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Das Loch lügt, der Rand sagt die Wahrheit: was das Foto eines durchschossenen Schädels wirklich verrät

Jun 21, 2026 | 38 min | anthropology
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Menschlicher Schädel mit Schussdefekt und äußerer Auskerbung am Os parietale, forensische Dokumentarfotografie

Wie ein Trichter im Knochen die Schussrichtung preisgibt, ein übersehener Knochenpfropfen die Waffenklasse verrät und ein Geschoss leichter als eine Münze mehr zerstört als jede Faust

Fotografien von Schädeln kommen auf meinen Bildschirm, mit einem einzigen roten Kreis um die Stelle, die der Absender für bedeutsam hält. Fast immer sitzt der Kreis falsch.

Ich bekomme sie regelmäßig, diese Fotos, jedes mit einer Frage dahinter. Ist das eine Schusswunde? War das ein Pfeil? Wurde dieser Mensch erschlagen? Manchmal liegt ein Lineal daneben, manchmal gar nichts außer einer Vermutung. Die Fotos kommen aus aller Welt, von Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, und sie haben eines gemeinsam: Die mitgelieferte Vermutung ist häufig falsch, und sie ist auf eine Weise falsch, die sich in Sekunden korrigieren ließe, wenn man wüsste, wohin man schauen muss.

Den größten Teil meines Lebens arbeite ich mit menschlichen Überresten ( Das Skelett lügt nicht). Ich habe Schädel mit Schussverletzungen in den Händen gehalten, ich habe Schädel begutachtet, bei denen sich am Ende herausstellte, dass nie ein Schuss gefallen war, und ich habe gelernt, dass die eine Frage, die fast jeder zuerst stellt, die unwichtigste von allen ist.

Diese Frage lautet: Wie groß ist das Loch?

Vergiss das Loch. Das Loch lügt. Die Wahrheit steht im Knochen daneben. Ich werde das in diesem Beitrag mehrfach wiederholen, an verschiedenen Kalibern, an verschiedenen Wundbildern, weil es der eine Gedanke ist, der alles andere trägt. Wer ihn einmal verinnerlicht hat, wird einen durchschossenen Schädel nie wieder so ansehen wie zuvor.

Der Fehler, den fast alle machen


Einschuss am Os parietale mit innerer Auskerbung an der endokranialen Oberfläche. Forensischer ABFO-Maßstab, 4 cm.
Einschuss am Os parietale mit innerer Auskerbung an der endokranialen Oberfläche. Forensischer ABFO-Maßstab, 4 cm.

Stell dir eine Fensterscheibe vor, durch die ein Stein fliegt. Auf der Seite, von der der Stein kommt, ist das Loch klein und relativ sauber. Auf der anderen Seite ist das Glas auf einer größeren Fläche herausgesprengt, die Bruchstücke liegen in Flugrichtung, und der Defekt öffnet sich kegelförmig nach außen. Wer die Scheibe nie gesehen hat und nur die zwei Löcher kennt, würde aus der Größe allein nie ableiten, von welcher Seite der Stein kam. Wer die Bruchkanten liest, weiß es sofort.

Der menschliche Schädel ist diese Fensterscheibe, nur dass er aus drei Schichten besteht. Außen die Tabula externa, eine kompakte Knochentafel. Innen die Tabula interna, ebenfalls kompakt. Dazwischen die Diploe, eine schwammartige, von Hohlräumen durchzogene Knochenschicht. Wenn ein Geschoss diese dreischichtige Wand durchschlägt, hinterlässt es kein symmetrisches Loch. Es hinterlässt einen Trichter. Und die Richtung, in die sich dieser Trichter öffnet, ist die eigentliche Information.

Beim Eintritt sprengt das Geschoss an der Innenseite mehr Knochen ab als an der Außenseite. Der Defekt ist außen relativ klein und scharf umrandet, innen weitet er sich kegelförmig auf. Dieses Phänomen heißt innere Auskerbung, im Englischen internal beveling. Es ist das zuverlässigste anthropologische Zeichen für einen Einschuss am Schädelknochen. Quatrehomme und Işcan haben das 1998 an einer Serie von Schussdefekten systematisch untersucht und in 36 von 39 Knochen genau dieses innere Trichtermuster gefunden. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle erzählt der Knochen also klar, wo das Geschoss eingetreten ist, sofern man die Innenseite betrachtet und nicht die Außenseite.

Beim Austritt kehrt sich alles um. Jetzt ist die Innenseite die, die zuerst getroffen wird und relativ intakt bleibt, und die Außenseite wird nach außen herausgesprengt. Der Trichter öffnet sich nach außen, äußere Auskerbung, external beveling. Der Ausschuss ist in aller Regel größer als der Einschuss, unregelmäßiger geformt, mit ausgefransten Rändern. Das ist die Regel, nicht das Naturgesetz. Dieselbe Studie verglich Ein- und Ausschuss desselben Schusses und fand den Ausschuss in der Regel größer, wobei Ausnahmen dokumentiert sind. Das Geschoss ist nach dem Durchgang deformiert, instabil, taumelnd, und es gibt seine Energie auf einer breiteren Fläche ab.

Hier liegt der Denkfehler, der mir tausendfach begegnet. Die Leute messen den Durchmesser der dunklen Öffnung und glauben, daraus das Kaliber ablesen zu können. Aber die dunkle Öffnung ist beim Ausschuss nicht das Maß des Geschosses, sondern das Maß der Zerstörung. Und selbst beim Einschuss ist die Korrelation zwischen Defektgröße und Kaliber so schwach, dass die forensische Wissenschaft die Kaliberbestimmung aus dem Knochendefekt seit Jahrzehnten verworfen hat (DiMaio, 2016). In eng begrenzten Konstellationen kann die Defektgröße zwar Hinweise geben, ein verlässliches Kalibermaß ist sie nicht. Zu viele Variablen wirken: Schädeldicke an der Trefferstelle, Auftreffwinkel, Geschwindigkeit, Geschosskonstruktion, Feuchtigkeitszustand des Knochens. Wer mit dem Lineal misst und ein Kaliber nennt, betreibt keine Forensik. Er rät, und er rät mit einer Präzision, die er nicht hat.

An dieser Stelle lohnt eine Unterscheidung, die in Laienberichten ständig untergeht. Man trennt den penetrierenden vom perforierenden Schuss. Penetrierend heißt, das Geschoss dringt ein und bleibt im Schädel, es gibt also nur einen Einschuss und keinen Ausschuss. Perforierend heißt, das Geschoss durchschlägt vollständig, Eintritt und Austritt liegen vor. Das ist keine Wortklauberei. Findet man an einem Schädel nur eine einzige Öffnung mit innerer Auskerbung und kein Geschoss mehr im Inneren, dann muss das Projektil entweder im längst verwesten Weichgewebe gesteckt haben oder es lag ein perforierender Schuss vor, dessen zweite Öffnung ich noch nicht gefunden habe. Die Frage, ob ein Schädel einen oder zwei Defekte trägt und welcher Eintritt und welcher Austritt ist, entscheidet über die gesamte Rekonstruktion der Geschossbahn. Und die Geschossbahn ist es, die am Ende über Leben und Tod aussagt, nicht der Durchmesser irgendeiner Öffnung.

Die Frakturen, die das Spinnennetz weben

Ein Geschoss durchschlägt nicht nur den Knochen, es bringt die ganze Schädelkapsel zum Bersten. Bei ausreichender Energie entstehen zwei Arten von Frakturlinien, und ihr Zusammenspiel ist für die Rekonstruktion entscheidend.

