Mitten im Skandal: wie ich das Ibiza-Video auf Echtheit prüfte
Es begann mit einer E-Mail. Der Spiegel fragte an, ob ich Video und Ton auswerten könne, in einer Sache, über die am Telefon niemand reden wollte. Ich kannte das Magazin, ich kannte das Gewicht, das in einer so vorsichtig formulierten Anfrage steckt, und ich sagte zu, ohne zu ahnen, worauf ich mich einließ. Wenige Tage später standen zwei Reporter in meinem Münchner Büro, mit Kamerateam, mit ernsten Gesichtern, mit einem Datenträger, dessen Inhalt mir in den ersten Minuten die Schuhe auszog. Ich sah, was darauf war. Und ich wusste sofort, das hat Potenzial. Nicht das angenehme Potenzial. Das andere.
Was ich an jenem Tag unterschrieb, war eine Verschwiegenheitserklärung, ein NDA, und an die halte ich mich bis heute. Ich werde an dieser Stelle nichts ausplaudern, was unter diese Vereinbarung fällt. Ich kann aber erzählen, was längst öffentlich ist, was in der Zeitung stand, was in einem Buch nachzulesen ist, was eine Fernsehdokumentation zeigt, in der ich selbst vor der Kamera sitze, und was im Lexikoneintrag zur Affäre steht, der meinen Namen nennt. Und ich kann erzählen, wie es sich anfühlt, wochenlang allein mit einem Material zu sitzen, das am Ende eine Regierung zerlegt.
Sieben Jahre sind seither vergangen. Lang genug, um nüchtern darüber zu schreiben. Kurz genug, dass mir eine Frage bis heute nicht aus dem Kopf geht, und mit der will ich am Ende schließen, weil sie ehrlicher ist als jede Antwort, die ich geben könnte. Fangen wir vorn an, beim Material selbst, denn ohne das Material versteht man weder die Aufregung noch die Arbeit, die darauf folgte.
Was auf dem Material wirklich zu sehen war
Die Aufnahmen entstanden heimlich am 24. Juli 2017 in einer Villa auf der spanischen Insel Ibiza. Diese Villa wurde von Unbekannten eigens für den Zweck angemietet, vom 22. bis zum 25. Juli, ein Detail, das man sich merken sollte, weil es zeigt, wie planvoll hier vorgegangen wurde. Niemand mietet eine Finca für drei Tage, baut Kameras ein und lockt zwei Spitzenpolitiker hinein, ohne einen Plan und ohne Mittel. Das gesamte Material umfasste über 20 Stunden, Video aus mehreren Perspektiven und Ton zusammengenommen. Allein die Tonspur des Gesprächs lief über 7 Stunden. Über 7 Stunden, die ich Nacht für Nacht durchgehört habe, an einem Stück, dann wieder von vorn, dann in Ausschnitten, bis ich jede Stimmfärbung im Schlaf erkannte.
Zu sehen sind zwei Männer, die in Österreich damals an der Spitze der Macht standen. Heinz-Christian Strache, zu diesem Zeitpunkt Vizekanzler und Bundesparteiobmann der FPÖ. Und Johann Gudenus, sein enger Vertrauter, der zwischendurch die Rolle des Dolmetschers übernahm, weil er Russisch sprach. Ihnen gegenüber sitzt eine Frau, die sich als Nichte eines russischen Oligarchen ausgibt, als Nichte des Öl- und Gasunternehmers Igor Makarow, mit einem angeblichen lettischen Pass, mit der Behauptung, mehrere hundert Millionen Euro in Österreich investieren zu wollen. Sie war nichts von alledem. Sie war ein angeheuerter Lockvogel. Makarow selbst stellte später öffentlich klar, er sei das einzige Kind seiner Familie und habe gar keine Nichten. Die reiche Russin war eine Inszenierung, und die beiden Männer tappten hinein.
Was Strache in diesen Stunden von sich gab, ist der eigentliche Sprengstoff. Er stellte der vermeintlichen Investorin Staatsaufträge in Aussicht, alle Aufträge, die bislang an einen großen heimischen Baukonzern und dessen prominenten Eigentümer gingen, sofern sie ein eigenes Bauunternehmen gründe. Er spielte mit dem Gedanken, einen Kanal des öffentlichen Rundfunks zu privatisieren und die Wasserversorgung bis auf eine staatliche Sperrminorität in private Hände zu geben. Vor allem aber sprach er, immer und immer wieder an diesem Abend, von einer Übernahme der Kronen Zeitung, der größten Tageszeitung des Landes. Wenn die ihr gehöre, müsse man ganz offen reden, dann könne man ein paar Leute aufbauen und ein paar andere loswerden, und wenn das Blatt zwei, drei Wochen vor der Wahl plötzlich die Freiheitlichen unterstütze, dann sei ein Stimmenanteil von 34 Prozent drin.
