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Der Mörder ist kein Monster. Er ist der Beweis, dass es keinen geben muss.

Jun 16, 2026 | 41 min | criminalistic
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Aerial crime scene with chalk body outline and investigator silhouette at the edge

Was mir ein ehemaliger FBI-Profiler in einem langen Gespräch über das Töten beigebracht hat, was die Neurowissenschaft daraus macht, und warum in Deutschland 668 Menschen sterben, wo es in den USA über 16.000 sind

Vor ungefähr 2 Wochen habe ich mit einem Mann gesprochen, der den größten Teil seines Berufslebens damit verbracht hat, in die Köpfe von Menschen zu schauen, die andere Menschen umgebracht haben. Er war jahrzehntelang Profiler beim FBI. Heute ist er in Rente, im formellen Sinne, denn die Sorte Mensch, die er ist, geht nicht in Rente. Er berät weiterhin privat, in großen Fällen, in New York, dort wo die Akten dick sind und die Bilder schlimm. Das Gespräch zog sich über Stunden, und ich tat, was ich immer tue, wenn mir ein Mensch gegenübersitzt, der etwas weiß, das ich nicht weiß. Ich habe zugehört, gefragt, und jedes Wort aufgesogen wie ein trockener Schwamm das Wasser.

Wer mich kennt, weiß das. Wissen, das mir gegeben wird, von jemandem der es wirklich hat, nicht aus zweiter Hand, nicht aus einem Podcast, sondern aus dreißig Jahren am Tatort, ist für mich das Wertvollste, was ein Mensch mir schenken kann. Ich bin dann dankbar auf eine fast unangenehme Weise. Und ich vergesse nichts davon.

Was mich an diesem Mann am meisten fasziniert hat, war nicht das, was er über einzelne Fälle erzählte. Es war eine bestimmte Eigenschaft, die er beiläufig erwähnte, so als sei sie selbstverständlich. Er sagte, er habe oft schon nach kurzer Zeit ein Gefühl gehabt, wie ein Täter einzuordnen sei. Ein Bauchgefühl. Eine Ahnung, die da war, bevor die Begründung da war. Und in den meisten Fällen lag er richtig.

Ich bin Wissenschaftler. Mein erster Reflex bei dem Wort Bauchgefühl ist Misstrauen. Mein zweiter Reflex ist die Frage: Was ist das eigentlich, neurologisch? Ist das Magie, ist das Erfahrung, ist das ein Mensch, der sich selbst überschätzt und die Treffer zählt und die Fehler vergisst? Genau diese Frage hat mich nach dem Gespräch nicht mehr losgelassen. Ich habe mich hingesetzt und wochenlang gelesen, jede Studie, die ich zu dem Thema finden konnte, und ich habe geprüft, ob das, was er mir erzählt hat, stimmt. Manches stimmte. Manches stimmte erstaunlich präzise. Und manches war genau jener schöne Mythos, den das Fernsehen seit Jahrzehnten verkauft.

Dieser Beitrag ist das Ergebnis. Er ist keine ärztliche und keine juristische Beratung, er ist die ehrlichste Bestandsaufnahme, die ich geben kann, über die Frage, die mich seit über 20 Jahren begleitet, in jedem Verfahren, an dem ich je gearbeitet habe.

Die Frage, die ich mir an jedem Tatort gestellt habe

Ich habe einen großen Teil meines Lebens als gerichtlich bestellter Sachverständiger verbracht. Sexualstraftaten, Gewaltdelikte, Mord, Totschlag, versuchter Totschlag. Ich saß über den Akten, ich saß im Gerichtssaal, und ich saß, wieder und wieder, vor Bildern und Videos, die ein normaler Mensch nie sehen muss und nie sehen will.

Und ich habe mir den Täter angesehen. Jedes Mal. Ich habe in dieses Gesicht geschaut und mir dieselbe Frage gestellt, die ich nie ganz beantworten konnte: War er es? Kann dieser Mensch, der da sitzt, wirklich so brutal sein? Wie geht das? Wie kann ein Mensch derartig austicken, dass er einem anderen über 20 Mal ein Messer in den Körper rammt? Nicht einmal, nicht zweimal im Affekt, sondern 20 Mal, 25 Mal, weit über den Punkt hinaus, an dem das Opfer längst tot ist.

Die unbequeme Antwort lautet: Es geht. Es passiert. Und es passiert öfter, als die meisten Menschen ertragen wollen.

Ich arbeite anders als viele meiner Kollegen, und ich habe das an anderer Stelle schon einmal beschrieben. Bei jedem Auftrag interessierte mich die Akte zuerst so gut wie gar nicht. Für mich war das Wesentliche immer das Bildmaterial und das Video. Die Spur selbst, nicht die Geschichte, die jemand anderes schon darüber geschrieben hatte. Erst ganz am Schluss, wenn mein Gutachten im Grunde fertig war, las ich die Akte. Ganz bewusst zuletzt, um eine einzige Sache mit aller Gewalt auszuschließen, die ein Sachverständiger sich erlauben darf: den Bias. Die vorgefasste Meinung. Den Gedanken, der sich einnistet, bevor man selbst hingeschaut hat, und der dann alles färbt, was danach kommt. Wer die Akte zuerst liest, sieht im Bild nur noch, was die Akte ihm vorgesagt hat. Wer das Bild zuerst liest, sieht das Bild.

Dann las ich das Sachverständigengutachten ein letztes Mal Korrektur, und dann ging die Sache ihren Weg bis zur Verhandlung. Und ja, es ist ein seltsames Gefühl, das Werkzeug zu sein, mit dem ein Gericht am Ende einen Menschen verurteilt. Das lässt einen nicht kalt, jedenfalls nicht, wenn man ein Mensch geblieben ist. Aber eines konnte ich nach jeder einzelnen Sache mit ruhigem Gewissen sagen, und es war die Prämisse, über die ich in all den Jahren nie gesprungen bin: Niemals wurde durch meine Arbeit ein Unschuldiger verurteilt. Über diesen Schatten bin ich nie gegangen. Lieber kein Gutachten als ein falsches.

Was ich in dieser Zeit gesammelt habe, war nicht nur forensisches Handwerk. Es war das Wissen der Menschen um mich herum. Ich habe mit den Gerichtspsychiatern gesprochen, mit den Psychologen, mit den Kollegen, die in den Kopf des Täters schauen mussten, während ich auf seinen Körper und seine Spuren schaute. Und ich habe, wie immer, eingesammelt, was man mir gab. Die menschliche Psyche ist ein einzigartiges Ding, und nirgends zeigt sie sich so nackt wie in der Kriminalität. Da fällt jede Maske. Da sieht man, wozu der Homo sapiens fähig ist, nach oben wie nach unten.

Vergiss, was dir das Fernsehen über Profiler erzählt hat

Fangen wir mit der Enttäuschung an, denn die muss zuerst weg, bevor das Eigentliche Platz hat.

Der Profiler, den du aus dem Fernsehen kennst, existiert nicht. Diese Figur, die an den Tatort tritt, einmal in die Runde schaut, das verspritzte Blut, die Lage der Leiche, die Wahl des Opfers, und dann in drei druckreifen Sätzen verkündet, der Täter sei ein weißer Mann zwischen 30 und 35, lebe allein, habe ein gestörtes Verhältnis zur Mutter und fahre einen dunklen Kombi, diese Figur ist eine Erfindung von Drehbuchautoren. Sie ist großartiges Fernsehen. Sie ist als Wissenschaft so seriös wie ein Horoskop, nur dass das Horoskop niemanden ins Gefängnis bringt.