Die radiären Frakturen laufen vom Defekt nach außen wie die Speichen eines Rades, getrieben vom inneren Überdruck, den das Geschoss erzeugt (Berryman & Symes, 1998). Die konzentrischen Frakturen, im Englischen heaving fractures, verlaufen quer dazu und verbinden die Speichen zu Ringen. Zusammen ergeben sie das Spinnennetzmuster, das jeder aus Filmen zu kennen glaubt und das in Wirklichkeit selten so ordentlich aussieht wie im Kino.

Diese Linien sind nicht nur Dekoration. Sie tragen eine Information, die in der Rechtsmedizin seit über einem Jahrhundert genutzt wird. Eine Frakturlinie läuft, bis sie auf eine bereits bestehende Fraktur trifft, und dort endet sie. Das ist die Puppe’sche Regel, benannt nach Georg Puppe, der das Prinzip 1903 formulierte (Geserick, Krocker & Wirth, 2012). Für die Sequenzierung mehrerer Schädelschüsse ist sie bis heute in Gebrauch (Madea & Staak, 1988). Daraus folgt etwas Bemerkenswertes: Bei mehreren Schüssen lässt sich ihre Reihenfolge rekonstruieren. Die Frakturlinien eines späteren Schusses terminieren, wenn sie auf bereits bestehende Bruchlinien eines früheren Schusses treffen. Die jüngere Linie endet an der älteren, nicht umgekehrt. Welche Linien also ungestört verlaufen und welche unterbrochen werden, verrät die zeitliche Abfolge. Der Knochen führt Protokoll. Man muss es nur lesen können.

Es gibt allerdings eine Einschränkung, die ich aus eigener Begutachtungserfahrung ernst nehme. Frakturlinien können auch durch frische chirurgische Bohrlöcher hindurchlaufen, etwa nach einer notfallmäßigen Kraniotomie, und dann führt die schematische Anwendung der Regel in die Irre (Amadasi et al., 2022). Wer die Sequenz mehrerer Schädelverletzungen bestimmt, muss vorher wissen, was am Knochen Schuss ist und was Medizin war. Das klingt selbstverständlich. Es wird trotzdem ständig verwechselt.

Bleibt die Frage, warum eine einzelne Frakturlinie auf ihrem Weg mehrfach die Richtung wechselt, ehe sie ausläuft. Das wirkt zufällig, ist es aber nicht. Der Knochen bricht entlang seiner Schwachstellen, und die Fachsprache nennt diese Schwachstellen Spannungskonzentratoren, im Englischen stress risers (Love & Wiersema, 2016). Eine laufende Fraktur folgt dem Weg des geringsten Widerstands, und dieser Weg ist durch die Anatomie des einzelnen Schädels vorgezeichnet (Berryman & Symes, 1998).

Den Verlauf prägen 4 Strukturklassen. Die erste sind die Schädelnähte. Lange hielt sich die Vorstellung, Nähte würden Frakturen zuverlässig stoppen. Das ist eine Vereinfachung, die der Befund nicht trägt. Frakturlinien kreuzen Nähte häufig, laufen mitunter entlang und enden nur manchmal an ihnen (Kriss, Morris & Martich, 2021). Eine Naht ist eine Zone veränderter Ausbreitung, keine verlässliche Barriere.

Die zweite Klasse sind die Foramina, die natürlichen Durchtrittsöffnungen für Gefäße und Nerven. Jede Öffnung schwächt den Knochen lokal und zieht eine laufende Fraktur an oder lenkt sie ab.

Die dritte Klasse sind die Gefäßfurchen auf der Innenseite des Schädeldachs, vor allem die Rinne der Arteria meningea media. Diese Furche dünnt den Knochen aus, und eine Fraktur folgt ihr bevorzugt. Reißt dabei die Arterie ein, entsteht das klassische epidurale Hämatom, weshalb gerade Brüche im Schläfenbereich neurochirurgisch so gefürchtet sind.

Die vierte Klasse ist die Dicke des Knochens selbst, die über das Schädeldach stark schwankt. Die Schläfenbeinschuppe ist die dünnste Region des Neurocraniums, im Mittel rund 2 Millimeter, mit dokumentierten Einzelwerten bis herab zu 1,2 Millimeter (Rowbotham et al., 2023; Olatunji et al., 2018). Stirn und Hinterhaupt sind ein Mehrfaches dicker. Eine Fraktur, die in dünnen Knochen vordringt, läuft schneller und weiter. Trifft sie auf dicken Knochen, verlangsamt sie oder biegt ab.

Das Muster, das daraus entsteht, sieht chaotisch aus und ist es nicht. Es ist die mechanische Signatur eines einzelnen Schädels, eingeschrieben in Millisekunden. Keine zwei Schädel sind identisch, und damit ist kein Frakturmuster wie das andere, auch nicht bei gleicher Waffe, gleicher Distanz und gleichem Auftreffpunkt. Genau das macht die Lektüre dieser Linien so anspruchsvoll und ihr Forschungspotenzial so groß.

Die Ausnahmen, die einen demütig machen

Wer lange genug mit Schädeln arbeitet, lernt Respekt vor den Fällen, die sich nicht an die Lehrbuchregel halten. Genau diese Ausnahmen trennen den Fachmann vom Hobbyisten, denn der Hobbyist kennt die Regel und wendet sie stur an, während der Fachmann weiß, wann sie versagt.

Der Schlüssellochdefekt ist die eleganteste dieser Ausnahmen. Trifft ein Geschoss flach, also tangential auf den Schädel, entsteht ein Defekt, der in einem einzigen Loch zugleich Eintritts und Austrittsmerkmale trägt. Der runde Teil zeigt innere Auskerbung, der angehängte keilförmige Teil äußere. Das Ganze sieht aus wie ein Schlüsselloch, daher der Name. Lange galt der Schlüssellochdefekt als sicheres Zeichen für einen Tangentialschuss. Inzwischen haben experimentelle Arbeiten mit Mikro-Computertomographie gezeigt, dass solche Defekte auch bei senkrechtem Schuss entstehen können, über sekundäre und tertiäre Frakturen (Dixon, 1982; Delannoy et al., 2016). Die alte Gewissheit ist gefallen. Der Defekt bleibt ein starker Hinweis auf die Schussrichtung, aber er ist kein Beweis mehr, und wer ihn noch als Beweis verkauft, ist nicht auf dem Stand der Forschung.

Noch tückischer ist der seltene Fall, in dem ein Einschuss äußere Auskerbung zeigt, also genau das Zeichen, das eigentlich den Ausschuss kennzeichnet. Peterson dokumentierte 1991 einen jungen Mann mit einem perforierenden Kopfschuss aus einem Hochgeschwindigkeitsgewehr im Kaliber 5,56 mm, dessen Einschuss symmetrisches äußeres Beveling aufwies. Wer hier stur nach der Trichterrichtung geht, vertauscht Eintritt und Austritt und dreht die ganze Schussrekonstruktion um 180 Grad. Das ist kein theoretisches Problem. In einem Gutachten kann diese Verwechslung darüber entscheiden, ob ein Schütze vor oder hinter dem Opfer stand.

