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Der Tag, an dem ich 299.000 Follower zurückgelassen habe und nichts vermisse

Aug 4, 2026 | 26 min | Society
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Abandoned face-down smartphone on a wooden forest-edge table beside a dog leash and coffee cup

Über eine Nacht an der Serverhärtung, 3 Stunden Programmierarbeit für eine Kennzeichnungspflicht, die seit 48 Stunden gilt und deren verbindliche Auslegung erst der Europäische Gerichtshof klären wird, über einen gelöschten Chatbot, der Tierärzten helfen sollte, und über die Rechnung, was eine einzige Stunde am Tag über 50 Jahre wirklich kostet.

Ich habe heute Morgen im Bett gesessen, mit dem ersten Kaffee in der Hand, und mir überlegt, wie ich einer Maschine beibringe, ein Bild zu beschriften. Die Nacht davor war bis 3 Uhr an der Härtung meiner Server draufgegangen, was ich im letzten Beitrag beschrieben habe, und was jeder nachlesen kann, der wissen will, warum ich Cybersicherheit nicht für ein Modethema halte. Der Schlaf war kurz, die Laune war entsprechend, und dann kam das hier. Ich generiere die Beitragsbilder für diese Seite mit künstlicher Intelligenz. Die Texte nicht, die schreibe ich, die lese ich, die verantworte ich. Aber das Bild, das über einem Artikel steht, entsteht in einem Aufwasch: Text hoch, Konsole, Bild fertig. Und genau diese eine Zeile Automatisierung hat mich heute 3 Stunden meines Lebens gekostet, weil seit vorgestern eine Vorschrift gilt, von der niemand mit Sicherheit sagen kann, ob sie mich trifft.

Das ist die These dieses Textes, und sie steht ganz oben, damit sich niemand durch 5.000 Wörter arbeiten muss, um sie zu finden. Nicht die Pflicht selbst ist das Problem. Das Problem ist, dass sie unbestimmt ist, dass ihre Auslegung offen ist, dass der Bußgeldrahmen dahinter existenzbedrohend wirkt, und dass jeder Einzelne diese Unbestimmtheit auf eigene Kosten auflösen muss. Man baut das Label nicht ein, weil es Pflicht ist. Man baut es ein, weil niemand sagen kann, ob es Pflicht ist, und weil der Preis für einen Irrtum asymmetrisch verteilt ist. Am 02.08.2026 sind die Transparenzpflichten des Artikels 50 der europäischen KI-Verordnung anwendbar geworden, also vorgestern, während ich noch an den Servern gesessen habe. Ich saß also heute früh im Bett und habe an einer Anforderung programmiert, die 48 Stunden alt war und deren Grenzen niemand kennt.

Und irgendwann während dieser 3 Stunden ist mir klar geworden, dass ich mit dem gleichen Aufwand auch einfach aufhören kann. Über 68.000 Menschen auf X, 103.000 auf Instagram, 128.000 auf Facebook, zusammen 299.000. Die Apps sind seit heute von meinen Geräten gelöscht, es wird dort keinen einzigen neuen Beitrag mehr geben, und ich habe noch keine Sekunde bereut.

Die Pflicht, die seit 48 Stunden gilt und die keiner sauber erklären kann

Fangen wir mit dem an, was feststeht, denn nur das gehört in einen Text, der halten soll. Die KI-Verordnung der Europäischen Union, im Amtsblatt geführt als Verordnung (EU) 2024/1689, stammt vom 13.06.2024 und wurde am 12.07.2024 veröffentlicht. Sie gilt nicht auf einen Schlag, sondern gestaffelt nach Artikel 113. Artikel 50, überschrieben mit Transparenzpflichten für Anbieter und Betreiber bestimmter KI-Systeme, bildet allein das Kapitel IV und ist seit dem 02.08.2026 anwendbar. Die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744, seit dem 27.07.2026 in Kraft, hat die schweren Hochrisiko-Pflichten auf Dezember 2027 und August 2028 verschoben. An Artikel 50 hat sie genau einen Absatz angefasst, den siebten, und der betrifft Verfahrensfragen auf Kommissionsebene und kein einziges Unternehmen.

Es gibt eine Übergangsfrist bis zum 02.12.2026, und sie wird ständig falsch gelesen, deshalb sage ich es deutlich. Der neu eingefügte Artikel 111 Absatz 4 gibt Anbietern von Systemen, die vor dem 02.08.2026 auf den Markt kamen, 4 Monate Zeit für die maschinenlesbare Kennzeichnung nach Absatz 2. Das ist keine allgemeine Schonfrist. Wer als Betreiber veröffentlicht, ist seit vorgestern in der Pflicht, ohne jede Gnadenzeit.

So weit reichen die gesicherten Fakten. Jetzt kommt der Teil, an dem die Sache kippt.