Und er beschrieb, wie das Geld fließen sollte, ohne Spuren. Eine Spende an einen gemeinnützigen Verein, mit dem schönen Statut, Österreich wirtschaftlicher zu gestalten, mit drei Rechtsanwälten im Vorstand, damit am Rechnungshof und an den Gesetzen zur Parteienfinanzierung vorbei. Dazwischen, fast trotzig, der Satz, alles müsse rechtskonform und legal sein. Diese Mischung ist das eigentlich Verstörende. Ein Mann, der im selben Atemzug die Umgehung der Gesetze entwirft und ihre Einhaltung beteuert. Sich selbst nannte er an diesem Abend den Red Bull Brother from Austria, die Journalisten, die ihn später entlarven würden, bezeichnete er als das Übelste, was der Planet zu bieten habe. Den ganzen Abend nannte er hinterher, in seiner eigenen Wortwahl, eine besoffene Geschichte.
Veröffentlicht wurde all das am 17. Mai 2019, pünktlich um 18 Uhr, von der Süddeutschen Zeitung und vom Spiegel, gleichzeitig, in Form sechsminütiger Ausschnitte. Beide Häuser betonten, sie hätten für das Material nichts bezahlt. Nicht veröffentlicht wurden die Passagen, in denen Strache über das Privatleben anderer Politiker herzog, was er bei seinem Rücktritt als unüberprüfte schmutzige Gerüchte abtat. Bevor irgendetwas davon gedruckt werden durfte, musste eine einzige Frage zweifelsfrei beantwortet sein. Ist das echt. Genau an dieser Stelle kam ich ins Spiel.
Die Nächte, in denen ich im falschen Film saß
Wie das Material zu den Journalisten kam, ist für sich genommen schon ein Krimi, und es ist mittlerweile öffentlich. Man hatte ihnen zuerst nur einen 15-minütigen Ausschnitt gezeigt und sie danach Monate warten lassen. Beim ersten Kontakt mussten sie Spezialbrillen tragen, damit sie nicht heimlich mitfilmen konnten. Die eigentliche Übergabe lief, wie einer der Reporter es später nannte, abenteuerlich, man lotste sie stundenlang an einen entlegenen Ort, ließ sie an einer Tankstelle warten und führte sie schließlich in ein verlassenes Hotel. Erst danach hatten sie das vollständige Video, und erst dann konnte meine Arbeit beginnen.
Ich habe in den Tagen nach dem Besuch der Reporter in einen Modus geschaltet, den ich von großen Fällen kenne und den meine Familie weniger schätzt als ich. Überlebensmodus, könnte man sagen, nur dass es nicht ums Überleben ging, sondern um Konzentration ohne Pause. Ich war von da an praktisch nur noch im Büro, meist nachts, weil nachts niemand anruft und das Telefon schweigt. Die Schreibtischlampe, der Kopfhörer, das Material. Mehr brauchte es nicht, mehr ließ ich auch nicht zu.
Zuerst der Ton. Über 7 Stunden Gespräch, das man nicht einfach abspielt, sondern seziert. Man hört nicht auf den Inhalt, jedenfalls nicht zuerst. Man hört auf alles andere. Auf das Grundrauschen des Raumes, auf das Klirren der Gläser, auf die Art, wie eine Stimme im Hall der Wände steht, auf die winzigen Geräusche, die ein Mensch macht, wenn er sich auf einem Sofa bewegt. Der Inhalt ist für den Echtheitsprüfer fast eine Ablenkung. Wer sich von dem fesseln lässt, was gesagt wird, hört nicht mehr, wie es gesagt wird, und genau das Wie ist mein Gegenstand. Ein Forensiker, der sich vom Drama mitreißen lässt, ist ein schlechter Forensiker. Ich habe in einem früheren Text einmal beschrieben, wie tückisch kognitive Verzerrung in unserem Fach wirkt, wie schnell man findet, was man finden will. In diesem Fall war die Versuchung größer als je zuvor, denn das Material war politisch glühend heiß. Umso disziplinierter musste ich die eine Frage von allen anderen trennen.