Und dann ist da die Taphonomie, die stille Fälscherin. Erddruck, Tierfraß, Wurzelwachstum, Bergungsschäden, all das kann am Knochen Defekte hinterlassen, die einem Schuss ähneln. In der Fachliteratur ist ein Fall beschrieben, bei dem ein Defekt sowohl inneres als auch äußeres Beveling trug und dennoch von keinem Geschoss stammte, sondern von einer Sichel, mit der der Täter die Leiche bewegt hatte. Wer in den sozialen Medien blind jedes runde Loch zum Einschuss erklärt, hat von dieser Komplexität nie gehört. Das ist das eigentliche Ärgernis an der ganzen Sache. Nicht, dass Laien Fehler machen, das ist menschlich. Sondern dass falsche Befunde mit einer Selbstsicherheit verbreitet werden, die in umgekehrtem Verhältnis zum Wissen steht.

Der Knochenpfropfen, das übersehene Beweisstück


Ausschuss-Nahaufnahme: aufgeworfener Außenrand der Tabula externa und Zugfrakturen zeigen die Austrittsrichtung. Maßstab 3 cm.
Ausschuss-Nahaufnahme: aufgeworfener Außenrand der Tabula externa und Zugfrakturen zeigen die Austrittsrichtung. Maßstab 3 cm.

Es gibt ein Beweisstück, das viele Ermittler nicht einmal kennen, und genau deshalb verschwindet es so oft im Gras, im Laub oder im Erdreich. Die Forensik nennt es Knochenpfropfen, im englischen Fachschrifttum bone plug (Bird & Fleischman, 2015). Es entsteht im letzten Moment des Durchschusses, am Ausschuss, und es trägt Informationen, die kein anderer Teil des Befundes liefert.

Wenn das Geschoss den Knochen von innen nach außen durchbricht, stanzt es einen kegelförmigen Pfropfen aus dem Schädeldach und schlägt im selben Moment feine Splitter ab. Dieser Doppelmechanismus heißt in der Fachsprache plug and spall (Bird & Fleischman, 2015). Der Pfropfen ist kein Zufallsfragment, sondern ein präzises Gegenstück zu dem Ausschussdefekt, aus dem er stammt. Am Einschuss geschieht das Spiegelbild: Dort öffnet sich der Trichter nach innen, und Knochen wird in die Schädelhöhle getrieben, nicht aus ihr heraus. Der intakt geborgene Pfropfen stammt deshalb typischerweise vom Ausschuss.

Seine Form folgt der äußeren Auskerbung. Auf der Innenseite, der Tabula interna, ist er schmal. Auf der Außenseite, der Tabula externa, ist er breiter, weil der Ausschuss den Knochen nach außen heraussprengt. Die Bruchkanten verteilen sich entsprechend: Die ektokraniale Seite trägt Zugfrakturen, die endokraniale Seite bleibt glatt und intakt (Bird & Fleischman, 2015). Wer einen solchen Pfropfen findet und ihn an den Ausschuss hält, sieht, dass er nahezu perfekt hineinpasst.

Diese Passung ist forensisch wertvoll. Die breite Seite des Kegels zeigt die Austrittsrichtung an und damit die Richtung des Schusses. Mehr noch, ein vollständig erhaltener Pfropfen verrät etwas über die Geschwindigkeit. Bleibt der Knochenkegel intakt, statt in feinste Trümmer zu zerfallen, dann hat das Geschoss auf dem Weg durch den Schädel viel Energie verloren und traf den Ausschuss mit niedriger Geschwindigkeit (Bird & Fleischman, 2015). Das ist ein Hinweis auf eine langsame Waffenklasse, typischerweise eine Kurzwaffe kleinen Kalibers, keine harte Festlegung. Was der Pfropfen dagegen nicht verrät, ist die exakte Flugbahn oder das genaue Kaliber, denn die Richtung der stärksten Auskerbung ist dafür kein verlässlicher Maßstab (Quatrehomme & Işcan, 1998).

Das eigentliche Problem ist die Bergung. Der Pfropfen löst sich beim Durchschuss vom Schädel und kann ein Stück abseits der Leiche liegen, verdeckt von Gras, Laub oder Mobiliar. Isoliert betrachtet sieht er aus wie ein beliebiges Knochenstück ohne Zusammenhang. Wer nicht weiß, dass es ihn gibt, hebt ihn nicht auf. Gut ausgebildete Ermittler suchen im vermuteten Austrittsbereich und in dessen Umgebung, vor allem entlang der wahrscheinlichen Schussrichtung, aber auch unter Berücksichtigung von Kleidung, Körperlage und Sekundärverlagerung. In Ausgrabungssituationen kann genau dieses kleine Fragment das einzige sein, das die Austrittsgeschwindigkeit und damit die Waffenklasse belegt (Bird & Fleischman, 2015).

Dass dieses Wissen keine akademische Spielerei ist, zeigen 2 Funde von verschiedenen Kontinenten. In den Massengräbern von Tuskulenai bei Vilnius, in denen Opfer sowjetischer Erschießungen liegen, fand sich ein intakter Knochenpfropfen, der sich einem frontalen Ausschuss zuordnen ließ und über die niedrige Austrittsgeschwindigkeit auf eine kleinkalibrige Pistole verwies (Bird & Fleischman, 2015). An der archäologischen Fundstätte Puruchuco-Huaquerones in Peru wurde ein vergleichbares Fragment dokumentiert, Jahrhunderte alt, aber nach derselben Mechanik zu lesen (M. S. Murphy et al., 2010).

Der Defekt im Schädel sagt, dass etwas hindurchging. Der Pfropfen sagt, in welche Richtung und mit welcher Restenergie. Erst beide zusammen ergeben ein vollständiges Bild, und genau deshalb ist das kleine, leicht zu übersehende Stück Knochen oft das ehrlichste Zeugnis am ganzen Tatort.

Wie nah stand der Schütze

Am Knochen allein lässt sich die Schussentfernung kaum bestimmen, am Weichgewebe und an der Haut dagegen sehr genau, und weil mir oft Fotografien zugeschickt werden, auf denen noch Gewebe haftet, lohnt der kurze Ausflug. Die Rechtsmedizin unterscheidet vier grobe Distanzklassen, und jede hinterlässt ein eigenes Bild.

Der absolute Nahschuss, bei dem die Mündung der Haut aufliegt, ist der dramatischste Fall. Hier wird nicht nur das Geschoss in den Körper getrieben, sondern auch das gesamte Verbrennungsgas der Treibladung. Liegt die Mündung über knochennaher Haut wie am Kopf, fährt dieses Gas zwischen Knochen und Haut, bläht die Kopfhaut von innen auf und reißt sie sternförmig ein. Dieses sternförmige Aufplatzen, im Fachjargon stellate tearing, ist ein klassisches Zeichen des aufgesetzten Schusses am Schädel. Häufig hinterlässt die Mündung selbst einen Abdruck auf der Haut, die sogenannte Stanzmarke, weil die vom Gas aufgeblähte Haut gegen die heiße Laufmündung zurückgepresst wird. Findet man eine Stanzmarke, ist die Sache klar. Näher als aufgesetzt geht nicht.

Der relative Nahschuss hinterlässt keinen Mündungsabdruck mehr, aber einen Hof aus Schmauch und unverbrannten Pulverpartikeln um den Einschuss. Der Schmauch, im Englischen soot, lässt sich abwischen, denn er sitzt nur oberflächlich auf. Die eingesprengten Pulverkörner dagegen nicht, sie stecken in der Haut und erzeugen die charakteristische Tätowierung, das stippling oder powder tattooing (DiMaio, 2016). Aus dem Durchmesser dieses Hofes und der Dichte der Einsprengungen lässt sich die Distanz eingrenzen, sofern man die verwendete Munition kennt oder rekonstruiert. Die Grenzen zwischen diesen Distanzklassen sind keine fixen Zentimeterwerte: Schmauch, Pulvereinsprengungen und Stanzmarke hängen stark von Waffe, Lauflänge, Munition und Laborierung ab und können zwischen verschiedenen Waffen-Munitions-Kombinationen erheblich variieren.

