Der wars oder? – ’sehr wahrscheinlich‘ in prozentualen Termini

Richter Befragt Experten

Angesichts der rechtlichen Fragen, mit denen wir oft konfrontiert sind, insbesondere bei der Quantifizierung von „sehr wahrscheinlich“ in Prozent, möchte ich erläutern, warum ich als Gutachter entschieden habe, solche Zahlenangaben zu vermeiden. Die Wahrscheinlichkeit von Identität oder Nichtidentität wird bewusst als verbales Prädikat formuliert, denn biostatistische Berechnungen sind problematisch. Es fehlen ausreichend umfangreiche und validierte Datenbanken, die verschiedene ethnische Herkünfte und Altersgruppen berücksichtigen. Zudem wurden die Referenzbilder nicht unter standardisierten Bedingungen erstellt. Daher ist die „echte“ Ausprägung der Merkmale oft nicht erkennbar, und Berechnungen, die auf der „scheinbaren“ Ausprägung basieren, könnten zu falschen Schlussfolgerungen führen.

Die menschliche Kognition hat Schwierigkeiten bei der Interpretation von Wahrscheinlichkeiten, da unser Verstand diese oft nicht objektiv korrekt einschätzen kann. Eine Wahrscheinlichkeit von 99 % erscheint hoch, aber es stellt sich die Frage, ob dies für eine Verurteilung ausreicht, wenn kaum andere Beweise vorliegen. Richter und Geschworene sind in solchen Fällen oft überfordert, da sie keine Experten für Wahrscheinlichkeiten sind. So können prozentuale Wahrscheinlichkeiten in forensischen Gutachten tatsächlich irreführend sein. Die genannten Beispiele verdeutlichen, dass wir bei der Interpretation von Wahrscheinlichkeiten vorsichtig sein sollten.

Betrachten wir etwa das Passagieraufkommen eines großen US-amerikanischen Flughafens mit etwa 2,5 Millionen Passagieren pro Tag. Wenn die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Unfalls bei 99,9 % liegt, bedeutet dies, dass es eine 0,1 %ige Wahrscheinlichkeit gibt, dass doch ein Unfall passiert. Bei 2,5 Millionen Passagieren entspricht das potenziell 2.500 Unfällen, was erheblich ist. In einem anderen Beispiel könnte ein Beschuldigter laut Gutachten mit 95 % Wahrscheinlichkeit der Täter sein. Das bedeutet auch, dass es eine 5 % Wahrscheinlichkeit gibt, dass er es nicht ist. Zusätzliche Beweise wie gefundene Kleidungsstücke oder Fahrzeugzugriffe könnten die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Doch dieser Aspekt fällt in den Zuständigkeitsbereich des Gerichts, das weitere Faktoren berücksichtigt, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Sachverständige sollten sich nie dazu verleiten lassen, die Wahrscheinlichkeit aufgrund weiterer Indizien und kognitiver Intentionen übermäßig zu erhöhen.

Letztendlich sollten Gutachter und Gerichte vorsichtig sein, Wahrscheinlichkeiten zu interpretieren, und alle verfügbaren Informationen berücksichtigen, um ein umfassendes Bild der Situation zu erhalten. Sachverständige müssen kritisch reflektieren und kognitive Verzerrungen minimieren, um objektive Wahrscheinlichkeitsbewertungen zu gewährleisten.

Weiter zur Identifikation von Personen anhand von Bildern: Die Häufigkeit eines Merkmals stützt sich normalerweise auf Erfahrungswerte und wird vorsichtig, im Zweifel zugunsten der betroffenen Person, bewertet. Je nach Häufigkeit eines Merkmals in der Bevölkerung wird es als weniger, mäßig oder sehr charakteristisch eingestuft. Besonders auffällige Merkmale wie Linien, Narben und Kleidung werden als individuelle Merkmale bezeichnet.

Schwarzfischer schlägt für das Endergebnis eines Bildgutachtens neun Prädikatsklassen vor, von „Identität praktisch erwiesen“ (> 99,72 %) bis „Nichtidentität praktisch erwiesen“ (< 0,28 %). Zwischenprädikate sind möglich und sollten näher erläutert werden. Mathematische Häufigkeitsangaben zur Merkmalsausprägung sind schwer möglich, da entsprechende Studien fehlen. Wichtig ist, dass nicht das Einzelmerkmal, sondern die Summe der Merkmale den Identifizierungsgrad bestimmt. Bei Menschen mit fremdem ethnischen Hintergrund können viele Merkmale unterschiedliche Häufigkeitsverteilungen aufweisen.