Konkret heißt das eine Strenge, die von außen fast lächerlich wirkt. Ich notiere mir, was ich zu finden erwarte, bevor ich suche, damit ich hinterher prüfen kann, ob ich es wirklich gefunden oder nur erwartet habe. Ich arbeite gegen die eigene These, nicht für sie. Wenn ich überzeugt bin, das Video sei echt, dann ist das der Moment, in dem ich am härtesten nach Hinweisen auf eine Fälschung suche, denn die gefährlichste Voreingenommenheit ist die, die sich richtig anfühlt. Über 7 Stunden Ton und das zugehörige Bild verzeihen keine Bequemlichkeit. Man hört eine Stelle zehnmal, man verlangsamt sie, man legt das Spektrogramm daneben, und erst wenn nichts kippt, hakt man sie ab und geht zur nächsten.
Dann das Bild. Frame für Frame, Sekunde für Sekunde, mit dem Abgleich zwischen dem, was die Kamera zeigt, und dem, was physikalisch möglich ist. Irgendwann in diesen Nächten stellte sich ein Gefühl ein, das ich vorher so nicht kannte. Ich saß im falschen Film. Da liefen Szenen ab wie aus einem schlecht erfundenen Politthriller, eine Oligarchennichte, eine Villa, verdeckte Kameras, eine Falle, und ich, der nüchterne Gutachter, mittendrin, mit nichts als einer Lampe und einem Kopfhörer. Das Absurde daran: Jahre später wurde aus diesem Stoff tatsächlich ein Film, gleich mehrere, und ich durfte mir ansehen, wie ein Produktionsteam meine schlaflose, glamourfreie Wirklichkeit in Hochglanz verwandelte. Aber dazu später.
Was mich in diesen Nächten am meisten beschäftigte, war nicht die Frage, ob das Material echt ist. Diese Frage konnte ich beantworten, dafür war ich da. Es war die Frage, wie gut das Ganze gemacht war. Die Anlage der Kameras, die Lichtführung, die Geduld, mit der hier jemand ein Gespräch über Stunden eingefangen hatte, ohne dass die beiden Männer Verdacht schöpften. Wer auch immer das aufgesetzt hatte, verstand sein Handwerk. Das ist eine Beobachtung, kein Lob, und ich komme am Ende darauf zurück.
Was Echtheitsprüfung wirklich bedeutet
Hier muss ich kurz erklären, was eine forensische Echtheitsprüfung von Bewegtbild eigentlich ist, denn die Vorstellungen davon sind meist falsch. Es gibt keinen Knopf, den man drückt, und keine Software, die nach einer Minute echt oder gefälscht ausspuckt. Es ist mühsame, mehrschichtige Detailarbeit, und sie zerfällt grob in drei sichtbare und eine unsichtbare Ebene, die ineinandergreifen.
Die erste Ebene ist das Sichtbare, die räumliche Rekonstruktion. Ich habe die Perspektiven, die Lichtquellen und die Schattenwürfe im Video akribisch mit den realen Maßen und Möbeln der Finca abgeglichen. Wo steht die Kamera, in welchem Winkel, wie fällt das Licht einer Lampe auf eine Wange, wo liegt der Schatten eines Glases auf dem Tisch, passt das alles zu einem einzigen, physikalisch konsistenten Raum. Eine echte Szene ist ein geschlossenes physikalisches System. Jedes Licht erzeugt genau die Schatten, die seine Position vorgibt, jede Oberfläche wirft genau die Reflexion zurück, die ihr Material erlaubt. Wenn ein Mensch nachträglich in eine solche Szene hineingeschnitten wird, per Green Screen oder per Computergrafik, dann bricht diese Geschlossenheit an irgendeiner Stelle. Ein Schatten zeigt in die falsche Richtung, eine Reflexion fehlt, eine Kante sitzt um Haaresbreite daneben, eine Hautpartie ist um eine Spur zu sauber ausgeleuchtet. Nichts davon war hier zu finden. Mehrere Kameraperspektiven machen die Sache für einen Fälscher noch aussichtsloser, denn er müsste dieselbe Manipulation in jeder Perspektive konsistent halten, und das gelingt praktisch nie. Das Team des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, mit dem die Prüfung in Zusammenarbeit lief, ging denselben Weg auf seine Art und verglich etwa die Steinmuster an den Hauswänden mit den Werbefotos der angemieteten Villa. Stimmt das Mauerwerk im Video mit dem Mauerwerk auf den Inseraten überein, dann stimmt der behauptete Ort. Auch dort: alles passt zusammen.