Beim aufgesetzten und beim ganz nahen Schuss gibt es noch ein Phänomen, das in der Tatortarbeit eine große Rolle spielt, den Rückspritzer. Wenn das Geschoss eintritt und die temporäre Höhle die Wunde von innen aufreißt, wird Blut und feinstes Gewebe entgegen der Schussrichtung zurückgeschleudert, also zurück zur Waffe und zur Hand, die sie hält. Diese Rückspritzer können tief in den Lauf gelangen und auf der Schusshand des Schützen landen. In der Rekonstruktion eines Geschehens ist das Gold wert. Die Verteilung dieser feinen Spritzer kann, zusammen mit Schusshandspuren, Waffenlage, Blutspurenmuster, Obduktionsbefund und Tatortkontext, helfen, Selbst- und Fremdbeibringung zu unterscheiden. Der Körper schreibt mit, in einer Tinte, die schwer zu fälschen ist.

Der Schuss aus mittlerer Distanz zeigt nur noch die Pulvertätowierung ohne dichten Schmauch, der Schuss aus großer Distanz schließlich nur noch den reinen mechanischen Defekt mit seinem typischen Schürfsaum. Dieser Schürfsaum, im Englischen abrasion collar, ist ein schmaler, abgeschürfter Ring um den Einschuss, der entsteht, weil das rotierende Geschoss die Hautränder beim Eintritt dehnt und abschabt. Er findet sich am Einschuss, nicht am Ausschuss, und ist deshalb ein weiteres Unterscheidungsmerkmal, das vom Geschossdurchmesser allerdings nur lose abhängt. Der Schürfsaum sagt mehr über die Geometrie des Auftreffens als über das Kaliber. Wieder die alte Lektion: Das Maß der Öffnung ist die unzuverlässigste Größe im ganzen Befund.

Für die forensische Praxis ist diese Distanzbestimmung oft wichtiger als das Kaliber. Ein aufgesetzter Schuss in die Schläfe oder den Mund spricht für einen Suizid oder eine Tötung aus unmittelbarer Nähe, ein Schuss aus mehreren Metern schließt die selbst zugefügte Verletzung in den allermeisten Fällen aus, weil der menschliche Arm nun einmal seine Reichweite hat. Hier entscheidet nicht die Größe des Lochs, sondern das, was um das Loch herum auf der Haut liegt.

Die Physik dahinter, kurz und ohne Vorlesung

Um zu verstehen, warum verschiedene Kaliber so unterschiedliche Bilder hinterlassen, muss man eine einzige Größe begreifen. Die kinetische Energie eines Geschosses ist gleich der halben Masse mal dem Quadrat der Geschwindigkeit. Das Quadrat ist der entscheidende Punkt. Die Geschwindigkeit geht doppelt ins Gewicht, die Masse nur einfach. Verdoppelt man die Geschwindigkeit, vervierfacht sich die Energie. Genau deshalb ist ein leichtes, schnelles Gewehrgeschoss verheerender als ein schweres, langsames Pistolengeschoss, obwohl es weniger wiegt.

Im Gewebe wirkt diese Energie auf zwei Weisen. Die permanente Wundhöhle ist der eigentliche Schusskanal, das zerstörte, zerquetschte Gewebe entlang der Bahn. Die temporäre Wundhöhle ist eine kurzlebige, radiale Dehnung des umliegenden Gewebes, die nur Millisekunden besteht und sich dann wieder zusammenzieht. Bei elastischem Gewebe wie Muskel federt diese Dehnung weitgehend zurück. In einem starren Behälter dagegen kann das Gewebe dieser raschen Volumenauslenkung nur begrenzt ausweichen (Fackler, 1996). Und der starrste Behälter im menschlichen Körper ist der Schädel.

Hier liegt der Schlüssel zur besonderen Brutalität von Kopfschüssen mit Hochgeschwindigkeitsmunition. Im Brustkorb kann sich Gewebe ausweichen. Im Schädel kann es das nicht. Die temporäre Höhle drückt das Gehirn gegen die Innenwand des Knochens, der Druck steigt schlagartig, und die Schädelkapsel berstet von innen. Es gibt eine grobe Faustregel, ab welcher Geschwindigkeit dieser Effekt wundwirksam wird, ungefähr 600 Meter pro Sekunde, im angelsächsischen Raum gern als 2000 Fuß pro Sekunde angegeben. Das ist eine Faustregel, keine scharfe Grenze, und seriöse Wundballistiker betonen, dass an dieser Zahl nichts Magisches ist (MacPherson, 1994). Aber sie markiert grob die Schwelle, an der das Geschoss aufhört, nur ein Loch zu stanzen, und anfängt, das umliegende Gewebe mitzureißen.

Noch ein Begriff, der wichtig wird. Ein Spitzgeschoss fliegt in der Luft spitzenvoran und ist stabil. Im dichteren Gewebe verliert es diese Stabilität, beginnt zu gieren, stellt sich quer und kann taumeln oder zerbrechen. Genau dieses Gieren entscheidet, wie viel Energie wo abgegeben wird, und es ist der Grund, warum dasselbe Geschoss bei zwei Treffern völlig verschiedene Wunden hinterlassen kann.

Was die Munition aus dem Geschoss macht

Das Kaliber allein sagt wenig. Was zählt, ist die Bauart des Geschosses, und hier trennen sich die Welten.

Das Vollmantelgeschoss, im Englischen full metal jacket, trägt einen harten Mantel um seinen Bleikern. Es deformiert sich kaum, durchschlägt sein Ziel meist vollständig und gibt einen Teil seiner Energie ungenutzt an die Umgebung hinter dem Ziel ab. Für die Vertragsparteien in internationalen bewaffneten Konflikten verbietet die Haager Erklärung von 1899 Geschosse, die sich im menschlichen Körper leicht ausdehnen oder abplatten. Deshalb sind militärische Standardgeschosse traditionell nicht expandierende Vollmantelgeschosse, wobei auch Zuverlässigkeit, Durchschlag und Logistik eine Rolle spielen. Das hat einen makabren Hintergrund: Ein durchschlagendes Vollmantelgeschoss verursacht oft kontrolliertere Wunden als ein aufpilzendes, was als humaner galt.

Das Teilmantelgeschoss und das Hohlspitzgeschoss sind das Gegenteil. Sie sind so konstruiert, dass sie beim Aufprall aufpilzen, ihren Durchmesser teils deutlich und ihre Querschnittsfläche je nach Konstruktion um ein Mehrfaches vergrößern und dadurch viel mehr Energie im Ziel abgeben (DiMaio, 2016). Die permanente Wundhöhle wird größer, das Durchschlagsrisiko kleiner. In der modernen zivilen Verteidigungsmunition, vor allem in den USA, sind expandierende Geschosse die Regel.

Frangible Munition ist gebaut, um beim Aufprall zu zerfallen. Eindringtiefe und Wundprofil hängen stark von Geschossaufbau, Geschwindigkeit und Zielmedium ab. Am Körperstamm und an Extremitäten hinterlässt sie oft große, aber flache Wunden, weil die Fragmente in Weichgewebe häufig nicht tief genug eindringen, um zentrale Strukturen zu erreichen. Im Schädel gilt diese Faustregel ausdrücklich nicht uneingeschränkt: Das geschlossene knöcherne System kann die Fragmentenergie intern umlenken und zu weitreichenden intrakraniellen Schäden führen, die das äußere Wundbild deutlich übertreffen.

