Kein Beruf ist sicher, und der Anwalt steht ganz vorne
Wie ich in der täglichen Post von Anwälten und Behörden erkenne, dass sich dort längst zwei Maschinen unterhalten, warum ein gut gebauter Prompt mehr juristisches Wissen abruft als der Kollege, der sich zehn Minuten vor dem Termin in die Akte liest, und weshalb ich meine eigenen Verfahren seit Jahren selbst führe, mit dem Anwalt als zeichnendem Beisitzer.
Heute Morgen habe ich mich an meinem Kaffee verschluckt, und zwar nicht ein bisschen, sondern in voller Breite. Der Espresso nahm den kürzesten Weg vom Mund auf den aufgeklappten Bildschirm meines MacBooks, verteilte sich gleichmäßig über das Retina-Display, fand zwischen den Tasten hinunter und suchte sich unter der Leertaste einen Weg, den kein Apple-Techniker dieser Welt jemals wieder vollständig trockenlegen wird. Ich habe diesem braunen Rinnsal kurz beim Versickern zugesehen, mit der ruhigen Faszination eines Menschen, der gerade begriffen hat, dass das eigentliche Problem nicht auf der Tastatur liegt, sondern auf dem Schirm darüber stand. Denn der Grund für diesen Hustenanfall war nicht der Kaffee, sondern ein einziger Schriftsatz.
Ich lese seit über zwei Jahrzehnten anwaltliche Korrespondenz und Behördenschreiben, beruflich, täglich, in einer Menge, die ein normaler Mensch für eine ausgesuchte Form von Strafe halten würde. Ich erkenne den Rhythmus eines Schriftsatzes inzwischen so zuverlässig, wie ein Pathologe ein Gewebe unter dem Mikroskop erkennt, an der Faserung, an der Färbung, an dem, was fehlt. Und genau deshalb bin ich heute Morgen kurz erstarrt, weil ich in zwei Schreiben, die formal von zwei verschiedenen Kanzleien stammten, denselben unverkennbaren Herzschlag gelesen habe. Es war nicht der Stil zweier Juristen, die miteinander streiten. Es war der Stil zweier Maschinen, die sich höflich gegenseitig zitieren, und der Mensch dazwischen merkt es nicht einmal.
Auf der einen Seite die etwas betuliche, alles abwägende, in Aufzählungen verliebte Sprache, die ein bekanntes amerikanisches Sprachmodell hinterlässt, wenn man es ohne klare Anweisung von der Leine lässt. Auf der anderen Seite die etwas geschmeidigere, stärker auf Kohärenz getrimmte Antwort, die ich einem anderen, ebenfalls amerikanischen Modell zuordnen würde. Zwei Systeme, die einander die Bälle zuspielen, in einem Verfahren, in dem am Ende ein Mensch die Rechnung bezahlt, und zwar für beide Seiten gleichzeitig. Das ist die teuerste Unterhaltung, die ich je beobachtet habe, und keiner der beiden Gesprächspartner hat einen Puls. Der Kaffee auf der Tastatur war an diesem Morgen das einzige Lebewesen mit einem messbaren Eigenwillen.
Eine Fahrt durch Italien und ein Gedanke, der nicht mehr weggeht
Ich war gestern wieder einmal unterwegs, irgendwo in Italien, auf einer dieser Strecken, die man so oft gefahren ist, dass die Hände das Lenkrad halten und der Kopf frei wird für die größeren Fragen. Menschen, die mich persönlich kennen, wissen, dass mein Rücken solche Fahrten auf seine ganz eigene Art belohnt, nämlich mit starken Schmerzen, die danach zwei oder drei Tage anhalten und sich nicht durch Haltung und nicht durch guten Willen überreden lassen. Das ist keine Klage, das ist eine schlichte mechanische Tatsache, und sie hat Folgen, über die ich selten spreche. Eine dieser Folgen ist, dass ich für die deutsche Justiz nicht mehr als Sachverständiger arbeiten kann, und der Grund dafür ist banaler, als die meisten vermuten. Auf jedes Gutachten folgt die Verhandlung, auf jede Verhandlung folgt die Anreise, und auf jede Anreise folgt der Rücken, der mir die nächsten Tage in Rechnung stellt. Irgendwann rechnet man das einmal sauber durch und stellt fest, dass der Preis nicht mehr stimmt.
Auf solchen Fahrten denke ich darüber nach, wie es mit dieser Welt weitergeht, nicht aus Schwermut, sondern aus Berufsneugier, weil ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, Systeme zu zerlegen, bis ich verstanden habe, wie sie funktionieren. Und der Befund, zu dem ich auf diesen Fahrten immer wieder komme, ist unbequem genug, dass ich ihn lange für mich behalten habe. Wir stecken im größten Wandel in der Geschichte des Homo sapiens, und das in einer Geschwindigkeit, die dieser Homo sapiens nicht ansatzweise begreift. Der Grund dafür ist anatomisch, nicht charakterlich, und das ist eine wichtige Unterscheidung.
Das Gehirn, mit dem ein Mensch heute um 23 Uhr eine E-Mail beantwortet, ist dasselbe Organ, das vor rund 50.000 Jahren darauf optimiert wurde, in einer überschaubaren Gruppe zu überleben, eine Gefahr in Sekundenbruchteilen einzuschätzen und danach wieder zur Ruhe zu kommen. Dieses Gehirn ist großartig im Erkennen eines Raubtiers am Waldrand, es ist hervorragend darin, ein Gesicht in einer Menge zu lesen, und es ist katastrophal schlecht darin, eine exponentielle Kurve zu fühlen, die sich in Wochen verdoppelt. Exponentielles Wachstum kam in der Savanne schlicht nicht vor, also hat die Evolution kein Organ dafür gebaut. Wir sehen die Veränderung deshalb nicht, wir hören nur von ihr, und das ist ein gewaltiger Unterschied, weil das Hören uns kalt lässt, während das Sehen uns rennen ließe.