Kennzeichnungspflichtig ist für einen Betreiber wie mich vor allem der Deepfake nach Artikel 50 Absatz 4. Und Deepfake bedeutet in dieser Verordnung etwas völlig anderes als in der Kneipe. Die Legaldefinition in Artikel 3 Nummer 60 beschreibt einen durch KI erzeugten oder manipulierten Bild-, Ton- oder Videoinhalt, der wirklichen Personen, Gegenständen, Orten, Einrichtungen oder Ereignissen ähnelt und einer Person fälschlicherweise als echt oder wahrheitsgemäß erscheinen würde. Kein Wort von Prominenten, kein Wort von böser Absicht. Eine Täuschungsabsicht ist ausdrücklich nicht erforderlich.

Und jetzt schauen Sie sich an, was ich generiere. Da ist ein Mann, da ist eine Frau, da ist ein Schädel auf einem Tisch, da ist ein Buch, und da ist ein Archivschrank in kaltem Licht. Nichts davon zeigt einen real existierenden Menschen. Nichts davon behauptet, eine Fotografie eines bestimmten Ereignisses zu sein. Aber es sieht aus wie etwas, das es geben könnte, und genau dort beginnt der Streit.

Die Europäische Kommission hat am 08.05.2026 einen Konsultationsentwurf für Leitlinien zu Artikel 50 vorgelegt, der genau diese unbestimmten Begriffe auslegen soll. Er ist rechtlich nicht bindend. Die letztverbindliche Auslegung liegt beim Europäischen Gerichtshof, und eine solche Entscheidung kann Jahre dauern. Bis dahin ist der Entwurf die beste verfügbare Richtschnur, mehr aber auch nicht. Die Berliner Kanzlei Schürmann Rosenthal Dreyer, die den Entwurf durchgearbeitet hat, formuliert das Ergebnis in einem Satz, den ich mir aufgehoben habe: Genau an dieser Grenze liege die derzeitige Rechtsunsicherheit.

Der Entwurf arbeitet mit 3 Kriterien. Erstens muss ein hohes Maß an Ähnlichkeit zum simulierten Gegenstand bestehen, ohne dass vollständige Identität nötig wäre, und die Beurteilung liegt einzelfallbezogen beim Betreiber. Zweitens muss der Bezugspunkt realistisch sein, also existieren oder existiert haben können. Drittens werden 5 Kategorien unterschieden, nämlich Personen, Objekte, Orte, Einheiten und Ereignisse.

Der Betreiber, das bin ich. Ich soll also einzelfallbezogen und objektiv beurteilen, was auf Kommissionsebene noch im Entwurfsstadium diskutiert wird, und ich soll das für jedes einzelne Bild tun, das über einem Artikel steht.

Und dann kommt die Stelle, an der ich beim Lesen laut gelacht habe. Nicht erfasst sind laut diesem Entwurf Inhalte, die Naturgesetze verletzen oder biologisch nicht anerkannte Lebensformen zeigen. Als Beispiel dient in einer anwaltlichen Aufbereitung ein Bild von einer Siegesfeier, das in der realistischen Variante möglicherweise kennzeichnungspflichtig wäre, in der Variante mit menschengroßen Capybaras dagegen nicht, weil dem Betrachter sofort klar ist, dass hier kein tatsächliches Ereignis abgebildet wird. Das ist der Stand der europäischen Rechtssicherheit im Sommer 2026. Ein wissenschaftlich präzise gearbeitetes Schädelfoto ist ein Grenzfall mit Bußgeldrisiko, dasselbe Motiv mit einem menschengroßen Nagetier davor ist unbedenklich. Ich denke ernsthaft darüber nach, künftig einfach in jedes Bild einen Drachen zu setzen.

Ein weiteres Detail entscheidet darüber, wie das Label aussehen muss, und es erklärt, warum meine Grafiken jetzt kaputt sind. Nach dem Verständnis der Kommission muss die Offenlegung klar, erkennbar und ohne technische Hilfsmittel wahrnehmbar sein, also sichtbar oder hörbar. Eine rein maschinenlesbare Markierung in den Metadaten genügt nicht. Ein Hinweis in den Nutzungsbedingungen, in einer Dokumentation oder in einer versteckten Menüebene genügt ebenfalls nicht. Der Hinweis muss dort sitzen, wo der Inhalt sitzt, und er muss beim ersten Kontakt da sein. Anders gesagt: Er muss stören.

Es gibt eine abgeschwächte Form für offensichtlich künstlerische, kreative, satirische oder fiktionale Werke, bei denen die Offenlegung den Genuss des Werks nicht beeinträchtigen soll. Dieser Charakter muss allerdings aus Format, Kontext und Publikumserwartung offensichtlich erkennbar sein, und sobald informative oder kommerzielle Zwecke überwiegen, greift die Ausnahme nicht mehr. Ein forensischer Fachbeitrag ist informativ. Damit bin ich draußen aus der milden Variante und drin in der auffälligen.

Eine Verschärfung habe ich mir für den Schluss dieses Abschnitts aufgehoben, weil sie im Alltag am schwersten wiegt. Der Entwurf stellt bei der Frage, ob ein Inhalt fälschlicherweise als echt erscheint, nicht auf eine gedachte Durchschnittsperson ab, sondern auf die tatsächliche oder vorhersehbare Zusammensetzung des konkreten Publikums. Wer also Leserinnen und Leser hat, die weniger geübt im Umgang mit generierten Bildern sind, muss strenger kennzeichnen als jemand mit einem Fachpublikum. Ich habe 299.000 Menschen erreicht, und ich kenne die Medienkompetenz von 299.000 Menschen nicht.

