem solchen Menschen die Pupille als Konsumzeichen auslegt, statt ihn in eine Klinik zu bringen, begeht einen Fehler, der weit über eine falsche Aktennotiz hinausgeht. Die erste Pflicht gegenüber einer auffälligen Pupille ist deshalb nicht die kriminalistische, sondern die schlichte ärztliche Frage, ob hier jemand Hilfe braucht.
Der Taschenlampentest und seine Grenzen
In der Praxis behilft sich der Streifenpolizist mit einem einfachen Werkzeug, das bei aller Bescheidenheit erstaunlich aussagekräftig ist. Er leuchtet dem Verdächtigen mit einer Lampe ins Auge und beobachtet, was die Pupille tut. Das ist Hightech-Diagnostik mit Baumarkt-Mitteln, und sie funktioniert, weil sie nicht die Größe der Pupille prüft, sondern ihre Reaktion.
Der zugrunde liegende Mechanismus ist der Pupillenlichtreflex, und der läuft über den Parasympathikus. Trifft helles Licht auf die Netzhaut, wird der Schließmuskel angewiesen, die Pupille prompt zu verengen. Bei einem nüchternen, gesunden Menschen geschieht das schnell und kräftig. Unter dem Einfluss bestimmter Substanzen dagegen ist diese Reaktion verlangsamt, abgeschwächt oder bleibt ganz aus. Hysek und Liechti haben genau das für MDMA gemessen. Die Substanz verlängerte die Latenz bis zur Reaktion und reduzierte die Verengung auf Licht, ein Befund, der die zentrale parasympathische Hemmung sichtbar macht (Hysek und Liechti, 2012). Auch Bitsios hat gezeigt, dass die Amplitude des Lichtreflexes sich mit dem inneren Zustand verändert, dass also nicht nur die Ruhegröße, sondern gerade die Reaktion ein empfindlicher Anzeiger ist (Bitsios et al., 2004). Eine träge oder fehlende Lichtreaktion ist deshalb oft verräterischer als eine bloß weite Pupille. Der Reflex selbst ist ein eleganter Bogen. Das Licht trifft die Netzhaut, die Information läuft über den Sehnerv zum Hirnstamm, wird dort auf den parasympathischen Kern umgeschaltet und kehrt über den dritten Hirnnerven zum Schließmuskel zurück. Beleuchtet man nur ein Auge, verengen sich normalerweise beide, das beleuchtete und das andere, weil die Verschaltung im Hirnstamm beide Seiten koppelt. Schon diese gekoppelte Reaktion gibt dem geübten Beobachter mehr Information als die nackte Pupillengröße, weil sie eine ganze Leitungsbahn auf einmal prüft.
Aber, und dieses Aber ist groß, der Test ist ein Schnelltest und kein Beweis. Eine träge Lichtreaktion findet sich auch beim Adie-Syndrom, nach Augenverletzungen, bei großer Erschöpfung und unter Medikamenten, die mit illegalen Substanzen nichts zu tun haben. Und umgekehrt schließt eine intakte Lichtreaktion einen Konsum nicht sicher aus. Der Taschenlampentest verkleinert den Verdacht, er bestätigt ihn nicht. Wer aus ihm eine Diagnose macht, überdehnt ein Werkzeug, das für eine erste Einschätzung gut ist und für eine gerichtsfeste Feststellung nicht taugt. Für Letztere braucht es eine Blut- oder Urinanalyse, also den Nachweis der Substanz selbst, und nicht die Interpretation eines Muskels, der aus einem Dutzend Gründen weit stehen kann.
Warum das vor Gericht zählt
Man könnte das alles für eine medizinische Spitzfindigkeit halten, für Wissen, das nett zu haben ist und sonst nichts. Das wäre ein Irrtum. Im Strafverfahren entscheidet der Eindruck mit, und ein Vergleichsfoto mit weit aufgerissenen Pupillen erzeugt einen Eindruck, lange bevor irgendjemand ein toxikologisches Gutachten gelesen hat. Der Betrachter, sei es ein Schöffe, ein Ermittler oder ein Journalist, sieht die schwarzen Scheiben und denkt, was er konditioniert ist zu denken. Da ist jemand, der etwas genommen hat. Aus dieser stillen Annahme wird ein Kontext, und der Kontext färbt die Bewertung jedes weiteren Beweisstücks.