Ich bin mir mit hoher Sicherheit auch darüber im Klaren, dass die Regierungen es ebenso wenig auf dem Schirm haben, oder, was wahrscheinlicher ist, es aufgrund bestehender Gesetze gar nicht rechtzeitig schaffen, hier logisch einzugreifen. Genau einmal hat ein Staat in letzter Zeit etwas getan, das wie eine bewusste Intervention aussieht, und ausgerechnet dort, wo man es am wenigsten vermutet hätte. Ein chinesisches Gericht in Hangzhou entschied Ende April, dass ein Unternehmen einen Mitarbeiter nicht entlassen darf, nur um ihn durch eine künstliche Intelligenz zu ersetzen, weil die Einführung von KI eine unternehmerische Entscheidung sei und keine objektive grundlegende Änderung der Umstände, die eine Kündigung trägt (Fortune, 2026; NPR, 2026). Es war kein Verbotsgesetz, es war ein einzelnes Urteil, und gerade deshalb ist es so bemerkenswert. Es zeigt, dass die wirksamsten Bremsen in diesem ganzen Vorgang derzeit nicht aus den Parlamenten kommen, sondern aus den Gerichtssälen, und das sollte uns mehr beschäftigen, als es das tut.
Zwei Maschinen, ein Mandant, der für beide bezahlt
Die Beobachtung vom Kaffeetisch ist kein Einzelfall, sie ist ein Muster, und Muster sind mein eigentliches Handwerk. Immer häufiger lese ich Schriftsätze, die ein Mensch zwar unterschrieben, aber nicht gedacht hat. Wir erkennen sie an einer Reihe von Symptomen, die ich hier mit der gebotenen klinischen Präzision aufführe, weil mir die Diagnose mehr Freude macht als der Befund. Da ist die auffällige Vorliebe für die Dreierfigur, das ewige erstens, zweitens und drittens, wo ein wütender Mensch einfach gesagt hätte, dass die Gegenseite im Unrecht ist und damit gut. Da ist die seltsame Höflichkeit, die jeden Konflikt in Watte packt, als hätte der Schriftsatz selbst Angst, den Richter zu verärgern. Und da ist die Sucht nach gespreizten Übergangsfloskeln, dieses überdies und des Weiteren und nicht zuletzt, das kein lebender Anwalt jemals freiwillig dreimal in einen einzigen Absatz schreiben würde, weil ihm dabei vor Scham die eigene Hand einschiefe.
Wenn ich zwei solche Schreiben nebeneinanderlege, sehe ich keinen Rechtsstreit mehr, ich sehe ein Tischtennisspiel zwischen zwei Servern. Das eine Modell behauptet etwas in tadellosem Bürodeutsch, das andere Modell widerspricht in noch tadelloserem Bürodeutsch, und in der Mitte sitzt ein Mandant, der für jeden dieser Aufschläge ein Honorar überweist, das pro Stunde berechnet wird, als säße dort noch ein Mensch und ränge mit dem Problem. Es ist, als würde man zwei Taschenrechner gegeneinander rechnen lassen und beiden anschließend eine Beratungspauschale überweisen. Das Komische daran ist, dass es funktioniert, weil niemand am Tisch zugeben will, dass er die Maschine längst erkannt hat. Das weniger Komische daran ist, dass wir genau an dem Punkt angekommen sind, an dem sich nicht mehr Menschen unterhalten, sondern künstliche Intelligenzen, und das ausgerechnet in jener Sphäre, die für sich beansprucht, die menschlichste von allen zu sein, nämlich der Suche nach Gerechtigkeit.
Was mich an dieser maschinellen Höflichkeit wirklich umtreibt, ist nicht die Verschwendung, so absurd sie auch sein mag. Es ist die langsame Aushöhlung dessen, was ein Rechtsstreit eigentlich leisten soll. Ein Verfahren ist im Idealfall ein Ringen zweier Menschen um eine Wahrheit, die keiner von beiden allein besitzt, und aus diesem Ringen soll am Ende etwas entstehen, das vorher keiner der beiden hatte. Wenn an beiden Enden eine Maschine sitzt, die aus denselben Trainingsdaten schöpft, dann ringt niemand mehr, dann gleichen sich die Schriftsätze einander an wie zwei Tropfen aus demselben Wasserhahn. Die Reibung verschwindet, und mit der Reibung verschwindet die Erkenntnis, die nur aus Reibung überhaupt entstehen kann. Übrig bleibt ein perfekt formuliertes Unentschieden, für das beide Seiten teuer bezahlt haben, und der Richter sucht zwischen zwei makellosen Texten nach dem einen menschlichen Fehler, der ihm verrät, wer von beiden überhaupt noch verstanden hat, worum es geht.
Ich will hier niemandem die Nutzung dieser Werkzeuge vorwerfen, das wäre auch reichlich verlogen. Ich nutze sie selbst, jeden Tag, und ich nutze sie gut. Ich programmiere damit schneller, ich finde Fehler in fremden Systemen in Stunden, für die ich früher Tage gebraucht hätte, und ich stelle kompromittierte Server wieder her, während andere noch das Handbuch aufschlagen. Der Punkt, um den es mir geht, ist ein völlig anderer. Der Punkt ist, dass die Fähigkeit, die einen ganzen Berufsstand jahrzehntelang geschützt hat, sich gerade in eine Ware verwandelt, die jeder zu Pfennigbeträgen aus der Steckdose zieht. Und wenn das passiert, dann ist die Frage nicht mehr, ob ein Beruf sich verändert, sondern wie viele Menschen er am Ende noch ernährt.
Das Heer der Verdrängten, in nüchternen Zahlen
Damit niemand glaubt, ich male hier mit dem breiten Pinsel der Schwarzseher, lege ich die Zahlen offen hin, und ich nenne sie kalt, weil sie kalt sind. Der Internationale Währungsfonds hat bereits Anfang 2024 festgestellt, dass fast 40 Prozent der weltweiten Beschäftigung der künstlichen Intelligenz ausgesetzt sind, in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sogar rund 60 Prozent (IWF, 2024). Das eigentlich Beunruhigende an dieser Analyse steckt nicht in den Prozentzahlen, sondern in einem einzigen Nebensatz. Anders als jede frühere Welle der Automatisierung, die vor allem die einfachen, wiederholbaren Handgriffe traf, greift diese Technologie ausgerechnet die hochqualifizierten Tätigkeiten an, also genau jene Berufe, die sich bisher für unangreifbar hielten. Wer studiert hat, galt lange als unverwundbar. Diese Annahme zerfällt gerade vor unseren Augen, und sie zerfällt schneller, als ihr lieb sein kann.