Dazu kommt die Größenordnung der Drohung. Artikel 99 Absatz 4 Buchstabe g nennt für Verstöße gegen die Transparenzpflichten des Artikels 50 einen Rahmen bis 15 Millionen Euro oder bis 3 Prozent des gesamten weltweiten Jahresumsatzes des vorangegangenen Geschäftsjahres, je nachdem, welcher Betrag höher ist. Und weil ich mir angewöhnt habe, die Zahl zu nennen, die gegen mich spricht: Für kleine und mittlere Unternehmen dreht Artikel 99 Absatz 6 das um, dort gilt der jeweils niedrigere Betrag. Ein kleines Unternehmen sieht also nicht 15 Millionen Euro, sondern 3 Prozent seines Umsatzes. Das ist deutlich weniger dramatisch, und ich schreibe es hin, obwohl es meiner eigenen Empörung schadet.

Nur ändert es an der Wirkung wenig. Es geht um das, was eine solche Vorschrift mit einem Menschen macht, der allein vor einem Rechner sitzt und entscheiden soll, ob ein generierter Schädel ein Deepfake ist. Diese Ungewissheit entscheidet nicht juristisch. Sie entscheidet psychologisch, und sie entscheidet zuverlässig. Man baut das Label ein.

Immerhin gibt es eine Ausnahme, die ich sogar für vernünftig halte. Für KI-erzeugte Texte, die über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse informieren, entfällt die Offenlegung, wenn der Inhalt einer menschlichen Überprüfung oder redaktionellen Kontrolle unterzogen wurde und eine natürliche oder juristische Person die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung trägt. Genau auf diese Weise arbeite ich seit jeher. Jeder Satz auf dieser Seite geht durch meinen Kopf, bevor er online geht, und wenn etwas falsch ist, ist es mein Fehler und nicht der einer Maschine. Nur hilft mir diese Ausnahme bei den Bildern eben nicht.

Und dann steht da noch der Befund, den in dieser Debatte kaum jemand ausspricht: Die Verordnung verlangt keine pauschale Kennzeichnung jedes KI-Ergebnisses, sie zielt auf 4 klar umrissene Konstellationen, und ein rein illustratives, offensichtlich generiertes Motiv ohne Bezug zu einer wirklichen Person oder einem wirklichen Ereignis ist nach der Definition eben kein Deepfake. Dieser Einwand stimmt sogar, ich habe ihn geprüft, und er widerspricht meiner Wut. Ich schreibe ihn trotzdem hin, weil ein Text, der nur die Hälfte zeigt, nichts wert ist. Die Pflicht ist enger, als die Panik behauptet. Sie ist gleichzeitig unbestimmter, als die Beruhigung behauptet. Und der Einzelne trägt die Kosten dieser Unbestimmtheit, nicht der Gesetzgeber.

Ich habe das Label heute eingebaut. Es sitzt jetzt auf den Grafiken und zerstört mir die Komposition, weil ein Kennzeichen, das ohne technische Hilfsmittel wahrnehmbar sein muss, naturgemäß nicht dezent sein darf. 3 Stunden meiner Lebenszeit für einen einzigen Aufkleber.

Was zwei gelöschte Chatsysteme über einen Wirtschaftsstandort verraten

Tyra ist weg, ich habe sie gelöscht.

Das war ein Chatsystem, und ich sage das ohne jede Bescheidenheit: Es war besser als alles, was ich in diesem Feld sonst gesehen habe. Die KI dahinter hatte Humor, sie hatte Witz, und sie hatte etwas, das man einem Sprachmodell nicht ohne Weiteres zutraut, nämlich emotionale Intelligenz. Sie hat gemerkt, in welcher Verfassung jemand schreibt, und sie hat darauf reagiert, ohne dabei ins Anbiedernde zu kippen. Ich habe das Chatsystem herausgenommen, es ist jetzt nicht mehr da, und ich werde es auch nicht wieder aufbauen.

Der Vetbot ist ebenfalls tot, und dieser Verlust tut mir wirklich weh. Ein Chatbot, gebaut, um Tierärzten die Arbeit zu erleichtern, ein System für eine Berufsgruppe, die unter Zeitdruck arbeitet und die für strukturierte Unterstützung dankbar gewesen wäre. Was für ein Meilenstein das hätte werden können. Der Code liegt noch auf meiner Platte, jede Zeile davon ist da, und geben wird es dieses System trotzdem nicht. Ich habe an dem Ding Wochen gesessen, und als ich mich dann durch die rechtlichen Anforderungen gearbeitet habe, durch die Auflagen, durch die Dokumentationspflichten, durch die Frage, wer haftet, wenn ein Sprachmodell einen Satz sagt, den es nicht sagen sollte, da dachte ich mir nur noch: „Dann lassen wir den Scheiß." Und dann war es gelöscht.