Bei der Evaluierung ist es wichtig, marginale Unterschiede genau zu betrachten, insbesondere wenn im Voraus des Verfahrens eine Fahndung mit dem Täterbild durchgeführt wurde, auch bekannt als Vorauswahlprinzip. Verdächtige ähneln dem Täterbild, daher ist es entscheidend, nach Ausschlusskriterien zu suchen.

Einschränkungen des Gutachtens umfassen die Bereitstellung von Vergleichsfotos, die authentisch den Verdächtigen repräsentieren. Wenn Verwandte alternative Subjekte sind, sind Maßnahmen erforderlich, wie persönliche Präsentationen oder aktuelle Vergleichsfotos. Bei monozygoten Zwillingen kann die Unterscheidung schwierig sein, wohingegen dizygote Zwillinge keine größere Ähnlichkeit als andere Geschwister aufweisen.

In der Bildforensik sind verschiedene Fehlerquellen und kognitive Verzerrungen zu beachten, die die Bewertung beeinflussen: Qualität der Bilder, schlechte Auflösung, ungünstige Lichtverhältnisse oder Infrarotaufnahmen. Die menschliche Wahrnehmung ist anfällig für Verzerrungen wie Bestätigungsverzerrung und Ankerheuristik. Fälschlicherweise identifizierte Personen können auf ähnlichen Lichtbildern basieren, und Manipulationen können Merkmale betonen oder verschleiern.

Um diese Fehler zu minimieren, sollten Gutachter methodisch und kritisch vorgehen, sich der Grenzen bewusst sein und verschiedene Strategien anwenden: fundierte Ausbildung, standardisierte Methoden, Zusammenarbeit mit Experten, Bewusstsein über eigene kognitive Verzerrungen und sorgfältige Dokumentation. Durch diese Ansätze können Gutachter zur Gerechtigkeit des Justizsystems beitragen.

In der forensischen Bildidentifikation geht es um wissenschaftliche Präzision und methodische Genauigkeit sowie die menschliche Dimension des Rechtswesens. Gutachter tragen immense Verantwortung, nicht nur durch fachliche Expertise, sondern auch durch ethische Haltung. Kontinuierliche Selbstreflexion und kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Grundlagen sind unerlässlich. Moderne Technologien bieten neue Möglichkeiten, aber die menschliche Überprüfung bleibt unerlässlich, um fehlerhafte maschinelle Analysen zu korrigieren.

Beim Einsatz moderner Technologien bleibt die forensische Bildidentifikation eine menschliche Disziplin, die Erfahrung und Verständnis für menschliche Komplexität erfordert. Empathie und Sensibilität im Umgang mit Betroffenen sind ebenso wichtig. Ein forensisches Gutachten kann weitreichende Konsequenzen haben – von der Entlastung Unschuldiger bis zur Verurteilung Schuldiger. Diese Verantwortung erfordert fachliche Kompetenz und moralische Integrität.

Ein Plädoyer für Wissenschaftlichkeit: Forensische Bildidentifikation agiert im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Justiz. Die wissenschaftliche Methode verlangt Objektivität, Nachvollziehbarkeit und ständige Selbstkritik. In der Justiz stehen diese Erkenntnisse im Kontext menschlicher Schicksale. Gutachter müssen wissenschaftlich fundierte Aussagen treffen und diese verständlich kommunizieren.

Technologischer Fortschritt in der forensischen Bildidentifikation verspricht erhöhte Genauigkeit und Effizienz, aber die Rolle des menschlichen Gutachters bleibt unerlässlich. Technologien unterstützen die Arbeit, aber die finale Bewertung muss menschlich bleiben, um ethische Implikationen zu berücksichtigen. Die Kombination aus technologischen Fortschritten und menschlicher Expertise bietet eine verheißungsvolle Zukunftsperspektive. Durch ständige Verbesserung und Verpflichtung zu wissenschaftlicher Integrität tragen Gutachter wesentlich zur Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit im Justizsystem bei.

Dieser reflektierte Ansatz zeigt, dass der Weg zur Wahrheit nicht nur durch präzise technische Analysen führt, sondern auch durch Verständnis für die menschliche Komplexität und ethische Verantwortung.

 

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— George A. Rauscher am 23. Juli 2024 in der überarbeiteten Version vom Mai 2023