Das Weltwirtschaftsforum hat im Januar 2025 in seinem Future of Jobs Report nachgelegt, gestützt auf die Angaben von über 1.000 Arbeitgebern, die zusammen mehr als 14 Millionen Beschäftigte vertreten (Weltwirtschaftsforum, 2025). Die Bilanz dieser Erhebung klingt zunächst beruhigend und ist es bei näherem Hinsehen ganz und gar nicht. Bis 2030 sollen weltweit 170 Millionen neue Stellen entstehen und 92 Millionen wegfallen, was rechnerisch einen Zuwachs von 78 Millionen ergibt. Wer nur die Schlagzeile liest, atmet erleichtert auf. Wer den Bericht liest, hält inne, denn hinter dem freundlichen Saldo verbirgt sich eine strukturelle Umwälzung von rund 22 Prozent aller erfassten Arbeitsplätze, und niemand garantiert, dass der Mensch, dessen alte Stelle verschwindet, für die neue auch nur ansatzweise qualifiziert ist. Ein entlassener Sachbearbeiter wird nicht über Nacht zum Spezialisten für KI-Sicherheit, nur weil eine Statistik beide in derselben Tabelle führt.
Goldman Sachs hat schon vor diesen Berichten ausgerechnet, dass die Technologie weltweit das Äquivalent von rund 300 Millionen Vollzeitstellen automatisieren könnte (Goldman Sachs, 2023). McKinsey hat in seinen Analysen ergänzt, dass die heute bereits verfügbare Technik, also nicht irgendeine ferne Zukunftsversion, einen erheblichen Teil jener Arbeitszeit übernehmen könnte, die Beschäftigte in den Vereinigten Staaten heute überhaupt auf ihre Aufgaben verwenden (McKinsey, 2025). Das sind die großen, abstrakten Zahlen, die so weit oben fliegen, dass man sie kaum noch fühlt. Also komme ich herunter auf die Höhe, auf der es tatsächlich wehtut, nämlich zu den Entlassungen, die bereits stattgefunden haben.
Im Jahr 2025 wurde künstliche Intelligenz in den Vereinigten Staaten als ausdrücklicher Grund für rund 55.000 Entlassungen genannt, ausgewertet vom Outplacement-Unternehmen Challenger, Gray and Christmas (Challenger, Gray & Christmas, 2026). Allein im April 2026 kamen weitere 21.490 geplante Streichungen hinzu, die ausdrücklich der KI und der Automatisierung zugeschrieben wurden. Amazon strich im ersten Quartal rund 16.000 Stellen in der Verwaltung, Oracle bis zu 30.000, Meta rund 8.000, also etwa ein Zehntel der Belegschaft, und Microsoft bot 8.750 amerikanischen Beschäftigten das freiwillige Ausscheiden an (Invezz, 2026). Der Chef von Salesforce begründete die Streichung von rund 4.000 Stellen im Kundensupport mit dem schlichten Satz, er brauche weniger Köpfe, weil die KI in manchen Bereichen schon 30 bis 50 Prozent der Arbeit erledige. Dieselben Konzerne investieren im Jahr 2026 zusammengenommen rund 725 Milliarden Dollar in genau die Technologie, die diese Köpfe überflüssig macht. Das ist kein Widerspruch, das ist eine Strategie mit Quartalszahlen.
Und damit niemand glaubt, das alles bleibe ein Problem der Anderen, der Hilfskräfte, der leicht Ersetzbaren, zitiere ich denjenigen, der es am genauesten wissen müsste. Dario Amodei, der Chef des KI-Unternehmens Anthropic, warnte bereits im Mai 2025, dass die künstliche Intelligenz binnen fünf Jahren rund die Hälfte aller Einstiegsjobs im Bürobereich vernichten und die Arbeitslosigkeit auf 10 bis 20 Prozent treiben könnte (Axios, 2025). Bemerkenswert ist nicht die Zahl, bemerkenswert ist der Absender, denn dieser Mann verkauft die Technologie, vor der er warnt, und nennt ausdrücklich die Bereiche Technik, Finanzen und Recht als die am wenigsten Vorbereiteten. Mustafa Suleyman, der bei Microsoft die KI verantwortet, hat noch deutlicher formuliert, dass nahezu alle fachlichen Tätigkeiten von Anwälten, Buchhaltern und Projektleitern bald automatisierbar seien. Wer das für reines Marketing hält, sei daran erinnert, dass an der Wall Street bereits rund 200.000 Stellen gestrichen werden, konzentriert auf die Einstiegspositionen der Analysten, und dass die Einstellung von Berufsanfängern in der Technologiebranche im Jahr 2025 um 30 bis 50 Prozent eingebrochen ist. Die Leiter, auf der man früher nach oben kletterte, hat unten ihre Sprossen verloren.
Wer jetzt einwendet, das alles seien amerikanische Zahlen, amerikanische Konzerne und amerikanische Dramatik, hat formal recht und inhaltlich nicht. Der entscheidende Unterschied ist nicht, dass Deutschland verschont bliebe, der entscheidende Unterschied ist, dass Deutschland leiser fällt. Wir haben ein soziales Polster, das die Vereinigten Staaten in dieser Form nicht kennen, nämlich die Kurzarbeit, mit der ein Unternehmen seine Leute hält, statt sie sofort zu entlassen, und die Bundesagentur für Arbeit, die den Stoß abfedert, bevor er als Schlagzeile sichtbar wird. Das ist human und sinnvoll, und es hat einen Preis, den kaum jemand benennt. Es macht die Welle unsichtbar, bis sie schon da ist. Niemand zählt in Deutschland die Stellen, die wegen künstlicher Intelligenz gar nicht erst nachbesetzt werden, so akribisch, wie es ein amerikanisches Outplacement-Unternehmen tut, also fehlt uns die Schlagzeile, die uns rechtzeitig aufwecken würde. Der deutsche Sachbearbeiter, dessen Aufgaben gerade lautlos verdampfen, sitzt nicht in Kalifornien, er sitzt zwei Straßen weiter, und er merkt es zuletzt, weil das System ihn freundlich im Unklaren lässt.