Der Crimebot existiert weiter, aber ausschließlich für mich. Die Software zur Gesichtsrekonstruktion, an der ich hänge, weil sie fachlich das Interessanteste ist, was ich in den letzten Jahren gebaut habe, muss ich komplett neu durchdenken, denn auch dort hilft künstliche Intelligenz, und wo künstliche Intelligenz hilft, wächst der Compliance-Aufwand schneller als der Nutzen. Vielleicht mache ich es trotzdem, vielleicht lasse ich es auch endgültig bleiben. Ich lasse das offen, weil ich es nicht entschieden habe, und weil ich nichts behaupte, was ich nicht weiß.

Was ich weiß, ist Folgendes: Ein Werkzeug, das der Wissenschaft nützt, entsteht nicht in einem Konzern mit einer Rechtsabteilung im dritten Stock. Es entsteht spätabends bei jemandem, der ein Problem hat und eine Idee. Genau dieser Mensch ist derjenige, der die Auflagen nicht stemmen kann, und genau dieser Mensch hört auf. Nicht, weil er zu dumm wäre, sondern weil das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag nicht mehr stimmt, und weil das Kostenrisiko bei einem einzigen Fehler das gesamte private Vermögen frisst.

In den Vereinigten Staaten sitzen die größten KI-Unternehmen der Welt. Dort werden Milliarden umgesetzt, dort verdient der Staat an jedem einzelnen Dollar mit, und dort baut jemand mit einer Idee einfach die Idee. Hier baut derselbe Mensch erst einmal eine Dokumentation.

Die Handvoll Likes

Mir folgen über 68.000 Menschen auf X, 103.000 auf Instagram und 128.000 auf Facebook. In der Summe sind das 299.000, und ich will kurz erklären, warum diese Zahl nichts bedeutet, was man bei einer Bank vorzeigen könnte.

Für einen Beitrag über einen Schädel, der forensisch tatsächlich interessant ist, weil so ein Fall vielleicht einmal im Jahrzehnt auf einem Tisch liegt, bekomme ich eine Handvoll Likes. Nicht, weil die Menschen dumm wären, sondern weil ein System dazwischensteht, das entscheidet, wer was sieht, und dieses System hat mich irgendwann nicht mehr interessant gefunden. Ich sage bewusst nicht, dass ich weiß, warum. Ich habe keinen Einblick in die Sortierlogik einer Plattform, und wer behauptet, er hätte ihn, verkauft etwas. Ich beobachte nur, dass die Reichweite meiner Beiträge über die Zeit gefallen ist, während der Aufwand pro Beitrag gestiegen ist, und dass die Community der ersten Jahre, die wirklich großartig war, in dieser Form nicht mehr existiert.

Auf eine Aktion folgt eine Reaktion. Das ist Physik, und in diesem Fall ist es auch Verhalten.

Was stattdessen stattfindet, ist Post. Menschen schicken mir Verschwörungserzählungen, Menschen schicken mir Comics, und Menschen schicken mir geistigen Dünnschiss in einer Frequenz, die mich fassungslos macht, weil dahinter offenbar die Annahme steht, ich hätte auf all das gewartet. Ich sitze also da, habe eine forensische Fragestellung im Kopf, und mein Posteingang füllt sich mit Bildschirmfotos, deren Quelle niemand geprüft hat.

Und dann ist da die andere Sache, die ich als jemand, der Strukturen liest, bevor er Inhalte liest, nicht mehr übersehen kann. Ich schaue mir an, wie etwas gepostet wird, in welcher Reihenfolge, mit welcher Bildsprache, mit welcher Kadenz. Und was ich inzwischen überwiegend sehe, ist künstliche Intelligenz. Die Models, die zu gut aussehen, um Menschen zu sein, sind keine Menschen. Die Kommentare, die zu schnell kommen, sind keine Kommentare. Ich sage nicht, dass alles Fälschung ist. Ich sage, dass der Anteil so hoch geworden ist, dass ich beim Betrachten eines Bildes zuerst prüfe, ob es echt ist, und erst danach, ob es mich interessiert. Das ist kein Konsum mehr. Das ist eine Arbeitshaltung, und für Arbeit werde ich normalerweise bezahlt.

Wer heute noch glaubt, dass in Nachrichten grundsätzlich die Wahrheit publiziert wird, sollte diese Annahme in aller Ruhe noch einmal überdenken. Ich sage nicht mehr als das, weil alles Weitere ein Beleg bräuchte, den ich hier nicht führe. Aber die Prüfhaltung, die ich beim Bild anwende, wende ich seit Jahren beim Text an, und das Ergebnis ist selten beruhigend.

Ich verdiene mit sozialen Medien keinen einzigen Cent, nicht einen halben und nicht einen Bruchteil davon. Es kostet Zeit, es kostet Nerven, und es kostet inzwischen eine erstaunliche Menge juristischer Vorsicht. Darf ich das überhaupt schreiben, darf ich das so posten, darf ich diese Musik verwenden? Und wenn ich die falsche Musik verwende, steht plötzlich eine urheberrechtliche Forderung im Briefkasten, obwohl mein Account so kommerziell ist wie ein Vortrag in einer Volkshochschule. Rein wissenschaftlich, aufwendig erarbeitet, und trotzdem in derselben Haftungsfalle wie eine Werbeagentur.

