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Mitten im Skandal: meine forensische Analyse des Strache-Videos

May 25, 2019 | 8 min | digital forensic
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Forensic analysis of the seven-hour Strache Ibiza video

Als mich im Mai 2019 die Anfrage erreichte, das berüchtigte Ibiza-Video zu begutachten, ahnte ich nicht, dass damit einer der größten politischen Skandale Europas seinen Lauf nehmen würde. Die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel kamen auf mich zu, und mir war binnen Minuten klar, dass dieser Auftrag alles andere als gewöhnlich werden würde. Man legte mir Material vor und stellte eine einzige, schlichte Frage. Ist das echt.

Was ich an jenem Tag unterschrieb, war eine Verschwiegenheitserklärung, und an die halte ich mich bis heute. Ich erzähle hier nur, was öffentlich ist, und ich erzähle, wie es sich anfühlte, wochenlang allein mit einem Material zu sitzen, das eine Regierung ins Wanken bringen sollte. Den Rest behalte ich für mich, dort, wo er hingehört.

Was auf dem Video zu sehen war

Aufgenommen worden war das Ganze bereits im Juli 2017, heimlich, in einer Villa auf der Insel Ibiza. Veröffentlicht wurde es erst am 17. Mai 2019, um 18 Uhr, gleichzeitig von der Süddeutschen Zeitung und vom Spiegel, in Form weniger Minuten langer Ausschnitte aus rund 7 Stunden Material. Zu sehen sind zwei Männer an der Spitze der österreichischen Politik, Heinz-Christian Strache, damals Vizekanzler und Bundesparteiobmann der FPÖ, und sein enger Vertrauter Johann Gudenus.

Ihnen gegenüber sitzt eine Frau, die sich als Nichte eines russischen Oligarchen ausgibt und vorgibt, mehrere hundert Millionen Euro in Österreich investieren zu wollen. Sie war keine Nichte und keine Investorin, sie war ein angeheuerter Lockvogel, und die ganze Szene war eine sorgfältig gestellte Falle. Der russische Unternehmer, als dessen Nichte sie auftrat, ließ kurz nach der Veröffentlichung wissen, er habe gar keine Nichte. Beide Redaktionen betonten, sie hätten für das Material nichts bezahlt. Was Strache ihr in diesen Stunden anbot, ist der eigentliche Sprengstoff. Staatsaufträge im Tausch gegen Wahlkampfhilfe. Eine mögliche Übernahme der größten Tageszeitung des Landes, samt der freimütig ausgesprochenen Aussicht, dann ein paar Leute aufzubauen und ein paar andere loszuwerden. Und Spenden, die über einen gemeinnützigen Verein am Rechnungshof und an den Gesetzen zur Parteienfinanzierung vorbeigeleitet werden sollten. Dazwischen, fast trotzig, die Beteuerung, alles müsse rechtskonform bleiben. Diese Mischung aus Gesetzesumgehung und Gesetzestreue im selben Atemzug ist das eigentlich Verstörende an dem Material.

Die Prüfung

Ich habe in den Tagen nach dem ersten Kontakt in einen Modus geschaltet, den ich von großen Fällen kenne. Ich war praktisch nur noch in meinem Münchner Büro, meist nachts, weil nachts das Telefon schweigt. Schreibtischlampe, Kopfhörer, Material. Mehr ließ ich nicht zu.

Diese Disziplin klingt banal und ist sie nicht. Der Inhalt eines solchen Gesprächs ist für den Prüfer eine Versuchung, denn wer sich vom Gesagten fesseln lässt, hört nicht mehr, wie es gesagt wird, und genau das Wie ist mein Gegenstand. Also arbeitet man gegen die eigene Erwartung. Wer überzeugt ist, ein Video sei echt, muss in genau diesem Moment am härtesten nach Hinweisen auf eine Fälschung suchen, denn die gefährlichste Voreingenommenheit ist die, die sich richtig anfühlt. Man hört eine Stelle zehnmal, verlangsamt sie, legt das Spektrogramm daneben, und erst wenn nichts kippt, hakt man sie ab. Über Stunden hört man ein solches Gespräch nicht, man seziert es, und zwar nicht nach dem Inhalt, sondern nach allem anderen. Nach dem Grundrauschen des Raumes, nach dem Hall der Wände, nach den winzigen Geräuschen, die ein Mensch macht, wenn er sich bewegt.