Wer die ganze Breite dieses Umbruchs sucht, jenseits der einen Berufsgruppe, über die ich heute schreibe, findet sie in meinem Beitrag über die letzte Generation, die einen Beruf erlernt. Heute interessiert mich nur ein einziger Knoten in diesem Netz, und es ist ausgerechnet der, der sich am sichersten fühlt.
Warum es ausgerechnet den Anwalt zuerst erwischt
Es gibt einen Grund, warum die juristische Arbeit so verwundbar ist, und er ist unangenehm für alle Beteiligten, mich ausdrücklich eingeschlossen. Juristische Arbeit sitzt an einem seltsamen Schnittpunkt aus sehr hoher Qualifikation und sehr hoher Wiederholung. Verträge prüfen, Rechtsprechung recherchieren, Schriftsätze entwerfen, Fristen berechnen, Gegnerschriftsätze zerpflücken, das alles setzt jahrelange Ausbildung voraus, und gleichzeitig folgt es Mustern, die ein hinreichend großes Sprachmodell inzwischen nachweislich erlernt hat. Eine Tätigkeit, die anspruchsvoll und zugleich vorhersehbar ist, ist für eine Maschine kein Gegner, sondern ein besonders sauber beschrifteter Trainingsdatensatz. Genau das macht den Beruf so angreifbar, und genau das wollen die wenigsten hören.
Die Zahlen bestätigen, was die Intuition ohnehin flüstert. In den Analysen zur Automatisierbarkeit einzelner Berufe rangiert die juristische Tätigkeit mit einem Anteil von rund 44 Prozent automatisierbarer Aufgaben fast an der Spitze, nur knapp hinter den klassischen Büro- und Verwaltungstätigkeiten mit etwa 46 Prozent (Weltwirtschaftsforum, 2025). Der Anwalt steht also nicht aus meinem Bauchgefühl heraus ganz vorne in der Schlange, er steht dort, weil die Struktur seiner Arbeit ihn dorthin stellt. Das Recht ist im Kern ein gewaltiges, hochgradig formalisiertes Sprachsystem, und Sprache ist genau die Disziplin, in der diese Maschinen am stärksten geworden sind. Man hat dem Beruf jahrhundertelang erzählt, sein Geheimnis sei das Denken. In Wahrheit war ein erheblicher Teil seines Geheimnisses das Formulieren, und das Formulieren ist gerade sehr billig geworden.
Beim Anwalt verläuft die Erosion deshalb leiser als bei einem Konzern, weil sie nicht mit einer Pressemitteilung beginnt, sondern mit einer Stille. Zuerst stellt eine Kanzlei keine neue Schreibkraft mehr ein, und niemand bemerkt es, am wenigsten die Kanzlei selbst. Dann muss eine von zwei Kräften gehen, und man erklärt es sich mit der allgemeinen Lage, mit der Konjunktur, mit irgendetwas, das weiter weg liegt als die eigentliche Ursache. Und dann, in der dritten Phase, in der wir gerade mittendrin stehen, brechen die Anfragen weg, weil der Mandant, der früher für eine Erstberatung in die Kanzlei kam, sich seine erste Einschätzung längst woanders geholt hat, abends, am Küchentisch, im Pyjama, für die Kosten von ungefähr gar nichts. Ich kenne aus über zwei Jahrzehnten vor Gericht hunderte Anwälte, viele davon ausgezeichnete, und ich spreche mit ihnen offen über das Thema. Was sie mir berichten, klingt jedes Mal wie eine frühere Stufe derselben Treppe, die ich gerade beschrieben habe, und keiner von ihnen weiß zu sagen, wie viele Stufen unter ihm noch kommen.
Das Bittere für die Kanzlei ist, dass diese erste Einschätzung aus der Maschine gar nicht perfekt sein muss, um zu schaden. Sie muss nur gut genug sein, damit der Mandant das Gefühl hat, seine Lage zu verstehen, und ein Mensch, der zu verstehen glaubt, ruft nicht mehr an. Der Anwalt verliert also nicht den schwierigen Fall, der ihn wirklich fordert, er verliert die vielen einfachen, die ihn früher mitgetragen haben, und mit ihnen verliert er die Grundlast, von der eine Kanzlei am Ende des Monats tatsächlich lebt. Die anspruchsvollen Mandate bleiben vorerst, die breite Masse darunter bröckelt langsam ab, und genau diese Masse hat bisher die Miete und die Gehälter bezahlt.
Eine Folge dieser Entwicklung wird in der allgemeinen Aufregung fast immer übersehen, und sie ist zugleich die heimtückischste von allen, weil sie nicht den Anwalt von heute trifft, sondern den von übermorgen. Ein junger Jurist lernte sein Handwerk bisher genau an jenen einfachen Schriftsätzen, die nun reihenweise die Maschine übernimmt, am Mahnbescheid, am Standardvertrag, an der schlichten Klageerwiderung, die niemand für besonders anspruchsvoll hält und an der man als Anfänger trotzdem so ziemlich alles lernt, was später einmal zählt. Wer einem Berufsanfänger diese Übungsstücke wegnimmt, nimmt ihm nicht nur ein paar abrechenbare Stunden, er nimmt ihm die Leiter, auf der aus einem frischen Absolventen über viele Jahre hinweg überhaupt erst ein erfahrener Anwalt wird. Eine Kanzlei, die ihre gesamte Routinearbeit an ein Sprachmodell abgibt, spart kurzfristig spürbar Geld und hört langfristig auf, eigenen Nachwuchs auszubilden, weil dieser Nachwuchs schlicht nichts mehr vorfindet, woran er wachsen könnte. So verschwindet ein Beruf am Ende nicht mit einem lauten Knall, sondern dadurch, dass er leise aufhört, sich selbst zu reproduzieren, und man bemerkt es erst dann, wenn die Generation fehlt, die niemand mehr herangezogen hat.