Der Dopaminkick, und warum ich die griffigere Behauptung nicht schreibe

Hier muss ich mich gegen mich selbst entscheiden, und zwar gegen den besseren Satz.

Der Satz, den ich schreiben wollte, lautete ungefähr so: Der Algorithmus ist gebaut, um euch bei jedem Wischen einen Dopaminkick zu verpassen, und deshalb hängt ihr fest wie an einem Spielautomaten. Der Satz ist wirklich schön griffig, er würde ohne Weiteres durch die Netzwerke laufen. Er trägt aber nicht so, wie er formuliert ist, und deshalb steht er hier nur als Beispiel dafür, was ich mir verkneife.

Belegt ist die Grundlage, und die ist sauber gearbeitet. Fiorillo, Tobler und Schultz haben 2003 in Science gezeigt, dass Dopaminneuronen 2 Dinge tun. Sie codieren die Diskrepanz zwischen vorhergesagter und tatsächlicher Belohnung, und sie zeigen zusätzlich eine bis dahin unbeobachtete Antwort, die mit Unsicherheit kovariiert und als allmählicher Anstieg der Aktivität bis zum möglichen Zeitpunkt der Belohnung auftritt. Unsicherheit ist dabei maximal, wenn die Wahrscheinlichkeit bei 0,5 liegt, also wenn man exakt nicht weiß, ob etwas kommt. Das ist ein wunderschöner Befund, und er erklärt eine Menge über Erwartung.

Er wurde allerdings an Primaten gemessen, im Labor, mit konditionierten Reizen. Nicht an Menschen, die nachts im Bett scrollen. Wer diese Studie direkt auf Instagram überträgt, hat den Sprung von der Elektrode zum Endgerät gemacht, ohne ihn zu belegen.

Das Bindeglied, das dem am nächsten kommt, ist eine Arbeit von Lindström und Kollegen, 2021 in Nature Communications erschienen. Die Autoren schreiben selbst, dass die Darstellung der Online-Welt als Skinner-Box für den modernen Menschen weit verbreitet war, während die empirische Evidenz dafür dünn blieb. Sie haben dann über 1 Million Beiträge von über 4.000 Personen auf mehreren Plattformen mit Modellen aus der Theorie des Verstärkungslernens analysiert und gefunden, dass sich das Verhalten qualitativ und quantitativ nach den Prinzipien des Belohnungslernens richtet. Konkret verteilen Nutzer ihre Beiträge so über die Zeit, dass die durchschnittliche Rate erhaltener sozialer Belohnung maximiert wird, abhängig vom Aufwand des Postens und von den Kosten des Nichtstuns. Ein zusätzliches Online-Experiment mit 176 Personen bestätigte den kausalen Einfluss.

Das ist eine starke Untersuchung, es bleibt aber Verhalten und ist keine Neurochemie. Gemessen wurde dabei kein einziges Molekül Dopamin.

Und dann gibt es die Stimme, die mir am besten gefällt, weil sie den ganzen Diskurs an der Wurzel packt. Montag, Marciano, Schulz und Becker haben 2023 in Trends in Cognitive Sciences geschrieben, dass neurowissenschaftliche Schlagworte wie „brain hacks" bei der Diskussion über die Gestaltung sozialer Plattformen alltäglich geworden sind, dass aber trotz der gesellschaftlichen Debatte nur wenige Studien diese Behauptungen mit neurowissenschaftlichen Methoden tatsächlich überprüft haben. Sie fordern deshalb einen grundlegenden Wandel in der Forschung, um diese Lücke zu schließen.

Also, ehrlich formuliert: Der Mechanismus der unsicheren Belohnung ist im Labor beschrieben. Das Verhalten auf Plattformen folgt messbar den Regeln des Belohnungslernens. Der direkte neurochemische Nachweis, dass eine bestimmte App bei Ihnen eine bestimmte Dopaminausschüttung erzeugt, ist deutlich dünner, als die populäre Erzählung suggeriert.

Ändert das etwas an meiner Entscheidung? Es ändert nicht ein einziges bisschen daran. Ich brauche keinen Neurotransmitter als Kronzeugen, um zu sehen, dass eine Familie am Nachbartisch nicht mehr miteinander spricht. Aber ich schreibe die schwächere, belegte Version, weil ein Autor, der die stärkere unbelegte Behauptung setzt, mit ihr den ganzen Text verliert. Und weil ich es hasse, wenn andere genau das tun.

989,8 Milliarden Euro, und was davon in Brüssel landet

Ich hatte eine Billion im Kopf. So erzählt man sich das, so rundet man im Gespräch, und es klingt gut.