Die unbequeme Wahrheit hat eine Studie 2008 ziemlich brutal auf den Punkt gebracht. Snook und seine Kollegen nannten ihren Aufsatz The Criminal Profiling Illusion, die Profiling-Illusion, und sie zeigten, worauf der weitverbreitete Glaube an die Treffsicherheit von Profilern tatsächlich beruht (Snook et al., 2008). Nicht auf solider Empirie. Sondern auf Anekdoten, auf der ständigen Wiederholung derselben Erfolgsgeschichten, auf dem Etikett Experte, das man jemandem anheftet, und auf einem psychologischen Trick, den wir alle kennen: Wir merken uns die Treffer und vergessen die Fehler. Ein Profiler, der zehn Aussagen macht, von denen sieben so vage sind, dass sie immer passen, zwei daneben liegen und eine spektakulär trifft, wird als Hellseher erinnert. Die spektakuläre eine bleibt hängen. Der Rest verschwindet.

In einer früheren Arbeit hatten dieselben Forscher 130 Veröffentlichungen zum Profiling durchgesehen (Snook et al., 2007). Das Ergebnis ist ernüchternd. In 60 Prozent der Artikel war die wichtigste Wissensquelle das anekdotische Argument, also die einzelne Geschichte. In 45 Prozent waren es Testimonials, persönliche Erfolgsberichte. In 42 Prozent berief man sich schlicht auf eine Autorität. Und nur in ebenfalls 42 Prozent diente überhaupt wissenschaftliche Evidenz als Grundlage. Anders gesagt: Über ein Fachgebiet, das beansprucht, Verbrechen aufzuklären, wird mehrheitlich so geschrieben, wie man über einen guten Wein schreibt, in Geschichten und Eindrücken.

Profiler, die unter kontrollierten Bedingungen getestet wurden, übertrafen interessierte Laien nicht zuverlässig. Lass diesen Satz einen Moment wirken. Das heißt nicht, dass jeder Profiler ein Scharlatan ist. Es heißt, dass der Mythos vom unfehlbaren Gedankenleser eben das ist, ein Mythos.

Woher kommt das Verfahren überhaupt? Aus Quantico, aus der Behavioral Science Unit des FBI, gegründet 1972. Zwischen 1976 und 1979 setzten sich zwei Agenten, Robert Ressler und John Douglas, in die Gefängnisse und führten Gespräche mit 36 inhaftierten sexuellen Serienmördern (Ressler, Burgess & Douglas, 1988). Sie wollten verstehen, wie diese Männer dachten, wie sie ihre Opfer wählten, wie sie vorgingen. Aus diesen Gesprächen entstand das berühmte Schema vom organisierten und vom desorganisierten Täter, das bis heute durch jede Krimiserie geistert und das empirisch deutlich wackliger ist, als seine Popularität vermuten lässt. Ressler übrigens wird der Begriff serial killer zugeschrieben, Serienmörder, den er um 1974 prägte, in Anlehnung an die Fortsetzungsfilme der alten Kinozeit, die serials, die immer mit einem Cliffhanger endeten und einen zwangen, in der nächsten Woche wiederzukommen. Ein Mörder, der nicht aufhört, der weitermacht, Episode um Episode.

Es gab auch einen seriöseren Weg, und er kam aus England. Der Psychologe David Canter baute das Profiling von unten auf, aus Daten statt aus Intuition. Sein bekanntester Fall war der Railway Rapist, ein Mann, der entlang der Bahnlinien um London vergewaltigte und schließlich auch tötete, wie sich später herausstellte gemeinsam mit einem Komplizen. Canters Analyse half 1986, den Fokus auf einen bestimmten Verdächtigen zu legen, John Duffy, der am Ende 13 von 17 Merkmalen des Profils erfüllte und verurteilt wurde (Canter & Heritage, 1990). Das ist ein echter Erfolg, keine Frage. Aber Canter selbst, und das ist der entscheidende Punkt, hat sich zeitlebens gegen die romantische Figur des Profilers gewehrt. Er verstand seine Arbeit als nüchternes Werkzeug zur Steuerung von Ermittlungen, als statistisches Musterdenken, nicht als Gabe.

Und genau hier wird es für mich interessant. Denn wenn Profiling im Kern Mustererkennung ist, dann war das Bauchgefühl meines FBI-Mannes vielleicht gar kein Bauchgefühl. Vielleicht war es etwas viel Erklärbareres. Darauf komme ich am Ende zurück.

Ein Crashkurs im echten Profiling, Werkzeug für Werkzeug

Jetzt halte ich mein Versprechen und zeige dir, wie es wirklich gemacht wird. Nicht das Fernsehbild, sondern das Handwerk. Und ich zeige dir bei jedem Werkzeug auch die Stelle, an der es bricht, denn ein Werkzeug, dessen Grenzen man nicht kennt, ist gefährlicher als gar keines. Wir bauen das an einem erfundenen Fall auf, damit du es nicht nur liest, sondern mitdenken kannst. Nennen wir das Opfer Frau K., gefunden in ihrer Wohnung, getötet durch zahlreiche Messerstiche. Jeder reale Bezug wäre Zufall, der Fall dient nur als Lehrgerüst.

Der erste Griff des Fallanalytikers geht nicht zum Täter. Er geht zum Tatort, und zwar bevor irgendjemand eine Theorie hat. Das ist genau die Reihenfolge, die ich aus meiner eigenen Arbeit kenne und an anderer Stelle dieses Textes schon beschrieben habe. Zuerst die Spur, dann die Geschichte. Der Analytiker liest den Tatort wie einen Text, und dieser Text hat eine Grammatik. Wo lag die Leiche, wie war sie positioniert, was wurde mitgenommen, was zurückgelassen, gab es Zeichen von Kampf, von Einbruch, von Vertrautheit zwischen Täter und Opfer. Jede dieser Beobachtungen ist ein Buchstabe. Erst zusammen ergeben sie ein Wort.

Modus Operandi und Signatur, die wichtigste Unterscheidung überhaupt

Hier kommt die Trennung, die mein Mann aus New York mir an jenem Abend mit der größten Geduld eingebläut hat, und die John Douglas, einer der Gründerväter des FBI-Ansatzes, jahrelang vor Geschworenen erklären musste, weil sie so entscheidend und so oft missverstanden ist (Douglas & Munn, 1992). Wer sie nicht versteht, sagte er, sollte die Finger von Tatorten lassen und lieber im Fernsehen über sie reden. Es gibt zwei völlig verschiedene Sorten von Verhalten an einem Tatort, und wer sie verwechselt, verfolgt den Falschen.

Das eine ist der Modus Operandi, die Vorgehensweise. Das ist alles, was der Täter tun muss, um die Tat erfolgreich zu begehen, sich zu schützen und zu entkommen. Wie er in die Wohnung kam, womit er das Opfer kontrollierte, wie er die Spuren zu verwischen versuchte. Das Entscheidende am Modus Operandi ist, dass er erlernt ist und sich verändert. Ein Täter wird besser. Beim ersten Mal bricht er vielleicht ein Fenster ein, beim dritten Mal bringt er einen Dietrich mit, weil das Fenster zu viel Lärm machte. Der Modus Operandi ist dynamisch, er ist die Handschrift eines Lernenden. Und genau deshalb, das ist die Warnung von Douglas, darf man Taten niemals allein über den Modus Operandi miteinander verknüpfen. Denn dieselbe Vorgehensweise können auch zwei völlig verschiedene Täter haben. Wer durch das Fenster steigt, ist noch lange nicht derselbe wie der Nächste, der durch das Fenster steigt.