Der Law Sapiens
An dieser Stelle muss ich eine Spezies einführen, die ich seit längerem beobachte, und für die ich mangels eines höflicheren Begriffs einen eigenen Namen vergeben habe. Ich nenne diese Figur seit einiger Zeit den Law Sapiens. Er ist ein naher Verwandter jener Figur, die meine Leser bereits kennen, des Otto Sapiens, also jenes Zeitgenossen, der alles über ein Thema zu wissen glaubt, weil er einmal ein Hörbuch darüber gehört hat. Der Law Sapiens ist dem Otto Sapiens deutlich überlegen, das will ich ausdrücklich anerkennen, denn er hat zwei Staatsexamen hinter sich gebracht, und das überlebt man nicht durch bloßen Charme. Trotzdem ist er eine Art für sich, mit einem eigenen Lebensraum, einem eigenen Balzverhalten und einem ganz eigenen Spektrum von Zuständen. Zeitweise ist er gefährlich, weil er sehr genau weiß, an welcher Stelle in einem Verfahren ein Hebel sitzt. Zeitweise ist er chronisch überlastet und in der Folge fehlerhaft, weil drei Termine, zwei Fristen und ein klingelndes Telefon kein Zustand sind, in dem ein Mensch seine beste Arbeit abliefert. Im Kern aber ist der Law Sapiens genau das, was wir alle sind, nämlich ein Mensch, der Geld verdienen möchte und der Geld verdienen muss. Man sollte ihn nie für mehr und nie für weniger halten.
Gefährlich wird der Law Sapiens vor allem dort, wo er die Maschine als Verstärker seiner eigenen Eile benutzt, also schnell fragt, schnell kopiert und schnell einreicht, ohne den Zwischenschritt des Nachdenkens, der seinen Beruf einmal ausgemacht hat. Überlastet und fehlerhaft wird er dort, wo das Honorar pro Fall sinkt, weil der Mandant die einfachen Fragen längst selbst klärt, und er den Verlust durch schiere Menge auszugleichen versucht. Beide Zustände speisen sich aus derselben Quelle, nämlich aus dem schlichten Druck, am Monatsende eine Rechnung bezahlen zu müssen, die auf seine ideale Arbeitsweise keinerlei Rücksicht nimmt. Wer den Law Sapiens verstehen will, muss ihn an dieser Stelle nehmen, nicht beim Examen und nicht beim Stundensatz, sondern bei dem ganz gewöhnlichen Zwang, der ihn antreibt.
Ich sitze gerne in meiner Stammpizzeria, immer dieselbe Pizza, dazu ein Glas Wasser oder ein alkoholfreies Bier, und Bandit liegt unter dem Tisch und beobachtet die Kellner mit jener Wachsamkeit, die seiner Rasse von Natur aus eigen ist. Von diesem Platz aus höre ich, ohne es eigentlich zu wollen, was am Nachbartisch besprochen wird, und in letzter Zeit höre ich auffällig oft denselben Halbsatz. Irgendjemand sagt zu irgendjemandem, er habe das eben mal schnell durch die KI laufen lassen, und der andere nickt dazu, als wäre das so selbstverständlich wie das Salz auf dem Tisch. Vor zwei Jahren hätte derselbe Mann das niemals offen zugegeben, weil es nach Faulheit geklungen hätte. Heute klingt es nach Effizienz, und genau diese Verschiebung im Tonfall ist die eigentliche Nachricht, nicht die Technik selbst. Der Law Sapiens hat aufgehört, sich für sein Werkzeug zu schämen, und das ist immer der Moment, in dem ein bloßes Werkzeug zur Infrastruktur wird.
Was den Law Sapiens in diesem besonderen Frühjahr beschäftigt, weiß ich aus erster Hand, denn er erzählt es mir, jedenfalls in seinen offenherzigen Momenten. Anwälte nutzen heute alle Claude oder ChatGPT, oder beides im Wechsel, je nachdem, welches Modell an diesem Tag williger klingt. Das gilt zumindest für jene unter ihnen, die es mir offen gestehen, und ich habe gelernt, dass das die sympathischeren Vertreter ihrer Zunft sind. Die anderen tun es ganz genauso, geben es nur nicht zu, und man erkennt sie an den gespreizten Übergangsfloskeln, von denen weiter oben bereits die Rede war. Ich finde das nicht verwerflich, ich finde es nur bemerkenswert ehrlich, wenn jemand zugibt, dass die Maschine schneller schreibt als er selbst. Verwerflich wird die Sache erst eine Stufe später, und über diese Stufe muss ich gleich noch ungemütlich werden.
Trotz alledem bin ich dem Law Sapiens in seiner derzeitigen Verfassung überlegen, und ich sage das ohne falsche Bescheidenheit, weil es nicht an mir liegt, sondern an meinem Werkzeug und an meiner Disziplin. Mein System hat Zugriff auf Daten und Zusammenhänge, über die ein gewöhnlicher Nutzer nicht verfügt, und ich weiß, wie man eine Maschine so fragt, dass sie nicht improvisiert, sondern belegt. Der falsche, schlampige, eilig hingeworfene Prompt führt nämlich zu fehlerhaften Ausgaben, und zwar nicht zu offensichtlich falschen, an denen man sofort stutzt, sondern zu eleganten, selbstbewussten, hervorragend formulierten Falschheiten. Häufig serviert die Maschine dem nachlässigen Frager halluzinierte Quellen, erfundene Urteile mit erfundenen Aktenzeichen und Verfahren, die es nie gegeben hat, alles in tadellosem Juristendeutsch und mit der ruhigen Autorität eines Lehrbuchs. Vor Gericht ist das kein Schönheitsfehler, das ist eine öffentliche Hinrichtung der eigenen Glaubwürdigkeit, und ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie schnell so etwas geht. Ein Richter, der einmal eine erfundene Fundstelle entlarvt hat, liest jeden weiteren Satz desselben Anwalts mit einem ganz bestimmten Lächeln, und dieses Lächeln gewinnt keinen einzigen Prozess.
Hier muss ich nun die Grenze sauber ziehen, weil sie rechtlich genau definiert ist und weil ich sie selbst penibel einhalte. Ich darf keine Privatperson rechtlich beraten, denn die umfassende Rechtsberatung ist in Deutschland aus guten Gründen der Anwaltschaft vorbehalten, die anders als ich gesetzlich zu Unabhängigkeit, Verschwiegenheit und Wahrung der Mandanteninteressen verpflichtet ist. Was ich hingegen sehr wohl darf, ist Anwälte beraten, und genau das tue ich seit Jahren. Das Rechtsdienstleistungsgesetz erlaubt es ausdrücklich, dass ein Anwalt Fachleute anderer Disziplinen für einzelne Fragen hinzuzieht oder dauerhaft mit ihnen zusammenarbeitet, solange die selbständige und eigenverantwortliche Arbeit des Anwalts dabei sichergestellt bleibt (RDG). Der Anwalt bleibt also der verantwortliche Rechtsdienstleister gegenüber seinem Mandanten, ich bin der Spezialist an seiner Seite, der das Werkzeug beherrscht und die Daten kennt. Und es werden, ganz nebenbei bemerkt, immer mehr Anwälte, die genau diesen Weg zu mir suchen. Ich überlasse es dem Leser, in dieser kleinen Beobachtung den feinen Beigeschmack zu erkennen, der ihr ganz unweigerlich anhaftet.