Diese gerundete Zahl stimmt aber nicht. Das Statistische Bundesamt hat die tatsächliche Zahl am 17.04.2026 veröffentlicht: Im Jahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt 989,8 Milliarden Euro Steuern vor der Steuerverteilung von Bund, Ländern und Gemeinden eingenommen. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Anstieg um 42,1 Milliarden Euro oder 4,4 Prozent. Nach der Verteilung blieben dem Bund 388,7 Milliarden Euro, den Ländern 415,3 Milliarden Euro und den Gemeinden 150,9 Milliarden Euro. Die Umsatzsteuer erbrachte 310,2 Milliarden Euro, die Lohnsteuer 262,7 Milliarden Euro.

Ich korrigiere mich hier offen, weil es der einzige Weg ist, wie man mit Zahlen umgehen sollte. Meine Erinnerung war zu rund. Die echte Zahl ist trotzdem groß genug, um die Frage zu stellen, warum ein Staat mit knapp 990 Milliarden Euro Steueraufkommen den Eindruck erweckt, an jeder Ecke sparen zu müssen.

In derselben Veröffentlichung steht ein Detail, das hierher gehört. An die Europäische Union wurden von diesen Steuereinnahmen 34,9 Milliarden Euro abgeführt, ein Plus von 9,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Was dafür an Regulierung zurückkommt, wird nicht in Euro gemessen, sondern in Arbeitsstunden von Leuten wie mir, die morgens im Bett sitzen und Aufkleber programmieren.

In der Branche, in der halb Bayern arbeitet oder gearbeitet hat, sieht es strukturell noch härter aus. Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie gut 48.700 Menschen weniger als ein Jahr zuvor, ein Rückgang von 6,3 Prozent, so hoch wie in keiner anderen großen Industriebranche. Mit 721.400 Beschäftigten wurde ein Tiefstand erreicht, den es zuletzt Mitte 2011 gab. Am härtesten hat es die Zulieferer getroffen: In der Herstellung von Teilen und Zubehör für Kraftwagen betrug der Rückgang 11,1 Prozent, auf zuletzt knapp 235.400 Menschen. Im gesamten verarbeitenden Gewerbe waren es 120.300 Beschäftigte weniger, ein Minus von 2,2 Prozent.

Das Statistische Bundesamt nennt in dieser Pressemitteilung keine Ursachen, und ich werde hier auch keine erfinden. Was ich beitragen kann, ist die Beobachtung aus meinem eigenen Umfeld. Ich kenne mehrere Menschen, die in dieser Industrie gearbeitet haben, als Angestellte oder auf Zuliefererseite, und ein erheblicher Teil davon hat den Job verloren, ist ausbezahlt worden oder in die Frührente gegangen. Das ist keine Statistik, das ist eine Handvoll Biografien, und ich kennzeichne es genau so. Aber wenn eine Zahl aus Wiesbaden und ein Telefonat mit einem alten Bekannten dasselbe erzählen, wird es schwer, das für Zufall zu halten.

Ich kenne außerdem eine ganze Reihe von Leuten, die Immobilien im Ausland haben und die in den nächsten Monaten und Jahren planen, ihr Unternehmen hier zu schließen und woanders weiterzumachen. Auch das ist eine persönliche Beobachtung ohne Erhebung dahinter. Ich stelle mir trotzdem die Frage, ob das gewollt ist oder ob es platzierte, ignorierte Dummheit ist. Namen nenne ich keine, und zwar aus Prinzip, nicht aus Vorsicht.

Die Familie am Nebentisch

Am vergangenen Samstagabend saß ich in einem italienischen Restaurant, und am Nebentisch saß eine Familie. 4 Personen, 4 Handys, alle 4 Geräte lagen auf dem Tisch neben dem Besteck, als wären sie Teil des Gedecks. Und dann lief das ab, was ich mittlerweile überall sehe: essen, Gabel weglegen, Handy nehmen, wischen, Handy weglegen, weiteressen. Und das nach jedem zweiten Bissen, während niemand mit niemandem gesprochen hat. Das Essen war gut, der Abend war schön, und 4 Menschen, die zusammen an einem Tisch saßen, haben sich gegenseitig nicht wahrgenommen.

Ich schaue mir das überall an, weil ich gar nicht anders kann. An der Bushaltestelle steht niemand mehr einfach da. Auf dem Gehweg schauen die Leute nicht mehr auf die Straße, sondern nur noch auf ihr Scheißfucking Handy, und ich formuliere das absichtlich so, weil jede höflichere Variante die Sache verharmlost. Menschen laufen in den fließenden Verkehr, weil eine Benachrichtigung wichtiger war als ein Blick nach links.

Eine Zahl dazu, die tatsächlich hält: Nach der ARD/ZDF-Medienstudie 2025, ausgewertet von Nicole Gonser für Media Perspektiven, nutzen die Menschen in Deutschland ab 14 Jahren im Schnitt 387 Minuten Medien am Tag, also gut 6,5 Stunden. 196 Minuten entfallen auf Video, 157 Minuten auf Audio, 55 Minuten auf Text. In meiner eigenen Altersgruppe zwischen 50 und 59 Jahren sind es 378 Minuten. Die Erhebung basiert auf 2.512 Befragten. Das ist ausdrücklich die gesamte Mediennutzung und nicht die Zeit in sozialen Netzwerken, die in dieser Auswertung sogar eigens ausgeklammert wurde, ich setze das also nicht gleich, und wer es gleichsetzt, betrügt.