Eine forensische Echtheitsprüfung von Bewegtbild ist kein Knopfdruck und keine Software, die nach einer Minute ein Urteil ausspuckt. Sie ist mehrschichtige Detailarbeit. Auf der sichtbaren Ebene rekonstruiert man den Raum. Wo steht die Kamera, in welchem Winkel, wie fällt das Licht, wo liegt der Schatten eines Glases auf dem Tisch, passt das alles zu einem einzigen, physikalisch geschlossenen Raum. Wer nachträglich eine Person in eine Szene schneidet, bricht diese Geschlossenheit an irgendeiner Stelle, ein Schatten zeigt falsch, eine Reflexion fehlt. Auf der hörbaren Ebene prüft man die Tonspur auf Frequenzkonstanz und auf Spleißstellen, also auf jene Brüche, die entstehen, wenn jemand Sätze einfügt, herausschneidet oder umstellt. Auf einer dritten Ebene arbeite ich mit den Methoden der körperlichen Vermessung, mit Proportionen, mit Bewegungsmechanik, mit dem Abgleich von Lippenbewegung und gesprochenem Wort. Das ist der Riegel gegen den Verdacht, der bei jedem brisanten Video als Erstes aufkommt, ein künstlich erzeugtes Gesicht oder ein verkleidetes Double. Und über allem liegt die unsichtbare Ebene, die Metadaten, die Zeitstempel, die Dateiformate, die Spuren, die jede Neukodierung im Innersten einer Datei hinterlässt.

Ich ging Frame für Frame, Sekunde für Sekunde, Spur für Spur. Je tiefer ich grub, desto klarer wurde das Ergebnis. Es gab keine Spleißstelle, keinen falschen Schatten, keine kippende Frequenz, keine Spur eines Schnittprogramms an einer Stelle, die nahtlos wirken sollte. Was mich in diesen Nächten beinahe mehr beschäftigte als die Echtheitsfrage, war die Frage, wie gut das gemacht war. Die Anlage der Kameras, die Geduld, mit der hier jemand ein stundenlanges Gespräch eingefangen hatte, ohne dass die beiden Männer Verdacht schöpften. Wer auch immer das aufgesetzt hatte, verstand sein Handwerk. Das ist eine Beobachtung, kein Lob.

Was echt beweist, und was nicht

Hier kommt der Teil, den die meisten überspringen, obwohl er der wichtigste ist. Echt und nicht manipuliert, das heißt: Die Datei wurde nicht gefälscht. Es heißt nicht, dass ein wenige Minuten langer Ausschnitt aus rund 7 Stunden den Sinn der Worte korrekt wiedergibt. Und es heißt erst recht nicht, wer die Falle gestellt hat und warum.

Das sind drei verschiedene Fragen, und man muss sie sauber auseinanderhalten, sonst macht man sich als Sachverständiger angreifbar. Authentizität ist die eine. Kontext ist die zweite. Urheberschaft ist die dritte. Ich konnte die erste beantworten, mit großer Sicherheit. Über die zweite kann streiten, wer einen kurzen Schnitt gegen Stunden Rohgespräch hält, und genau das wird Strache tun. Die dritte lag vollständig außerhalb meines Auftrags. Ein Forensiker, der diese drei Ebenen vermengt, liefert kein Gutachten, er liefert eine Meinung. Ein Beispiel macht den Unterschied greifbar. Schneidet jemand aus einem langen Gespräch eine Frage heraus und setzt eine fremde Antwort daneben, ist kein einziges Wort gefälscht, und doch lügt der Zusammenschnitt. Deshalb prüfe ich nicht nur die Datei, sondern auch die Kontinuität, das durchlaufende Rauschen, den ungebrochenen Gesprächsfluss. Diese Kontinuität war hier intakt, über die volle Länge. Mein Befund war nüchtern und eindeutig. Das Material ist echt. Keine Fälschung, nicht ansatzweise möglich. Alles, was ich erhalten hatte, und das Gutachten selbst wurden bei der Übergabe gelöscht, so will es die Vereinbarung, und so ist es geschehen.