Anwaltszwang, und warum er mich nicht zum Schweigen bringt
Jetzt wird es juristisch interessant, denn das Recht hat eine Bremse eingebaut, die viele für einen Schutzwall halten und die in Wahrheit eher ein Geländer ist. Vor den Landgerichten, den Oberlandesgerichten und dem Bundesgerichtshof müssen sich die Parteien durch einen Rechtsanwalt vertreten lassen, das regelt der Anwaltszwang nach Paragraph 78 der Zivilprozessordnung. Am Amtsgericht, bis zu einem Streitwert von 5.000 Euro, gilt das nicht, dort darf man sich selbst vertreten, und viele tun das auch, mit sehr gemischtem Ergebnis. So weit die Lehrbuchfassung, die jeder kennt, der schon einmal einen Streitwert addiert und dabei kurz geschluckt hat.
Was kaum jemand nutzt, steht nur wenige Absätze weiter im selben Gesetz. Nach Paragraph 137 Absatz 4 der Zivilprozessordnung ist im Anwaltsprozess neben dem Anwalt auch der Partei selbst auf Antrag das Wort zu gestatten. Im Klartext bedeutet das, der Anwalt muss zeichnen und mich formell vertreten, aber reden darf ich selbst, und zwar so lange und so präzise, wie das Gericht es zulässt. Ich nutze das seit Jahren, und ich nutze es ganz bewusst. Ich setze die Schriftsätze inhaltlich selbst auf, der Anwalt prüft sie auf die formalen Anforderungen und unterschreibt, und im Termin beantrage ich das Wort und trage selbst vor. Ich brauche keinen Vertreter, der für mich denkt, ich brauche einen Vertreter, der mit mir am Tisch sitzt und im richtigen Moment seine Unterschrift unter das setzt, was wir gemeinsam vorbereitet haben. Das ist ein fundamentaler Unterschied, und er verschiebt die Machtverhältnisse im Saal weiter, als die meisten überhaupt ahnen.
Und genau an dieser Stelle stellt sich die Frage, die der Anwaltschaft den Schlaf rauben sollte, es aber noch nicht tut. Wie lange kann ein gesetzlich verordneter Anwaltszwang einen Zustand aufrechterhalten, in dem eine künstliche Intelligenz die bessere Verteidigung formuliert als der Mensch, der sie allein vortragen darf? Die technische Infrastruktur dafür existiert längst, sie heißt nur so unspektakulär, dass niemand sie wirklich fürchtet. In Deutschland läuft die Kommunikation mit den Gerichten seit dem 1. Januar 2022 verpflichtend elektronisch, über das besondere elektronische Anwaltspostfach, geregelt in Paragraph 130d der Zivilprozessordnung. In den Vereinigten Staaten reichen Anwälte rund um die Uhr über das System CM/ECF ein, und über die Datenbank PACER ist der Aktenbestand öffentlich zugänglich. In England läuft dasselbe über den E-Filing-Dienst von HMCTS und das Courts Electronic Filing System. Die Schienen, auf denen ein Antrag heute ins Gericht fährt, sind also bereits vollständig digital. Es fehlt nur noch, dass derjenige, der den Antrag formuliert und in Echtzeit auf die Gegenseite reagiert, kein erschöpfter Mensch mehr ist, sondern ein System, das die Argumentation der Gegenseite zerlegt, während der Mandant daneben sitzt und einfach nur zusieht. Der Anwaltszwang verhindert das im Moment noch, aber er verhindert es so, wie ein Zaun ein Wasser verhindert, nämlich nur so lange, bis der Pegel steigt.
Ein fiktives Verfahren, und warum ihr mich nicht als Mandanten wollt
Das Folgende ist frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit einem echten Verfahren wäre reiner Zufall, und ich schreibe es bewusst als Karikatur, nicht als Anleitung. Aber stellt euch George einmal als Mandanten der Gegenseite vor. Ihr wollt das nicht wirklich, und nach den nächsten Absätzen wisst ihr auch ziemlich genau, warum nicht.
Der Saal füllt sich, der gegnerische Anwalt rückt seine Unterlagen zurecht, in die er sich, geschätzt nach Aktenlage und langjähriger Erfahrung mit der Spezies, ungefähr zehn Minuten vor Beginn das erste Mal hineingelesen hat, vermutlich auf dem Gang, vermutlich mit einem Kaffee in der freien Hand. Mein eigener Anwalt sitzt neben mir, korrekt, zeichnungsberechtigt und vor allem ruhig, weil er weiß, dass er heute genau eine Aufgabe hat, nämlich mich zu Wort kommen zu lassen, sobald ich danach verlange. Auf meinem Tisch liegt kein Aktenberg, auf meinem Tisch liegt ein aufgeklapptes Notebook, dessen Tastatur ich am Morgen noch von einer dünnen Kaffeeschicht befreien musste, und ich habe mich auf dieses eine Verfahren nicht zehn Minuten, sondern rund hundert Stunden lang vorbereitet. Vorbereitung ist für mich die einzige Form von Respekt, die ein Gericht wirklich verdient, alles andere ist Höflichkeit für die Galerie.