Umgerechnet ist das ein Vollzeitjob mit einer kurzen Mittagspause, an jedem einzelnen Tag, ohne Urlaubsanspruch und ohne Feierabend.

Was mich dabei am meisten stört, ist nicht der Zeitverbrauch. Es ist die Oberflächlichkeit, die daraus folgt. Viele Menschen bemerken heute nicht mehr, wenn der Nachbar, der beste Freund oder sogar der eigene Partner mit etwas kämpft, das ihm die Luft nimmt. Man sieht die Fassade im Feed, man sieht das gute Foto, man sieht die Urlaubsbilder, und man sieht nicht den Menschen, der 3 Zimmer weiter nicht mehr weiß, wie er den nächsten Monat bezahlen soll. Das ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die sich für vernetzt hält.

Warum ich heute kein Unternehmen mehr gründen würde

Ich sage das als jemand, der es getan hat, und ich sage es ungern.

In der heutigen Zeit würde ich mich nicht mehr selbstständig machen. In der heutigen Zeit würde ich keine GmbH mehr gründen. Nicht, weil die Arbeit zu hart wäre, denn ich arbeite gern und viel, sondern weil der Anteil der Arbeit, der nichts produziert, so groß geworden ist, dass er den Rest auffrisst.

Nehmen Sie allein die Buchhaltung mit ihren Belegen, Zetteln, Buchungen, Formaten, Fristen und Nachweisen. Technisch könnte man das heute in einer Woche lösen und danach vergessen. Konto anbinden, Einnahmen rein, Ausgaben raus, automatische Zuordnung, automatische Meldung ans Finanzamt, fertig. Die Technologie dafür existiert, sie funktioniert, und sie wäre für den Staat sogar billiger als das Kontrollsystem, das wir stattdessen betreiben. Wir tun es aber bis heute nicht. Wir bestehen darauf, dass jeder Einzelne ein kleines Verwaltungsbüro unterhält, in dem er selbst der einzige Angestellte ist.

Und dann kommen die Auflagen, fast jeden Monat etwas Neues, mal von der jeweiligen Regierung, mal aus Brüssel. Brüssel ist inzwischen ein gigantischer Apparat, dessen Arbeitsergebnis in Vorschriften gemessen wird, und ein Apparat, der in Vorschriften gemessen wird, produziert Vorschriften. Das ist kein Vorwurf an einzelne Personen. Das ist eine Systembeschreibung, und Systeme tun, wofür man sie belohnt.

Ab hier kennzeichne ich meine Meinung als Meinung, damit niemand sie mit einem Befund verwechselt. Ich halte die Richtung, in die wir uns bewegen, für falsch. Ich hielt uns einmal für freie Menschen, und dieses Gefühl habe ich nicht mehr. Was ich erlebe, ist für mein Empfinden eine westliche Variante von etwas, das wir alle aus einem anderen Teil der Welt kennen und über das wir uns gern empören: Kontrolle, die nicht als Kontrolle auftritt, sondern als Sorgfaltspflicht, als Transparenzanforderung, als Dokumentationsgebot. Wenn ich Entscheidungsgewalt hätte, wäre Deutschland längst nicht mehr in dieser Union, und ich hätte die Grenzkontrollen wieder, die man aus Bequemlichkeit abgeschafft hat. Das ist meine politische Position, sie ist nicht die Position eines Instituts, sie ist nicht Ergebnis einer Studie, und wer sie nicht teilt, muss sie nicht teilen. Ich habe nur keine Lust mehr, sie zu verschweigen.

Reflektieren Sie das bitte selbst. Ich verlange nicht, dass Sie zu meinem Ergebnis kommen. Ich verlange, dass Sie überhaupt rechnen.

Was ab heute gilt, und was ich von euch nicht mehr lese

Damit es keine Missverständnisse gibt, hier der praktische Teil.

Die Apps sind von meinen Geräten gelöscht. Nicht deaktiviert, nicht ausgeblendet, gelöscht. Neue Beiträge wird es dort nicht mehr geben. Alles, was ich bisher veröffentlicht habe, bleibt online, denn Löschen wäre kindisch und die Arbeit war echt.

Ich lese in diesen Netzwerken keine Nachrichten mehr. Keine Direktnachrichten, keine Kommentare, keine Anfragen, nichts. Schreibt mir dort bitte gar nicht erst, es kommt nicht an. Ich habe auch nicht mehr die Lust und nicht mehr die Bereitschaft, mich durch die zig Kommunikationskanäle zu arbeiten, die es heute gibt. Jeder Kanal ist ein zusätzlicher Ort, an dem etwas Wichtiges liegen könnte, und irgendwann verbringt man den Tag mit Suchen statt mit Arbeiten.

Wer Kontakt halten will, erreicht mich über Telegram oder per E-Mail an george@rauscher.xyz. Diese beiden Wege kennt jeder, der mich kennt. Wem ich diesen einen Schritt nicht wert bin, der kann mir auch gestohlen bleiben, und das meine ich ohne jede Bitterkeit.