Und dann ist da die Wadcutter-Munition, der Liebling der Scheibenschützen. Es ist ein zylindrisches Bleigeschoss mit flachem Kopf und scharfer Schulterkante. Diese Kante stanzt ein sauberes, kreisrundes Loch in die Papierscheibe, statt sie wie ein Rundkopfgeschoss zu dehnen und einzureißen, was die Auswertung der Trefferlage erleichtert. Forensisch ist das hochrelevant, denn dieselbe scharfe Kante stanzt auch in Haut ein charakteristisch sauberes Loch. Eine experimentelle Studie der Universität Freiburg hat das vermessen: Der Einschussdurchmesser eines Wadcutters lag im Mittel bei 8,43 Millimeter, der eines Rundkopfgeschosses gleichen Kalibers bei nur 4,43 Millimeter (Pircher et al., 2017). Für den Knochen ist ein vergleichbarer Effekt plausibel, er muss aber gesondert vom knöchernen Beveling und der lokalen Knochenstruktur beurteilt werden. Das Wadcutter macht also bei kleinster Schürfung das größte Loch. Wer das nicht weiß und allein nach der Lochgröße urteilt, schätzt das Kaliber massiv zu groß. Schon wieder das Loch. Schon wieder die falsche Stelle.

Die Galerie der Kaliber

Jetzt zu den konkreten Patronen, und ich beginne bei den Kurzwaffen, weil sie am häufigsten vorkommen.

Die 9 Millimeter, genauer 9 × 19 mm Parabellum, ist das verbreitetste Pistolenkaliber der Welt. Georg Luger entwickelte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die deutsche Armee führte sie 1908 mit der Pistole 08 ein. Der Geschossdurchmesser liegt bei rund 9 Millimeter, die Mündungsgeschwindigkeit bei 340 bis 400 Metern pro Sekunde, also unterschallnah bis leicht überschall. Als Vollmantel durchschlägt sie meist, als moderne Hohlspitze gibt sie ihre Energie kontrolliert ab. Sie ist das Arbeitspferd, nicht der Spezialist. Und sie ist, das gehört zur traurigen Statistik dieses Themas, das Kaliber, das mir in der forensischen Praxis am häufigsten begegnet, schlicht weil es das verbreitetste ist.

Die .45 ACP ist die amerikanische Antwort auf dieselbe Aufgabe, von John Browning um 1905 entworfen. Sie hat einen Geschossdurchmesser von 11,4 Millimeter, ist also deutlich dicker, aber langsamer, rund 250 bis 290 Meter pro Sekunde, klar im Unterschallbereich. Schweres, langsames Geschoss gegen leichteres, schnelleres. Der Streit, welche der beiden besser sei, ist so alt wie die Kaliber selbst, und DiMaio, einer der maßgeblichen forensischen Pathologen, hat dazu trocken festgestellt, dass es keinen nennenswerten Unterschied in der Wirksamkeit der beiden gibt (DiMaio, 2016). Was die .45 für die forensische Befundung interessant macht, ist ihr Durchmesser. Bei einem vollständig erhaltenen, unverformten knöchernen Primärdefekt kann ein deutlich kleinerer Kanalquerschnitt als der Nenndurchmesser der .45 ACP als vorsichtiges Ausschlusskriterium herangezogen werden. Aber dieser Schluss trägt nur unter dieser einschränkenden Bedingung: Ein vor dem Aufprall abgelenktes, taumelndes oder verformtes Geschoss kann kleinere Defekte erzeugen als sein Nenndurchmesser erwarten ließe. Hier, und nur unter dieser Einschränkung, kann die Lochgröße ein Argument liefern, und auch das nur am eigentlichen Kanal, nicht am Zerstörungsbereich darum herum.

Die .22 Long Rifle, das klassische Kleinkaliber, ist das große Missverständnis unter den Kalibern. Sie ist winzig, der Geschossdurchmesser liegt bei etwa 5,6 Millimeter, die Energie ist gering, in manchen Waffen nur 65 bis 190 Joule. Genau diese Schwäche macht sie forensisch eigen. Das Geschoss hat oft nicht genug Energie, um den Schädel wieder zu verlassen. Es bleibt drin. Und schlimmer, es kann an der Innenseite der gegenüberliegenden Schädelwand abprallen und ein zweites Mal durch das Gehirn fahren, ein intrakranielles Ricochet. Kirkpatrick und DiMaio fanden in einer Serie tödlicher .22er-Fälle, dass das Geschoss in 83 Prozent im Schädel verblieb (Kirkpatrick & DiMaio, 1978). Hier zeigt sich eine Lektion, die der ganze Beitrag trägt: Klein heißt nicht harmlos, und groß heißt nicht tödlicher. Die Energie und ihr Weg durch das Gewebe entscheiden, nicht der Durchmesser.

Das Kleinkaliber hat eine düstere Nebengeschichte, bei der ich mich etwas länger aufhalte. Der amerikanische Geheimdienst verwendete in der Frühphase des Kalten Krieges die High Standard HDM, eine .22er-Pistole mit integriertem Schalldämpfer, die ursprünglich für das OSS entwickelt worden war. Der israelische Auslandsgeheimdienst bevorzugte die Beretta 71 im selben Kaliber. Die forensische Logik solcher Waffen zielt auf geringe Mündungssignatur, begrenzte Durchschlagsneigung und Letalität nur auf kürzeste Distanz.

Hollywood hat aus dieser Kombination einen Mythos destilliert, der sich hartnäckig hält. Ein Schalldämpfer macht eine Waffe nicht lautlos. Er dämpft. Ein Schuss erzeugt zwei Geräusche: den Mündungsknall, den die expandierenden Pulvergase beim Verlassen des Laufs produzieren, und das scharfe Überschallknacken des Geschosses, sobald es die Schallgrenze von rund 343 Metern pro Sekunde durchbricht. Der Schalldämpfer bremst und kühlt die austretenden Gase über ein System aus Kammern und Prallwänden und reduziert so den Mündungsknall, teils erheblich. Das Überschallknacken des Geschosses berührt er nicht. Eine gedämpfte Kurzwaffe klingt im Film wie ein trockenes Zischen. In der Wirklichkeit klingt sie wie ein kräftiger Handklatsch mit metallischem Nachklang, laut genug, um sich umzudrehen.

Normale .22er-Hochgeschwindigkeitspatronen verlassen den Lauf mit 365 bis über 400 Metern pro Sekunde, also überschallschnell, und erzeugen dieses Knacken in jedem Fall. Subsonische Munition ist anders konstruiert: reduzierte Treibladung, oft ein schwereres Geschoss, Mündungsgeschwindigkeit zuverlässig unter 320 Metern pro Sekunde. Kein Überschallknall. Die Kombination aus Schalldämpfer und subsonischer .22er-Patrone senkt den Gesamtpegel auf rund 110 bis 120 Dezibel. Das klingt nach wenig, entspricht aber in etwa einem Donnerschlag oder einer startenden Kettensäge. In sehr gut abgestimmten Konfigurationen kann das mechanische Geräusch des Verschlusses einen erheblichen Anteil am wahrgenommenen Gesamtgeräusch haben. Weit entfernt vom lautlosen Hauch, über den im Thriller noch nie jemand auch nur gestolpert ist.