Das Gericht stellt mir an dieser Stelle eine Frage. Ich entscheide selbst, was ich darauf antworte, und das ist keine Trotzhaltung, das ist schlicht die geltende Rechtslage. Im Zivilprozess gibt es kein Schweigerecht wie im Strafverfahren, aber es gibt etwas anderes, das viele Menschen damit verwechseln. Aufgrund des Beibringungsgrundsatzes bestimme ich selbst, welche Tatsachen ich in den Prozess einführe und welche nicht (Anwaltsblatt, 2015). Ich bin zu keiner Antwort gezwungen wie ein Zeuge, ich trage lediglich das Risiko, dass mein Schweigen im Rahmen der freien Beweiswürdigung gegen mich gewertet wird. Wer hundert Stunden vorbereitet hat, weiß ziemlich genau, an welcher Stelle dieses Risiko bei null liegt und an welcher Stelle ein einziges Wort zu viel den ganzen Tag kosten kann. Dann meldet sich der Gegenanwalt zu Wort und möchte mich befragen, als wäre ich plötzlich sein Zeuge. Das unmittelbare Fragerecht der Parteien richtet sich allerdings an Zeugen und nicht an die Gegenpartei, seine Fragen laufen also über das Gericht (§ 397 ZPO), und das Gericht hört in diesem Moment einen Menschen, der seine Sache besser kennt als jeder andere in diesem Raum. Es ist nicht so, dass der gegnerische Anwalt verliert, weil er ein schlechter Jurist wäre. Er verliert, weil er gegen jemanden antritt, der sich nicht zehn Minuten, sondern Wochen lang vorbereitet hat, und das ist ein Wettbewerb, der vor dem ersten gesprochenen Wort bereits entschieden war.
Man darf das ruhig komisch finden, und es ist auch komisch, solange es um ein Zivilverfahren über eine strittige Handwerkerrechnung geht. Es wird genau in dem Moment weniger komisch, in dem dieselbe Mechanik im Strafprozess greift, wo es nicht um Geld geht, sondern um Freiheitsstrafen, und wo der Unterschied zwischen einem Anwalt, der die Akte beherrscht, und einem Anwalt, der sie kurz vor knapp überflogen hat, dann eben doch ein kleines bisschen zählt. Das ist der einzige Satz in diesem ganzen Text, bei dem mir das Lachen selbst im Hals stecken bleibt, und ich lasse ihn genau aus diesem Grund so stehen.
Wie ich Anwälte wirklich unterstütze
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, ich bin kein Feind der Anwaltschaft, ich bin einer ihrer unbequemeren Verbündeten. Wenn ich einen Anwalt in einem Verfahren unterstütze, sitze ich neben ihm, nicht über ihm, und schon gar nicht gegen ihn. Häufiger noch erarbeite ich die Strategie lange vorher, etwa die Frage, wie man ein schwaches Sachverständigengutachten sauber auseinandernimmt, ohne den Sachverständigen persönlich anzugreifen. Ich kenne diese Spezies von innen, ich habe selbst über zwei Jahrzehnte als Sachverständiger gearbeitet, und ich weiß deshalb sehr genau, an welchen Nähten ein dünnes Gutachten reißt und an welcher Formulierung ein Gericht hellhörig wird. Wir berechnen vorab jede Eventualität, die seitens des Gerichts kommen kann, wir legen die passenden Antworten bereit, und in den Verhandlungspausen klingelt dann mein Telefon, weil im Saal eine Frage aufgetaucht ist, die in zwei Minuten beantwortet sein muss und keine Sekunde später.
Ein schwaches Gutachten reißt fast immer an denselben Nähten, und wer diese Nähte kennt, muss vor Gericht nicht laut werden, er muss nur an der richtigen Stelle ziehen. Die erste Naht ist die Methode, die nicht offengelegt wird, denn ein Gutachter, der seine Methode verschweigt, hat meistens etwas zu verbergen, und sei es nur die eigene Unsicherheit. Die zweite Naht ist die Grundlage, also die Frage, auf wie vielen Beobachtungen eine Schlussfolgerung tatsächlich ruht, denn eine Behauptung, die sich auf zu wenig stützt, klingt im schriftlichen Bericht souverän und bricht in der mündlichen Befragung sofort zusammen. Die dritte Naht ist der Sprung, also jener Moment, in dem aus einem nüchternen Befund eine weitreichende Bewertung wird, ohne dass der Weg dazwischen jemals sichtbar gemacht wird. Ich frage in der Verhandlung selten nach dem Ergebnis, das interessiert mich kaum, ich frage nach genau diesem Weg, und ein Gutachten, das den Weg nicht zeigen kann, hat das Ergebnis nie wirklich verdient. Das ist keine Rhetorik, das ist sauberes Handwerk, und es ist ausgerechnet jenes Handwerk, das eine gut geführte Maschine einem Anwalt heute in wenigen Stunden beibringen kann.
Für die Fälle, die mich kriminalistisch wirklich interessieren, habe ich mir mein eigenes Werkzeug gebaut, weil ich keinem fremden System vertraue, dessen Innenleben ich nicht selbst vollständig durchschaut habe. Es heißt Crimebot, es ist ein kriminalistisches KI-System für Cold Cases, Ermittler, Anwälte und Behörden, und es leistet in einem Bruchteil der Zeit, wofür ein Mensch früher viele Wochen gebraucht hat. Ich sage ausdrücklich, dass es mein eigenes Werkzeug ist, weil ich damit zugleich die Grenze markieren will, die in diesem ganzen Goldrausch fast niemand beachtet, und über die ich jetzt deutlich werden muss, weil sie zu wichtig ist, um sie elegant zu umschreiben.
Eine Warnung, kalt und ohne Umschweife
Bevor jemand begeistert seine Aktenordner in das nächstbeste Chatfenster kippt, muss ich an dieser Stelle ungemütlich werden, weil es um etwas geht, das man später nicht mehr zurücknehmen kann, niemals. Wer als Anwalt echte Mandantendaten, Klarnamen, Aktenzeichen und ganze Schriftsätze in ein öffentliches KI-System hochlädt, begeht kein Kavaliersdelikt, sondern setzt die Vertraulichkeit aufs Spiel, die der eigentliche Kern seines Berufs ist und ohne die dieser Beruf gar nichts mehr wert wäre. Die Daten verlassen das System, sie werden verarbeitet, sie liegen anschließend irgendwo auf Servern, deren Standort und deren Zugriffsregeln der Hochladende überhaupt nicht kennt, und kein noch so feierlich formulierter Haftungsausschluss holt eine einmal abgeflossene Information jemals wieder zurück. Ich warne deshalb ausdrücklich davor, künstliche Intelligenz in echten Fällen so naiv einzusetzen, wie die meisten es gerade tun, nämlich mit der treuherzigen Annahme, das Werkzeug sei so verschwiegen wie der Anwalt selbst.