Die zweite Ebene ist das Hörbare, die Audio- und Stimmanalyse. Eine Tonspur, die über Stunden läuft, hat eine Signatur. Das Grundrauschen bleibt konstant, der Raumhall bleibt konstant, das Gerät, das aufnimmt, hinterlässt einen gleichbleibenden Fingerabdruck im Frequenzbild. Wenn jemand nachträglich Sätze einfügt, herausschneidet oder umstellt, entstehen Brüche. Eine Spleißstelle, an der das Rauschen für den Bruchteil einer Sekunde kippt, eine Tonhöhe, die nicht zur Atmung passt, ein Nachhall, der plötzlich nach einem anderen Raum klingt, ein Übergang, der zu sauber ist, um echt zu sein. Ich habe die Spuren auf Frequenzkonstanz geprüft und nach genau diesen Brüchen gesucht. Es gab keine. Niemand hat Strache Sätze in den Mund montiert, die er so nicht gesagt hat, und niemand hat die Reihenfolge verdreht, um aus harmlosen Worten gefährliche zu machen.
Die dritte Ebene ist die, die in einer Hand selten mit den ersten beiden zusammenkommt, und genau das war hier mein Vorteil. Ich arbeite nicht nur digital, ich arbeite auch mit den Methoden der körperlichen Vermessung, mit Proportionen, mit Bewegungsmechanik, mit der Analyse von Lippenbewegungen im Verhältnis zum gesprochenen Wort. Damit prüft man, ob die Personen im Bild wirklich die sind, die da sprechen, und ob sie wirklich sprechen, was man sie sagen hört. Das ist der Riegel gegen den Verdacht, der bei jedem brisanten Video als Erstes aufkommt, gerade heute, im Zeitalter der künstlich erzeugten Gesichter: Deepfake oder verkleidete Doubles. Ein Deepfake verrät sich an der Mechanik, an Übergängen zwischen Mimikzuständen, an der feinen Verzögerung zwischen Laut und Lippe, an Proportionen, die über die Zeit nicht stabil bleiben. Ein verkleidetes Double verrät sich an Körpermaßen, an Gangbild, an Haltung. Ich habe die Beteiligten anthropometrisch und biomechanisch geprüft, Maß gegen Maß, Bewegung gegen Bewegung. Hier war nichts gefälscht. Es waren die Männer, die man sah, und sie sagten, was man sie sagen hörte.
Dass diese drei Zugänge bei mir in einer Hand liegen, ist kein Zufall, und in diesem Fall war es entscheidend. Ein reiner Datenforensiker sieht die Metadaten, aber nicht unbedingt, ob ein Körper sich mechanisch korrekt bewegt. Ein reiner Bildgutachter sieht die Szene, aber nicht unbedingt die Spur im Containerformat. Wer beides kann und obendrein die Vermessung des menschlichen Körpers beherrscht, schließt die Lücken, durch die eine Fälschung sonst schlüpfen könnte. Modelle und Checklisten ersetzen das nicht. Es ist die jahrelange Arbeit am echten Material, die den Blick schult, und genau diese Erfahrung war hier der Unterschied zwischen einem vorsichtigen Vielleicht und einem klaren Befund.
Über all dem liegt die unsichtbare Ebene, die Metadaten. Zeitstempel, Dateiformate, Abtastraten, Codec-Signaturen, die Spuren, die jeder Schnitt und jede Neukodierung im Innersten einer Datei hinterlässt. Sie erzählen die technische Lebensgeschichte eines Videos, und sie verraten Manipulation oft dort, wo das Auge längst überzeugt ist. Ein nachträglich bearbeiteter Clip trägt fast immer die Narben des Bearbeitungsprogramms, eine zweite Kompressionsschicht, eine veränderte Struktur im Containerformat. Auch diese Ebene fügte sich in ein stimmiges Bild. Vier Ebenen, eine Antwort. Am Ende dieser Arbeit stand ein Befund, der so eindeutig war, wie es ein Befund nur sein kann. Der Leiter der IT-Forensik am Fraunhofer-Institut fasste das öffentliche Ergebnis später in einem Satz zusammen, der mir aus der Seele sprach, man sei zu dem Schluss gekommen, dass alles authentisch sei, man habe nichts Auffälliges feststellen können.