Das andere ist die Signatur, und sie ist von einer ganz anderen Natur. Die Signatur ist das, was der Täter tut, obwohl er es gar nicht müsste. Ein Ritual, das für die Tat selbst überflüssig ist, das aber ein psychologisches Bedürfnis erfüllt, eine Fantasie bedient, die der Täter mit sich herumträgt. Im Crime Classification Manual des FBI stehen zwei Beispiele, die das mit fast unangenehmer Klarheit zeigen. Ein Bankräuber aus Michigan zwang die Angestellten, sich während des Überfalls auszuziehen, damit er sie fotografieren konnte. Für den Raub war das völlig unnötig, es erhöhte sogar sein Risiko. Es war seine Signatur. In einem anderen Fall zwang ein Vergewaltiger den Ehemann des Opfers, nach Hause zu kommen und der Demütigung zuzusehen. Auch das diente nicht der Tat. Es diente der Fantasie.

Und hier ist der Kern, den du dir merken musst, wenn du diesen Artikel nur mit einer einzigen Erkenntnis verlässt: Der Modus Operandi verändert sich, die Signatur bleibt. Die Vorgehensweise ist das Handwerk, das sich verfeinert. Die Signatur ist das innere Bedürfnis, das konstant bleibt, weil die Fantasie dahinter sich nicht ändert. Wenn ein Analytiker Taten zu einer Serie verbinden will, sucht er nicht nach der gleichen Vorgehensweise. Er sucht nach der gleichen Signatur. Bei unserer Frau K. wäre die Zahl der Messerstiche, weit über das zum Töten Nötige hinaus, ein möglicher Signaturmarker. Niemand braucht 40 Stiche, um einen Menschen zu töten. Wer 40 Mal zusticht, befriedigt etwas anderes als den Wunsch nach dem Tod des Opfers. Er befriedigt Wut, Lust, Kontrolle, etwas, das tief in seiner Biografie wurzelt.

Es gibt noch ein drittes Element, und Ermittler übersehen es gern, weil es genau dafür gemacht ist, übersehen zu werden. Das Staging, die Inszenierung. Manche Täter verändern den Tatort bewusst, um die Ermittler in die Irre zu führen. Sie stellen einen Raubmord nach, wo in Wahrheit ein Beziehungsdrama stattfand. Sie öffnen Schubladen und nehmen eine Geldbörse mit, damit es nach einem Fremden aussieht, obwohl der Täter im Bett nebenan schlief. Ein erfahrener Analytiker erkennt Staging oft daran, dass die Inszenierung zu ordentlich ist, zu sehr nach Lehrbuch, während echte Tatorte chaotisch sind. Wenn bei Frau K. die Wohnung durchwühlt wäre, aber der teure Schmuck offen liegen bliebe, während nur eine billige Uhr fehlt, dann stimmt etwas nicht. Dann erzählt der Tatort eine Geschichte, die jemand erzählen wollte, nicht die, die wirklich geschah.

Victimology, der Mensch, der das Opfer war

Der nächste Schritt überrascht die meisten Menschen, weil er sich nicht um den Täter dreht, sondern um das Opfer. Victimology nennt man das, die systematische Untersuchung des Opfers als Schlüssel zum Täter. Wer war dieser Mensch? Wie lebte er, wo, mit wem, in welchem Rhythmus? Wann war er verwundbar, und wer wusste das?

Der Grund ist einfach und kalt zugleich. Die meisten Opfer werden nicht zufällig gewählt. Es gibt eine Beziehung, und sei sie noch so flüchtig, zwischen dem Leben des Opfers und dem Zugriff des Täters. Ein Opfer, das nachts allein joggt, wird von einem anderen Tätertyp erreicht als ein Opfer, das nur in der eigenen, verschlossenen Wohnung verwundbar war. Wenn Frau K. in ihrer Wohnung starb, ohne dass eine Tür aufgebrochen wurde, dann verengt sich der Kreis dramatisch. Dann hat sie dem Täter die Tür geöffnet, und das tut man nur bei jemandem, den man kennt oder dem man aus einem plausiblen Grund vertraut, dem Handwerker, dem Boten, dem Nachbarn. Das Opfer führt zum Täter, weil das Opfer das letzte Glied einer Kette ist, an deren anderem Ende der Täter steht.

Hier liegt auch die feine Linie, an der Profiling ethisch heikel wird, und ich spreche sie offen an, weil das Wegschauen wieder die Lüge nährte. Victimology darf niemals zur Täter-Opfer-Umkehr werden, niemals zu der widerwärtigen Logik, das Opfer sei selber schuld gewesen. Es geht nicht um Schuld. Es geht um Zugang. Die Frage ist nie, was hat das Opfer falsch gemacht, sondern allein, wer hatte die Gelegenheit und das Wissen.

Geografisches Profiling, die Landkarte verrät den Jäger

Jetzt kommt das vielleicht eleganteste Werkzeug des ganzen Felds, und es ist eines der wenigen, das tatsächlich mathematisch belastbar ist. Wenn ein Täter mehrere Taten begeht, hinterlässt er ein Muster auf der Landkarte, und dieses Muster verrät, wo er wohnt. Das klingt nach Hexerei, ist aber simple Verhaltensgeografie.

David Canter, der englische Psychologe, den ich oben schon erwähnt habe, fand mit seinem Kollegen Larkin etwas Verblüffendes heraus (Canter & Larkin, 1993). Sie untersuchten Serienvergewaltiger und stellten fest, dass bei 87 Prozent von ihnen die Wohnung innerhalb eines Kreises lag, dessen Durchmesser durch die zwei am weitesten voneinander entfernten Tatorte bestimmt war. Man spannt also gedanklich einen Kreis über die Tatorte, und mit hoher Wahrscheinlichkeit sitzt der Täter mitten drin. Diese Männer nannte Canter Marauder, Plünderer, weil sie wie Raubtiere von ihrem Bau aus in die nähere Umgebung ausschwärmen. Ihnen gegenüber stehen die Commuter, die Pendler, die bewusst weit weg von zu Hause zuschlagen, in einem Gebiet, das mit ihrem normalen Leben nichts zu tun hat. Bei Gewaltdelikten ist der Marauder-Typ häufiger als bei Eigentumsdelikten, was das Werkzeug für Mord und Vergewaltigung besonders nützlich macht.

Der Kanadier Kim Rossmo hat daraus eine echte Wissenschaft mit Formeln gemacht (Rossmo, 2000). Sein Verfahren, das Criminal Geographic Targeting, beruht auf zwei Effekten, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Der erste ist der Distance Decay, der Entfernungsverfall. Je weiter weg von seinem Zuhause, desto seltener schlägt ein Täter zu, weil jeder Weg Mühe, Zeit und Risiko kostet. Der zweite ist die Buffer Zone, die Pufferzone. Direkt vor der eigenen Haustür schlägt ein Täter ebenfalls selten zu, weil ihn dort jeder kennt und kein Raubtier sein eigenes Nest beschmutzt, um es höflich zu sagen. Aus diesen beiden Effekten entsteht ein Ring um die Wohnung des Täters, in dem die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, nicht zu nah, nicht zu fern, und Rossmos Computer rechnet aus diesem Muster eine Wahrscheinlichkeitskarte, die den Ermittlern sagt, wo sie zuerst suchen sollen.