Genau an dieser Stelle ist es meine Aufgabe als Forensiker, die Bremse zu ziehen. Nicht, weil ich Konsumenten in Schutz nehmen wollte, sondern weil eine Stressreaktion kein Geständnis ist und niemals als eines durchgehen darf. Ich habe über die Jahre genug dieser Fotos gesehen, um zu wissen, dass die weite Pupille auf einem Behördenlichtbild der schwächste denkbare Indikator für Konsum ist, weil die Aufnahmesituation selbst die Pupille weitet. Es ist, als wollte man aus dem Schwitzen eines Angeklagten im überheizten Gerichtssaal auf seine Schuld schließen. Der Schweiß ist echt, die Hitze ist echt, der Schluss auf die Schuld ist Unfug. Hier kommt ein Mechanismus ins Spiel, den ich aus meinem eigenen Fach, der forensischen Auswertung von Bildern, nur zu gut kenne. Der forensische Bestätigungsfehler. Heyer und Semmler haben gezeigt, dass ein Gutachter, dem man vorab sagt, die Ermittler favorisierten einen bestimmten Verdächtigen, seinen Bildvergleich unbewusst in Richtung Übereinstimmung verschiebt (Heyer und Semmler, 2013). Das Auge sieht, was die Akte ihm aufträgt zu sehen. Genau dasselbe geschieht bei der Pupille. Liegt in der Akte bereits der Verdacht auf Betäubungsmittel, dann wird die weite Pupille auf dem Foto zur Bestätigung dieses Verdachts, obwohl sie nichts dergleichen ist. Der Befund wird nicht gelesen, er wird gewünscht.
Wer aus einer Pupille die Schuld liest, liest sie ebenso gut aus dem Kaffeesatz. Der Unterschied ist nur, dass die Pupille einen wissenschaftlichen Anstrich hat, und dieser Anstrich macht sie gefährlicher als der Kaffeesatz, nicht harmloser. Der Anschein von Objektivität ist es, der eine bloße Vermutung in den Rang eines Befundes hebt, und gegen diesen Anschein muss ein Gutachter beharrlich angehen. Die einzige saubere Reihenfolge lautet: erst die Substanz nachweisen, dann über Konsum reden, und niemals umgekehrt aus einem Muskelzustand auf eine Substanz zurückschließen, die niemand gemessen hat. In meiner eigenen Praxis habe ich es mir zur Regel gemacht, eine weite Pupille auf einem Vergleichsfoto im Gutachten ausdrücklich als das zu benennen, was sie ist, ein unspezifisches Zeichen erhöhter sympathischer Aktivität mit zahlreichen möglichen Ursachen. Dieser eine Satz nimmt dem Foto seine stille Suggestivkraft. Er verwandelt das vermeintliche Beweisstück zurück in das, was es immer war, eine offene Frage. Und er zwingt alle Beteiligten, den einzig belastbaren Weg zu gehen, nämlich die toxikologische Analyse, statt sich mit einem Bildeindruck zufriedenzugeben.
Eine weite Pupille ist eine Frage, keine Antwort
Die großen Pupillen, die mir damals auf den Vergleichsfotos auffielen, lügen nicht. Sie zeigen einen realen körperlichen Zustand, eine reale sympathische Erregung oder eine reale pharmakologische oder anatomische Ursache. Was sie nicht tun, ist verraten, welche dieser Ursachen im Einzelfall vorliegt. Sie sind ein Symptom mit einem halben Dutzend möglicher Autoren, und das Foto verschweigt, wer von ihnen die Feder geführt hat.
Es kann der Stress des Verfahrens sein, und das ist es am häufigsten. Es kann ein Stimulans sein, ein MDMA, ein Halluzinogen, niemals aber ein Opioid, das genau das Gegenteil bewirkt. Es kann eine angeborene Aniridie sein, ein altes Adie-Syndrom, der Riss eines Irissphinkters aus einer längst vergessenen Prügelei, oder schlicht der Tropfen vom Augenarzt am Vormittag. All das produziert dieselbe schwarze Scheibe auf demselben Lichtbild, und keine dieser Ursachen trägt ein Etikett.
Deshalb ist die einzige intellektuell ehrliche Haltung gegenüber einer weiten Pupille die Zurückhaltung. Sie ist eine Frage, kein Befund. Sie verlangt, dass man weiterfragt, statt zu schließen, dass man die Substanz nachweist, statt sie zu unterstellen, und dass man die Aufnahmesituation mitdenkt, die das Merkmal womöglich erst erzeugt hat. Die Sünde liegt nie darin, eine große Pupille zu bemerken. Sie liegt darin, in sie eine einzige Ursache hineinzulesen, weil diese Ursache am besten zu der Geschichte passt, die man ohnehin schon erzählen wollte. Die Pupille ist in diesem Sinne ein ehrlicher Zeuge, der nur eine einzige, vieldeutige Aussage macht und sich weigert, sie zu präzisieren. Man kann ihn nicht zum Reden bringen, indem man ihn anstarrt. Man kann ihn nur ergänzen, durch das Blutbild, durch die Vorgeschichte, durch die nüchterne Frage, ob beide Augen gleich betroffen sind und wie die Pupille auf Licht reagiert. Wer diese Arbeit scheut und stattdessen die schwarze Scheibe für sich sprechen lässt, hört am Ende nicht die Pupille, sondern das eigene Vorurteil.
Quellen
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