Es gehört zur Ehrlichkeit, einen Gedanken hinterherzuschicken, der diesen Fall technisch besonders macht. Er war zugleich leicht und schwer. Leicht, weil gar keine Manipulation versucht worden war, denn die Macher wollten ja, dass das Material echt ist und echt wirkt, das war der ganze Sinn der Falle. Eine Fälschung hätte dem Zweck widersprochen. Schwer war er trotzdem, weil bei dieser Tragweite jede einzelne Aussage gerichtsfest sein musste. Ich durfte mich nicht darauf verlassen, dass schon nichts gefälscht sein werde, ich musste es positiv ausschließen, Ebene für Ebene, und zwar so, dass es auch dann noch hält, wenn ein gegnerischer Gutachter Monate später jede Zeile auseinandernimmt. Genau diese Asymmetrie zwischen einer plausiblen Vermutung und einem belastbaren Befund ist der Unterschied zwischen einem Eindruck und einem Gutachten.
Der Satz, den ein ehrlicher Forensiker hier sagen muss
Und jetzt kommt der Teil, den die meisten überspringen, obwohl er der wichtigste ist. Echt und nicht manipuliert, das heißt: Die Datei wurde nicht gefälscht. Es heißt nicht, dass ein sechsminütiger Schnitt aus über 7 Stunden Gespräch den Sinn der Worte korrekt wiedergibt. Und es heißt erst recht nicht, wer die Falle gestellt hat und warum.
Das sind drei verschiedene Fragen, und man muss sie sauber auseinanderhalten, sonst macht man sich als Sachverständiger angreifbar. Authentizität ist die eine. Kontext ist die zweite. Urheberschaft ist die dritte. Ich konnte die erste beantworten, mit großer Sicherheit. Über die zweite kann jeder streiten, der einen sechsminütigen Ausschnitt gegen über sieben Stunden Rohgespräch hält, und Strache hat genau das getan, er sprach von aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen. Das ist die übliche Verteidigung, und im Prinzip ist sie sogar legitim, denn ein Schnitt kann Bedeutung verschieben, ohne ein einziges Wort zu fälschen. Nur stützte sie sich hier auf nichts, denn der österreichische Journalist, der das vollständige Material vor der Veröffentlichung sehen durfte, fasste später vor dem Untersuchungsausschuss zusammen, der Inhalt stütze die Korruptionsvorwürfe, und die Redaktionen hatten die vorgebliche Oligarchennichte vor der Veröffentlichung sogar persönlich getroffen. Die dritte Frage, die nach den Urhebern und ihren Motiven, lag vollständig außerhalb meines Auftrags. Ein Forensiker, der diese drei Ebenen vermengt, liefert kein Gutachten, er liefert eine Meinung, und Meinungen waren in diesem Fall reichlich im Umlauf.
Ein Beispiel macht den Unterschied greifbar. Stellen wir uns vor, jemand schneidet aus einem langen Gespräch eine Frage heraus und setzt eine Antwort daneben, die ursprünglich zu einer ganz anderen Frage gehörte. Kein einziges Wort ist gefälscht, jede Silbe ist echt, und doch lügt der Zusammenschnitt. Eine reine Echtheitsprüfung auf der reinen Datenebene würde das womöglich gar nicht bemerken, denn die Tonschnipsel selbst sind ja unverändert. Deshalb prüfe ich eben nicht nur die Datei, sondern auch die Kontinuität, das durchlaufende Rauschen, den ungebrochenen Gesprächsfluss, die Logik der Übergänge. Genau diese Kontinuität war hier intakt, über die volle Länge. Wer mehr behaupten will, nämlich dass der Sinn der Worte korrekt eingefangen sei, betritt das Feld der Interpretation, und das ist die Aufgabe von Journalisten, Juristen und am Ende der Öffentlichkeit, nicht die des Forensikers.
Es gibt einen zweiten Befund, der nicht von mir stammt, aber genau in dieselbe Richtung zeigt und den ich deshalb hier erwähne. Strache und Gudenus deuteten später an, man habe ihnen an jenem Abend womöglich K.-o.-Tropfen verabreicht, das erkläre ihr Verhalten. Zwei der renommiertesten Gerichtsmediziner im deutschsprachigen Raum, Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité, und Sven Hartwig, Leiter der dortigen Forensischen Toxikologie, prüften das anhand des öffentlichen Videos und nannten es schlicht unmöglich. Hätte man den beiden ein gängiges K.-o.-Mittel gegeben, wäre über die Stunden eine zunehmende Ermüdung zu sehen gewesen, Benommenheit, Schläfrigkeit, am Ende vielleicht Bewusstseinstrübung. Stattdessen, so die Gutachter, seien Körpersprache und Gesprächsverhalten unauffällig, die Gesten inhaltsbezogen, Wortwahl und Grammatik sogar ausgefeilt, und das über mehrere Stunden, samt komplexer Sachverhalte, die Gudenus zwischendurch ins Russische übersetzte. Im Klartext: Der Mann war bei vollem Verstand. Das Echtheitsurteil und das toxikologische Urteil ergeben zusammen ein klares Bild. Das Material ist echt, und der, den man darin sieht, meinte, was er sagte. Ob das politisch klug war oder moralisch vertretbar, ist nicht meine Abteilung. Ob es echt war, schon, und es war echt.