Die Sowjets lösten dieselbe Aufgabe anders. Der KGB verwendete die PB-Pistole, eine integriert schallgedämpfte Waffe im Kaliber 9 × 18 mm Makarow mit einer Mündungsgeschwindigkeit von rund 290 Metern pro Sekunde, von Haus aus subsonisch, ohne Spezialmunition. Anderes Kaliber, dieselbe Idee: kein Überschallknacken, gedämpfter Mündungsknall, minimales Geräuschprofil.

Der Hirnstamm ist die Struktur, an der alles hängt. Eine schwere Verletzung dort ist mit dem Überleben in aller Regel nicht vereinbar, weil sie die Zentren für Atmung und Kreislauf zerstört. Das ist die Physiologie hinter der raschen Tödlichkeit solcher Verletzungen, und ich nenne diese Waffen nur, weil sie im historischen und forensischen Schrifttum vorkommen.

Davon scharf zu trennen sind die nationalsozialistischen Genickschussanlagen in den Konzentrationslagern, institutionalisierte Tötungstechniken mit Schusswaffen, oft getarnt als ärztliche Messung. Waffen, Kaliber und konkrete Ausführung variierten je nach Anlage und Zeitraum. Zwei verschiedene Dinge, oft verwechselt, und ich nenne sie nur, um der Verwechslung vorzubeugen.

Nun zu den Gewehren, und hier wird die Physik sichtbar, über die ich oben gesprochen habe.

Die .308 Winchester und die militärisch eng verwandte 7,62 × 51 mm NATO sind das schwere Standardgewehrkaliber. Geschossdurchmesser 7,62 Millimeter, Geschossmasse meist 9,5 bis 11,7 Gramm, Mündungsgeschwindigkeit um 830 bis 860 Meter pro Sekunde, Mündungsenergie etwa 3500 Joule. Die Bundeswehr setzt sie im Designated Marksman Rifle G28 ein, einer auf dem Heckler und Koch HK417 basierenden Präzisionswaffe, für die der Hersteller unter standardisierten Prüfbedingungen einen Streukreis von rund 45 Millimeter auf 100 Meter als Herstellergarantie ausweist, was Prüflaborbedingungen widerspiegelt und nicht das Leistungsprofil im Feldeinsatz beschreibt. Auch die Scharfschützen der GSG 9 nutzen das G28. Bei der Polizei ist die Remington 700 in .308 weit verbreitet. Ein interessantes Detail aus der Wundballistik: Das früher in Deutschland gefertigte 7,62-NATO-Geschoss mit dünnerem Stahlmantel fragmentierte deutlich stärker als die amerikanische Version mit dickerem Kupfermantel. Schon ein halber Millimeter Manteldicke entscheidet darüber, ob ein Geschoss durchschlägt oder im Ziel zerbricht.

Die .50 BMG, das 12,7-Millimeter-Kaliber, ist die Oberklasse der Reichweite. Geschossmasse um 42 Gramm, Mündungsgeschwindigkeit um 850 Meter pro Sekunde, Mündungsenergie zwischen 14000 und 20000 Joule je nach Laborierung, eingesetzt etwa im Barrett, bei der US-Armee als M107 geführt. Sie ist ein Kaliber gegen Material und über große Distanzen. An dieser Stelle räume ich mit einem populären Irrtum auf, der mir immer wieder begegnet. Der über Jahre als einer der weitesten bestätigten Scharfschützentreffer gehandelte Schuss über 2475 Meter, abgegeben von einem britischen Soldaten in Afghanistan im Jahr 2009, stammte nicht aus einer .50 BMG. Er stammte aus einem Gewehr im Kaliber .338 Lapua Magnum. Das wird ständig falsch zugeordnet, und wer es richtig wissen will, sollte es richtig wissen.

Solche Schädel gelten in der zivilen Forensik als selten. Das stimmt für den Alltag der Kriminaluntersuchung. Wer aber glaubt, ein menschlicher Schädel mit einer Schussverletzung sei eine Rarität schlechthin, irrt erheblich. Schussverletzungen finden sich dabei nicht nur am Schädel, sondern an jedem Knochen, der im Weg stand: an Rippen, Schulterblatt, Becken, Extremitäten. Der Zweite Weltkrieg kostete zwischen 21 und 25 Millionen Soldaten das Leben, die Sowjetunion verlor rund 8,7 bis 10,7 Millionen Soldaten, Deutschland 5,3 Millionen. Addiert man die 9 bis 11 Millionen militärischen Toten des Ersten Weltkriegs hinzu, kommt man auf 30 bis 36 Millionen gefallene Soldaten in weniger als 30 Jahren, ein erheblicher Anteil davon durch Schusswaffenverletzungen. Die Überreste existieren in Museen, Universitätssammlungen, bei forensischen Anthropologen und in privaten Schädelsammlungen eines Umfangs, der die meisten Menschen verblüffen würde. Sie liegen aber auch noch im Boden. An der ehemaligen Ostfront zwischen Leningrad und Stalingrad werden bis heute durch Erosion und Frühjahrsschmelze Skelette aus dem Boden gespült. Mehr als 42.000 Freiwillige suchen in Russland aktiv nach Kriegsüberresten. Allein die Gruppe Ingria bei Sinyavino hat in 20 Jahren über 3.000 Soldaten geborgen.

Wer im Netz auf das Foto eines Schädels mit einer Schussverletzung stößt, sollte keine Panik entwickeln. Die meisten dieser Bilder zeigen keine aktuellen Kriminalfälle, sondern Lehrmaterial, Sammlungsstücke oder Kriegsopfer, die bis heute nicht beerdigt worden sind. Der Reflex, sofort einen Mordfall zu konstruieren, ist verständlich. Er ist, statistisch betrachtet, meistens falsch.

Das kleine Geschoss, das tödlicher ist als die Faust


Seitenansicht eines menschlichen Schädels mit Schussdefekt am Os parietale. Zentralkanal etwa 7 bis 8 mm, mit radiären Frakturlinien.
Seitenansicht eines menschlichen Schädels mit Schussdefekt am Os parietale. Zentralkanal etwa 7 bis 8 mm, mit radiären Frakturlinien.

.223 Remington (5,56 × 45 mm NATO), Vollmantelgeschoss. Forensischer ABFO-Maßstab.
.223 Remington (5,56 × 45 mm NATO), Vollmantelgeschoss. Forensischer ABFO-Maßstab.

In diesem Beitrag sind 2 Fotografien zu sehen. Das erste Bild zeigt einen menschlichen Schädel mit einem Defektbild, das gut zu einer Austrittsverletzung durch ein kleines, schnelles Gewehrgeschoss passt: äußere Auskerbung am Os parietale, fragmentierte Tabula externa, radiäre Frakturlinien, die weit über den eigentlichen Defekt hinausreichen. Der Perforationskanal selbst, das dunkle Loch, ist klein, ungefähr 7 bis 8 Millimeter. Das Schadensbild drumherum ist riesig. Eine kalibersichere Zuordnung allein aus diesem Knochenbefund ist nicht möglich. Vereinbar wäre das Muster etwa mit Hochgeschwindigkeitsmunition im Bereich .223 Remington beziehungsweise 5,56 × 45 mm NATO, sofern Auftreffgeschwindigkeit, Geschosskonstruktion und Fragmentationsverhalten entsprechend waren. Das zweite Bild zeigt kein gesichertes Tatgeschoss, sondern ein Vergleichsprojektil aus diesem Kaliberbereich, ein Vollmantelgeschoss vom Durchmesser .224 Zoll, dokumentiert mit forensischem ABFO-Maßstab. Kleines Loch, riesiges Schadensbild. Genau diese Kombination ist die Signatur eines schnellen, instabilen, fragmentierenden Geschosses.