Das ist das eine Werkzeug, dem ich rückhaltlos vertraue, weil es nicht auf Intuition beruht, sondern auf der schlichten Tatsache, dass auch Mörder Menschen sind, die nicht gern weit laufen und nicht vor der eigenen Tür auffallen wollen. Aber auch hier sitzt die Grenze gleich daneben. Das ganze Verfahren funktioniert nur beim Marauder, beim Pendler bricht es zusammen, denn dessen Tatorte zeigen eben nicht auf sein Zuhause. Und es braucht mehrere Tatorte. Bei einer einzigen Tat, bei unserer Frau K., hilft die schönste Landkarte nichts.

Die induktive und die deduktive Methode, zwei Wege, einer davon tückisch

Hinter all dem stehen zwei grundverschiedene Denkweisen, und der Unterschied zwischen ihnen ist der Grund, warum Profiling mal brillant und mal katastrophal ist.

Die induktive Methode arbeitet mit Statistik. Sie sagt, in der Vergangenheit waren Täter dieser Art von Tat meistens Männer eines bestimmten Alters mit einem bestimmten Hintergrund, also ist auch dieser Täter wahrscheinlich so. Das ist nützlich, schnell und grob. Es ist dasselbe Denken, mit dem eine Versicherung deine Police berechnet, ohne dich zu kennen. Es trifft im Schnitt und versagt im Einzelfall. Die deduktive Methode geht den umgekehrten Weg. Sie schließt allein aus den Spuren dieses einen, konkreten Tatorts auf diesen einen, konkreten Täter, ohne Rückgriff auf Durchschnitte. Sie ist genauer, wenn sie gelingt, aber sie verlangt einen disziplinierten Geist, der nur das liest, was wirklich da ist, und nicht das, was er sehen will.

Und damit sind wir an der gefährlichsten Stelle des ganzen Handwerks. Denn beide Methoden teilen eine tödliche Schwäche, und sie heißt Bestätigungsfehler. Hat ein Analytiker erst einmal ein Profil im Kopf, beginnt er, die Welt durch dieses Profil zu lesen. Jeder Verdächtige, der passt, wird wichtiger. Jeder Hinweis, der nicht passt, wird kleingeredet. Das Profil hört auf, ein Werkzeug zu sein, und wird zur Brille, durch die man nur noch sieht, was man schon glaubt. Genau deshalb habe ich in meiner eigenen Arbeit die Akte immer zuletzt gelesen. Wer mit der Schlussfolgerung beginnt, findet immer die Spuren, die sie stützen.

Wenn das Profil den Falschen trifft

Wie verheerend das enden kann, zeigt kein erfundener Fall so gut wie ein echter, und dieser eine hat das Profiling in Großbritannien für Jahre beschädigt. 1992 wurde die junge Mutter Rachel Nickell am helllichten Tag auf einem Londoner Common ermordet, mit 49 Messerstichen, vor den Augen ihres zweijährigen Sohnes. Es gab kaum Spuren, keine verwertbare DNA mit den Mitteln der Zeit. Unter dem enormen Druck der Öffentlichkeit holte die Polizei einen renommierten Profiler, Paul Britton, der ein Täterprofil erstellte (Killing of Rachel Nickell, dokumentierter Fall; Berichterstattung 2008 bis 2010).

In dieses Profil passte, grob, ein Mann namens Colin Stagg. Sein Vergehen bestand im Wesentlichen darin, dass er auf demselben Common seinen Hund spazieren führte und ein paar Eigenschaften aufwies, die das Profil nannte. Was dann geschah, ist ein Lehrstück über den Bestätigungsfehler in Reinkultur. Die Polizei setzte eine verdeckte Ermittlerin auf Stagg an, die über fünf Monate eine Beziehung zu ihm vortäuschte und versuchte, ihm ein Geständnis zu entlocken, indem sie gewalttätige Fantasien mit ihm teilte. Stagg gestand nie. Er beteuerte immer wieder seine Unschuld. Und hier kommt der teuflische Kern: Sein Leugnen wurde nicht als Zeichen seiner Unschuld gewertet, sondern als profilkonform umgedeutet. Das Profil war so konstruiert, dass selbst das Bestreiten es bestätigte. Eine Theorie, die durch nichts mehr widerlegt werden kann, ist keine Wissenschaft mehr. Sie ist eine Falle.

Der Prozess platzte 1994, der Richter rügte die Honigfallen-Operation scharf. Stagg hatte da bereits ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen und war als Monster durch die Presse gezogen worden. Erst Jahre später, durch DNA-Spuren, fand man den wahren Täter, Robert Napper, einen Mann, der zu diesem Zeitpunkt längst wegen eines anderen, fast identischen Doppelmordes verurteilt war, begangen nur 16 Monate nach der Tat an Rachel Nickell. Hätte man Napper früher gefasst, statt sich auf Stagg zu versteifen, wäre eine weitere Frau samt ihrer kleinen Tochter vielleicht noch am Leben. Die bitterste Pointe: Der Profiler selbst hatte diesen anderen Doppelmord ausdrücklich als klar verschieden vom Nickell-Fall eingestuft. Er lag also nicht einmal, sondern zweimal falsch, und seine Fehleinschätzung kostete Zeit, die ein Mörder nutzte.

Das ist die Stelle, an der das Werkzeug nicht nur stumpf wird, sondern zur Waffe gegen den Falschen. Ein Profil ist eine Hypothese, nicht ein Urteil. In dem Moment, in dem ein Ermittler vergisst, dass sein Profil falsch sein könnte, wird aus einem Hilfsmittel ein Brandbeschleuniger für den Justizirrtum. Genau deshalb arbeiten die seriösen Analytiker, die ich kenne, mit so viel Vorsicht und so wenig Gewissheit. Sie wissen, dass das gefährlichste Profil das ist, das sich selbst nicht mehr widerlegen lässt.

Das Gehirn, das tötet

Jetzt zu dem Teil, der unter die Haut geht, im wörtlichen Sinne. Was ist eigentlich los im Kopf eines Menschen, der tötet? Gibt es da etwas zu sehen, etwas Messbares, etwas, das anders ist als bei dir und mir?

Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja, und das Vorsichtige daran ist genauso wichtig wie das Ja.

Der Mann, dessen Name hier fallen muss, ist Adrian Raine. Ein britischer Neurokriminologe, der etwas getan hat, was vor ihm kaum jemand wagte. Er hat Mörder in den Hirnscanner geschoben. 1997 veröffentlichte er mit seinen Kollegen eine Studie, in der 41 Menschen untersucht wurden, die wegen Mordes angeklagt waren und sich auf Schuldunfähigkeit beriefen, verglichen mit 41 gesunden Kontrollpersonen gleichen Alters und Geschlechts (Raine, Buchsbaum & LaCasse, 1997). Mittels Positronen-Emissions-Tomographie, einem Verfahren, das den Zuckerstoffwechsel im lebenden Gehirn sichtbar macht, schaute er ihnen beim Denken zu.