Dass ich mit hochsensiblen Fällen arbeiten kann, ohne diese Grenze zu verletzen, liegt an einer Architektur, die ich von Anfang an genau für diesen Zweck gebaut habe, und ich beschreibe sie hier ausdrücklich als das, was sie ist, als meine eigene Konstruktion und als meine eigene Aussage. Bei meinem System verlassen keine Rohdaten die Maschine. Die künstliche Intelligenz bekommt weder Klarnamen noch echte Aktenzeichen, sie bekommt Schlüsselcodes, also Platzhalter ohne jede inhaltliche Bedeutung, und erst kurz vor der Ausgabe werden diese Codes lokal im Browser wieder durch die echten Namen und Aktenzeichen ersetzt. Die Maschine rechnet also die ganze Zeit mit anonymen Stellvertretern, und das Geheimnis bleibt dort, wo es hingehört, nämlich auf dem Rechner des Anwalts und nicht auf einem Server in Übersee. Das ist kein Verkaufsversprechen, das ich hier unter die Leute bringen will, das ist eine Konstruktionsentscheidung, die man so treffen kann oder eben bewusst unterlässt. Sie ist der eigentliche Grund, warum ich nachts ruhig schlafe, während andere ihre vollständigen Mandantenakten freiwillig an ein System verschenken, das sie nie wieder vergisst.
Die Tastatur trocknet, die Frage bleibt
Die Tastatur meines MacBooks wird in den nächsten Tagen langsam wieder trocknen, der Kaffee zwischen den Tasten wird zu einem klebrigen Andenken eintrocknen, und irgendwann werde ich das Gerät zähneknirschend zur Reparatur tragen oder gleich ersetzen. Was nicht trocknet, ist der Gedanke, der diesen Hustenanfall überhaupt erst ausgelöst hat. Es war nicht die Erkenntnis, dass sich in meiner Post zwei Maschinen miteinander unterhalten, denn das ahnte ich seit Monaten und es hat mich zuletzt nur noch milde amüsiert. Es war die Stille dahinter, die Vorstellung, dass in tausenden Kanzleien in diesem Augenblick Menschen sitzen, die noch fest daran glauben, ihr Beruf sei durch ein Examen und einen Paragraphen für alle Zeiten geschützt, während die Technologie diese beiden Schutzschilde bereits geräuschlos umgeht. Der Anwaltszwang ist ein Gesetz, und Gesetze halten genau so lange, wie die Wirklichkeit sie noch nicht überholt hat.
Die ehrliche Frage am Ende ist deshalb nicht, ob die künstliche Intelligenz den Anwalt ersetzen wird, denn die Antwort darauf ist längst sichtbar, man muss nur die Stellenanzeigen lesen und die Erstberatungen zählen, die nicht mehr stattfinden. Die ehrliche Frage ist, was ein Berufsstand tut, der jahrzehntelang davon ausging, dass Wissen und Zugang seine uneinnehmbare Burg seien, in dem Moment, in dem das Wissen zum Allgemeingut und der Zugang zum simplen Knopfdruck wird. Wer darauf jetzt eine kluge Antwort findet, wird in fünf Jahren noch eine Kanzlei führen, vielleicht eine kleinere, aber immerhin eine, die lebt. Wer weiter darauf wartet, dass ihn ein Paragraph rettet, wird dieselbe Stille erleben, mit der es immer beginnt, erst keine neue Schreibkraft, dann eine Kraft zu viel, und dann das Telefon, das einfach nicht mehr klingelt.
And während ihr das in Ruhe verarbeitet, sitze ich an meinem mittlerweile notdürftig gereinigten Schreibtisch, lese die nächste Runde maschinengeschriebener Höflichkeiten in der Morgenpost und überlege mir in aller Ruhe, welches Werkzeug ich als Nächstes baue. Den Kaffee stelle ich diesmal vorsichtshalber etwas weiter weg.
Dies ist keine Rechtsberatung, und das geschilderte Verfahren ist frei erfunden. Tatsache ist allerdings, was auf die Anwaltschaft zukommt, und ich habe es hier so nüchtern beschrieben, wie ich es Tag für Tag beobachte. Wer als Anwalt oder als Kanzlei wissen will, wie man durch Verfahren kommt, wie man eine Praxis auf diese neue Wirklichkeit umstellt und wie ich bei den kniffeligen Fällen helfen kann, die mich tatsächlich interessieren, kann mich gerne dafür buchen. Eine Bitte spreche ich dabei mit allem Nachdruck aus, den ich aufbringen kann. Nutzt künstliche Intelligenz nicht naiv in echten Fällen, und ladet als Anwalt niemals echte Mandantendaten in öffentliche Systeme hoch. Die Vertraulichkeit, die ihr damit verschenkt, bekommt ihr nie wieder zurück.
Quellen
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- Axios. (2025). AI jobs danger, sleepwalking into a white-collar bloodbath. https://www.axios.com
- Challenger, Gray & Christmas. (2026). Job cuts report, AI-attributed layoffs 2025 and 2026.
- Fortune. (2026). Chinese court rules firms can't lay off workers on AI grounds. https://fortune.com
- Goldman Sachs. (2023). The potentially large effects of artificial intelligence on economic growth. https://www.goldmansachs.com
- His Majesty's Courts and Tribunals Service. (2026). E-Filing service and Courts Electronic Filing System. GOV.UK. https://www.gov.uk
- Internationaler Währungsfonds. (2024). AI will transform the global economy, let's make sure it benefits humanity. https://www.imf.org
- Invezz. (2026). Is big tech's 725 billion dollar AI splurge being funded by mass layoffs? https://invezz.com
- McKinsey & Company. (2025). The economic potential of generative AI, workforce automation update. https://www.mckinsey.com
- National Public Radio. (2026). A tech worker in China is laid off and replaced by AI. Is it legal? https://www.npr.org
- Rechtsdienstleistungsgesetz. Bundesministerium der Justiz. https://www.gesetze-im-internet.de/rdg
- United States Courts. (2026). Electronic filing CM/ECF and Public Access to Court Electronic Records. https://www.uscourts.gov
- Weltwirtschaftsforum. (2025). Future of Jobs Report 2025. World Economic Forum. https://www.weforum.org
- Zivilprozessordnung. Bundesministerium der Justiz. https://www.gesetze-im-internet.de/zpo