Das Nennmaß der .223 beträgt 5,56 Millimeter, der tatsächliche Geschossdurchmesser jedoch .224 Zoll, also etwa 5,7 Millimeter. Das Geschoss wiegt zwischen 3,6 und 4 Gramm, also weniger als eine Zwei-Euro-Münze. Aber es verlässt den Lauf mit über 900 Metern pro Sekunde. Und im Gewebe tut es etwas, das der Wundballistiker Martin Fackler in einer berühmten Arbeit von 1989 minutiös beschrieben hat (Fackler, 1989). Das Geschoss fliegt zunächst etwa 12 Zentimeter spitzenvoran, dann beginnt es heftig zu gieren, stellt sich quer, und an der Bördelrille, der sogenannten Cannelure, zerbricht es. Der vordere Teil behält etwa 60 Prozent der Masse, der hintere zerfällt in einen Schwarm kleiner Fragmente, die bis zu 7 Zentimeter radial wegstreuen. Diese Fragmente schwächen das Gewebe vor, und in dieses vorgeschwächte Gewebe drückt dann die temporäre Höhle. Facklers Beschreibung gilt primär für das militärische M193-Vollmantelgeschoss und vergleichbare Hochgeschwindigkeitslaborierungen bei ausreichend hoher Auftreffgeschwindigkeit. Zivile .223-Laborierungen, Teilmantelgeschosse und bleifreie Jagdgeschosse können ein deutlich abweichendes Wundprofil erzeugen, ebenso Treffer jenseits der Fragmentationsschwelle, also bei größerer Distanz oder kürzerem Lauf. Beide Effekte zusammen erzeugen eine permanente Wundhöhle, die ein Vielfaches dessen ist, was der winzige Geschossdurchmesser erwarten ließe. Das ist der Mechanismus hinter den großen, scheinbar unverhältnismäßigen Wunden, die im Vietnamkrieg an den ersten M16 beobachtet wurden und damals für Aufregung sorgten.

Wer genau hinschaut, fragt sich, warum Ausschüsse manchmal nicht rund aussehen, sondern oval oder länglich. Die Antwort liegt im Gieren. Beginnt das Projektil zu taumeln, ehe es die Tabula interna von innen trifft, schlägt es nicht mit seiner kreisrunden Querschnittsfläche aus dem Knochen, sondern schiefwinklig. Das Ergebnis ist ein ovaler oder länglicher Defekt, der die Orientierung des Geschosses zum Zeitpunkt des Aufpralls widerspiegelt. Je nach Schusswinkel und Distanz kann dieses Gieren stärker oder schwächer ausgeprägt sein. Quatrehomme und Işcan dokumentierten in ihrer Serie, dass Ausschüsse rund, oval, quadratisch und rechteckig vorkommen können (Quatrehomme & Işcan, 1998). Das klingt nach einem diagnostischen Problem. Es ist keines. Der Einschuss bleibt in der Regel rund, weil das Geschoss beim Eintritt noch stabil und spitzenvoran fliegt. Das Gesamtbild aus rundem Einschuss mit innerer Auskerbung und ovalem oder unregelmäßigem Ausschuss mit äußerer Auskerbung ist in sich konsistent und forensisch eindeutig lesbar, unabhängig von der genauen Form des Austrittsdefekts. Schusswinkel und Distanz ändern die Geometrie des Lochs. Sie ändern nichts an der Lesbarkeit des Befunds.

Um dieses Geschoss ranken sich Mythen, und einer davon ist genuin umstritten, weshalb ich ihn ehrlich als umstritten kennzeichne. Es gibt die These, ein .223er-Treffer könne allein durch eine fortgeleitete Druckwelle töten, einen sogenannten hydrostatischen Schock, selbst bei einem Treffer in eine Extremität fernab lebenswichtiger Organe. Auf der einen Seite stehen Wundballistiker wie Fackler, die das für einen Mythos halten und argumentieren, es gebe nur zwei Wundmechanismen, Quetschung und Dehnung, und alles andere sei Folklore. Fackler verwies gern auf den Nierensteinzertrümmerer, der stärkere Druckwellen erzeugt als die meisten Geschosse, ohne Weichgewebe zu schädigen. Auf der anderen Seite stehen Forscher wie das Ehepaar Courtney, das Belege für Fernwirkungen ins Feld führt, etwa einen Blutdruckanstieg im Gehirn nach einem Treffer in den Oberschenkel, deren Aussagekraft allerdings umstritten bleibt (Courtney & Courtney, 2008). Ein breiter wissenschaftlicher Konsens existiert bis heute nicht. Wer also behauptet, die Letalität der .223 beruhe gesichert auf einer Schockwelle, geht über die Faktenlage hinaus. Was dagegen unstrittig ist: Im eingeschlossenen Raum des Schädels selbst erzeugt die temporäre Höhle einen verheerenden Innendruck und berstende Frakturen. Am Schädel braucht die .223 keine umstrittene Fernwirkung. Ihre Nahwirkung genügt vollkommen.

Damit schließt sich der Kreis zum Anfang. Das Kaliber, das auf dem Foto die kleinste Öffnung hinterlassen hat, ist eines der zerstörerischsten überhaupt. Wer nur das Loch misst, käme nie darauf. Wer den Knochen drumherum liest, sieht es sofort.

Warum manche überleben

Es gibt eine Vorstellung, die sich hartnäckig hält, der Kopfschuss sei gleichbedeutend mit dem sicheren Tod. Das stimmt nicht. Er ist sehr oft tödlich, und die Zahlen sind ernüchternd. Die neurochirurgische Literatur bietet keinen Trost für Schnellentschlossene: Zwischen 66 und 90 Prozent der Patienten mit penetrierenden Kopfschüssen überleben den Transport ins Krankenhaus nicht (Qi & Li, 2021). Unter denen, die lebend ankommen, überlebt in manchen Serien bis zur Hälfte.

Worauf es ankommt, hat eine große Metaanalyse von 1774 Patienten herausgearbeitet (Maragkos et al., 2018). Entscheidend sind der neurologische Zustand bei Ankunft, gemessen an der Glasgow Coma Scale, die Reaktion der Pupillen, und vor allem die Bahn des Geschosses durch das Gehirn. Beidseits weite, lichtstarre Pupillen sind ein extrem ungünstiges Zeichen. Eine Bahn, die beide Hirnhälften durchquert, ist deutlich gefährlicher als eine, die in einer Hemisphäre bleibt. Eine Bahn durch die Hirnkammern verschlechtert die Prognose erheblich. Und ein Schuss in suizidaler Absicht hat statistisch eine höhere Sterblichkeit, was traurige Gründe hat, auf die ich gleich komme.

Wie scharf diese Grenzen verlaufen, zeigt eine ältere, aber methodisch saubere Serie von 49 Kleinkaliberschüssen ins Gehirn (Suddaby, Weir & Forsyth, 1987). Die Gesamtsterblichkeit lag bei 61 Prozent. Bei Patienten, die mit einem weitgehend erhaltenen Bewusstsein ankamen, also einem hohen Wert auf der Glasgow Coma Scale, starb keiner. Bei tief bewusstlosen Patienten mit einem Wert von sieben oder darunter starben 85 Prozent. Und alle Patienten mit beidseits lichtstarren Pupillen starben in dieser Serie ausnahmslos. Eine französische Serie bestätigte denselben Befund von der anderen Seite: Komatöse Patienten ohne Hirnstammzeichen überlebten in über einem Drittel der Fälle, komatöse Patienten mit Hirnstammzeichen in keinem einzigen Fall dieser Kohorte (Shoung, Sichez & Pertuiset, 1985). Es läuft, wie so oft bei Kopfschüssen, auf eine einzige Struktur hinaus. Wird der Hirnstamm verschont, gibt es eine Chance. Wird er getroffen, gibt es keine.