Was er fand, war ein Muster. Bei den Mördern arbeitete der präfrontale Kortex schlechter, jener Teil des Gehirns direkt hinter der Stirn, der so etwas wie die Bremse der Persönlichkeit ist. Impulskontrolle, Folgenabschätzung, das Unterdrücken eines Wutimpulses, das alles sitzt dort vorne. Bei den Mördern verbrauchte diese Region weniger Energie, sie lief gewissermaßen im Sparmodus. Dazu kamen Auffälligkeiten in tieferen Strukturen, in der Amygdala, dem Mandelkern, der für Angst und für die emotionale Bewertung zuständig ist, im Hippocampus, im Thalamus. Die Bremse war schwach, und der Alarmgeber arbeitete schief.

In einer späteren Arbeit fand Raine bei Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung 11 Prozent weniger graue Substanz im präfrontalen Kortex (Raine et al., 2000). 11 Prozent weniger von dem Material, das uns innehalten lässt. Und sein Kollegenteam zeigte später, dass auch die Amygdala bei Psychopathen verformt und verkleinert ist, gerade in den Bereichen, die für die Verarbeitung von Furcht und Empathie zuständig sind (Yang et al., 2009).

Jetzt könnte man triumphierend sagen: Da haben wir es, der Mörder hat ein kaputtes Gehirn, Fall geschlossen. Genau das sage ich nicht, und genau davor warnt Raine selbst mit Nachdruck. Diese Studien zeigen eine Korrelation, einen statistischen Zusammenhang. Sie zeigen keine Ursache. Die untersuchten Mörder waren eine handverlesene Gruppe, Menschen, die sich auf Schuldunfähigkeit berufen hatten, also nicht der Durchschnittstäter. Die Aufgabe im Scanner war künstlich. Und vor allem: Ein Gehirn ist kein in Stein gemeißeltes Schicksal. Es wird geformt, ein Leben lang, von dem was ihm widerfährt. Eine schwache präfrontale Bremse kann angeboren sein. Sie kann aber auch das Ergebnis von Schlägen auf den Kopf sein, von jahrelangem Stress, von einer Kindheit, in der dieses Areal nie lernen durfte, wie man sich beruhigt.

Es gibt zwei Fälle, die diese Zwiespältigkeit perfekt beleuchten, und ich liebe beide, weil sie zeigen, wie nah Biologie und Schicksal beieinanderliegen.

Der erste ist über 170 Jahre alt. 1848 stand ein junger, zuverlässiger, beliebter Vorarbeiter namens Phineas Gage beim Eisenbahnbau, als eine Sprengung fehlging und ihm eine über einen Meter lange Eisenstange durch den Kopf schoss, von unten durch die Wange, durch den vorderen Teil des Gehirns, oben wieder hinaus. Gage überlebte. Das ist das eine Wunder. Das andere ist, was danach geschah. Der freundliche, verlässliche Mann war weg. An seiner Stelle saß ein launischer, jähzorniger, unbeherrschter Mensch, der Pläne fasste und sofort wieder verwarf, der fluchte, wo er früher höflich gewesen war. Seine Freunde sagten, er sei nicht mehr Gage. Mehr als ein Jahrhundert später rekonstruierten Forscher anhand seines erhaltenen Schädels den genauen Weg der Stange und bestätigten, was man ahnte: Sie hatte den ventromedialen präfrontalen Kortex zerstört, genau die Region, die rationale Entscheidung und Emotion verbindet (Damasio et al., 1994). Eine Eisenstange hatte aus einem Charakter einen anderen gemacht.

Der zweite Fall ist neuer und noch unheimlicher. 2003 beschrieben zwei Ärzte einen 40 Jahre alten Mann, der plötzlich, ohne jede Vorgeschichte, ein pädophiles Interesse entwickelte und jede Impulskontrolle verlor (Burns & Swerdlow, 2003). Man fand in seinem Kopf einen Tumor, im rechten orbitofrontalen Kortex, wieder dort vorne, im Bereich der Hemmung. Man entfernte den Tumor. Die Symptome verschwanden. Monate später kehrten sie zurück, und man sah im Scan: Der Tumor war nachgewachsen. Man operierte erneut. Die Symptome verschwanden erneut. Das ist, so selten und so erschreckend es ist, einer der saubersten kausalen Beweise, die wir haben, dass ein Stück Gewebe an der richtigen Stelle aus einem Menschen jemanden machen kann, den er vorher nicht war und danach wieder nicht ist.

Was sagt uns das? Es sagt uns, dass der freie Wille, an den wir so gerne glauben, auf einem biologischen Fundament steht, das brüchig sein kann. Es sagt uns aber nicht, dass jeder Täter ein Tumorpatient ist. Die allermeisten Mörder haben kein Loch im Kopf und keinen Tumor. Sie haben ein Gehirn, das durch eine lange Kette von Anlagen und Erfahrungen so geworden ist, wie es ist. Und damit kommen wir zum nächsten Mythos, dem gefährlichsten von allen.

Das Killer-Gen, das keines ist

Es gibt eine schöne, einfache, falsche Geschichte, und sie geht so: Manche Menschen werden mit einem Gen geboren, das sie zu Killern macht. Das Warrior Gene, das Krieger-Gen. Wer es hat, ist eine tickende Bombe.

Diese Geschichte ist so verlockend, dass sie es bis in Gerichtssäle geschafft hat, wo Verteidiger sie als mildernden Umstand vorbrachten, nach dem Motto, mein Mandant konnte nicht anders, seine Gene haben ihn gezwungen. Und sie ist, in dieser Form, schlicht Unsinn. Aber wie jeder gute Mythos hat sie einen wahren Kern, und der wahre Kern ist faszinierend genug, dass man ihn nicht aufbauschen muss.

Die Geschichte beginnt 1993 in den Niederlanden. Eine Familie, in der über Generationen die Männer durch impulsive Aggression auffielen, durch Gewaltausbrüche und Brandstiftung, durch Sexualdelikte und durch eine Unfähigkeit, den eigenen Zorn zu bremsen. Der Genetiker Han Brunner fand bei ihnen eine seltene Mutation, die ein einziges Gen vollständig lahmlegte, das Gen für die Monoaminoxidase A, kurz MAOA, ein Enzym, das im Gehirn unter anderem Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin abbaut (Brunner et al., 1993). Ohne dieses Enzym stauen sich diese Botenstoffe, und der Stoffwechsel gerät aus dem Lot.

Hier ist das Entscheidende, das in keiner reißerischen Version vorkommt: Es handelte sich um einen kompletten Ausfall des Gens, einen totalen Knockout, und das ist extrem selten. So selten, dass man weltweit von einer Handvoll Familien spricht. Das ist kein Modell für die Bevölkerung. Das ist eine medizinische Rarität. Aus dieser Rarität ein Krieger-Gen zu basteln, das in jedem dritten Mann schlummert, ist, als würde man aus einem Menschen mit einer extrem seltenen Stoffwechselkrankheit ableiten, jeder, der gern Süßes isst, sei todkrank.

Was es tatsächlich gibt, ist eine harmlosere Variante des Gens, die nur etwas weniger aktiv ist, und die ist häufig. Sie kommt bei etwa einem Drittel der europäischstämmigen Männer vor. Wenn diese Variante allein zum Mörder machte, hätten wir ein Problem von biblischem Ausmaß. Tut sie aber nicht. Und der Beweis dafür ist die vielleicht wichtigste Studie dieses ganzen Feldes.