Der Abgabetag und das Beben
Am Tag der Abgabe lieferte ich, was ich gefunden hatte. Keine Fälschung. Nicht ansatzweise möglich. Alle mir überlassenen Daten und das von mir erstellte Gutachten wurden bei der Übergabe gelöscht, so will es die Vereinbarung, an die ich gebunden war, und so ist es geschehen. Was bei mir blieb, war nichts als die Erinnerung an Wochen vor dem Bildschirm.
Dann ging alles sehr schnell. Am 17. Mai um 18 Uhr ging das Material online. Schon am Vorfeld hatte ein deutscher Satiriker bei einer Preisverleihung im April Andeutungen über den Inhalt gemacht, die damals als überspitzter Scherz durchgingen und die die ohnehin geplante Veröffentlichung beschleunigten. Am Mittag des 18. Mai, keinen vollen Tag nach der Publikation, trat Strache als Vizekanzler und Parteichef zurück, in einer Erklärung, die das Video ein gezieltes politisches Attentat nannte und von einer Schmutzkübelkampagne sprach. Am Abend dieses 18. Mai erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz das Ende der Koalition, nannte das Zustandekommen der Aufnahme verachtenswert, den Inhalt aber sprechend, und schlug Neuwahlen vor.
Was dann folgte, war ein Lehrstück in beschleunigtem Staatszerfall. Kurz forderte für eine Fortsetzung der Koalition die Ablöse des freiheitlichen Innenministers, die FPÖ lehnte ab, ihre Minister traten geschlossen zurück. Am 27. Mai sprach der Nationalrat der gesamten Bundesregierung das Misstrauen aus, zum ersten Mal in der Geschichte der Republik. Einen Tag später wurden die Regierungsmitglieder ihrer Ämter enthoben, eine Beamtenregierung unter der Juristin Brigitte Bierlein übernahm die Geschäfte. Gewählt wurde neu am 29. September 2019, die Volkspartei legte deutlich zu, die Freiheitlichen verloren, und es entstand eine Koalition mit den Grünen. Im Januar 2020 nahm ein langer parlamentarischer Untersuchungsausschuss seine Arbeit auf, der das halbe politische Wien beschäftigen sollte. Wenige Tage nach der Veröffentlichung war die österreichische Regierung ein Scherbenhaufen.
Das Echo reichte weit über Österreich hinaus. In Deutschland kommentierten Spitzenpolitiker den Fall, in Frankreich wunderte sich die Vorsitzende einer mit der FPÖ verbündeten Partei laut über den Zeitpunkt der Veröffentlichung kurz vor der Wahl. Der spätere Untersuchungsausschuss arbeitete sich monatelang durch Spendenkonstruktionen, Postenbesetzungen und Aktenlieferungen, bis hinauf zu der Frage, wer wann was gewusst hatte. Mit meiner Arbeit hatte das alles längst nichts mehr zu tun. Mein Teil war ein winziges, technisches Fundament ganz am Anfang, und auf diesem Fundament baute sich, Schritt für Schritt, ein politisches Erdbeben auf.
Ich saß in München und sah zu, wie eine Datei, die ich Nacht für Nacht zerlegt hatte, ein Land in Bewegung versetzte. Es ist ein eigenartiges Gefühl, an einem so kleinen, technischen Punkt in einer so großen Geschichte zu stehen. Ich habe nichts entschieden, ich habe nichts veröffentlicht, ich habe nur eine einzige Frage beantwortet, ob das Ding echt ist. Aber ohne diese Antwort hätte niemand drucken können. Die Echtheitsprüfung ist der stille Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus einem Verdacht eine Veröffentlichung werden darf. Sie steht am Anfang der Kausalkette, ganz unten, unsichtbar, und sie trägt das ganze Gewicht dessen, was danach kommt. Wer hier irrt, richtet entweder einen Unschuldigen oder lässt einen Skandal als Fälschung davonkommen. Beides wäre eine Katastrophe. Deshalb diese Wochen, deshalb die Nächte, deshalb die vier Ebenen.