Es gibt zwei Konstellationen, in denen das Überleben deutlich wahrscheinlicher wird. Die erste ist der Streifschuss, im Englischen tangential gunshot wound. Streift das Geschoss den Schädel, ohne die innere Knochentafel zu durchbrechen, bleibt die schützende Kapsel intakt. Solche Verletzungen sehen dramatisch aus, sind aber oft überlebbar. Harmlos sind sie trotzdem nicht. In einer großen Serie hatten 16 Prozent dieser Patienten dennoch Schädelfrakturen und ein Viertel intrakranielle Blutungen, manche verschlechterten sich erst Stunden später (Anglin et al., 1998). Wer einen Streifschuss am Kopf überlebt, gehört beobachtet, nicht entlassen.

Die zweite Konstellation ist der nach vorne und oben gerichtete Schuss durch den Mund.

Der Kamerad im Munitionsdepot

Ich bin Veteran. Vier Jahre diente ich bei der Deutschen Luftwaffe, unter anderem am Jagdbombergeschwader 49 in Fürstenfeldbruck. 1992 versuchte dort ein Kamerad in einem Munitionsdepot, sich mit seiner Dienstwaffe das Leben zu nehmen. Der Schuss verlief durch den Mund, nach vorne und oben gerichtet.

An jenem Tag war ein amerikanischer Militärhubschrauber zu Besuch auf dem Stützpunkt. Sie flogen ins Depot, ein bewaldetes Stück Gelände, und holten ihn mit einer waghalsigen Landung zwischen den Bäumen heraus, um ihn in ein Krankenhaus zu fliegen. Danach gab es eine absolute Nachrichtensperre. Wir erfuhren nichts. Erst Monate später, ich glaube, es war fast ein Jahr, drang die Information zu mir durch, dass er überlebt hatte. Auf einem Auge blind, mit einer leichten Sprachstörung, aber er lebte.

Ich war dabei, als wir ihn aus der Toilette zogen. Ich hatte meine Hand an seinem Kopf. Und unter meinem Griff spürte ich, wie der Schädel nachgab. Dieses Gefühl trage ich bis heute in mir, und ich habe in den Jahrzehnten danach genug über die Anatomie gelernt, um zu verstehen, warum dieser Mann überlebte und warum sich das anfühlte, wie es sich anfühlte.

Ein nach vorne und oben gerichteter Schuss durch den Mund nimmt eine Bahn durch den Stirnlappen. Der Stirnlappen ist, neurologisch gesprochen, eine vergleichsweise stille Region. Das heißt nicht, dass eine Verletzung dort harmlos wäre, sondern dass hier nicht die Zentren liegen, die Atmung und Kreislauf unmittelbar steuern. Die knöcherne Barriere der vorderen Schädelgrube schützt den darunter und dahinter liegenden Hirnstamm teilweise vor dem nach unten gerichteten Druck. Genau deshalb überleben manche Menschen einen intraoralen Schuss, oft mit schweren Verletzungen der Augen, des Gesichts, der Sprache, aber sie überleben. Eine Untersuchung von 157 Fällen fand, dass die Sterblichkeit stark vom Eintrittsort abhängt: bei Schüssen in die Schläfe 82 Prozent, bei submentalen und intraoralen Schüssen dagegen nur 30 Prozent (J. A. Murphy et al., 2016; Kriet, Stanley & Grady, 2005). Das Nachgeben unter meiner Hand war der Frakturierte, aber nicht zerstörte Frontalbereich. Hätte das Geschoss eine andere Bahn genommen, hätte ich diesen Beitrag nicht zu schreiben.

Die kalte Anatomie und der warme Mensch fallen in solchen Momenten zusammen. Dieser Mann hat mir mehr über die Grenze zwischen Überleben und Sterben beigebracht als manche Vorlesung.

Was bleibt

Schussverletzungen am Schädel sind, forensisch betrachtet, ein lesbarer Text. Der Trichter verrät die Richtung. Die Frakturen verraten die Reihenfolge. Der Schmauch und die Stanzmarke verraten die Distanz. Die Bahn verrät die Prognose. Und das Loch, das fast jeder zuerst misst, verrät am wenigsten von allem. Wer lernt, den Knochen statt das Loch zu lesen, sieht in Sekunden, was anderen verborgen bleibt, und korrigiert in einem Satz, was im Netz seit Jahren falsch herumgereicht wird. Das ist keine Zauberei und kein Talent. Es ist Methode, geübt an genug Fällen, bis das Auge von selbst zur richtigen Stelle wandert, weg vom Loch, hin zum Rand, hin zur Bruchkante, hin zu dem schmalen Ring abgeschürfter Haut, der mehr erzählt als der ganze dunkle Krater in seiner Mitte.

In vielen forensischen Kontexten, und in meinem ganz sicher, sind die meisten Schussverletzungen am menschlichen Schädel, mit denen gearbeitet wird, keine Tötungsdelikte. Es sind Suizide. Im Jahr 2024 nahmen sich in Deutschland 10372 Menschen das Leben, etwas mehr als im Vorjahr und spürbar mehr als im Zehnjahresschnitt (Statistisches Bundesamt, 2025). Die Verteilung ist seit Jahren erschreckend konstant: Rund 71 Prozent sind Männer. Die geschlechtsspezifischen Suizidraten zeigen, dass Männer mehr als doppelt so oft betroffen sind wie Frauen, in einzelnen Altersgruppen liegt der Abstand noch deutlich höher.

Hinter dieser Zahl steht ein Muster, das die Forschung gut kennt. Wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, finanzieller Druck treiben die Suizidrate nach oben, und sie treffen Männer im erwerbsfähigen Alter besonders hart. Eine Metaanalyse zeigte ein deutlich erhöhtes relatives Risiko bei Arbeitslosigkeit, ausgeprägter bei Männern als bei Frauen (Milner, Page & LaMontagne, 2014). Und dazu kommt das Schweigen. Männer suchen seltener Hilfe, sprechen seltener über Belastung, halten seltener inne, weil sie gelernt haben, dass Stärke bedeutet, nichts zu zeigen. Sie tragen es allein, bis sie es nicht mehr tragen.

Ich finde das traurig, und ich sage das als jemand, der mit den knöchernen Folgen dieses Schweigens arbeitet. Der Schädel, der am Ende auf meinem Tisch liegt oder auf einer Fotografie in meinem Posteingang, gehörte fast immer einem Menschen, dem irgendwann niemand mehr zuhörte, oder der niemanden mehr fragte. Die Forensik kann rekonstruieren, was geschah. Sie kann nicht verhindern, dass es geschieht. Das können nur Menschen, die einander zuhören, bevor der Knochen das letzte Wort hat.

Wer das hier liest und selbst in einer dunklen Lage ist, findet rund um die Uhr, anonym und kostenlos Hilfe. Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112. Die Telefonseelsorge erreichst du unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Reden ist kein Zeichen von Schwäche. Es löst nicht alles sofort, aber es verschiebt den Moment, schafft Verbindung und kann Leben retten.

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