2002 veröffentlichte ein Team um Avshalom Caspi eine Arbeit, die aus einer berühmten neuseeländischen Langzeitstudie stammte, in der man Menschen von Geburt an über Jahrzehnte begleitet hatte (Caspi et al., 2002). Die Forscher schauten sich an, wer die wenig aktive MAOA-Variante trug, und wer in der Kindheit misshandelt worden war. Und dann kam das Ergebnis, das alles verändert. Das Gen allein tat fast nichts. Die Misshandlung allein erhöhte das Risiko für späteres gewalttätiges Verhalten, aber nur moderat. Wer aber beides hatte, die Genvariante und die Misshandlung, der hatte ein massiv erhöhtes Risiko, gewalttätig zu werden. Bei den misshandelten Jungen mit der ungünstigen Variante war der Effekt hochsignifikant. Bei denen mit der schützenden Variante blieb die Misshandlung weitgehend folgenlos, jedenfalls auf dieser Ebene.

Das ist keine Geschichte über ein Killer-Gen. Das ist eine Geschichte über ein Schloss und einen Schlüssel. Das Gen ist das Schloss. Die Kindheit ist der Schlüssel. Ohne den Schlüssel bleibt das Schloss zu. Erst beide zusammen öffnen die Tür zur Gewalt. Man nennt das eine Gen-Umwelt-Interaktion, und sie ist das genaue Gegenteil von Determinismus. Sie sagt nicht, deine Gene bestimmen dein Schicksal. Sie sagt, deine Gene bestimmen, wie verletzlich du gegenüber dem bist, was dir angetan wird.

Und damit ihr mir nicht denkt, ich male das schöner, als es ist: Spätere Auswertungen, die viele Studien zusammenfassten, fanden den Effekt mal bestätigt, mal nicht (Byrd & Manuck, 2014). Die genaue Stärke ist bis heute umstritten. Die Wissenschaft ist hier ehrlich und unfertig, so wie gute Wissenschaft eben ist. Was aber stabil bleibt, ist die Grundlogik: Anlage und Erfahrung sind keine Gegner, sie sind Tanzpartner. Wer nur auf die Gene zeigt, hat genauso unrecht wie der, der nur auf die Erziehung zeigt.

Warum dieselbe Hölle zwei verschiedene Menschen macht

Wenn die Kindheit der Schlüssel ist, müssen wir über die Kindheit reden. Und hier gibt es eine der eindrucksvollsten Untersuchungen der modernen Medizin, die mit Kriminalität gar nicht angefangen hat, sondern mit einer ganz anderen Frage.

In den 1990er Jahren untersuchten Vincent Felitti und Robert Anda über 9.500 erwachsene Patienten einer großen amerikanischen Krankenversicherung und fragten sie nach belastenden Kindheitserfahrungen (Felitti et al., 1998). Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung, ein Elternteil im Gefängnis, Gewalt zwischen den Eltern, Sucht im Haushalt. Sie zählten diese Erfahrungen zusammen und nannten das Ganze Adverse Childhood Experiences, kurz ACE, also belastende Kindheitserfahrungen. Dann verglichen sie diese Zahl mit der Gesundheit im späteren Leben.

Das Ergebnis traf die Medizin wie ein Schlag. Je mehr solcher Erfahrungen ein Mensch in der Kindheit gemacht hatte, desto höher war sein Risiko für fast alles Schlimme, das einem Erwachsenen passieren kann. Wer vier oder mehr dieser Kategorien erlebt hatte, trug ein vielfach erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen, für Depression, für Suizidversuche, und es ging weiter bis in körperliche Krankheiten hinein, Herzleiden, Krebs, Lungenerkrankungen. Und das alles dosisabhängig, je mehr Gift in der Kindheit, desto mehr Schaden im ganzen restlichen Leben. Die Kindheit schreibt sich in den Körper ein, nicht als Metapher, sondern als messbares Risiko.

Toxischer Stress, früh und dauerhaft, formt das sich entwickelnde Gehirn. Er stellt die Stressachse hoch ein, er prägt, wie ein Mensch später auf Bedrohung reagiert, ob er einen harmlosen Blick als Angriff liest, ob seine Bremse je gelernt hat zu greifen. Hier schließt sich der Kreis zu Raines schwachen präfrontalen Kortizes. Manche dieser schwachen Bremsen sind nicht so geboren. Sie sind so geworden, weil niemand dem Kind je gezeigt hat, wie Beruhigung sich anfühlt.

Und jetzt kommt die Frage, die mich am meisten umtreibt, weil sie der ganzen Determinismus-Geschichte den Boden entzieht. Wenn die Kindheit so prägt, warum wird dann nicht aus jedem misshandelten Kind ein Gewalttäter? Warum gehen zwei Brüder durch dieselbe Hölle, und der eine wird Mörder, der andere Arzt?

Die Antwort heißt differentielle Suszeptibilität, ein sperriges Wort für eine schöne Idee (Belsky & Pluess, 2009). Lange dachte man, manche Menschen seien einfach widerstandsfähiger, robuster, wie ein Stein, an dem das Unwetter abprallt. Belsky und Pluess drehten das um. Manche Menschen, sagen sie, sind nicht robuster, sie sind empfindlicher, und zwar in beide Richtungen. Sie reagieren stärker auf eine schlimme Umgebung, ja. Aber sie reagieren genauso stark auf eine gute. Das gleiche Kind, das in der Hölle zerbricht, wäre im Garten besonders aufgeblüht. Man nennt sie manchmal die Orchideen, im Gegensatz zu den Löwenzahnkindern, die fast überall durchkommen, im Guten wie im Mittelmäßigen. Die Orchidee braucht den richtigen Boden. Bekommt sie ihn nicht, geht sie ein. Bekommt sie ihn, blüht sie schöner als alles andere.

Das ist für mich der menschlichste Befund der ganzen Forschung. Er bedeutet, dass dasselbe Kind, das unter Schlägen zum Täter wurde, unter Liebe vielleicht zum Außergewöhnlichen geworden wäre. Die Anlage zur Tiefe ist dieselbe wie die Anlage zur Zerstörung. Es kommt darauf an, was hineingegossen wird.

Warum du nicht tötest

Drehen wir die Frage jetzt um, so wie es ein kluger Kriminologe schon 1969 getan hat. Travis Hirschi stellte in seinem Buch Causes of Delinquency nicht die übliche Frage, warum manche Menschen kriminell werden (Hirschi, 1969). Er fragte das Gegenteil, und das war der geniale Zug: Warum werden die meisten Menschen nicht kriminell? Warum hältst du dich an die Regeln, obwohl du sie jeden Tag brechen könntest?

Seine Antwort war die soziale Bindung. Vier Fäden, sagte er, halten uns im Netz der Gesellschaft. Die Bindung an Menschen, die uns wichtig sind und die wir nicht enttäuschen wollen. Die Verpflichtung gegenüber dem, was wir aufgebaut haben und verlieren würden. Die Eingebundenheit in einen Alltag, der uns beschäftigt. Und der Glaube an die Geltung der Regeln selbst. Wer diese Fäden hat, ist gehalten. Wer sie verliert, fällt nicht zwangsläufig, aber er kann fallen, denn ihn hält nichts mehr.

Ich kann das an mir selbst sehr genau festmachen, und ich sage das ohne jede Eitelkeit, eher im Gegenteil. Ich würde niemals eine Straftat begehen. Nicht, weil ich ein besserer Mensch wäre als andere, sondern weil mich zwei sehr konkrete Dinge zurückhalten. Das eine ist die Angst. Die nüchterne, fast banale Angst vor dem Gefängnis, vor dem gesellschaftlichen Absturz, vor dem Verlust von allem, was ich mir aufgebaut habe. Das andere ist meine Erziehung. Ich komme aus einem strengen Haus, mit klaren Werten, mit Regeln, die so tief eingesickert sind, dass sie heute keine äußeren Regeln mehr sind, sondern ein Teil von mir. Eine innere Bremse, die längst kein Befehl mehr braucht. Genau das, was Hirschi den Glauben nannte, und was bei Raines Tätern im Scanner schwächelte.