Wie aus dem Fall ein Film wurde
Das Eigenartigste an dieser Geschichte ist, was danach mit ihr geschah. Die Süddeutsche Zeitung gewährte wenige Wochen später einen Blick in die eigene Werkstatt und erklärte am 28. Juni 2019, wie das Strache-Video auf Echtheit geprüft wurde. In diesem Beitrag steht es schwarz auf weiß: Der Datenforensiker George A. Rauscher hat festgestellt, dass das Video keine Fälschung war. Das ist nicht meine Selbstauskunft, das ist mein Auftraggeber, der mich namentlich als den Forensiker führt, der die Echtheit feststellte.
Die beiden Investigativjournalisten der Süddeutschen, Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, dieselben, die zuvor die Panama Papers ausgewertet hatten, schrieben ein Buch über den Fall. Die Ibiza-Affäre, Innenansichten eines Skandals, erschienen 2019 bei Kiepenheuer und Witsch. Zwei Jahre später machte Sky daraus gleich zwei Produktionen, eine vierteilige fiktionale Serie und eine neunzigminütige Dokumentation mit dem Titel Das Ibiza-Video, ein journalistischer Krimi, beides 2021 ausgestrahlt und mehrfach ausgezeichnet. In dieser Dokumentation bin ich einer der Interviewpartner, neben den beiden Journalisten, neben einer Wiener Kollegin, neben einem ehemaligen Personenschützer Straches, neben Kennern der österreichischen Politik. Und im Lexikoneintrag zur Ibiza-Affäre steht bis heute, die Echtheit des Videos sei von Reportern der beteiligten Medien und dem Münchner Forensiker George A. Rauscher in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut geprüft worden.
Hier ist die kleine Ironie, die ich mir nicht verkneifen kann. Ich habe die unglamouröse Version erlebt, Nächte, Kopfhörer, kalter Kaffee, kein Champagner, kein Sushi, keine Villa mit Meerblick. Und dann saß ich da und sah einer Hochglanzproduktion zu, wie sie genau diese Wochen in Prestige-Fernsehen verwandelte, mit Schauspielern, mit Musik, mit Spannungsbögen, die mein echtes Leben in jenen Tagen schmerzlich vermissen ließ. Teil einer Geschichte zu werden, deren Echtheit man selbst geprüft hat, ist ein seltsames Gefühl. Man steht im Abspann der Wirklichkeit, lange bevor man im Abspann eines Films steht. Und man weiß, dass die nüchterne Wahrheit über die Arbeit, die man getan hat, in keiner Dramaturgie vorkommt, weil sie aus Geduld besteht und Geduld sich schlecht verfilmen lässt.
Und doch hat mich an der Dokumentation etwas versöhnt. Sie ist im Kern ein Plädoyer für sauberen Journalismus, für das geduldige Prüfen von Fakten in einer Zeit, in der jede Behauptung sofort und ungeprüft ihren Weg ins Netz findet. Der Regisseur formulierte es sinngemäß so, in Zeiten der permanenten Nachrichtenflut und der zweifelhaften Quellen stelle sich vielen Menschen die Frage, wem sie überhaupt noch trauen könnten. Genau hier sitzt mein Beruf. Die Echtheitsprüfung ist die unscheinbare Schwelle zwischen einem Gerücht und einer belegten Tatsache, und ob diese Schwelle hält, entscheidet, ob eine Gesellschaft auf einer gemeinsamen Faktenlage stehen kann oder im wechselseitigen Verdacht versinkt.
Die Frage, die mir geblieben ist
Und damit bin ich bei dem, was mich bis heute begleitet. Meine Arbeit hat eine Frage beantwortet, ob das Material echt ist, und die Antwort war ein klares Ja. Sie hat eine andere Frage nie beantwortet, und konnte sie auch nicht beantworten, weil das keine forensische Frage ist. Wer hat das gebaut, und warum, und warum genau zu diesem Zeitpunkt.
Ich raune hier nichts herbei, ich erzähle keine Geheimdienstgeschichte, dafür ist mir mein Ruf zu teuer. Ich nenne nur, was dokumentiert und gerichtlich festgehalten ist. Gemacht haben das Video ein Wiener Anwalt und ein Detektiv, und über sie will ich kein Urteil fällen, denn so verwerflich die Methode war, so sehr stehen sie am Ende selbst als Getriebene da, gejagt, angeklagt, verstrickt in etwas, das ihnen über den Kopf wuchs. Ein österreichisches Oberlandesgericht nannte die Art der Informationsbeschaffung in besonderem Maße unredlich und in mehrfacher Hinsicht rechtswidrig. Der Oberste Gerichtshof hob die Veröffentlichungssperre dennoch auf, weil das Material ein außergewöhnlich großer Beitrag zu einer Debatte von öffentlichem Interesse sei. Beides ist wahr, und beides zugleich. Eine Methode kann rechtswidrig sein und das Ergebnis trotzdem von überragendem öffentlichem Wert.