Das Beben

Dann ging alles sehr schnell. Am Mittag des 18. Mai, keinen vollen Tag nach der Veröffentlichung, trat Strache als Vizekanzler und Parteichef zurück, in einer Erklärung, die das Video ein gezieltes politisches Attentat nannte und von einer Schmutzkübelkampagne sprach. Am Abend desselben Tages erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz das Ende der Koalition, nannte das Zustandekommen der Aufnahme verachtenswert, den Inhalt aber sprechend, und kündigte Neuwahlen an. Binnen Tagen war die österreichische Regierung ein Scherbenhaufen.

Ich saß in München und sah zu, wie eine Datei, die ich Nacht für Nacht zerlegt hatte, ein Land in Bewegung versetzte. Es ist ein eigenartiges Gefühl, an einem so kleinen, technischen Punkt in einer so großen Geschichte zu stehen. Ich habe nichts entschieden, ich habe nichts veröffentlicht, ich habe nur eine einzige Frage beantwortet, ob das Ding echt ist. Aber ohne diese Antwort hätte niemand drucken können. Die Echtheitsprüfung ist der stille Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus einem Verdacht eine Veröffentlichung werden darf, und sie trägt das ganze Gewicht dessen, was danach kommt. Wer hier irrt, richtet entweder einen Unschuldigen oder lässt einen Skandal als angebliche Fälschung davonkommen. Beides wäre eine Katastrophe.

Wer, warum, und warum gerade jetzt

Und damit bin ich bei der Frage, die in diesen Wochen offen bleibt, und ich lasse sie bewusst offen, weil ich nicht spekuliere, wo ich nichts beweisen kann. Meine Arbeit hat beantwortet, ob das Material echt ist, und die Antwort ist ein klares Ja. Sie hat nicht beantwortet, wer dieses aufwendige Stück gebaut hat, und sie konnte es nicht, denn das ist keine forensische Frage. Bis heute ist nicht öffentlich bekannt, wer die Kameras installierte, wer den Lockvogel anheuerte, wer das alles bezahlte.

Auffällig bleibt der Zeitpunkt. Das Material lag fast zwei Jahre, und es tauchte ausgerechnet in den Tagen vor der Europawahl auf, in einem Moment, der den politischen Gegnern der Freiheitlichen maximal nützte. Ich knüpfe daran keine Theorie, ich erzähle keine Geheimdienstgeschichte, dafür ist mir mein Ruf zu teuer. Ich stelle nur fest, was jeder sehen kann, der die Daten nebeneinanderlegt. Eine über sieben Stunden lange, technisch hochwertig produzierte Falle entsteht nicht aus einer Laune, und sie wird nicht zufällig genau dann öffentlich.

Mehr sage ich nicht, weil ich mehr nicht weiß. Ich bin der Mann, der die Datei in der Hand hatte, und ich kann mit Sicherheit nur das eine sagen, sie war echt. Der Rest, die Frage nach dem Zweck und nach dem Zeitpunkt, ist kein Fall für ein Frequenzdiagramm und keiner für einen Schattenwurf. Es ist die Frage, die offen bleibt, und vielleicht ist das ehrlichste Ergebnis dieser Untersuchung am Ende der saubere Befund, gefolgt von dem Eingeständnis, dass dahinter noch eine Tür liegt, die ich nicht öffnen kann.

Dieser Beitrag gibt meine Einschätzung auf dem Kenntnisstand des Frühjahrs 2019 wieder, kurz nach der Veröffentlichung des Videos. Spätere Entwicklungen des Falls sind hier bewusst nicht berücksichtigt. Alles, was meiner Verschwiegenheitsvereinbarung unterliegt, bleibt darin, wo es hingehört.

Quellen

  • Wikipedia. Ibiza-Affäre. Abgerufen am 02.06.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Ibiza-Aff%C3%A4re
  • science.ORF.at (2019, 20. Mai). Wie das Ibiza-Video überprüft wurde. https://science.orf.at/v2/stories/2982565/
  • Neue Zürcher Zeitung (2019, 21. Mai). Strache-Video, ein Skandal mit geschickten Regisseuren. https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/strache-video-ein-skandal-mit-geschickten-regisseuren-ld.1483270
  • Rauscher, G. A. (2019). IbizaGate, ich habe das StracheVideo geprüft. https://rauscher.xyz/ibizagate/