Diese innere Bremse hat einen biologischen Namen, und er heißt Empathie. Wenn ich einem anderen Menschen Schmerz zufügen würde, würde etwas in mir selbst schmerzen. Das ist keine Erziehungsfloskel, das ist messbar. Wenn wir den Schmerz eines anderen wahrnehmen, aktiviert sich in unserem eigenen Gehirn ein Netzwerk, der vordere Gürtelkortex, die Insula, die Amygdala, der orbitofrontale Kortex, und es erzeugt eine unangenehme, aversive Reaktion in uns (Decety, 2011). Diese Reaktion ist die natürliche Hemmschwelle. Sie ist der Grund, warum die meisten Menschen nicht zustechen können, selbst wenn sie wütend genug wären. Bei manchen Gewalttätern, gerade bei jenen mit psychopathischen Zügen, ist genau dieses Mitschwingen gedämpft. Der Schmerz des anderen erreicht sie nicht. Die Bremse fehlt, weil das Signal fehlt, das sie auslösen müsste.

Und jetzt sieht man, wie alles zusammenpasst. Die schwache präfrontale Bremse bei Raine. Die gedämpfte Amygdala. Die fehlende soziale Bindung bei Hirschi. Die ungünstige Genvariante bei Caspi. Die belastete Kindheit bei Felitti. Kein einziger dieser Faktoren macht für sich einen Mörder. Aber sie summieren sich, sie verstärken sich, sie greifen ineinander, und an irgendeinem Punkt ist die Tür, die bei dir und mir verschlossen bleibt, bei einem anderen Menschen einen Spalt offen. Es braucht dann nur noch die Situation, die sie aufstößt.

Die Hautfarbe, das Testosteron und ein Denkfehler, der Karriere macht

Jetzt muss ich an einen Punkt, um den sich viele drücken, und ich drücke mich nicht, weil das Wegschauen die Lüge nährt. Schaut man auf die amerikanischen Gefängnisse, sieht man eine bedrückende Schieflage. Schwarze Amerikaner sitzen mit etwa der fünffachen Rate von Weißen hinter Gittern (Nellis, 2021). Einer von 81 schwarzen Erwachsenen ist in einem Staatsgefängnis. In manchen Bundesstaaten ist über die Hälfte der Gefangenen schwarz, obwohl Schwarze nur rund 13 Prozent der Bevölkerung stellen. Das ist eine Tatsache. Die Frage ist nicht, ob diese Schieflage existiert. Die Frage ist, woher sie kommt.

Und hier gibt es eine bequeme, biologistische Antwort, die immer wieder aus dem Sumpf gekrochen kommt: Vielleicht liegt es am Testosteron. Schwarze Männer, so die Behauptung, hätten höhere Testosteronspiegel, und Testosteron mache aggressiv, also seien sie krimineller. Diese Kette klingt für manche logisch. Sie ist trotzdem an jedem einzelnen Glied falsch.

Erstens ist schon der Zusammenhang zwischen Testosteron und Gewalt beim Menschen viel schwächer, als der Stammtisch glaubt. Die saubere kausale Evidenz dafür ist dünn (Eisenegger, Haushofer & Fehr, 2011). Testosteron macht nicht zum Schläger, es schärft eher das Streben nach Status, und ob sich das in Gewalt übersetzt oder in einem ehrgeizigen Geschäftsabschluss, hängt vom Kontext ab. Zweitens, und das ist der eigentliche Genickbruch der These, wurde schon vor über 30 Jahren an über 4.000 Männern gezeigt, dass der soziale Status den ganzen Zusammenhang verbiegt (Dabbs & Morris, 1990). Bei Männern aus gehobenen Verhältnissen war die Verbindung zwischen Testosteron und antisozialem Verhalten viel schwächer als bei Männern aus armen Verhältnissen. Mit anderen Worten: Was wie Biologie aussieht, ist in Wahrheit Armut. Das Hormon ist nicht der Täter. Die Verhältnisse sind es.

Denn die wahre Erklärung der amerikanischen Gefängnisstatistik ist strukturell, und sie ist so unbequem für die andere Seite, wie die Testosteron-These es für diese ist. Michelle Alexander hat sie in ihrem Buch The New Jim Crow ausgebreitet (Alexander, 2010). Ein War on Drugs, der gezielt in armen, schwarzen Vierteln geführt wurde, während in den weißen Vorstädten dieselben Drogen konsumiert und kaum verfolgt wurden. Mindeststrafen, die bei genau jenen Substanzen am härtesten zuschlugen, die in armen Vierteln verbreitet waren. Eine selektive Polizeiarbeit, die dort hinschaut, wo sie hinschauen will. Ein Kautionssystem, das den Armen im Gefängnis hält und den Reichen nach Hause schickt. Das ist kein biologisches Phänomen. Das ist ein gebautes System, das produziert, was es zu bekämpfen vorgibt.

Und genau hier liegt der größte Beweis gegen jede biologistische Erklärung von Gewalt überhaupt, und er liegt in einer einzigen Zahl, auf die ich gleich komme. Denn wenn Gene oder Hormone oder Hautfarbe das Töten erklären würden, dann müsste sich die Mordrate zwischen zwei Ländern mit derselben menschlichen Biologie ungefähr gleichen. Tut sie aber nicht. Sie unterscheidet sich um das Fünf- bis Sechsfache. Und der Unterschied hat nichts mit Biologie zu tun und alles mit dem, was Menschen sich gegenseitig an Verhältnissen schaffen.

668 gegen 16.000

Schauen wir auf die nackten Zahlen, und schauen wir genau hin, denn hier wird viel geschummelt, auch von Leuten, die es besser wissen müssten.

In Deutschland weist die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2024 unter Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen 2.303 Fälle aus (Bundeskriminalamt, 2025). Diese Zahl wird gern durch die Schlagzeilen getragen, und sie ist irreführend, denn sie enthält überwiegend Versuche. Tatsächlich vollendet wurden 584 dieser Taten. Gezählt nach Opfern, die wirklich gestorben sind, kommt das BKA auf 668 Menschen im Jahr 2024. 668. In einem Land mit über 83 Millionen Einwohnern. Das ergibt eine Mordrate von nicht einmal einem Tötungsdelikt pro 100.000 Menschen, ungefähr 0,9. Die Aufklärungsquote bei diesen Taten liegt bei über 94 Prozent. Fast jeder, der hier tötet, wird gefunden.

In den Vereinigten Staaten meldete das FBI für dasselbe Jahr 2024 eine Mordrate von 5,0 pro 100.000 (Federal Bureau of Investigation, 2025). Bei einer Bevölkerung von rund 340 Millionen sind das über 16.000 getötete Menschen in einem einzigen Jahr. Und hier ist die Pointe, die niemand erwartet: Das war ein gutes Jahr. Die Rate fiel gegenüber dem Vorjahr um fast 15 Prozent, der größte Ein-Jahres-Rückgang, der je gemessen wurde, nachdem sie 2020 mit 6,7 ihren Höchststand in zwei Jahrzehnten erreicht hatte. Selbst nach diesem historischen Rückgang sterben in den USA, gemessen an der Bevölkerung, fünf- bis sechsmal so viele Menschen durch Mord wie in Deutschland. Drei von vier dieser Tötungen geschehen mit einer Schusswaffe.