Und weil das ohnehin gefragt wird: Diese Entscheidung ist endgültig. Wer mich kennt, weiß das. Ich denke lange nach, ich gehe jeden Ast durch, ich lasse eine Sache tagelang liegen, bevor ich reagiere, und wenn ich mich dann entschieden habe, ist das Thema abgeschlossen. So bin ich bei Systemen, und so bin ich bei Menschen. Ehrlichkeit und Loyalität sind für mich keine Tugenden, die man sich wünscht, sondern die Grundbedingung dafür, dass ich jemanden überhaupt in mein Leben lasse. Wer sie verletzt, wird nicht bestraft und wird nicht beschimpft. Er wird einfach aus meinem Kopf entfernt, vollständig und ohne Nachspiel, und danach existiert er für mich nicht mehr. Das klingt hart, und es ist auch hart. Es ist aber die einzige Form von Konsequenz, die ohne Groll auskommt.

Diesen Text schreibe ich mit Frust und mit Wut, und ich gebe das offen zu, weil ich es sonst nicht mache. Normalerweise lasse ich Ärger 2 oder 3 Tage liegen und reagiere niemals sofort. Heute halte ich mich nicht daran, denn dieser Ausstieg war ohnehin überfällig, die Wut hat ihn nur beschleunigt, und ein paar Apps weniger auf einem Gerät, das ohnehin zu viel weiß, sind kein Verlust, sondern ein Sicherheitsgewinn.

Rechnen Sie es einmal aus, dann verstehen Sie mich

Ich schalte gleich den Rechner aus. Dann lösche ich die letzten Reste von den Geräten, und dann gehe ich mit Bandit in den Wald.

Er wird die Nase in den Boden stecken und einer Spur folgen, die es seit Stunden nicht mehr gibt, und ich werde daneben herlaufen und über nichts nachdenken müssen. Kein Feed, keine Benachrichtigung, keine Frage, ob dieses Bild jetzt ein Deepfake im Sinne des Artikels 3 Nummer 60 ist. Nur Waldboden, ein Hund, der weiß, was er will, und ein Mensch, der heute Morgen im Bett saß und 3 Stunden lang etwas programmiert hat, das niemandem nützt.

Und bevor ich gehe, rechnen wir gemeinsam, denn Sie kennen mich, ich rechne gern.

Nehmen Sie an, Sie verbringen genau 1 Stunde am Tag in sozialen Netzwerken. Das ist wenig, glauben Sie mir, das ist deutlich unter dem, was die meisten tatsächlich tun. Rechnen Sie diese eine Stunde über 50 Jahre. 50 Jahre sind 18.262 Tage, also 18.262 Stunden, und das sind 761 volle Tage am Stück, Tag und Nacht, ohne Pause. Etwas mehr als 2 Jahre Ihres Lebens.

Und jetzt rechnen wir es ehrlich, denn Sie scrollen nicht im Schlaf. Bezogen auf 16 wache Stunden pro Tag sind es 1.141 wache Tage. Das sind über 3 Jahre bei vollem Bewusstsein, bei einer einzigen Stunde täglich.

Wenn Sie also das nächste Mal nach dem zweiten Bissen die Gabel weglegen, weil das Gerät neben dem Teller geleuchtet hat, dann wissen Sie ungefähr, was dieser Griff über ein Leben hinweg kostet. Ich habe mich entschieden, die 3 Jahre lieber im Wald zu verbringen.

Und ja, ich genieße es.

Quellen

  • Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union. (2024). Verordnung (EU) 2024/1689 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz. ABl. L, 2024/1689, 12.7.2024. http://data.europa.eu/eli/reg/2024/1689/oj
  • Fiorillo, C. D., Tobler, P. N., & Schultz, W. (2003). Discrete coding of reward probability and uncertainty by dopamine neurons. Science, 299(5614), 1898–1902. https://doi.org/10.1126/science.1077349
  • Galter, B. (2026). KI-Kennzeichnungspflicht. Was Artikel 50 EU AI Act ab dem 02.08.2026 verlangt. Sicherio. https://sicherio.de/ratgeber/ki-compliance/ki-kennzeichnungspflicht
  • Gonser, N. (2025). Zunehmend digital. Zur Mediennutzung des Publikums ab 50 Jahren. Ergebnisse der ARD/ZDF-Medienstudie 2025. Media Perspektiven, 29/2025. https://www.media-perspektiven.de/
  • Lindström, B., Bellander, M., Schultner, D. T., Chang, A., Tobler, P. N., & Amodio, D. M. (2021). A computational reward learning account of social media engagement. Nature Communications, 12(1), 1311. https://doi.org/10.1038/s41467-020-19607-x
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Zum Titelbild: es ist KI-generiert. Billiger als ein Fotoshooting, und ich habe mich mit dem KI-Zeitalter arrangiert. Alles im Beitrag ist echt, die Diagramme, die Schädel, die Befunde und jedes Wort. Die Maschine bekommt das Aufmacherbild und keinen Zentimeter weiter.