Neuroplastizität

Nach Jahrzehnten meiner Arbeit, unter anderem in der Auswertung von Video- und Bildmaterial bezüglich der Identifikation lebender Personen, bin ich selbstverständlich geübter als der Durchschnitt. Aus diesem Grund ist es zwingend notwendig, unseren Nachwuchs zielgerichtet zu schulen und diesen schrittweise auf seine selbstständige Tätigkeit als Sachverständige vorzubereiten. Es stellt sich oft die Frage, warum manche Menschen in der Lage sind, Gesichter besser zu Erkennen als der Durchschnitt. Die Antwort ist schlicht und einfach: Unser Gehirn lernt es.

Unter dem Begriff Neuroplastizität versteht man die Fähigkeit des Gehirns, seinen Aufbau und seine Funktionen so zu verändern, dass es optimal auf neue äußerliche Einflüsse und Anforderungen reagieren kann. Dabei werden beispielsweise neue Verbindungen zwischen einzelnen Nervenzellen (Synapsen) gebildet. Hier verändern und optimieren sich ganze Hirnareale, und zwar nutzungsunabhängig von ihrer Anatomie und Funktion.

Diese Plastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und Organisation kontinuierlich an veränderte Voraussetzungen und neue Anforderungen (z. B. Lernbedarf oder Tätigkeit) anzupassen. Sie wurde zum Beispiel bei blinden Menschen nachgewiesen, die Blindenschrift lesen. Die Repräsentationsareale ihrer Finger auf der Hirnrinde sind vergrößert. Plastizität und Reorganisation sind jedoch nicht immer wünschenswerte Phänomene. Sie können im Übrigen fatale Folgen haben. Zwanghafte Gedanken wie Angst, Sorgen oder auch eine Depression sind beispielsweise negative Muster, die sich durch Wiederholung zu Störungen entwickelt haben. Einmal manifestiert, ist es jedoch sehr schwer, das mit einer Psychotherapie wieder zu verlernen.

Aber es ist überholt zu denken, dass Menschen mit angeborenen oder erworbenen Hirnschädigungen für immer eingeschränkt bleiben müssen. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit zur Neu- und Umstrukturierung und kann sich durch Erfahrungen im Laufe des Lebens verändern.

Es ist somit auch einfach und logisch erklärt, warum ich hier besser abschneide als der Nachbar von nebenan. Super-Recognizer* ist eine Bezeichnung für Menschen, die sich überdurchschnittlich gut Gesichter einprägen und diese wiedererkennen können. Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind dies ca. 2 % der Gesamtbevölkerung. Nur: Wer befindet sich unter diesen hochbegabten Menschen? Die meisten Menschen mit dieser Begabung wissen es gar nicht. Meist handelt es sich bei solch begabten Personen um Künstler, Zeichner, Maler oder einfach um Menschen, die sich ihr Gegenüber, also die Menschen in ihrer Umgebung, auf eine besondere Art betrachten und diese womöglich unbewusst zu ketegorisieren. Wir alle begegnen in unserem Alltag Menschen. Dies ist der Nachbar, der Briefträger, der Metzger oder oft der eigene Partner. Nur sehen wir diesen auch wirklich ins Gesicht?

Ich persönlich trainiere seit Jahren täglich, Gesichter zu beurteilen und den darunter liegenden Schädel zu visualisieren. Auch humane Schädel, deren Fotos ich aus aller Welt erhalte, werden hinsichtlich Geschlecht und Ethnie eingestuft und dessen Erscheinungsbild visualisiert. Möglich ist dies mittels der schier unzählbaren Gesichter auf Plattformen wie z. B. Instagram. Auf dieser Plattform bin ich mit Hunderten von Anthropologen, Archäologen, Medizinern, Biologen, Kriminalisten und Sammlern verknüpft. Hier erfolgt ein stetiger Austausch, der es mir ermöglicht, mein Gehirn für seine zunehmenden Anforderungen zu trainieren.

Was kann das menschliche Gehirn leisten und wo sind seine Grenzen?

*Mitte 2018 stellte das Polizeipräsidium München in einem Pilotprojekt eine Gruppe von Super-Recognizern zusammen, die in der zweiten Jahreshälfte rund 200 Kriminalfälle aufklärte. Der Spiegel berichtete in seiner Online-Ausgabe, dass in dem Tatkomplex Ausschreitungen und Plünderungen in Stuttgart (2020) „jeder zweite der bislang rund 140 Tatverdächtigen von sogenannten Super-Recognisern der Polizei wiedererkannt worden“ sei.

Ein Talent, das man hat oder nicht??
Nach einem Leben mit Gesichtern ist dies kein Talent, sondern eine erlernte Fähigkeit, basierend auf dem visuellen Umgang mit Gesichtern. Ich machte in den vergangenen Jahren mehrere Tests mit Zeichnern, 90 % davon schnitten überdurchschnittlich ab.

Aus wissenschaftlicher Sicht darf ich hier feststellen, je intensiver und länger wir mit Gesichtern arbeiten, desto geübter und sicherer wird unser Gehirn uns bei dieser Tätigkeit im Alltag unterstützen.

(Zuletzt überarbeitet am 03. November 2022)

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Image Credit „Gehirn“, Navena Widulin, Charité Berlin
Image Credit „Banner“, PhotoDune by iLexx