Drei Dinge geben mir bis heute zu denken, und keines davon ist eine Verschwörung, jedes davon steht in den Akten. Einer der Macher gab an, für die Produktion direkt und indirekt mindestens 500.000 Euro aufgewendet zu haben. Das ist viel Geld für eine Idee, die offiziell aus Empörung über mutmaßliche Missstände geboren sein soll. Das Material tauchte ausgerechnet wenige Tage vor einer Europawahl auf, ein Zeitpunkt, der den politischen Gegnern der Freiheitlichen maximal nützte. Und eine große deutsche Zeitung berichtete später, es gebe Indizien, dass eine dritte Gruppe dafür bezahlt habe, das Video den beiden Redaktionen zuzuspielen. Drei Beobachtungen, kein Urteil.
Mehr sage ich nicht, weil ich mehr nicht weiß. Ich bin der Mann, der die Datei in der Hand hatte, und ich kann mit Sicherheit nur das eine sagen, sie war echt. Der Rest, die Frage nach dem Zweck und nach dem Zeitpunkt, ist kein Fall für ein Frequenzdiagramm und keiner für einen Schattenwurf. Es ist die Frage, die offen bleibt, und sie bleibt offen, weil die Leute, die sie beantworten könnten, schweigen, und die Leute, die geredet haben, nicht alles gesagt haben. Manchmal ist das ehrlichste Ergebnis einer Untersuchung der saubere Befund, gefolgt von dem Eingeständnis, dass dahinter noch eine Tür liegt, die man nicht öffnen kann. Hinter dieser Tür steht meine Frage. Sie wird mich begleiten, solange ich an diesen Fall denke, und das werde ich, jedes Mal, wenn ich höre, ein Video sei zu schön, um wahr zu sein, oder zu schlimm.
Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Neufassung meines ursprünglichen Textes zum Ibiza-Video aus dem Jahr 2019. Die belegbaren Tatsachen stützen sich auf öffentlich zugängliche Quellen, die persönlichen Schilderungen auf meine eigene Erinnerung an den Fall. Alles, was meiner Verschwiegenheitsvereinbarung unterliegt, bleibt darin, wo es hingehört.
Quellen
- Wikipedia. Ibiza-Affäre. Abgerufen am 02.06.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Ibiza-Aff%C3%A4re
- Obermayer, B., und Obermaier, F. (2019). Die Ibiza-Affäre. Innenansichten eines Skandals. Köln: Kiepenheuer und Witsch. ISBN 978-3-462-05407-1.
- Süddeutsche Zeitung (2019, 28. Juni). Wie das Strache-Video auf Echtheit geprüft wurde. Video von Annika Sehn. https://www.sueddeutsche.de/politik/digitale-forensik-wie-das-strache-video-auf-echtheit-geprueft-wurde-1.4503178
- science.ORF.at (2019, 20. Mai). Wie das Ibiza-Video überprüft wurde. https://science.orf.at/v2/stories/2982565/
- Steinebach, M. (2019). Echtheitsprüfung von Videos mit Beispielen aus der Ibiza-Affäre. Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT, Anwendertag IT-Forensik. https://www.sit.fraunhofer.de/
- Neue Zürcher Zeitung (2019, 21. Mai). Strache-Video, ein Skandal mit geschickten Regisseuren. https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/strache-video-ein-skandal-mit-geschickten-regisseuren-ld.1483270
- news.ORF.at (2019, 26. September). Gutachten zu Ibiza-Video, keine K.-o.-Tropfen im Spiel. https://orf.at/stories/3138642/
- Sky Deutschland, übermittelt durch Presseportal (2021, 8. September). Die Dokumentation zur fiktionalen Serie Die Ibiza Affäre, Das Ibiza-Video, ein journalistischer Krimi. https://www.presseportal.de/pm/33221/5014677
- Sky Originals. Die Ibiza Affäre und Das Ibiza-Video, ein journalistischer Krimi. https://mediencenter.sky.at/
- Rauscher, G. A. (2019). IbizaGate, ich habe das StracheVideo geprüft. https://rauscher.xyz/ibizagate/