668 hier. Über 16.000 dort. Dieselbe Spezies. Dasselbe Gehirn, dieselben Gene, dieselbe Amygdala, dasselbe Testosteron. Der Unterschied liegt nicht im Menschen. Er liegt in der Welt, die der Mensch um sich herum gebaut hat. In der Verfügbarkeit von Waffen, in der sozialen Ungleichheit, in der Frage, ob ein Streit mit Fäusten endet oder mit einem Schuss. Wer die Mordrate verstehen will, muss nicht in die Gene schauen. Er muss in die Gesellschaft schauen.

Bei den extremen Gewalttaten, bei Vergewaltigung, bei den seltenen, medienträchtigen Serienmördern, ist das Verhältnis ähnlich verschoben. Allein im Bereich der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung zählte Deutschland 2024 über 13.000 Fälle, mit einem deutlichen Anstieg, der auch mit verändertem Anzeigeverhalten zu tun hat. Die ganz großen, seriellen Fälle aber, die Fälle, bei denen ein Profiler tatsächlich das Mittel der Wahl wird, sind in Deutschland selten. In den USA sind sie häufig genug, dass sich um sie eine ganze Disziplin gebildet hat.

Kennen wir eigentlich einen deutschen Profiler?

Und das bringt mich zu einer fast komischen Beobachtung. In den USA ist der Profiler eine kulturelle Figur. In Deutschland kennen die meisten Menschen keinen einzigen echten Profiler. Sie kennen einen Mann, der regelmäßig in einer bestimmten großen Boulevardzeitung steht und gelegentlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen befragt wird, wenn irgendwo ein spektakulärer Fall passiert. Ich nenne keinen Namen, denn ich will hier niemanden diskreditieren, und es ist auch nicht nötig. Aber ich gestehe, dass ich jedes Mal schmunzeln muss, wenn dieser Herr seine Ferndiagnosen abgibt, mit der Sicherheit eines Schamanen, der aus dem Kaffeesatz liest, und der Zuschauer nickt, weil er die Gewissheit mit Kompetenz verwechselt. Genau das ist der Unterschied. Denn ich kenne die echten. Ich kenne einen sogar ganz gut, und ich habe gerade Stunden mit einem zweiten verbracht. Und die echten reden völlig anders. Vorsichtiger. Nüchterner. Mit weniger Gewissheit und mehr Wissen.

Das hat auch einen institutionellen Grund. Deutschland hat keine Profiler im amerikanischen Sinne, weil es etwas anderes hat, die Operative Fallanalyse, kurz OFA, angesiedelt beim BKA und den Landeskriminalämtern (Bundeskriminalamt; Dern, 2000). Diese Einheiten arbeiten betont sachlich, im Team, datengestützt. Das BKA selbst formuliert es trocken und schön: Polizeiliche Fallanalytiker seien keine Hellseher, keine Kaffeesatz- oder Kristallkugelleser. Ein Täterprofil ist dort nur ein Werkzeug unter mehreren, und es darf erst erstellt werden, nachdem eine gründliche Analyse des Tathergangs vorausgegangen ist. Eine Profilerstellung ohne diese Vorarbeit, sagt das BKA, wäre unseriös. Der ganze mediale Begriff des Profilers, heißt es sinngemäß, gehe an der Realität dieser Dienststellen vorbei.

Ich will damit die deutschen Behörden nicht über die amerikanischen stellen, im Gegenteil. Meine ehrliche Einschätzung nach allem, was ich gesehen und gehört habe, ist, dass die amerikanischen Ermittlungsbehörden uns in vielem um Längen voraus sind, in der Erfahrung, in der schieren Menge der Fälle, an denen man lernt, in der Verzahnung von Wissenschaft und Praxis. Das ist keine Herabsetzung der deutschen Arbeit, die exzellent ist und durch ihre Nüchternheit oft sauberer. Es ist schlicht die Folge der Zahlen. Wer 16.000 Tötungen im Jahr aufklären muss, sammelt eine andere Tiefe an Erfahrung als der, der 668 hat. Die Hölle ist eine harte, aber gründliche Lehrmeisterin.

Was das Bauchgefühl wirklich war

Damit bin ich am Ende wieder bei dem Mann aus New York, mit dem alles anfing, und bei seinem Bauchgefühl, das mich so beschäftigt hat.

Ich glaube inzwischen zu wissen, was es war, und es war keine Magie. Es war das genaue Gegenteil von dem, was im Gehirn eines Täters schiefläuft. Erinnern wir uns: Beim Täter ist die Mustererkennung oft gestört, die Bremse schwach, das Lernen aus Konsequenzen beeinträchtigt. Beim erfahrenen Profiler ist genau diese Maschinerie auf Hochglanz poliert. Über Jahrzehnte hat sein Gehirn tausende Fälle gesehen, tausende Tatorte, tausende Gesichter, tausende Muster. Irgendwann arbeitet diese Erfahrung schneller, als das bewusste Denken folgen kann. Sie liefert ein Ergebnis, bevor die Begründung formuliert ist. Das fühlt sich an wie ein Bauchgefühl. In Wahrheit ist es komprimierte Erfahrung, Mustererkennung in Reinform, dieselbe Fähigkeit, aus Vergangenem auf Künftiges zu schließen, die der Täter verloren oder nie gehabt hat.

Dasselbe Werkzeug also, dasselbe Hirnareal, dieselbe Funktion. Beim einen kaputt, beim anderen perfektioniert. Der Unterschied ist die Richtung, in die es zeigt. Und vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis dieses ganzen Textes. Der Profiler und der Mörder sind sich neurologisch ähnlicher, als beiden lieb wäre. Beide lesen Menschen. Der eine, um zu jagen. Der andere, um den Jäger zu fangen.

Ich habe meine ganze Berufszeit lang in Gesichter geschaut und mich gefragt, wie ein Mensch zu so etwas fähig ist. Die Antwort, die ich nach all den Jahren und nach diesem Gespräch und nach diesen Wochen des Lesens geben kann, ist nicht beruhigend, aber sie ist ehrlich. Es gibt kein Monster. Es gibt nur einen Menschen, bei dem zu viele Dinge in die falsche Richtung gefallen sind. Eine ungünstige Anlage, eine zerstörte Kindheit, eine schwache Bremse, eine fehlende Bindung, eine gedämpfte Empathie, und am Ende eine Situation, die alles zur Explosion brachte. Jedes einzelne dieser Dinge trägt fast jeder von uns in irgendeinem Maße in sich. Bei den meisten reicht es nie. Bei wenigen reicht es.

Genau deshalb ist der Mörder kein Monster. Er ist der lebende Beweis dafür, dass es keinen geben muss. Dass es kein fremdes, böses Wesen braucht, um das Unfassbare zu tun. Dass ein Mensch genügt, dem zu vieles widerfahren ist.

Hättet ihr gedacht, dass Profiling so funktioniert? Dass hinter dem Bauchgefühl keine Gabe steckt, sondern Statistik? Dass hinter dem Monster kein Monster steckt, sondern Biologie und Biografie? Ich jedenfalls habe an diesem Mann aus New York mehr über das Töten gelernt als in mancher Akte. Und das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass das Erschreckendste am Mörder nicht seine Fremdheit ist, sondern seine Nähe.

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